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Paddy Hackett
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Sent: Friday, December 15, 2006 10:51 AM
Subject: [Marxism-Thaxis] Lenin and the legacy of classical Germanphilosophy (German)



Alles Einbildung?
Lenins dialektisches Konzept der Materialität steht gegen das von Kant.
Vermittelt durch Hegels und Marxens Kritik an der Auffassung des klassischen
Philosophen steht es dennoch in dessen Tradition
Dogan Göçmen

Lenin gehört zu jener Generation marxistischer Politiker, die  einen
umfassenden philosophischen und hohen wissenschaftlichen Anspruch hatten. Georg Lukács (1885–1971) bezeichnete ihn als den »größte(n) Denker (...) seit Marx«1 und
wies darauf hin, daß die Arbeiterbewegung und der sozialistische  Kampf
»dringend einen heutigen Lenin« (1870–1924) braucht, der in der Lage st, »den heutigen Stand der marxistischen Theorie in politischen Aktionen«2 umzusetzen. Dies deutet auf den Stellenwert der Philosophie im Leninschen Werk hin. »Alles ist Politik«, sagt Antonio Gramsci (1891–1937), »auch die Philosophie oder die Philosophien (...), und die einzige ›Philosophie‹ ist die Geschichte in Aktion, das heißt das Leben selbst. In diesem Sinn läßt sich die These vom
deutschen Proletariat als Erbe der klassischen deutschen Philosophie
interpretieren – und läßt sich behaupten, daß die von Iljitsch gemachte Theoretisierung und Verwirklichung der Hegemonie3 auch ein großes ›metaphysisches‹ Ereignis gewesen ist.«4 Gramsci verweist hier auf Engels' Aussage, daß die »deutsche Arbeiterbewegung (...) die Erbin der deutschen klassischen Philosophie« sei
(MEW 21, S. 307) und stellt Lenin damit in die  Tradition der klassischen
deutschen Philosophie, deren Universalisierung dieser durch die Oktoberrevolution
wie kein anderer bewirkt hat.

Lenins  philosophischer Kampf zu Beginn des 20. Jahrhunderts richtet sich
gegen die reaktionären Strömungen, die sich alle in einer oder anderer Weise auf den Begründer des Empiriokritizismus, auf Ernst Mach (1838–1916), beziehen.
Im  Mittelpunkt dieser Auseinandersetzung steht das Erbe der klassischen
deutschen Philosophie, die sich am Konzept des »Dinges an sich« von Immanuel Kant (1724–1804), das dieser in der »Kritik der reinen Vernunft« zur Bezeichnung des Wesens der äußeren Gegenstände zu einer Kategorie erhoben hat, entzündet
hatte.

Nun kann man fragen, wo Lenin seine Philosophie ausgebreitet hat.  Auf die
Frage, wo Marx seine materialistische Geschichtsauffassung, d.h. die Theorie
der proletarischen Befreiung, dargelegt habe, antwortete Lenin mit einer
Gegenfrage: »In welchem Werk hat Marx seine materialistische Geschichtsauffassung nicht dargelegt?« (LW 1, S. 134) In Analogie dazu kann man auf die Frage, wo Lenin seine Philosophie dargelegt habe, sagen: In welcher Schrift und dem Werk
hat Lenin seine Philosophie nicht dargelegt? Sein ganzes  Werk ist
durchdrungen von einer dialektischen Philosophie, die er sich durch sein ständiges Studium der Werke der klassischen deutschen Philosophie und von Marx und Engels angeeignet und in seinen »Philosophischen Heften« bestens dokumentiert hat. Doch im engeren Sinne des Wortes ist sein philosophisches Hauptwerk das im Mai
1909 erschienene Buch »Materialismus und Empiriokritismus«.
Das Ding an sich
Lenin charakterisiert Kants Philosophie als einen  Versuch zur »Aussöhnung
des Materialismus mit dem Idealismus, ein Kompromiß  zwischen beiden, eine
Verknüpfung verschiedenartiger, einander widersprechender  philosophischer
Richtungen zu einem System« (LW 14, S. 195). Diese angestrebte Aussöhnung ist der Grundzug des Kantschen Systems. Schon der Titel seines Hauptwerks, »Kritik der
reinen Vernunft«, macht deutlich, daß die reine  Vernunft, also das reine
Denken wie es die Philosophie als Metaphysik bis in  Kants Zeiten hinein
praktiziert hatte, kritisiert werden müsse, weil es ihr an Empirie, an Materialität fehle. Er hat das in den »Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik« von
1783 so formuliert: Wenn ich zugebe, daß »›alle Körper  mitsamt dem Raume,
darin sie sich befinden, für nichts als bloße Vorstellungen in uns gehalten werden und existieren nirgend anders als bloß in unseren Gedanken.‹ Ist dieses nun
nicht der offenbare Idealismus? Der Idealismus besteht  in der Behauptung,
daß es keine anderen als denkende Wesen gebe; die übrigen Dinge, die wir in der
Anschauung wahrzunehmen glauben, wären nur Vorstellungen  in den denkenden
Wesen, denen in der Tat kein außerhalb diesen befindlicher  Gegenstand
korrespondierte«.5 Das wäre, wie Kant richtig hervorhebt, ein idealistischer Standpunkt, weil er dem erkennenden Wesen alles, was außer ihm existiert, aus sich
produzieren läßt. Kant will aber nicht so weit gehen. Er  will vielmehr
verständlich machen, daß nur die noch nicht inhaltlich bestimmten ursprünglichen reinen Begriffe aus Vorstellungen produziert werden können. Deshalb deutet er auf den materialistischen Aspekt seiner Erkenntnistheorie: »Ich dagegen sage: Es sind uns Dinge als außer uns befindliche Gegenstände unserer Sinne gegeben, (…
) denen wir die Benennung eines Körpers geben«, eines  »wirklichen
Gegenstandes«. Er fragt dann: »Kann man dieses wohl Idealismus nennen? Es ist ja gerade
das Gegenteil davon« (ebd., S. 42).

Kant  konstruiert hier ein Subjekt-Objekt-Verhältnis und gibt damit eine
Antwort auf die Grundfrage der Philosophie: wie das Verhältnis vom Sein und
Bewußtsein zu  verstehen sei. Er definiert dabei das Ziel eines jeden
erkenntnistheoretischen Akts als die Aneignung des Objekts durch das Subjekt, damit die
Objekte  »Gegenstände für uns« werden, wie es in der »Kritik der reinen
Vernunft« heißt. Seine Erkenntnistheorie ist also durchaus praktisch orientiert, Praxis hier aber nicht im Sinne von Marx und Engels zu verstehen ist. Beide begreifen Arbeit als das Natur- und Grundverhältnis des Menschen, in dem Menschen
überhaupt als  solche existieren und in dem sie sich Gegenstände aneignen
können. Der Wissenschaft nach handelt es sich hier also um eine Ontologie und
Anthropologie.  Kants praktische Orientierung ist hingegen bloß
erkenntnistheoretisch gemeint, eine Orientierung also, die die eigentliche menschliche Praxis,
Arbeit,  gegenständliche Tätigkeit, scheut. Und zwar scheut sie dies im
doppelten Sinn: Indem Kant Arbeit, also das menschliche Naturverhältnis, auf das
Erkennen  reduziert und somit Arbeit außer acht läßt, kann er das
Naturverhältnis des Menschen nur unvollkommen denken. Sein Denken erspart sich also die Mühe, das Verhältnis in Gänze zu fassen. Diese verkürzte Perspektive ist der Grund dafür, daß das menschliche Naturverhältnis als Gegensatz von Subjekt und
Objekt  verstanden wird und alle seine philosophischen Gedanken von dieser
Spaltung  durchdrungen sind.

Kant legt offen, daß die Gegenstände außer uns liegen,  spaltet sie aber –
wie nun verständlich ist – in zwei Existenzformen, in Wesen und Erscheinung, und behauptet dabei, daß das Wesen der Gegenstände, also das Ding an sich, nicht erkannt werden könne und auch per se »gänzlich unbekannt« (Prolegomena, S. 42) bleiben werde. »(...) von dem, was sie (die Gegenstände – D. G.) an sich selbst sein mögen, wissen wir nichts, sondern kennen nur ihre Erscheinungen,
d. i. die Vorstellungen, die sie in uns wirken, indem sie unsere  Sinne
affizieren« (ebd.). Dieser Grundsatz der Kantschen Philosophie ist der Gegenstand der Auseinandersetzung Lenins mit den inneren Widersprüchen in der Philosophie
zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Hier definiert Kant die  äußerste Grenze, die die bürgerliche
Verstandesphilosophie nicht überschreiten kann. Diese Philosophie hat nicht umsonst darauf beharrt und diese Trennung von Wesen und Erscheinung zum Anlaß genommen, das
philosophische Ringen um die  Wahrheit zunächst aufs Eis zu legen.

Spätestens in der Zeit nach 1848 ist die bürgerliche Philosophie nicht mehr am Status quo interessiert. Es geht ihr nur noch um reaktionäre Zerstörung und die Zurücknahme des Zugeständnisses Kants an den Materialismus. »Wenn Kant zugibt«, sagt Lenin, »daß unseren Vorstellungen etwas außer uns, irgendein Ding an sich, entspreche, so ist er hierin Materialist. Wenn er dieses Ding an sich für unerkennbar, transzendent, jenseitig erklärt, tritt er als Idealist
auf. (...) Wegen dieser Halbheit Kants  führten sowohl die konsequenten
Materialisten als auch die konsequenten Idealisten (...) einen schonungslosen Kampf gegen ihn« (LW 14, S. 195). Deshalb unterscheidet Lenin zwischen der rechten
und linken Kritik an der Kantschen  Philosophie.
Die idealistische Kant-Kritik
Die rechte Kritik an Kant kann auf die in der gegenwärtigen Debatte um den
sogenannten Postmodernismus bekannte Aussage  reduziert werden, daß die
Wahrheit beliebig sei. Dieser Hinweis soll auch zeigen, wie aktuell Lenins Auseinandersetzung mit den Empiriokritizisten (Machisten) ist. Lenin faßt alle Formen
der rechten Kritik an Kant unter dem  Begriff das »Reaktionäre in der
Philosophie« (LW 14, S. 105) zusammen. Die reaktionäre Kritik wirft Kant vor, daß er überhaupt so etwas wie ein Ding an sich angenommen hat, das unabhängig von uns existiert und läßt sich auf Ernst Machs folgende Behauptung reduzieren: »Die Empfindungen sind auch keine ›Symbole der Dinge‹. Vielmehr ist das ›Ding‹ ein Gedankensymbol (...)« (LW 14, S. 32). Wird diese erkenntnistheoretische Haltung akzeptiert, so Lenin, dann muß man auch sagen können: »Also existiert die Empfindung ohne ›Substanz‹, d. h., der Gedanke existiert ohne Gehirn!«

Die Irrationalität dieser Philosophien liegt nach Lenin vor allem in ihrer solipsistischen Haltung, die die Außenwelt auf das Produkt der Vorstellung des
abstrakten Ichs reduziert. Denn die  Empfindung wird »nicht für die
Verbindung des Bewußtseins mit der Außenwelt, sondern für eine Scheidewand gehalten (...), für eine Mauer, die das Bewußtsein von der Außenwelt trennt« (LW 14, S. 43). Wie soll aber jemand ohne zu fühlen und zu sehen irgendetwas erkennen. Gibt z.B. Mach nicht zu, »daß die objektive, unabhängig von uns existierende
Realität den ›sinnlichen Inhalt‹ ausmacht, so  bleibt ihm nur ein ›bloßes
abstraktes‹ Ich übrig, (...) ›das taumelnde Spinett, das dachte, es sei das einzige, so auf der Welt vorhanden sei‹« (LW 14, S. 34). So folgt aber »hieraus mit Notwendigkeit, daß die ganze Welt nur meine Vorstellung ist« (LW 14, S. 33). Aber von »dieser Annahme ausgehend, ist es unmöglich, zu der Existenz anderer Menschen außer sich selbst zu gelangen: das ist reinster Solipsismus« (LW 14, S. 33). Damit reduziert man aber alles, was ist, auf reine Symbole; dami t verkommt die Wahrheit zur Beliebigkeit. Denn wenn man zugibt, daß alles, was ist, aus den Vorstellungen der Ichs produziert wird, akzeptiert man auch, daß es auch beliebig so viele symbolische Wahrheiten wie Ichs geben wird –
eine »hirnlose Philosophie« (LW 14, S. 40).
Die dialektische Kant-Kritik
Diese von George Berkeley (1685–1853) und David Hume (1711–1776) stammende
und von Mach fortentwickelte reaktionäre  Haltung sieht Lenin auch in der
Kantschen Philosophie angelegt, weil sie zum  einen Raum und Zeit zu
Anschauungsformen reduziert; weil sie zweitens die Begriffe für formal vor jeder Erfahrung
vom Verstand konstruiert hält und weil  sie drittens die Möglichkeit der
Erkenntnis des Wesens verneint. Diese Annahme Lenins impliziert, daß es in der Kantschen Philosophie auch eine progressive Linie gibt, die von Mach nicht gesehen wird. Die linke Kritik, die mit Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831)
beginnt und über Ludwig Feuerbach  (1804–1872) in Marxens und Engels' Werk
mündet, ist an der Weiterentwicklung der  Kantschen progressiven Linie
interessiert.

Lenin sieht in der deutschen  Philosophie vor Marx zwei Höhepunkte, hinter
die die Kritik an Kant nicht zurückfallen darf, nämlich die Hegelsche Dialektik und der Feuerbachsche Materialismus. Wie Engels betont auch Lenin, daß die Frage, ob das Ding an sich erkannt werden könne, bereits durch die Hegelsche
Dialektik, eine »echte Perle«  (LW 14, S. 241), gegeben worden ist. Hegel
seinerseits betont, daß der »Verdienst« der Kantschen Philosophie »durch das, was
an ihr ausgesetzt werden  möge, ihr ungeschmälert bleibt« (WdL I, S. 59
Fußnote).6 Hegel hebt hervor: »Kant hat die Dialektik höher gestellt (...), indem er ihr den Schein von Willkür nahm (...) und sie als ein notwendiges Tun der Vernunft darstellte« (WdL I, S. 52). Kants »Antinomien der reinen Vernunft« mögen wenig Lob verdienen, »aber die allgemeine Idee, die er zugrunde gelegt und geltend gemacht hat, ist die Objektivität des Scheins und die Notwendigkeit des Widerspruchs, der zur Natur der Denkbestimmungen gehört« (WdL I, S. 52). Hegels Kritik an Kant will genau das Gegenteil von dem tun, was später der Neokantianismus bzw. Neopositivismus à la Ernst Mach getan hat, nämlich im Rahmen seiner Dialektik die Objektivität und Erkennbarkeit des Wesens beweisen, was Kant gerade deshalb nicht leisten konnte, weil er aufgrund seiner bloß erkenntnistheoretischen Betrachtung des menschlichen Naturverhältnisses die
Dialektik auf eine »Logik  des Scheins« reduziert hatte.

Nach Hegel liegt Kants wesentlicher Fehler  darin, daß er die Gegenstände
nicht im Verhältnis zueinander sieht. Deshalb  erscheinen ihm auch die
Eigenschaften der Gegenstände nicht als verschiedene Ausdrucksformen desselben Wesens. »Das Ding an sich, als das einfache Reflektiertsein der Existenz in sich, ist
nicht der Grund des unwesentlichen  Daseins; es ist die unbewegte,
unbestimmte Einheit, weil es eben die Bestimmung hat, die aufgehobene Vermittlung zu
sein, und daher nur die Grundlage desselben«  (WdL II, S. 130). Die
Eigenschaften des Zuckers mögen z. B. dem Pfeffer unwesentlich erscheinen, weil er andere
Eigenschaften hat. Wenn man aber die  Eigenschaften des Zuckers an sich
betrachtet, dann kann man nicht mehr behaupten, daß seine Eigenschaft, süß zu sein, nicht dem Wesen des Zuckers gehört: »Das Ding an sich hat Farbe erst an das
Auge gebracht, Geschmack an die  Nase usf.« (WdL II, S. 130).

Im Rahmen der Hegelschen Dialektik wird das  Kantsche Ding an sich zur
erkennbaren absoluten Idee. Hegel erachtet also das  Wesen nicht als etwas
materielles, sondern als etwas ideelles, das im Rahmen der Logik philosophisch vermittelt werden kann. Deshalb haben Philosophen wie Ernst Bloch (1885–1977) die Hegelsche Logik des »Panlogismus« bezichtigt. Hegel faßt, sagt Lenin, in diesem Konzept alle Widersprüche der Kantschen Philosophie so zusammen, daß er sie auf die Spitze treibt. Von da aus ist dann nur noch ein Schritt zu tun, um zu
einer materialistischen Philosophie zu gelangen (vgl. LW  14, S. 230).

Dieser eine Schritt ist ein kritischer Gang, der den  »genial-wahren Kern«
(LW 14, S. 313) der Hegelschen Dialektik aufheben muß. Seine Kritik an Hegel
will Lenin nicht so verstanden haben, daß sie Marx von  seinen Quellen
abschneidet, was von Marxens Gegnern immer wieder versucht wird, um ihn indirekt anzugreifen, sondern in dem Sinne, daß die Dialektik im Marxismus aufgehoben wird.
Denn nur im Rahmen einer dialektischen Philosophie  kann das Wahre und
Falsche, die absolute und relative Wahrheit, die Notwendigkeit und Freiheit usw. in ein vernünftiges und damit dem menschlichen Naturverhältnis entsprechendes Verhältnis zueinander gebracht werden. Nur so kann es den Anspruch Hegels, das
Ganze sei das Wahre, einlösen und die Dialektik  als Wissenschaft der
allgemeinen Gesetze sowohl der äußeren Welt als auch des Denkens etablieren.

In dieser kritischen Aufhebung muß gezeigt werden,  daß das Erkennen ein
Moment der gegenständlichen Tätigkeit ist. Es ist nicht das Maß der menschlichen
Praxis. (Deshalb kann auch marxistische Philosophie nicht  als
Erkenntnistheorie beginnen, sondern als Theorie des menschlichen Naturverhältnisses.) In
diesem Kontext kann dann Erkennen als Widerspiegelung  der in der Praxis
gegenwärtigen Wirklichkeit begriffen werden. Wissen ist so das bewußte Resultat der Tätigkeit, eine mentale Widerspiegelung – wie auch das materielle Resultat der
Tätigkeit oder auch die zur Herstellung der Resultate  benötigten
Produktionsmittel Widerspiegelungen der Tätigkeit sind. Wissen ist daher selbst tätig und auch Sein, nämlich Bewußtsein und es ist ebenso historisch, da es sich vom
Nichtwissen zum Wissen bzw. absoluten Wissen  entwickelt, indem der Mensch
immer mehr in die verborgenen Bereiche der Natur, der Gesellschaft und des eigenen Denkens vordringt: »Das menschliche Denken ist also seiner Natur nach fähig, uns die absolute Wahrheit, die sich aus der Summe der relativen Wahrheiten
zusammensetzt, zu vermitteln, und es tut dies auch.  Jede Stufe in der
Entwicklung der Wissenschaft fügt dieser Summe der absoluten Wahrheit neue Körnchen
hinzu; aber die Grenzen der Wahrheit jedes  wissenschaftlichen Satzes sind
relativ und können durch die weitere Entwicklung des Wissens entweder weiter
oder enger gezogen werden« (LW 14, S. 129).
Das Ganze im Blick
Im Anschluß an Marx und Engels definiert Lenin die  Praxis, also die
gegenständliche Tätigkeit und damit das menschliche Naturverhältnis als das Kriterium
der Wahrheit. »Der Gesichtspunkt des Lebens,  der Praxis muß der erste und
grundlegende Gesichtspunkt der Erkenntnistheorie sein. (...) Freilich darf dabei nicht vergessen werden, daß das Kriterium der Praxis schon dem Wesen der Sache nach niemals irgendeine menschliche Vorstellung vollständig bestätigen oder widerlegen kann« (LW 14, S. 137), was uns dabei hindert, in irgendein
Dogma des ewigen »Absolutum« zu verfallen. »Vom Standpunkt  des modernen
Materialismus, d.h. des Marxismus, sind die Grenzen der Annäherung unserer Kenntnisse an die objektive, absolute Wahrheit geschichtlich bedingt, unbedingt aber ist die Existenz dieser Wahrheit selbst, unbedingt ist, daß wir uns ihr nähern«
(LW 14, S. 130).

Obwohl Lenin einräumt, daß die absolute  Wahrheit nie vollständig erreicht
werden kann, besteht er darauf, daß ihre Möglichkeit immer angenommen werden muß. Man kann hierfür viele philosophische Argumente aufführen. Hier soll, um
auf das Zitat von Gramsci, der Lenin als die  Quelle seiner Theorie der
Hegemonie ausweist, zurückzukommen, ein politischer Grund genannt werden, der zeigt,
wie Lenin die Dialektik auf Politik anwendet.  Gramsci sagt, daß Lenins
»Theoretisierung und Verwirklichung der Hegemonie auch (als – D. G.) ein großes › metaphysisches‹ Ereignis« gesehen werden kann. Hier deutet Gramsci an, wie
eng Lenins politische Theorie und Praxis mit seiner  Erkenntnistheorie
zusammenhängt. Lenin hat immer wieder betont, daß die absolute Wahrheit nie zu erschließen ist, aber die Annahme ihrer Möglichkeit uns vor großen Fehler schützen
kann.

Wie hängt das mit Politik zusammen? Lenin  hat unzählige Male Hegels
Dialektik als »revolutionär« bezeichnet. Warum? Darüber möchte ich Lenin selbst zu
Wort kommen lassen, der zeigt, wie die  Dialektik von Teil und Ganzem, von
Qualität und Quantität in politische Aktionen  umgesetzt werden kann: »Der
dialektische Prozeß der Entwicklung bringt wirklich schon im Schoße des Kapitalismus Elemente der neuen Gesellschaft hervor, sowohl materielle als auch geistige Elemente. Doch die Sozialisten müssen es verstehen, die Stückchen vom Ganzen
zu unterscheiden, müssen das Ganze und nicht die  Stückchen als Losung
aufstellen« (LW 9, S. 370). Sie dürfen nicht übersehen, »daß all diese Stückchen der Umwälzung, wenn der Aufstand siegt, unweigerlich zu einem einheitlichen, in sich geschlossenen ›Epilog‹ des Aufstands verschmelzen werden, während die Stückchen, wenn der Aufstand nicht siegt, eben Stückchen bleiben, klägliche Stückchen, die nichts ändern und nur Philister zufriedenstellen« (LW 9, S. 371).

1 Georg Lukács: Lenin, Neuwied 1969, S. 7
2 Hans Heinz Holz/Leo Kofler/Wolfgang Abendroth: Gespräche mit Georg Lukács,
Reinbek 1967, S. 71
3 Gramsci versteht unter »Hegemonie« Lenins theoretische Begründung und die
praktische Eroberung der Macht durch die russischen Revolutionäre in der
Oktoberrevolution.
4 Antonio Gramsci: Gefängnishefte, Hamburg 1992, Bd. 4, S.  892 – Mit
»metaphysisch« ist hier »philosophisch« gemeint.
5 Immanuel Kant:  Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, Hamburg
1993, S. 41 f.
6 Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Wissenschaft der Logik (WdL), Bd. I und II,
Frankfurt a. M. 1993, Bd. 1, S. 59 Fußnote
Dogan Göçmen ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der University of London und Mitglied des Vorstandes der »Internationalen Gesellschaft Hegel-Marx für
Dialektisches  Denken«




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