die tageszeitung
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* 24.06.2012

Machtwechsel in Paraguay

Kalter Putsch oder legitimer Wechsel?

Das Parlament in Asunción setzt Staatschef Lugo ab und wählt mit Franco
einen Rechten. Das geht den Nachbarländern zu schnell. Bundesminister Niebel
hat keine Bedenken

von Gerhard Dilger

PORTO ALGRE taz | Ausgerechnet Dirk Niebel durfte beim jüngsten
Putschversuch in Lateinamerika eine prominente Nebenrolle spielen. Stand der
FDP-Mann auf dem Rio-Gipfel noch im Schatten von Umweltminister Peter
Altmaier, so traf er am Samstag gerade recht in Paraguay ein - einen Tag,
nachdem der linke Präsident und Exbischof Fernando Lugo vom Parlament in
einem höchst umstrittenen Schnellverfahren abgesetzt worden war.

Als erster ausländischer Staatsgast wurde Niebel in Asunción von Lugos
Ex-Vize und derzeitigem Nachfolger, dem Rechtsliberalen Federico Franco
empfangen. „Mein erster Eindruck ist, dass der Amtswechsel nach den Regeln
der Verfassung abgelaufen ist“, erklärte Niebel anschließend, die eindeutige
Parlamentsmehrheit für die Amtsenthebung sei ein „klares politisches
Signal“.

Flugs verbreiteten südamerikanische Medien, als erstes Land habe Deutschland
das neue Staatsoberhaupt anerkannt. Niebel hatte dies zwar ausdrücklich
bestritten, doch stellte er sich klar gegen die in Lateinamerika
vorherrschende Beurteilung der Krise. Dort stößt der handstreichartig
vollzogene Wechsel an der Staatsspitze auf einhellige Kritik, Lugo selbst
bezeichnet ihn als „parlamentarischen Putsch“.

Auch Argentiniens Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner sprach von
einem Staatsstreich und zog ihren Botschafter aus Asunción ab. Dilma
Rousseff rief Brasiliens Botschafter zu Konsultationen nach Brasília.
Bolivien, Ecuador und Venezuela verurteilten den „Putsch“ ebenfalls. Andere
Staatschefs aus der Region formulierten ihre Missbilligung diplomatischer.
Die EU-Außenauftragte Catherine Ashton stellte sich ebenfalls auf die Seite
Lugos: Sie rief alle Beteiligten dazu auf, den „demokratischen Willen des
paraguayischen Volkes zu respektieren“.

Aus dem Weg geräumt

In Asunción nutzte das Establishment die Gunst der Stunde, um den populären
Befreiungstheologen in seinem vierten Amtsjahr aus dem Weg zu räumen. 2008
hatte Lugo die 61-jährige Herrschaft der Colorado-Partei beendet, doch
Parlament, Justiz, Militär, Polizei und Medien blieben fest in der Hand des
konservativen Bürgertums.

Lugo verbesserte das Gesundheitswesen, trotzte Brasilien höhere Strompreise
für die Wasserkraft aus dem Itaipñ-Stausee ab und kann Erfolge bei der
Korruptionsbekämpfung vorweisen. Sein wichtigstes Projekt allerdings, die
Agrarreform, blockierten seine Gegner.

Die Landwirtschaft wird von Großgrundbesitzern und transnationalen Konzernen
kontrolliert, Paraguay ist der viertgrößte Sojaexporteur der Welt. Als die
Polizei am 15. Juni eine Landbesetzung beendete, kam es zu einem
Feuergefecht, bei dem elf Kleinbauern und sechs Polizisten starben. Daran
sei der Staatschef schuld, sagt die Opposition.

In nur zwei Tagen machten die Colorados und die ehemals verbündeten
Liberalen Lugo den Prozess. Als die vollauf mit dem Rio+20-Gipfel
beschäftigten Regierungen der Nachbarländer am Donnerstag abend ihre
Außenminister nach Asunción schickten, war es bereits zu spät. Paraguays
Traditionsparteien, die sich von dem Präsidentenwechsel Vorteile im bereits
laufenden Wahlkampf versprechen, hielten an dem Amtsenthebungsverfahren
fest.

Solch ein Verfahren ist zwar von der Verfassung gedeckt, doch Lugo habe
keine faire Chance gehabt, sich gegen die Vorwürfe zu verteidigen, finden
Südamerikas Präsidenten. „Ich habe das ungerechte Urteil um des Friedens und
der Gewaltfreiheit willen akzeptiert“, erklärte Lugo in der Nacht auf
Sonntag. Als während des Schnellverfahrens Tausende Anhänger das
Parlamentsgebäude umringt hatten, waren auf den Dächern Scharfschützen
postiert. In wenigen Tagen wollen die Mercosur-Länder auf ihrem Gipfel in
Argentinien über einen Ausschluss Paraguays beraten.

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http://www.taz.de/!96161/

* 26.06.2012

Paraguays Staatschef ist unerwünscht

„Bruch der demokratischen Ordnung“

Fernando Lugo in Bedrängnis: Das südamerikanische Wirtschaftsbündnis
Mercosur will Sanktionen gegen Paraguays Präsident beschließen

von Gerhard Dilger

PORTO ALEGRE taz | Die Mitte-links-Regierungen des südamerikanischen
Wirtschaftsbündnisses Mercosur stecken in der Zwickmühle. Am Freitag wollen
sie im argentinischen Mendoza Sanktionen gegen Paraguays neue Regierung
beschließen, die nach der dubiosen Amtsenthebung des linken Präsidenten
Fernando Lugo gebildet wurde.

Lugos vereidigter Nachfolger Federico Franco und seine Minister sind auf dem
erweiterten Gipfel, zu dem alle Staatschefs Südamerikas geladen sind,
unerwünscht.

Lugo hingegen, der am Montag ein Schattenkabinett bildete und den
friedlichen Widerstand gegen die neuen Machthaber anführt, wird über seinen
Sturz berichten. Der 61-Jährige nennt ihn „Express-Staatsstreich“.

Ein historischer Wahlsieg

„Ich habe noch nie einen Prozess erlebt, in dem ein Präsident in 24 Stunden
abgesetzt wurde, dessen Wahl 60 Jahre gedauert hat“, sagte Brasiliens
Expräsident Lula da Silva. Er spielt auf Lugos historischen Wahlsieg 2008
an, mit dem der „rote Bischof“ das 61-jährige Regime der Colorado-Partei
beendet hatte.

Brasiliens Regierung hat sich für die Sprachregelung „Bruch der
demokratischen Ordnung“ entschieden. Man werde „im Konsens“ mit den
Mercosur-Nachbarn vorgehen, sagte Präsidentschaftsminister Gilberto Carvalho
am Montag.

Gerüchte über einen Ausschluss des Gründungsmitglieds Paraguay aus dem
Mercosur, auf den vor allem Argentinien drängt, wollte er nicht bestätigen.

Auf dem falschen Fuß erwischt

Präsidentin Dilma Rousseff, deren Diplomaten von Lugos Sturz auf dem
falschen Fuß erwischt wurden, steht unter Druck der brasilianischen Rechten,
vor allem der Vertreter des Agrobusiness.

Die 400.000 „Brasiguayos“ betrachten Franco als einen der Ihren. Die
teilweise seit mehreren Generationen in Paraguay ansässigen, meist aus
Südbrasilien stammenden Farmer sind die treibende Kraft hinter dem
Gensojaboom, der Paraguay zum viergrößten Sojaexporteur gemacht hat.

Lugo verzeihen sie seine Nähe zu den Kleinbauern nicht, obwohl diese in der
Praxis meist folgenlos blieb.

In Paraguays Hauptstadt Asunción erklärte derweil der Oberste Gerichtshof
Lugos Absetzung für rechtens. Das Auswärtige Amt in Berlin sieht noch
Aufklärungsbedarf – anders als Entwicklungsminister Dirk Niebel, der Franco
als erster Staatsgast besuchte.

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http://www.taz.de/!96010/

* 24.06.2012

Minister Niebel nach Umsturz in Paraguay

Unsere Freunde, die Putschisten

Kommentar von Gerhard Dilger

Was sich Dirk Niebel in Asunción erlaubt hat, ist ein Skandal. Obwohl am
Freitag der Parlamentsputsch gegen Präsident Fernando Lugo in vollem Gang
war, hielt der Entwicklungsminister an seiner geplanten Reise nach Paraguay
fest und ließ sich von Lugos illegitimem Nachfolger Federico Franco
empfangen.

Was von den Regierungen Südamerikas als klarer Verstoß gegen die
demokratische Ordnung verurteilt wurde, bekam Niebels Segen. Dass er damit
in einer Reihe mit Spaniens rechter Regierung und dem Vatikan steht, macht
es nicht besser.

Die Absetzung Lugos stellt nach dem gescheiterten Putschversuch gegen Hugo
Chávez 2002 und dem Säbelrasseln gegen Rafael Correa 2010 einen für
Südamerika höchst gefährlichen Präzedenzfall dar. Doch Niebel will zur
Tagesordnung übergehen, als handle es sich um ein Misstrauensvotum in einer
westeuropäischen Demokratie.

Seine Empfehlungen, „mit einer Politik der ausgestreckten Hand“ um Vertrauen
zu werben oder gar „die Landreformen fortzusetzen“, muss jedem Kenner des
Landes als blanker Hohn erscheinen. Franco hat in den letzten Jahren genau
das Gegenteil getan und mit aller Macht den Keil in Lugos Bündnis mit den
Liberalen getrieben. Er ist ein Vertreter jener korrupten Oligarchie, die
gerade in der Landfrage die bescheidensten Reformbemühungen des konzilianten
Kirchenmannes Lugo torpediert hat.

2009 begrüßten die Friedrich-Naumann-Stiftung und hochrangige FDP-Politiker
den Putsch gegen den gewählten sozialliberalen Präsidenten Manuel Zelaya in
Honduras. Nun fällt der Entwicklungsminister in Paraguay einem weiteren
gemäßigten Linkspolitiker in den Rücken und schlägt sich auf die Seite von
alteingesessenen korrupten Eliten. Im Vergleich dazu ist die Affäre um
Niebels Afghanen-Teppich eine Lappalie.

Gerhard Dilger ist Südamerikakorrespondent der taz.




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