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taz - 26.03.2012

Tallinner wählen kostenlosen Nahverkehr

Freie Fahrt an der Ostseeküste

Die Einwohner in Tallinn fahren ab 2013 kostenlos mit öffentlichen 
Verkehrsmitteln. Die Entscheidung fällten die estnischen Hauptstädter per 
Volksentscheid mit einer klaren Mehrheit

Von Reinhard Wolff

STOCKHOLM taz | 1,60 Euro kostet ein Einzelfahrschein für Bus oder Straßenbahn 
derzeit, die Monatskarte 18,50 Euro. Ausgaben, die sich Bewohner der estnischen 
Hauptstadt Tallinn ab 2013 sparen können. Dann wird der öffentliche 
Personennahverkehr dort nämlich nicht nur wie bislang schon für Rentner, 
sondern für alle StadtbewohnerInnen kostenlos sein. 

75,5 Prozent der WählerInnen folgten bei einem einwöchigen Referendum bis 
Sonntag der Aufforderung "Deine Stimme für kostenlosen öffentlichen Transport" 
und stimmten mit Ja. Der Stadtrat werde das Votum nun umgehend umsetzen, 
versprach Oberbürgermeister Edgar Savisaar. 

Die Stadtoberen hatten die Initiative ausdrücklich unterstützt. Begründung: Es 
müsse etwas gegen den wachsenden privaten Pkw-Verkehr, die immer häufigeren 
Verkehrsstaus und die steigenden Unfallzahlen in der Hauptstadt getan werden. 
Und der Umwelt werde der erhoffte Rückgang des Individualverkehrs auch guttun. 

Votum gegen Staus und Unfälle 

Schritte zu einem attraktiveren ÖPNV sind dringend nötig: Landesweit sank die 
Zahl der ÖPNV-Nutzer von 2010 bis 2011 um 8, in Tallinn um 13 Prozent. Fuhren 
2001 noch 31 Prozent mit Bahn und Bus zur Arbeit, sind es jetzt 22 Prozent. Ob 
allerdings die "freie Fahrt" das richtige Rezept ist, darüber streiten 
Verkehrsexperten. Zumal es bislang an Maßnahmen fehlt, den privaten Autoverkehr 
gleichzeitig unattraktiver zu machen. 

Parteipolitische Gegner werfen Savisaar - gleichzeitig Vorsitzender von 
Estlands linksliberaler Zentrumspartei - Wahltaktik vor. Im Oktober 2013 finden 
Kommunalwahlen statt, mit der freien Fahrt wolle der Bürgermeister den Weg für 
eine Wiederwahl frei machen.[1] 

Die Debatte in den Medien drehte sich neben der Frage, ob sich die chronisch 
klamme Stadtkasse von Tallinn die nun notwendige Steigerung des ÖPNV-Budgets um 
40 Prozent oder 20 Millionen Euro wirklich leisten kann, vor allem um 
Obdachlose und anderer "schwieriger" Passagiere: Diese würden dann vielleicht 
mehr als schon zuvor Busse und Bahnen zu ihrem bevorzugten Aufenthaltsort 
machen.

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LINKS [Red.]

[1] 
http://fr-online.de/politik/estland-als-vorreiter-in-der-eu,1472596,11996376 
 
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