Klimaretter.info
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Sonntag, 29. April 2012, 08:10 Uhr

„Ein Frankenstein-Projekt“

Das brasilianische Abgeordnetenhaus hat das umstrittene brasilianische
Waldgesetz abgesegnet und damit dem Raubbau den Weg geebnet. Doch der Streit
um die Gesetzreform geht weiter. Präsidentin Dilma Rousseff dürfte gegen
Teile der verabschiedeten Novelle ihr Veto einlegen. Zumindest zum Schein.

Aus Porto Alegre Gerhard Dilger

Noch einmal durfte das brasilianische Agrobusiness jubeln: Mit 274 zu 184
stimmte das Abgeordnetenhaus in Brasília am Mittwoch für eine Novelle des
Waldgesetzes [1], die noch weit über das hinausgeht, was der Senat im
Dezember verabschiedet hatte. Das Gesetz wäre ein Freibrief für den Raubbau
– schon die einjährige Debatte hatte die Waldzerstörung deutlich begünstigt.
Umweltministerin Izabella Teixeira sieht weder Rechtssicherheit noch "das
Gleichgewicht zwischen Umwelt und Produktion" gewährleistet.

"Meine Regierung ist für die Umwelt, aber auch für die Bauern, für die
Viehzüchter", tönte Henrique Eduardo Alves, der Fraktionschef der mächtigen
Zentrumspartei PMDB. Anders als die meisten Koalitionspartner lehnte die
Arbeiterpartei von Präsidentin Dilma Rousseff den jüngsten Entwurf fast
geschlossen ab.

Manche Beobachter hoffen, dass die Großfarmer diesmal den Bogen überspannt
haben. Es gilt als ausgeschlossen, dass die linke Staatschefin den
Parlamentsbeschluss hinnimmt – bedeutet er doch eine herbe Niederlage für
Rousseff, die im Juni Gastgeberin des UN-Umweltgipfels Rio+20 sein wird. Am
Donnerstag ließ sie von Vertrauten verbreiten, Straffreiheit für
Waldzerstörer werde sie nicht zulassen, Rousseff werde das Gesetz "mit
kühlem Kopf analysieren" und in rund 14 Tagen ihre Entscheidung fällen.

"Dilma Rousseff wird entscheiden müssen, welches Entwicklungsmodell sie für
Brasilien will", schrieb die frühere Umweltministerin Marina Silva in der
Tageszeitung "Folha de São Paulo". Die Präsidentin müsse gegen die gesamte
Novelle ihr Veto einlegen, anstatt faule Kompromisse mit der
Kettensägen-Lobby auszuhandeln. Mit der Novelle würden bislang
vorgeschriebene Schutzzonen verkleinert und Landbesitzer von ursprünglich
geplanten Verpflichtungen zur Wiederaufforstung befreit. Nur eine einzige
Vorschrift konnte die Regierung wegen eines Verfahrensfehlers retten: Nach
Rodungen müssten Landbesitzer zerstörte Ufer bei bis zu 10 Meter breiten
Flüssen jeweils 15 Meter wiederaufforsten. An 20 Punkten wurde der
Senatsentwurf verwässert, etwa zugunsten von Krabbenzüchtern. Weitere
"Flexibilisierungen", etwa bei breiteren Flüssen, sollen in die
Zuständigkeit der meist konservativ regierten Bundesstaaten übertragen
werden.

Die Großfarmer dominieren das brasilianische Parlament und drängen auf eine
ungebremste Ausweitung der Anbauflächen, auch in Quellgebieten, an
Berghängen und Kuppen. Schon jetzt kommt es bei heftigen Regenfällen in
dicht besiedelten Gebieten regelmäßig zu großen Erdrutschen, die zahlreiche
Todesopfer fordern. "Ein Frankenstein-Projekt", schimpfte der Grüne Sarney
Filho. Sein Parteikollege Alfredo Sirkis beklagte eine "Offensive von
Bodenspekulanten und Großgrundbesitzern". Andere Parlamentarier forderten
Rousseff auf Schildern zum vollständigen Veto gegen das Gesetz auf, wie es
auch die Umweltbewegung seit Monaten tut.

Der Agronom José Eli da Veiga fürchtet, das neue Gesetz werde vor allem den
"Billigexport von Naturresourcen" wie Soja oder Rindfleisch beflügeln. Damit
widerspreche es den Zielen der brasilianischen Klimapolitik und den
Bestrebungen, die einheimischen Betriebe durch Innovationen
wettbewerbsfähiger zu machen. Brasilien erleichtere es ausländischen
Umweltschützen und Konkurrenten, höhere Zölle für brasilianische
Agrarimporte zu fordern und werde dadurch "geopolitisch verwundbar", meint
Virgílio Viana von der Stiftung Nachhaltiger Amazonas.

Rousseffs Taktik sei "durchschaubar", findet der Grüne Bundestagsabgeordnete
Thilo Hoppe. Er rechnet mit Verzögerungen bis zur endgültigen Version der
kritischen Passagen und fürchtet: "Ein absehbares Scheinveto der Präsidentin
würde ihr nur zu leicht erlauben, Brasilien weiterhin als Primus in der
Klimadebatte zu positionieren, während sie im Hintergrund der Agrarlobby
einen Freischein zu illegalen Großrodungen bietet."

Im Text verwendete Links:

[1] http://www.klimaretter.info/umwelt/nachricht/11032

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http://www.klimaretter.info/meinungen/kommentare/11042

Freitag, 27. April 2012, 16:48 Uhr

DER KOMMENTAR

Feuerprobe für Dilma Rousseff

Gerhard Dilger, Korrespondent von klimaretter.info in Porto Alegre, über
Brasiliens neues Waldgesetz

Nach einem jahrelangen Tauziehen und dem vorläufig letzten, beschämenden
Auftritt der Agroallianz im Abgeordnetenhaus am vergangenen Mittwoch ist nun
endlich Präsidentin Dilma Rousseff am Zug. Auf das regelrechte
"Waldzerstörungsgesetz" der Agrarier müsste sie mit einem vollständigen Veto
und einem neuen Gesetzestext per Dekret reagieren.

Die linke Staatschefin steht bei den WählerInnen im Wort: Nachdem die
Ökoikone Marina Silva [*] bei der letzten Präsidentschaftswahl auf ein
Fünftel der Stimmen gekommen war, versprach Rousseff vor der Stichwahl, eine
Amnestie für Waldzerstörer zu verhindern und die Verpflichtungen Brasiliens
zum Klimaschutz zu respektieren – zwei Drittel der brasilianischen
CO2-Emissionen gehen auf das Konto von Brandrodungen.

Angesichts von Rousseffs bisheriger Umweltbilanz ist allerdings Skepsis
angebracht. Klammheimlich werden Naturschutzgebiete zugunsten von immer
weiteren Staudämmen in Amazonien umgewidmet, als Kontrollinstanz ist das
Umweltministerium praktisch abgemeldet, die Waldzerstörung nimmt wieder
deutlich zu. Wachstum durch Monokulturen, Megaprojekte und Rohstoffexport,
das scheint das Motto der vormaligen Energie- und Bergbauministerin zu sein.

Den Preis bezahlen Kleinbauern, Fischer, Indigene. Es ist ein
umweltpolitisches Rollback von gigantischen Ausmaßen. Bisher gibt es auch
keinerlei Anzeichen, dass Brasilien seine Gastgeberrolle beim Umweltgipfel
Rio+20 dazu nutzen könnte, um sich als grüne Supermacht zu positionieren.

Nun bietet das üble Vorgehen der Agrarlobby Rousseff die Chance, ein
eigenes, modernes Waldgesetz vorzulegen, das Umweltschutz und
rechtsstaatliche Standards über das Profitstreben und die Wildwestmethoden
des Agrobusiness stellt. Es ist die bislang größte Feuerprobe ihrer
Amtszeit.

--
Amazonien in der Satellitenaufnahme. Es zeigt die in den Regenwald
geschlagenen Straßen, das charakteristische Fischgrät-Muster verdeutlicht
die Systematik der Abholzungen
http://en.wikipedia.org/wiki/File:Amazonie_deforestation.jpg
Foto: Nasa
--

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[*] www.npla.de/de/poonal/3774-marina-silva




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