Der Frankfurter Flughafen wird seit Jahrzehnten immer weiter ausgebaut.
Ein Beispiel dafür, wie die Politik das Wort und das Recht bricht - für die
Wirtschaft

Mit Nennung der Quelle »Publik-Forum, Zeitung kritischer Christen,
Oberursel, Ausgabe 5/2009«
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Eine Landebahn für Deutschland
Der Frankfurter Flughafen wird seit Jahrzehnten immer weiter ausgebaut.
Ein Beispiel dafür, wie die Politik das Wort und das Recht bricht - für die
Wirtschaft

Von Wolf Wetzel

»Wortbruch« könnte das Unwort des Jahres 2008 sein. In diesem Jahr wurde
die einstige SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti ständig mit diesem
Begriff konfrontiert. Sie hatte vor der Landtagswahl eine Zusammenarbeit
mit der Linkspartei ausgeschlossen und wollte eine solche anschließend
praktizieren. Doch wer denkt, dass es in der hessischen Politik noch nie
einen Wortbruch gegeben hätte, irrt gewaltig. Der massive Ausbau des
Flughafens in Frankfurt in den vergangenen Jahrzehnten ging mit ebenso
massiven Wortbrüchen einher. Und nicht nur dies: Für den Traum von endlosem
Wachstum wurde viel mehr gebrochen als das Wort, nämlich das Recht.
Die Geschichte der Wort- und Rechtsbrüche begann in den 1980er-Jahren mit
dem Konflikt um die »Startbahn-18-West«. Am Anfang der Planungen sagten die
Verantwortlichen zu, dass ein weiterer Ausbau des Frankfurter Flughafens
nur innerhalb des Zaunes um das Flughafengelände stattfinden werde. Die
Startbahn-18-West wurde außerhalb des Flughafengeländes gebaut und 1984
eingeweiht.
Danach sollte es keine neue Landebahn mehr geben. Das wurde schon am 23.
März 1971 in einem Planfeststellungsbeschluss versprochen: »Die
Befürchtungen, dass später eine weitere Start- oder Landebahn errichtet
werden könnte, entbehren jeder Grundlage. Die Genehmigung einer solchen
Maßnahme wird auf keinen Fall erteilt.« Dieses Versprechen wurde zehn Jahre
später von dem damaligen SPD-Ministerpräsidenten Holger Börner noch
verstärkt: »Nach dem Bau der Startbahn West wird kein Baum mehr für den
Flughafen fallen.« Anfang der 1990er-Jahre war dieses Versprechen
hinfällig. Die Flughafen AG (FAG) legte Pläne für eine neue Landebahn vor.
Jetzt sind dafür die Bäume gefallen.
Parallel zu diesen Ausbauplänen erreichte die Privatisierungswelle
öffentlichen Eigentums auch den Frankfurter Flughafen, der bis 2001 in
öffentlicher Hand war. Ein schwieriges, paradoxes Unterfangen: Wie konnte
man dessen Privatisierung realisieren und gleichzeitig den weiteren Ausbau
des Frankfurter Flughafens als »öffentliches Interesse« maskieren? Man fand
eine Lösung: Die Flughafen AG, nun in Fraport umbenannt, wurde an die Börse
gebracht, und die öffentliche Hand behielt einen Aktienanteil von über
fünfzig Prozent. In bemerkenswerter Offenheit begründete der Fraport-Chef
Wilhelm Bender diesen Coup: »Ich begrüße sehr, dass das Land Hessen und die
Stadt Frankfurt, die beiden großen Anteilseigner, im Konsortialvertrag von
2001 gesagt haben, dass sie mindestens zehn Jahre die Mehrheit an der
Fraport AG halten wollen - auch um den Ausbau sicherzustellen.« Wem
gegenüber die »öffentliche Hand« verpflichtet sei, stellte Wilhelm Bender
ebenfalls unmissverständlich fest: »Ich gehe davon aus, dass jeder, der
einen solchen Posten übernimmt, sich vorher das Aktiengesetz anschaut. Und
das legt fest, dass alle dem Wohl des Unternehmens verpflichtet sind.« Mit
anderen Worten: Der öffentliche Anteil am Privatunternehmen Flughafen dient
nicht dem Gemeinwohl, sondern als Schutzschild zur Durchsetzung
privatwirtschaftlicher Interessen. Und diese wurden mit dem
»Generalausbauplan 2000« klar umrissen: Eine neue Landebahn, außerhalb des
Flughafenareals, mitten durch den Kelsterbacher Wald, soll spätestens 2011
in Betrieb genommen werden. Danach können sich die öffentlichen
Anteilseigner zurückziehen.
Doch bei diesen Planungen gab es noch ein Problem: 1993 wurde das hessische
Forstgesetz verabschiedet, in dem der überwiegende Teil des Frankfurter
Stadtwaldes als »Bannwald«, die höchste Schutzkategorie für einen Wald,
ausgewiesen ist. Da die meisten Reststücke Wald rund um den Frankfurter
Flughafen in die Kategorie »Bannwald« fallen, erklärten alle Parteien, dass
ein weiterer Ausbau des Frankfurter Flughafens nur innerhalb der
bestehenden Grenzen möglich sei.
Dieselben Parteien, die diesem Forstgesetz zugestimmt hatten, saßen als
Vertreter der Stadt Frankfurt und des Landes Hessen im Aufsichtsrat der
Fraport und unterstützten ein paar Jahre später völlig unbefangen den Bau
einer neuen Landebahn, die das neue Forstgesetz Makulatur werden ließ - ein
Rechtsbruch folgte dem Wortbruch.
Zum Flughafenausbau gehört nicht nur die neue Landebahn, sondern unter
anderem auch eine »Airport City« mit einer Fläche von 700 000
Quadratmetern. Planungsrechtlich hat man den Flughafen zum »Sondergebiet«
erklärt. Der Grund: Man braucht dann für Veränderungen auf diesem Gelände
keinen Bebauungsplan. Für die Fraport ist dies ideal, weil, so die
Frankfurter Allgemeine Zeitung, »bei Neubauprojekten auch künftig weder die
Nachbarkommunen noch der Planungsverband (über den Flächennutzungsplan) um
Zustimmung gebeten werden müssen«. Im Normalfall wird ein Rechtsbruch
bestraft - in diesem Fall wird nur noch begründet, warum man diesen begehen
darf.
Die Begründung für diese Wort- und Rechtsbrüche ist immer die gleiche: Der
Flughafen erfülle nationale Aufgaben, sein Ausbau sei zwingend notwendig,
damit der Flughafen weiter in der »Königsklasse« der Luftverkehrsdrehkreuze
mitspielen könne. Nur so sei der Wohlstand aller zu bewahren und zu mehren.
Schließlich sei der Flughafen (samt Zulieferer) das Unternehmen mit den
meisten lohnabhängig Beschäftigten in Deutschland. Wer also den
unaufhaltsamen Fortschritt aufhalten wolle, rette möglicherweise den Wald,
gefährde hingegen Tausende von Arbeitsplätzen.
Doch bei aller Wucht dieser wirtschaftlichen Argumente stellen sich doch
grundsätzliche Fragen: Hatte nicht auch die Finanzwelt ständig von neuen
Wachstumsrekorden geträumt, bevor sie in wenigen Wochen zusammengebrochen
ist? Analysten erwarten schon heute rückläufige Passagierzahlen, woran sich
bis 2010 kaum etwas ändern werde. Und: Sind nicht alle Prognosen über einen
wachsenden Luftverkehr hinfällig, wenn in den nächsten Jahren der Ölpreis
rasant steigen wird? Müssen wir wirklich Wald für eine neue Landebahn
roden, nur damit mehr Geschäftsleute von Frankfurt nach München fliegen und
mehr Schnittblumen von Kenia nach Deutschland geflogen werden können?
Für die überwiegende Mehrheit in der Politik und für die Wirtschaft steht
fest: Wir müssen, koste es, was es wolle. Und es kostet viel. Wie in den
1980er-Jahren widersetzten sich alle umliegenden Gemeinden des Frankfurter
Flughafens der neuen Landebahn und der Rodung von über 280 Hektar Wald. Sie
legten Widerspruch gegen den Planfeststellungsbeschluss ein, sie lehnten
einen Verkauf ihres Waldes ab. Darauf reagierte die Unionsregierung unter
Roland Koch mit »Sofortvollzug« und leitete ein Enteignungsverfahren ein,
das die Union normalerweise für ein Werkzeug aus der sozialistischen
Mottenkiste hält. Obwohl die Gerichte nicht über die Rechtmäßigkeit dieser
Entwicklung entschieden haben, hat die Fraport bereits den Wald gerodet,
der ihr rechtlich noch gar nicht gehört - und das bewohnte Waldcamp geräumt.
Was Mitte des Jahres vor Gericht »ergebnisoffen« geprüft werden soll,
existiert nicht mehr. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung weiß jedoch, dass
das rechtliche Risiko für die Flughabenbetreiber gering ist: »Zwar baut
Fraport auf eigenes wirtschaftliches Risiko, aber die Erwartung, das
Verwaltungsgericht in Kassel oder Ende 2010 das Bundesverwaltungsgericht in
Leipzig würden das 4-Milliarden-Projekt noch kassieren, geht an den
Erfahrungen bei ähnlichen Vorhaben vorbei.« Klarer kann man nicht
aussprechen, dass Gerichte, die über etwas zu befinden haben, was gar nicht
mehr existiert, im besten Fall eine teure Variante darstellen, das Klage-
und Einspruchsrecht ad absurdum zu führen. Vom Wortbruch zum Rechtsbruch -
im Sinne der Wirtschaftsmacht. n

Wolf Wetzel ist freier Schriftsteller. Er schrieb unter anderem die
Erzählung »Tödliche Schüsse«. Geschichte der Startbahnbewegung - quer durch
die 80er Jahre, Unrast 2008

Quelle:
Publik-Forum, Zeitung kritischer Christen, Oberursel, Ausgabe 5/2009
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