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Unabhängige Bauernstimme - 04.10.2011

Der Paradigmenwechsel

Neue Studien fordern eine nachhaltige Landwirtschaft - Politik und Wirtschaft 
bleiben beim alten Muster

Benny Haerlin

Dreht sich die Erde um die Sonne oder umgekehrt? In der Wissenschaft nennt man 
Grundannahmen, die bestimmen, was gefragt, bewiesen und überprüft wird, 
Paradigmen. Wer im politischen Geschäft ein bisschen dicker auftragen will, 
spricht heute auch gerne von einem Paradigmenwechsel.

In der Agrarpolitik internationaler Institutionen ist gegenwärtig ein solcher 
Paradigmenwechsel zu beobachten. Nicht weniger als das alles überragende Ziel, 
mit stets fallendem Aufwand mehr zu produzieren, steht zur Disposition. Die 
Erkenntnis, dass die Kosten steigender Produktion deren Grundlage gefährden, 
setzt sich durch. Natürlich sind die Schlussfolgerungen daraus verschieden.

Die veränderte Zielsetzung aber gilt mittlerweile als unabweisbar: Volle 
Integration der ökologischen Kosten, massive Reduktion der Emission von 
Klimagasen, Pestiziden und Nährstoffen und des Verbrauchs fossiler Energie, 
Vermeidung von Abfall, Verlusten und Verschwendung und auch von gesundheitlich, 
sozial und ökologisch schädlichem Verbrauch, besonders von tierischen 
Produkten. Investition in agrar-ökologische Systeme, die durch gemeinschaftlich 
angepasste landwirtschaftliche Methoden und ökologische Konzepte vor Ort ein 
Maximum an verlässlicher regionaler Eigenversorgung mit Lebensmitteln auch bei 
extremen Wetterlagen garantieren. Kurz: Der Abschied von der auf fossilen 
Rohstoffen beruhenden, industriellen Landwirtschaft des vergangenen halben 
Jahrhunderts ist eingeläutet.

Urahn: Weltagrarbericht

Der Weltagrarbericht [1] der UNO und Weltbank, IAASTD, war es, der 2008 den 
Sichtwechsel unter dem Schlagwort "Weiter wie bisher ist keine Option" 
eingeleitet hatte. Gemeint war das Wachstumskonzept der industriellen 
Landwirtschaft und der grünen Revolution in Asien, das heute droht, die 
Grundlagen unserer Ernährung zu zerstören und dennoch eine Milliarde Menschen 
hungrig lässt. Die Reaktionen der Industrie, aber auch der Weltbank und FAO, 
der deutschen und US Landwirtschaftsministerien, von vielen Wissenschaftlern 
und der Agrarlobby waren zunächst klassisch: ignorieren, entwerten, lächerlich 
machen, zur Tagesordnung übergehen. Drei Jahre später gehören die wesentlichen 
Botschaften des Weltagrarberichtes zum Standard wissenschaftlicher und 
institutioneller Analyse: Dass es auf die Kleinbäuerinnen dieser Welt ankommt, 
wenn wir von Raubbau auf Nachhaltigkeit schalten wollen, dass wir eine Vielfalt 
agro-ökologischer Maßnahmen brauchen und haben, Hunger letztlich nur vor Ort zu 
überwinden ist und wir massiv in widerstandsfähige, lokale Agrarsysteme 
investieren müssen und in das dafür nötige traditionelle und moderne Know-how 
der Bauern und Dörfer. All diese Zumutungen an die Gewissheiten industrieller 
und chemischer Landwirtschaft stehen mittlerweile im Zentrum der Überlegungen. 
Ein kurzer Blick in die internationale Veröffentlichungsliste des laufenden 
Jahres lohnt sich.

Genug ist genug

Zunächst war da ein Zukunfts-Bericht von Experten des Ständigen Ausschusses für 
Agrarforschung der EU (SCAR), dem insgesamt 37 Agrarministerien Europas 
angehören: "Nachhaltiger Verbrauch und Produktion in einer Welt begrenzter 
Ressourcen" [2]. Er fordert eine radikale Wende in der Agrarpolitik und 
-forschung. Ihr künftiges Mantra sei der Mangel, genauer gesagt eine Vielzahl 
von Mängeln: an Lebensmitteln, an natürlichen Ressourcen (Boden, Wasser, 
Artenvielfalt) an weiterer Belastbarkeit der Ökosysteme, aber auch an Wissen 
und verfügbarer Zeit zur Anpassung an schwer kalkulierbare, plötzliche 
Systemveränderungen. So alarmierend die Betrachtung der einzelnen Faktoren 
schon sei, so unberechenbar könnten die Folgen ihres Zusammenwirkens und seiner 
Rückkoppelungseffekte sein. Klarer als der Weltagrarbericht spricht der 
SCAR-Bericht von zwei unterschiedlichen Weltsichten in der Agrarforschung. Dem 
produktivistischen Paradigma (da ist es wieder!), das nach wie vor in der 
Steigerung der Produktion plus ökologischer Effizienzverbesserung ihr Heil 
suche, stehe ein am Erforderlichen und Verfügbaren orientiertes Suffizienz- 
oder Genügsamkeitsparadigma gegenüber: nicht mehr als nötig produzieren, den 
Verbrauch an Wohlstand und Gesundheit statt Wachstum orientieren. Dieses 
"Genug" müsse in Zukunft in Forschung wie Politik absolute Priorität haben; so 
wichtig auch die Effizienzsteigerung herkömmlicher Agrarsysteme im Übergang 
bleibe.

Der Wirtschafts- und Sozialbericht der Vereinten Nationen fordert unter dem 
Titel "The Great Green Technological Transformation" [3] (die große grüne 
technologische Transformation) ein "nachhaltiges Agrarinnovationssystem", das 
sich im Wesentlichen an den Empfehlungen des Weltagrarberichts orientiert. Der 
Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung für globale Umweltfragen, WBGU, 
empfiehlt einen "Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation" [4], in 
der die Landwirtschaft den Erfordernissen des Klimawandels angepasst und 
Lebensmittel unter anderem nach ihrer Ressourcen-Intensität besteuert werden 
sollten. Auch der Bericht des Büros des Deutschen Bundestages für 
Technikfolgeabschätzung "Forschung zur Lösung des Welternährungsproblems - 
Ansatzpunkte, Strategien, Umsetzung" [5] fordert eine Abkehr von der 
"Mengenperspektive" und ein ganzheitliches Ernährungskonzept. Der jährliche 
Bericht des Worldwatch Institute "Zur Lage der Welt" hat agrarökologische 
Lösungsansätze der Landwirtschaftskrise vor allem in Afrika unter dem Titel 
"Innovationen, die die Welt ernähren" [6] gesammelt, die eindrucksvoll belegen, 
welche gigantischen Fortschritte kleine, unscheinbare Projekte vor Ort 
bewirken. Interessant an der Untersuchung ist politisch vor allem, dass sie von 
der Bill & Melinda Gates Foundation finanziert wurde, die mit ihren Milliarden 
zur weltweit tonangebenden Stiftung für Agrar-Entwicklungshilfe geworden ist 
und dabei von einem Ex-Monsanto-Vize geleitet wird.

Nachhaltiger Anbau

"Das gegenwärtige Paradigma des Intensiv-Anbaus wird den Herausforderungen des 
neuen Jahrtausends nicht mehr gerecht. Um zu wachsen muss die Landwirtschaft 
lernen zu sparen und zu erhalten", schreibt kein geringerer als der indische 
"Vater der Grünen Revolution" M.S. Swaminathan in der Einleitung zu der 
programmatischen Schrift der Welternährungsorganisation FAO "Save and Grow" [7] 
(Sparen/Erhalten und Wachsen). Es ist die wichtigste Publikation in der Reihe 
der Paradigmen-Wechsler dieses Jahres.

Nicht mehr die bisher geforderte Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion 
um 70 Prozent, sondern die Steigerung der Lebensmittelproduktion in den 
Entwicklungsländern ist das nun postulierte Ziel. Eine bemerkenswerte 
Veränderung. Der Einsatz von Mineraldünger und Pestiziden wird im Wesentlichen 
unter dem Gesichtspunkt massiver Reduktion behandelt.

Im "neuen Paradigma" der "nachhaltigen Intensivierung des Anbaus" (sustainable 
crop production intensification, SCPI) stehen Mulchen, Leguminoseneinsatz, 
Fruchtwechsel und pfluglose Bodenbearbeitung ganz oben. Sozial wie ökologisch 
nachhaltige Agrar-Systeme treten an die Stelle von Einzeltechnologien. Die 
Bodenfruchtbarkeit rückt wieder in den Mittelpunkt, Agroforstsysteme und viele 
andere agrar-ökologische Ansätze dominieren die Beispiele der neuen 
Intensivierung. Das hohe Lied der Verbreitung von Hochleistungssorten wird 
ergänzt durch die Forderung nach Beteiligung der Bauern, ihrer traditionellen 
Sorten und Wissenssysteme. Hinzu kommen massive Zweifel am gegenwärtigen 
Patent- und Sortenschutzsystem, seinen "anti-gemeinschaftlichen" Auswirkungen 
und an der Fähigkeit der sechs weltbeherrschenden Konzerne, da zu liefern, wo 
am nötigsten gebraucht wird.

Was bleibt übrig?

"Und sie bewegt sich doch!" möchte man hoffnungsvoll ausrufen. Wäre da nicht 
die eklatante Diskrepanz zwischen den neuen Tönen der Institutionen und dem 
realen Verhalten von Markt und Politik. Während die Einen zu formulieren 
beginnen, wie der Weg aus der Sackgasse industrieller Landwirtschaft aussieht, 
galoppieren die Märkte mit ungebremster Wut in exakt die entgegengesetzte 
Richtung: Der Lebensmittelpreis-Index liegt heute über den bisherigen 
Rekordmarken des Jahres 2008, angeheizt durch Biosprit und -energie, 
Agrar-Spekulation und neokoloniale Landnahme von Investoren, die den künftigen 
Mangel als großartiges Geschäft sehen. Die einmalige Chance eines politischen 
Paradigmenwechsels bei der Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik der Europäischen 
Union scheint bereits fast verpasst. Weder die Vorschläge der EU-Kommission 
noch die reflexhaften, nationalen Reaktionen der Agrarminister, noch der 
Minimalkonsens des Europäischen Parlaments geben Anlass zu Hoffnung: Keine 
klaren Umwelt- und Nachhaltigkeits-Ziele, kein Herz und keine Perspektive für 
die Kleinbauern Europas, die zu Millionen vor dem Aus stehen. Kein Verzicht auf 
unanständig billigen Import von Agrarrohstoffen aus ökologischen und auch 
humanitären Krisenregionen. Kein Abschied vom subventionierten Export von 
"Veredelungs"-Produkten, deren ökologischer Fußabdruck zum Himmel stinkt. 

Es wäre wohl ein regelrechter Bürger-Aufstand nötig, um die Umsetzung der 
offiziellen wissenschaftlichen Empfehlungen zum Überlebensthema Ernährung jetzt 
auch gegen die Lobby der Profiteure zügig in politisches Handeln umzusetzen. 
Nichts ist unmöglich.

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LINKS [Red.]

[1] http://www.weltagrarbericht.de/
[2] http://ec.europa.eu/research/agriculture/conference/proceedings_en.htm
[3] http://www.un.org/en/development/desa/policy/wess/ 
[4] 
http://www.wbgu.de/veroeffentlichungen/hauptgutachten/hauptgutachten-2011-transformation/
[5] http://www.tab-beim-bundestag.de/de/publikationen/berichte/ab142.html
[6] http://www.worldwatch.org/sow11
[7] http://www.fao.org/ag/save-and-grow/

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