Blickpunkt Lateinamerika
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11.07.2012

Bolivien

»Ich war schon immer gegen Ungerechtigkeiten«

Elizabeth »Eli« Cristina Salguero Carrillo [1] hat diesen Mittwoch ihre
offizielle Akkreditierung als Botschafterin des Plurinationalen Staates
Bolivien in Deutschland entgegengenommen. In Berlin sprach Benjamin Beutler
mit ihr über Evo Morales, Buen Vivir und globale Ungerechtigkeiten.

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Elizabeth »Eli« Cristina Salguero Carrillo - seit dem 11. Juli 2012
bolivianische Botschafterin
http://www.blickpunkt-lateinamerika.de/cms/media//image/carillo.jpeg
Foto: Meike Graefe [*]
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Blickpunkt Lateinamerika: In Berlin ist nur knapp jede zehnte Botschafterin
eine Frau. Was ist ihr Werdegang vor ihrem Einstieg in die große Politik?

Elizabeth Salguero: Ich bin eigentlich studierte Journalistin und bin im
argentinischen Cordoba zur Uni gegangen. Über ein Stipendium habe ich danach
das Institut für Regionalentwicklung in Karlsruhe besucht. In Deutschland
habe ich darum insgesamt vier Jahre gelebt, unter anderem in Freiburg. Nach
meiner Rückkehr nach Bolivien arbeitete ich mehrere Jahre in
Nichtregierungsorganisationen, die sich für Indigenen- und Frauenrechte
einsetzen. Den wichtigsten Posten in diesem Gebiet hatte ich wohl als
Vertreterin aller Frauenrechtsorganisationen Boliviens auf der
Frauenrechtskonferenz der Vereinten Nationen in Peking 1995 inne. Danach war
ich auch als Autorin und Redakteurin für Zeitungen, Radio und TV unterwegs.

Über 60 Prozent von zehn Millionen Bolivianern bezeichnen sich als
»indigen«. Woher kommt ihr persönliches Interesse für die indigene Sache?

Ich war schon immer gegen Ungerechtigkeit. In meinem Land sind die Indigenen
die am meisten Diskriminierten, die am meisten Ausgeschlossenen. Sie leiden
am meisten unter Ungerechtigkeit und Ungleichheit. Bisher war Bolivien ein
zutiefst rassistisches Land. Die Tatsache, indigene Gesichtszüge oder
Identität zu haben, führte dazu, als ein Staatsbürger zweiter Klasse
betrachtet und behandelt zu werden. Während meiner früheren Arbeit habe ich
feststellen müssen, dass es ganz klar die Frauen sind, die Hauptzielscheibe
dieser sehr starken Diskriminierung sind: Als Indigene, als Frauen und als
Arme. Sicher bin ich darüber wohl endgültig zur Feministin geworden.

In Deutschland gehen die Urteile über Boliviens Präsidenten Evo Morales
stark auseinander, die Etiketten reichen von Sozialist, Anti-Kapitalist,
Indigenist über Sozialdemokrat, Populist bis autoritärer Anti-Demokrat ...

Also mit der »Bewegung zum Sozialismus« [2] hat Bolivien eine klar
sozialistische Regierung. Die ideologische Orientierung des MAS begründet
sich in dem Ziel, das Land in eine soziale Volkswirtschaft umzuwandeln.
Produktivität, Solidarität und Würde werden in den Mittelpunkt gestellt. Den
Bolivianern und Bolivianerinnen soll ihre Würde wiedergegeben werden. Das
wollen wir über das »Vivir Bien« [3] (Anmerk. d. Red.: Das Gute Leben)
schaffen. »Vivir Bien« heißt nicht etwa »besser leben«, sondern »gut« leben,
und das, indem die bisher ausgeschlossenen Mehrheiten mit eingeschlossen
werden, im bolivianischen Fall die Indigenen und Frauen. Diese Idee und die
gesamte Ideologie des MAS finden sich in der neuen Verfassung Boliviens [4]
wieder, die im Januar 2009 per Volksabstimmung verabschiedet wurde. Und die
nicht von einer kleinen Expertengruppe, sondern von einer direkt gewählten
Verfassunggebenden Versammlung ausgearbeitet wurde.

Nun ist im »neuen« Bolivien viel vom »Prozess des Wandels« die Rede. Bei
einem Wandel wird gewöhnlich von einem »Alten«, das es zu überwinden gilt,
ausgegangen ...

Das ist natürlich der Neoliberalismus. Wirtschaftlich gesprochen war in
Bolivien die gesamte Wirtschaft »liberalisiert«, im direkten Wortlaut für
den Markt »befreit«, und das ohne Schranken. Alle Staatsfirmen wurden in den
1990er Jahren privatisiert und gingen in die Hand von Multis und Privaten
über. Der große Wandel ist also genau der, dass die Bodenschätze und
strategisch wichtigen Wirtschaftsunternehmen in Telekommunikation, Bergbau,
Wasser, Strom, Zement, Papier usw. zurück unter staatliche Kontrolle
gekommen sind oder neu gegründet wurden. Nur so kann aus unserer Sicht der
zweite Schritt des Wandels gelingen, nämlich die Schaffung des Sozialstaats
über Umverteilung von Reichtum. Das passiert heute über staatliche
Zahlungsprogramme. Auf den ersten Blick mögen diese Zuwendungen als purer
staatlicher Assistenzialismus erscheinen. Doch angesichts des Ausmaßes der
Armut in Bolivien sind sie eine unverzichtbare Notwendigkeit. Auch wenn noch
ein weiter Weg vor uns liegt, seit Antritt der MAS-Regierung haben 1,4
Millionen Bolivianer die absolute Armut hinter sich gelassen.

Unverzichtbar für eine funktionierende Wirtschaft ist Infrastruktur. Reis
und Fleisch etwa werden im fruchtbaren Amazonas-Tiefland hergestellt und
müssen im Andenland, das immerhin dreimal so groß wie Deutschland ist, aber
kaum Straßen hat, unter die Leute gebracht werden. Heute gibt es heftigen
Widerstand gegen den Bau einer Verbindungsstraße, die durch TIPNIS [5]
verlaufen soll.

Lassen Sie mich eines vorweg schicken. Zum ersten Mal wird in Bolivien
Politik auch für die ländlichen Regionen gemacht. Heute kommt der Staat in
den früher abgeschriebenen Gebieten an. Die große Herausforderung im
TIPNIS-Fall [6] ist jetzt, die dort lebenden Menschen zu fragen, ob sie eine
Straße wollen oder nicht. Wenn die Mehrheit entscheidet, dass sie keinen
Zugang zu Gesundheit, Bildung und Grundversorgung haben wollen, dann sage
ich: Wunderbar. Das ist ihre eigene Entscheidung. Das wichtige ist eine
demokratische Volksbefragung. Der aktuelle Protestmarsch gegen den
Straßenbau aber ist gegen eine geplante Konsultation [7]. Das ist – finde
ich – das Anti-Demokratischste, was es eigentlich gibt. Überhaupt ist das
Bild vom TIPNIS-Park im unberührten Zustand ein Mythos. Selbst Funktionären
des Protestmarsches wurde der illegale Handel mit Tropenholz und Jagd nach
seltenen Tieren nachgewiesen. Mehr öffentliche Kontrolle im TIPNIS, auch
durch eine Straße, das wäre hilfreich.

Nun wird vom ecuadorianischen Politiker Alberto Acosta heute der Vorwurf [8]
erhoben, Linksregierungen in Ecuador, Venezuela und Bolivien würden einem
umweltzerstörerischen Entwicklungsmodell anhängen, was wegen des Festhaltens
an Rohstoff-Förderung zur Finanzierung der Sozialprogramme als
»Neo-Extraktivismus« [9] gebrandmarkt wird. Ist das linke Bolivien mehr
Umweltsünder als zu neoliberalen Zeiten?

Dafür müssten zuallererst die Umweltschäden wissenschaftlich-empirisch
vergleichbar gemacht werden. Sonst reden wir nur in die leere Luft hinein.
Fundamentales Prinzip, auch auf internationaler Ebene wie beim jüngsten
Rio+20-Gipfel in Brasilien, ist für die MAS-Politik der Schutz der Mutter
Erde, der Pachamama [10]. Aber sollen wir es sein, die die Bodenschätze in
der Erde lassen, während der reiche, industrialisierte Norden die Umwelt
weiter schädigt? Es muss uns doch erlaubt sein, Mutter Erde rational und
nachhaltig für eine ausgeglichene Entwicklung zu nutzen. Das ist eine Frage
globaler Gerechtigkeit. Seit dem Kyoto-Klima-Abkommen 1997, wer hat da seine
Verpflichtungen in Sachen Reduzierung der CO2-Emmissionen eingehalten? Die
entwickelten Länder waren das sicher nicht. Ich erinnere mich da an eine
alte Karikatur [11], die das Verhältnis zwischen Norden und Süden auf den
Punkt bringt: Gutgenährte Menschen im Norden rufen »Kein Ozon!«. Was ein
Kind im Süden mit einem Wort erwidert: »Hunger!« Darum glauben wir auch
nicht an den CO2-Emissionshandel. Wir sollen hier Naturparks und Reservate
schaffen. Während der Norden die Umwelt weiter verpestet, sterben wir vor
Hunger, nur weil wir die »Lunge der Menschheit« bewahren sollen. Das ist
doch ungerecht. Das Problem der Erderwärmung muss von den Industrieländern
gelöst werden. Sie sind die größten Verschmutzer, haben aber auch die
Technologien dafür. Worum es also geht: Wir brauchen die Bodenschätze, um
gut und in Würde leben zu können. Entlegene Gemeinden wie im TIPNIS haben
das Recht auf Strom, Trinkwasser und Fortschritt. Sie sind es, die
entscheiden, ob sie weiter auf den Bäumen leben wollen. Es kann aber nicht
angehen, dass wir aus den Städten die Öko-Fahne schwenken zu Lasten der
Menschen auf dem Land.

Interview: Benjamim Beutler

[*] http://www.fotograefe.com/

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[1] http://www.wikipedia.org/wiki/Elizabeth_Salguero
[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Movimiento_al_Socialismo
[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Vivir_bien
[4] http://de.wikipedia.org/wiki/Bolivien#Verfassung
[5] http://de.wikipedia.org/wiki/TIPNIS
[6] http://www.blickpunkt-lateinamerika.de/dossiers/tipnis/
[7] http://tinyurl.com/cgmca9g
[8] http://amerika21.de/nachrichten/2011/08/38998/bergbau-ecuador-zahlungen
[9] http://de.wikipedia.org/wiki/Extraktivismus#Neo-Extraktivismus
[10] http://de.wikipedia.org/wiki/Pachamama
[11] http://www.crp-infotec.de/04entw/basics/grafs/ozonlochkarikatur.gif




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