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Die Rückkehr der Heuschrecken

Die Spekulanten großer Fonds wagen sich wieder auf die globale Zockerbühne.
Sogar Banker warnen vor den Folgen. Doch die Politik wirkt machtlos

von Wolfgang Kessler 22.03.2012

Jim Rogers ist wieder obenauf. Zusammen mit George Soros betrieb der
Siebzigjährige einst den Quantum Fonds, einen jener berüchtigten
Spekulationsfonds, die keinerlei Bankenaufsicht unterliegen. Nachdem er sein
Vermögen um 4.200 Prozent vermehrt hatte, stieg Rogers um. In den
1990er-Jahren wurde er zum wichtigsten Rohstoffspekulanten, bevor die
Finanzkrise auch ihn traf. Doch inzwischen ist der Amerikaner nach Singapur
ausgewandert, wo die Finanzaktivitäten noch weniger reguliert werden als
anderswo. Von dort aus spekuliert er wie eh und je.

Rogers ist nicht der einzige Spekulant, der sich wieder auf die globale
Zockerbühne wagt. Die »Heuschrecken« sind zurück. So hatte der ehemalige
SPD-Vorsitzende Franz Müntefering Finanzinvestoren bezeichnet, die mit einem
spekulativen Einsatz ihres Kapitals möglichst hohe Renditen erzielen wollen.

Schattenbanken unterliegen keiner Kontrolle

Schattenbanken nennen die Wissenschaftler diese Fonds. Dazu zählen all jene
Anlagegesellschaften, die das Geld von reichen Institutionen und
superreichen Privatleuten verwalten, ohne den Regeln von Banken zu
unterliegen. Das können Beteiligungsgesellschaften wie »Private Equity
Firms« ebenso sein wie spekulativ arbeitende Hedgefonds, aber auch
Zweckgesellschaften, in denen Banken Geldgeschäfte tätigen, um
Eigenkapitalanforderungen und die Bankenaufsicht zu umgehen.

Diese Schattenbanken führen seit vielen Jahren ein globales Eigenleben. Sie
sitzen zumeist in London, in den USA, in Paris - und neuerdings auch in
Singapur oder in anderen Zockerparadiesen. Sie halten das Geld ihrer Anleger
in Steueroasen - und legen es diskret an, ohne Kontrolle und ohne dass die
Öffentlichkeit viel davon erfährt. Da sie gleichzeitig Diskretion und hohe
Renditen versprechen, sind sie für viele Kapitalanleger attraktiv.

Ein Vermögen von 60.000 Milliarden Dollar

Die Finanzkrise hat viele Schattenbanker arg gebeutelt. Inzwischen haben sie
sich jedoch nicht nur erholt - ihre Macht wächst bedrohlich. Je stärker die
Politik die Banken reguliert, desto mehr Kapitalanleger nutzen die Vorteile
der Schattenbanken: Während die regulären Banken mehr Eigenkapital vorhalten
müssen und die Finanzaufsicht europaweit gestärkt wurde, gibt es kaum
Eigenkapital-Anforderungen für Hedgefonds. Bei der Finanzaufsicht müssen sie
nur registriert sein, kontrolliert werden sie nicht.

Das Geschäftsvolumen der Schattenbanken ist nach Angaben des Internationalen
Finanzstabilitätsrates der großen Industrie- und Schwellenländer auf
unvorstellbare 60.000 Milliarden Dollar angewachsen. Das entspricht mehr als
der Wirtschaftsleistung aller Länder zusammen, ist also höher als das
Bruttosozialprodukt der ganzen Welt.

Mit diesem Kapital können die Schattenbanken viel anrichten. Während die
Geschäftsbanken für jeden Kredit neun Prozent Eigenkapital vorhalten müssen,
können die Fonds fast unbegrenzt Geld schöpfen, weil sie so gut wie kein
Eigenkapital benötigen. Ihr »Kredithebel« ist deutlich größer als der von
Banken, sagen dazu die Finanzexperten. Und meinen die Tatsache, dass die
Schattenbanken mit wenig eigenem Kapital hohe Kredite aufnehmen können.

Hochspekulative Geschäfte

Werden damit hochspekulative Geschäfte mit Kreditversicherungen oder
Finanzderivaten getätigt, dann schaffen sie ein doppeltes Risiko: Wenn die
Spekulationsblasen platzen, werden Anlagen wertlos - und das System
ungedeckter Kredite bricht zusammen. »Das kann zu Ansteckungseffekten
führen, die das ganze Finanzsystem gefährden«, sagt der marktfreundliche
Ex-Bundesbanker Ottmar Issing, heute Leiter einer Expertengruppe, die für
die Bundesregierung Vorschläge zur Reform der Finanzmärkte ausarbeiten soll.

Oft genug steigen die Schattenbanken in Unternehmen ein. Dies hilft, wenn
Betriebe Risikokapital brauchen und dies von Banken nicht erhalten. Allzu
häufig gebärden sich diese Fonds jedoch wie wahre Heuschrecken: Sie steigen
mit wenig Geld ein, steigern möglichst schnell den Wert eines Unternehmens,
indem sie die Kosten senken und Kredite aufnehmen, die sie dann dem
Unternehmen aufbürden. Ist der Wert des Unternehmens gestiegen, verkaufen
sie es zu hohem Gewinn. Die Unternehmen sind hoch verschuldet, viele
Beschäftigte sind arbeitslos. »Die Heuschrecken grasen das Unternehmen ab
und ziehen weiter«, beschrieb es Franz Müntefering.

Gleichzeitig zementieren die Schattenbanken ihre Macht in den großen
Finanzinstitutionen. Der US-amerikanische Hedgefonds BlackRock ist der
größte Einzelaktionär der Deutschen Bank. Über vielfältige Verästelungen
halten die Finanzinvestoren große Anteile an den Ratingagenturen Standard &
Poor, Moody’s und Fitch.

Boom mit Ramschanleihen

Einmal in der Offensive, entdecken die Schattenbanken derzeit ein besonders
riskantes Geschäftsfeld. Sie nutzen die Politik der Europäischen
Zentralbank, die Unternehmen und Banken mit Geld zu niedrigen Zinsen
versorgt. Brancheninsider haben entdeckt, dass eine Reihe von Schattenbanken
Ramschanleihen europäischer Unternehmen zu extrem niedrigen Preisen
aufkaufen - in der Hoffnung, dass die Unternehmen durch die billigen Kredite
der Zentralbank wieder zu Kräften kommen, sodass auch der Wert ihrer
Ramschanleihen wieder steigt.

Der US-amerikanische Hedgefonds-Manager Greg Lippmann treibt die Spekulation
auf die Spitze. Er hat für knapp eine Milliarde Dollar Wertpapiere gekauft,
die mit Hypotheken gesichert sind. Es sind jene Papiere, die die Welt in die
Finanzkrise geführt haben. Nachdem viele Banken von den Staaten gerettet
wurden, sind diese Ramschanleihen zu Discountpreisen zu haben. Die
Spekulanten hoffen, dass der zarte Aufschwung in den USA die
Immobilienpreise steigen lässt - und damit die Kurse dieser Papiere. Da
fürchten manche bereits eine neue Finanzkrise, sollte auch diese
Spekulationsblase wieder platzen.

Alarmierte Politik

Finanzmarkt-Kritiker sehen in den Schattenbanken seit Jahren die größte
Gefahr für die Weltwirtschaft. »Der jüngste Ölpreis-Höhenflug wurde von
Finanzfonds ebenso mitverursacht wie der ruckartige Anstieg der
Lebensmittelpreise 2007 und 2008, der mehr als hundert Millionen Menschen
zusätzlich in den Hunger stürzte. Der Schadenswirkung dieser Fonds steht
kein volkswirtschaftlicher Nutzen gegenüber. Aus diesen Gründen sollten
Finanzfonds verboten werden«, schreibt der Publizist Christian Felber,
Gründer von attac Österreich. Auch jene, die Schattenbanken nicht gleich
verbieten wollen, fordern ihre Unterordnung unter eine globale
Finanzaufsicht, klare Eigenkapitalregeln und eine Finanztransaktionssteuer,
die Spekulationen verteuert.

Auch die etablierte Politik ist alarmiert. Bundeskanzlerin Angela Merkel
hält die Regulierung der Schattenbanken für »wünschenswert«. Die
EU-Kommission will noch im Frühjahr Vorschläge zur Regulierung der
Schattenbanken, für Eigenkapitalforderungen und einen verpflichtenden
Informationsaustausch vorlegen.

Ob solche Vorschläge je Wirklichkeit werden, ist höchst unsicher. Denn die
Kontrolle von Schattenbanken muss weltweit erfolgen. Bisher schützen aber
vor allem Briten und Amerikaner die »ihren« in der Londoner City und an der
Wallstreet. Ein Bündnis von Angela Merkel mit dem französischen
Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy zur Regulierung der Schattenbanken ist
unwahrscheinlich, weil viele Fonds in Paris sitzen. Und in Brüssel belagern
rund 700 fest angestellte Finanzlobbyisten die Ausschusssitzungen jener 48
Abgeordneten, die im Europaparlament für die Regulierung der Finanzmärkte
zuständig sind. Schon in den vergangenen Jahren konnte die Finanzlobby auf
diese Weise die Regulierung der Hedgefonds verhindern.

Zeit für das große Aufräumen

Die Gefahr ist groß, dass die Politik einfach weitermacht wie bisher. Dies
ängstigt sogar Spekulanten wie Jim Rogers. »Wenn die Politik weiterhin nur
die Gelddruckpresse laufen lässt, dann könnte alles viel schlimmer kommen,
als es war«, sagt er. Es sei Zeit für das »große Aufräumen«. Darin ist er
sich mit radikalen Kritikern des Finanzkapitalismus einig. Diese meinen mit
»Aufräumen« aber etwas ganz anderes.




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