Hallo!

Am 2016-01-01 um 21:30 schrieb Stefan:
Hallo Petr und Mitleser,

nach ein paar Stunden weiterem Lesen, hat mir unter anderem dieser Thread ein bisschen die Augen geöffnet: http://forum.funkfeuer.at/viewtopic.php?id=51
Diskussionen, die nicht unmittelbar mit dem Betrieb und der Planung des Netzes in Wien zu tun haben, sind auf der ML discuss besser aufgehoben. Ich richte meine Antwort dorthin und ersuche darum, die Wien-Liste in etwaigen Folgepostings auszusparen.

Es scheint, als sei Funkfeuer doch relativ weit vom deutschen Freifunk-Ansatz entfernt: Mit freiem Internetzugang für alle Aufmerksamkeit und Verbreitung zu erreichen.
Die Technologie ist grundsätzlich dieselbe. Über den Begriffshof von "Community" und über die Angemessenheit der verschiedenen Ansätze kann man trefflich streiten. Es gibt hier kein "Richtig" oder "Falsch". Auch kann man nicht davon ausgehen, dass alle Teilnehmer des Funkfeuernetzes die selben Anforderungen an Netz und Community stellen. Die Meinungen sind so unterschiedlich wie die politischen und weltanschaulichen Gesichtspunkte, die einzelne Mitglieder vertreten. Man kann dies wahrlich nicht über einen Kamm scheren und sodann darüber urteilen.

Offengestanden empfinde ich es als beleidigend und respektlos, ein Community-Modell über das andere zu stellen, oder verschiedene Modelle nur unter wenigen Teilaspekten zu vergleichen - dies wird dem Wesen und der Diversität der Projekte und der dahinterstehenden Menschen in keiner Weise gerecht. Man braucht eine Weile, das zu erkennen - es war wohl bei mir nicht anders. Jedenfalls hemmt es meiner Meinung nach die berechtigte Diskussion, wenn schon zu Beginn der erhobene Zeigefinger schwenkt, sodann in Richtung Deutschland weist und es dazu schallt: "so muss das!".

Davon abgesehen halte ich von dem Einheitsbrei recht wenig: Im übertragenen Sinn: Ich muss keinen Hering in Lebkuchensauce -der Dir vielleicht schmeckt, aber nicht mir- haben, wenn ich stattdessen einen Kaiserschmarrn, der mir schmeckt, haben kann - ich werde aber auch meinem Gastgeber, nicht vorschreiben, was er zuzubereiten hat. Anders verhält es sich, wenn wir zusammentreffen, um Kochrezepte austauschen oder gar gemeinsam kochen bis es uns beiden schmeckt.

In diesem Sinne gehe ich gerne näher auf Deine Kritikpunkte ein.

>Einfach den Freifunk-Router am Fenster aufstellen und schon verbindet er sich [sic!] anderen Freifunk-Knoten in Deiner Nachbarschaft." [1] ist bei Funkfeuer anscheinend nicht gar so einfach (bzw. nicht erwünscht).
Die Stärke von Funkfeuer besteht meines Erachtens darin, verstärkt auf den Faktor Mensch zu setzen und nicht den Faktor Technologie als alleinigen Problemlöser zu sehen. Überlegungen und Ansätze hin zu einem vollautomatisierten "Provisioning" gibt es immer wieder, und das ist auch gut so, nur hat sich noch kein Ansatz durchgesetzt.

Man muss Funkfeuer meines Erachten auch im Hintergrund seiner Entstehungsgeschichte sehen, um es zu verstehen: Die ersten Knoten sind aus einem gescheiterten kommerziellen Projekt hervorgegangen, der Mesh-Ansatz ist erst mit dem Aufkommen billigerer Hardware an seine Stelle getreten - persönliches Kennenlernen und gegenseitiges Helfen sind von daher wohl auch schon deshalb besonders ausgeprägt. Eine grundlegende Entscheidung der damaligen Kernmannschaft war die Nutzung von öffentlichen IPv4-Ranges, wie Akku schon dargelegt hat. Freier Internetzugang hierüber war bei Funkfeuer eher das "Goodie" nicht der Beweggrund und Daseinszweck. Funkfeuer hat sich nie als Provider gesehen, sondern als technisches und soziales Experiment mit Verantwortung. Ich persönlich sehe es als Plattform, die den Nutzern den größtmöglichen Spielraum für eigene Projekte bietet. (siehe Einleitung ~ eigene Kochnische).

Hinzu tritt, dass das von vielen Communities als unmittelbar anwendbar betrachtete Pico Peering Agreement als Basis einer Community in vielerlei Hinsicht viel zu wenig konkret wird und -so haben es seine Urheber laut Präambel erdacht- nur eine ungefähre Richtlinie ist, die sich ja nur an Communities und nicht den Einzelnen richtet. Es besteht also Spielraum hinsichtlich der notwendigen (Selbst-)Regelungsintensität. In diesem Punkt denke ich persönlich, dass andere Communities den Sinn und Zweck des PPA zum Teil verkennen.

Auch das folgende sehe ich bei Funkfeuer nicht in dieser Art:
>Muss ich zu den Treffen, wenn ich nur einen Router aufstellen möchte oder gelegentlich das WLAN mit meinem Smartphone nutze? - Nein. Freifunk funktioniert auf freiwilliger Basis. Jede_r bringt sich so ein, wie er oder sie es für richtig hält. Eine Verpflichtung besteht nicht. [2]
Eine Verpflichtung zum Mitmachen besteht auch bei Funkfeuer nicht. Es steht jedem frei, mitzumachen oder auch nicht oder, falls doch, gar eigene Projekte darauf aufzubauen. Öffentliche IPs bieten hierzu schlicht einen größeren Gestaltungsspielraum, erfordern aber auch einen gewissen Verwaltungsaufwand. Was Du hinter der öffentlichen IP machst, das liegt grundsätzlich in Deinem Ermessen. Adressraumverwaltung ist (intern) meines Wissen auch bei Freifunk vonnöten, um keine Kollisionen herauszufordern. (Ausnahme: OLSR mit Hennings APIPA-Erweiterung).

Der Grad der Verpflichtung scheint bei Funkfeuer viel größer zu sein, und wirkt auf mich persönlich abschreckend.
Zum Thema des Abschreckendseins:
Woraus im Leben entstehen keine Verpflichtungen oder gar Konsequenzen?
Ein Bürgernetzwerk, das auf Gegenseitigkeit beruht, erfordert aus meiner Sicht auch gegenseitiges Vertrauen. Vertrauen, dass der Anschluss nicht missbräuchlich (insbesondere wegen der öff. IP-Ranges) benutzt wird, und Vertrauen, dass Anschlüsse nicht aus Jux und Tollerei abgeschaltet werden. Beides kann rein technologisch auch nicht garantiert werden.

Wer Anonymität und Volatilität bevorzugt, ist freilich bei einem rein auf Autokonfiguration basiertem Ansatz besser aufgehoben, darf sich aber auch nicht wundern, wenn einmal etwas nicht wie geplant funktioniert und der richtige Ansprechpartner erst noch ausfindig gemacht werden muss.

Bei Funkfeuer haben wir uns entschieden, den damals eingeschlagenen Weg zwar weiterzugehen, aber das heißt nicht, dass neue Ansätze nicht diskutiert werden - eher ist das Gegenteil der Fall. Wer konkrete oder auch nur vage Ideen hat, kann sie einbringen oder selber verwirklichen, solange damit keine Beeinträchtigung für andere Nutzer entsteht. Mahnende Worte des Core-Teams gehören zu diesem Prozedere dazu und sind durchwegs berechtigt.

Lediglich für die Unterstützung durch den Verein selbst sind Willensbildungsprozesse im Rahmen der Statuten erforderlich. Das ist auch richtig und gut so, denn der Verein ist gegenüber der RIPE für den zugewiesenen Adressraum einerseits und gegenüber den Behörden für sein sonstiges Handeln rechenschaftspflichtig. Unter diesem Aspekt verstehe ich auch den Appell, nicht vom Vorstand zu fordern, dass er etwas tun soll, wenngleich ich ihn aufgrund der Statuten als Regulativ sehe, als das er oder einzelne Vorstandsmitglieder sich selbst zeitweise nicht sieht oder nicht sehen.

Vermutlich sollte man die Funkfeuer-Community primär als (gesellschaftspolitisch) unpolitische Interaktion von Menschen verstehen, die gemeinsam Technologien erforschen, entwickeln, der Allgemeinheit zur Verfügung stellen, nutzen, erproben und lehren und zwar unter dem Aspekt einer von den Teilnehmern grundsätzlich von allen aus Eigennutz erstrebten, größtmöglichen Stabilität.

Der Community steht der Verein als von einigen Akteuren de facto nicht gewollte, aber notwendige juristische Person zur Seite. Daraus erklärt sich auch, wieso Funkfeuer kein Marktauftreten entwickelt hat, wie es bei Freifunk der Fall ist. Funkfeuer ist (in Wien) nun einmal kein Charity-Produkt, sondern eine vielgestaltige Gemeinschaft, der ein gemeinnütziger Verein zur Seite steht und dem der einzelne Nutzer mittlerweile auch als vollwertiges Mitglied angehört.


Vielleicht ändert sich das ja in Zukunft. Ich werde trotzdem mit Interesse die Entwicklung der freien Community-Netze verfolgen.
Beide Modelle haben ihre Berechtigung. Ich denke, dass die angestrebte Stabilität hier dennoch im Fokus bleibt. Mit dem weiteren Rollout von IPv6, der Erprobung anderer Routingprotokolle und Transition-Mechanisms werden sich die Konzepte von Freifunk und Funkfeuer bis zu einem gewissen Grad ohnedies weiter annähern. Vielleicht wird's ja ein Lebkuchenschmarrn - nur auf das gemeinsame Kochen werden werden wir nicht verzichten - sonst könnten wir ja gleich marktregionale TK-Einheitsfertigware nehmen, oder?

Und falls sich nichts ändern sollte, aber die Nachfrage nach einem mehr Freifunk-artigen Netz wächst - warum initiierst Du es nicht? Es gibt keinen Grund, warum nicht Platz für Beides sein sollte, und man sich dort, wo es notwendig ist, gegenseitig unterstützt. Wie gesagt: Ich sehe Funkfeuer als Plattform, nicht als Produkt. (oder als Küche, nicht als Fertigmenü).


LG Stefan

[1] http://freifunk.net/worum-geht-es/technik-der-community-netzwerke/
[2] https://hamburg.freifunk.net/haufige-fragen

SG
Erich
...

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