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Handelsblatt - 15.03.2012

Rasen schadet der Gesundheit

Schnelles Autofahren verursacht weit größere Umwelt- und Gesundheitsschäden, 
als bislang gedacht. Das zeigt eine neue Studie. Danach sollen gerade 
Schwangere in der Nähe von Autobahnen gefährdet sein

Von Olaf Storbeck

Es ist ein simpler Plan, mit dem die britische Regierung das 
Wirtschaftswachstum ankurbeln will: Die Menschen sollen schneller Auto fahren. 
Das Tempolimit soll auf der Insel im kommenden Jahr von 110 auf 130 
Stundenkilometer angehoben werden. "Das verkürzt die Reisezeiten und bringt 
ökonomische Vorteile von Hunderten Millionen Pfund", schwärmte der damalige 
Verkehrsminister Philip Hammond im September 2011.

Tatsächlich dürfte es sich dabei um eine Milchmädchenrechnung handeln. Das legt 
eine empirische Untersuchung des Umweltökonomen Arthur van Benthem nahe, der an 
der Stanford University forscht. Aus der Perspektive des einzelnen Autofahrers 
macht schnelleres Fahren zwar Spaß und spart Zeit. "Betrachtet man aber die 
gesellschaftlichen Gesamtkosten, überwiegen die Nachteile deutlich", lautet 
sein Fazit. Grundlage der Arbeit sind detaillierte Verkehrs- und Umweltdaten 
aus den US-Bundesstaaten Kalifornien, Oregon und Washington.

Dort gab es vor einigen Jahren eine Gesetzesänderung, die es ermöglichte, die 
Konsequenzen höherer Tempolimits fast wie in einem Laborexperiment zu 
untersuchen: Auf einigen Schnellstraßen wurden die 
Geschwindigkeitsbeschränkungen von 90 auf 105 Stundenkilometer angehoben, auf 
anderen nicht. Welche Strecken betroffen waren, hing nicht vom 
Verkehrsaufkommen oder anderen Faktoren ab, die auch die 
Unfallwahrscheinlichkeiten beeinflussen - entscheidend war der rechtliche 
Status. Die höheren Tempolimits galten nur für ländliche Autobahnen ("rural 
interstates"), nicht aber für andere Schnellstraßen ("rural highways").

"Die Gesetzesänderung", so Arthur van Benthem, "führte zu einer nahezu 
zufälligen Variation der Tempolimits." Obwohl auch die neue 
Höchstgeschwindigkeit von 105 Stundenkilometern aus deutscher Perspektive 
niedrig erscheint, zeigt sich ein klares Muster: Auf Autobahnen, wo schneller 
gefahren werden darf, gibt es bis zu 15 Prozent mehr Crashs. Die Zahl der 
tödlichen Unfälle ist sogar um bis zu 60 Prozent gestiegen. Diese Ergebnisse 
decken sich mit zahlreichen anderen Studien. Je schneller Autofahrer unterwegs 
sind, desto häufiger kracht es.

Neu an van Benthems Studie ist, dass er auch die negativen Folgen für die 
Umwelt analysiert. Dafür greift er auf die Daten des engmaschigen US-Netzes zur 
Messung der Luftqualität zurück und stellt fest: In einem Umkreis von fünf 
Kilometern rund um die Autobahnen verschlechtert sich die Luftqualität durch 
die höheren Geschwindigkeiten deutlich. Die Konzentration des Atemgifts 
Kohlenmonoxid steigt um 24 Prozent; bei Stickoxiden gibt es ein Plus von 16 und 
bei Ozon eines von elf Prozent.

Van Benthem erklärt diese Ergebnisse damit, dass Treibstoffverbrauch und 
Schadstoffausstoß bei höherem Tempo überproportional stark ansteigen. Die 
schlechtere Luft schadet laut Studie der Gesundheit der Anwohner der 
Schnellstraßen enorm. So erleiden schwangere Frauen, die in der Nähe von 
Autobahnen mit höheren Tempolimits leben, häufiger in einer späten Phase der 
Schwangerschaft eine Fehlgeburt. Die Wahrscheinlichkeit steige um 9,4 Prozent.

"Dieser Effekt", so der Ökonom, "ist relativ groß." Um Kosten und Nutzen der 
höheren Tempolimits vergleichen zu können, rechnet van Benthem sie anhand 
gängiger Verfahren in Geldbeträge um. Die Vorteile durch die Zeitersparnis 
beziffert er auf 156 Millionen Dollar pro Jahr - die Nachteile sind mit 486 
Millionen Dollar aber dreimal so groß. Von Versuchen, den wirtschaftlichen 
Wohlstand mit höheren Geschwindigkeiten anzukurbeln, sollte man also lieber die 
Finger lassen. .

"Do We Need Speedlimits on Freeways?", von Arthur van Benthem, Arbeitspapier 
(2012). Kostenloser Download der Studie: 
http://www.stanford.edu/~arthurvb/JMP-van_Benthem.pdf

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