On Friday, March 08, 2013 11:18 AM, Giuliana Giorgi 
[mailto:[email protected]] wrote: 

Hallo.

Ich denke, um das Phänomen Beppe Grillo zu verstehen, muss man tiefer in die 
Geschichte Italiens graben. Ich habe den Eindruck, mit diesem Sieg des 
Movimento 5 Sterne holen die Italiener die französische Revolution jetzt nach: 
die Bürger werden aktiv, wollen sich von der Politiker-Kaste nicht mehr 
schamlos ausbeuten lassen. Sie mischen sich endlich ein!

Es ist nicht zu weit her geholt, von der nachgeholten Bürger-Revolution zu 
reden. Italien wurde zwar 1861 von einem aufgeklärten König von Savoyen 
gegründet, aber Aufklärung, Gewaltenteilung, konstitutionelle Monarchie mit 
einer Verfassung und Bürgerrechten waren im ehemaligen Kirchenstaat (Latium + 
Mittelitalien) und erst recht im bourbonischen "Königreich der zwei Sizilien" 
nicht nur Fremdwörter, sie waren gehasst bis zur Hysterie. Die Bourbon-Könige 
fürchteten so sehr die Ansteckung mit dem "Bazillus" der Aufklärung, dass sie 
keine Straßen von ihrem Königreich nach Norden hatten bauen lassen.

Nach der Einigung wurde zwar im feudalistischem Süden der Adel entmachtet, aber 
seine privaten Armeen wurden nicht entwaffnet: sie blieben vor Ort und sorgten 
für die Erhaltung dessen, was sie als "gottgegebene Gesellschaftsordnung" 
hielten, nämlich eine feudalistische "Ordnung" mit Herrschern und Leibeigenen, 
entrechteten Untertanen. Diese privaten, feudalistischen Armeen haben trotz 
allem geschickt bis heute überlebt, als Mafia-Organisationen.

Dieses System hat nach und nach die Politik in Rom unterwandert und äußert sich 
in Klientelismus und Korruption. Das sind Überreste des Feudalismus in neuem 
Gewand: der Herrscher gewährt gütig den treuesten seiner Untertanen 
Gefälligkeiten und Privilegien. Er ist wiederum bereit, gütig Gefälligkeiten 
denjenigen zu gewähren, die gut genug zahlen.

Das ist das politische System, das Beppe Grillo anprangert. Die Bürger kommen 
in diesem System nicht vor. Da gibt es nur Herrscher und Entrechtete. Den 
Entrechteten erlaubt mal ein Referendum zu gewinnen (z.B. gegen die 
Parteienfinanzierung durch den Staat), dann erfinden allerdings die Politiker 
einen Trick, um das Ergebnis des Referendums zu umgehen: Parteienfinanzierung 
wird umbenannt in "Erstattung der Kosten für die Wahlkampagne" und die Parteien 
kassieren nach wie vor Millionen zum Nachteil der Bürger.

Usw. Angesichts der Gehälter, die sich die Politiker in Italien genehmigen, ist 
es durchhaus gerechtfertigt zu sagen, dass sie in einer anderen Welt leben, den 
Kontakt zur Realität im Lande - wo immer mehr Kleinunternehmer Selbstmord 
begehen, weil sie nicht weiter wissen - völlig verloren haben. Wie das Ancième 
Regime, das 1789 in Paris vom wütenden Volk gestürzt wurde.

Die "Grillini", die bereits vor dieser Wahl in Regionalwahlen der Region 
Sizilien gewählt wurden, spenden 75% ihres Gehalts an einen Fonds, der Kredite 
an Kleinunternehmer der Region vergibt. (Sie behalten 2.500 Euro für sich). 

Die anderen Parteien werfen Beppe Grillo Populismus vor, weil ihnen nichts 
besseres einfällt, um ihn zu diskreditieren.

In ihrem Programm wollen die Grillini u.a. die 30-Stunden Woche und irgendeine 
Form von bedingungslosem Grundeinkommen. Sie wollen aber auch, dass 
strafrechtlich Verurteilte nicht dem Parlament angehören dürfen (was sie jetzt 
in großer Zahl tun). Populistisch?

Giuliana Giorgi


Am 08.03.2013 09:16, schrieb Greenhouse Infopool:

http://jungle-world.com/artikel/2013/10/47279.html

Jungle World Nr. 10, 7. März 2013

"Grillo bietet einfache Lösungen"

In seinem Buch "Un Grillo qualunque" (Irgendein Grillo) schildert Giuliano 
Santoro die Entstehung der Bewegung, die zur stärksten Partei im italienischen 
Parlament geworden ist. Mit der Jungle World sprach er über Beppe Grillo, seine 
Geschichte und die Widersprüche des Grillismus

INTERVIEW: FEDERICA MATTEONI

Ist Beppe Grillo wirklich ein "Überraschungssieger", wie ihn internationale 
Medien beschreiben?

Für mich ja, das muss ich ganz ehrlich zugeben. Ich gehöre nicht zu denjenigen, 
die den Sieg des Movimento 5 Stelle (M5S) prophezeit haben. Zumindest nicht in 
diesem Ausmaß. Schließlich haben drei bis vier Prozent der Stimmen von 
ehemaligen Mitte-Links-Wählern die Wahl entschieden. Das politische 
Establishment, vor allem die Demokratische Partei (PD), sowie auch die 
etablierten Medien haben das Phänomen bis zum Schluss unterschätzt. Als ich 
anfing, mein Buch zu schreiben, wurde auch ich behandelt, als würde ich mich 
für ein Randphänomen, eine politische Kuriosität interessieren. Hinterher sind 
alle schlauer, aber ich denke, die Wenigsten haben mit diesem Ergebnis 
gerechnet.

Der Movimento 5 Stelle wird unter anderem als "italienische Anomalie" 
bezeichnet. Fühlen Sie sich an 1994 erinnert, als Silvio Berlusconi sich der 
Politik zuwandte?

Der politische und gesellschaftliche Zusammenhang, in dem diese Bewegung 
entstanden ist, ist keine italienische Anomalie. Die wirtschaftliche und 
soziale Krise, die Existenzängste von Millionen von Menschen, das Misstrauen 
gegenüber der Politik, das in Grillos Sprache im Hass gegen die "Politiker" 
Ausdruck findet, die viel beschworene "Krise der politischen Repräsentation" 
und der Wunsch nach direkter Teilnahme am politischen Geschehen, das alles 
haben in den letzten Jahren etwa die "Occupy"-Bewegungen thematisiert, was man 
auch immer von ihnen halten mag. Der spezifisch italienische Charakter besteht 
in der populistischen Antwort auf diese Wünsche und Bedürfnisse, in der 
Faszination für den starken Mann, den Macher, der auf den Tisch haut und 
gleichzeitig schöne Geschichten und Witze erzählen kann. Die italienische 
Version des starken Mannes hat nichts Übermenschliches, ganz im Gegenteil: Er 
wirkt sympathisch und wird geliebt wegen seiner Fähigkeit, sich als "einer von 
euch" darzustellen, ganz unabhängig davon, was er in Wirklichkeit ist oder 
vertritt. Grillo ist in diesem Sinne ein Produkt der früheren großen 
italienischen Anomalie: des Berlusconismus.

Grillo stellt die "Politikerkaste" als den natürliche Feind des "einfachen 
Bürgers" dar. Jetzt ist die Bewegung, die mit dem "System" nichts gemein haben 
will, zur stärksten Partei im Parlament geworden. Ist das nicht eher das 
Gegenteil einer Krise der politischen Repräsentation?

Das ist einer der größten Widersprüche dieser Geschichte. In Grillos Erzählung 
werden die "normalen Bürger" als eine fast mystische Gemeinschaft imaginiert, 
die keine inneren Widersprüche kennt. Sie werden nur mit Tugenden wie 
Ehrlichkeit, Moralität und dem Interesse für das Gemeinwohl identifiziert. Der 
M5S hat seinen Ursprung zwar in der Politikverdrossenheit, aber Grillo hat es 
geschafft, einen Fetischismus der Wahl zu erzeugen, er hat die Wahlen in einen 
kathartischen Moment der Erneuerung für die gesamte Nation verwandelt. Deshalb 
trifft die Bezeichnung "Antipolitik", die oft für den M5S benutzt wird, nur 
bedingt. Vor zehn Jahren vertrat Grillo eine ganz andere Position, die aus der 
Globalisierungskritik stammte. Er nahm die multinationalen Konzerne ins Visier 
und behauptete, die Politik sei machtlos angesichts der Vorherrschaft der 
Ökonomie. "Was Sie im Supermarkt einkaufen, ist wichtiger als Ihr Kreuz auf dem 
Wahlzettel", lautete die Botschaft seiner Bühnen-Shows in den ersten Jahren des 
neuen Jahrtausends.

Grillo hat sich nicht nur der globalisierungskritischen Rhetorik bedient. 
Politisch ist er durch die Kampagnen etwa zum Thema der Gemeingüter bekannt 
geworden, und er hat sich sogar eine gewisse 'street credibility' verdient, 
nachdem er sich an den Protesten der No-Tav-Bewegung beteiligt hatte. Wie hat 
er es geschafft, sich die Themen, die Sprache und das Imaginäre der sozialen 
Bewegung anzueignen und daraus seine eigene Narration zu machen, die, wie 
ständig behauptet wird weder rechts noch links sei?

Grillo hat bestimmte Themen, die Ende der neunziger Jahren mehrheitsfähig 
geworden waren, aufgegriffen und sie in einen neuen diskursiven Zusammenhang 
gestellt. Er reduziert die Komplexität der sozialen und ökonomischen 
Verhältnisse auf die binäre Darstellung des Bürgers, der von der Macht 
schikaniert wird. Wie kann man sich vor diesem Monster schützen? Grillo bietet 
einfache Lösungen: ein bisschen Ökologie, eine Wirtschaft, die nach den 
Prinzipien des gesunden Menschenverstands funktionieren und die Interessen der 
Kleinen schützen soll, Partizipation durch Vernetzung. Viele Leute, die sich in 
der sehr heterogenen Welt der No-Global-Bewegung der neunziger Jahre 
politisiert haben, fühlten sich von diesen Themen angesprochen. Ich habe diese 
Rekontextualisierung linker Diskurse mit dem Begriff des 'frame' von George 
Lakoff beschrieben. Klassenunterschiede, Kategorien wie rechts und links 
gehören in Grillos Narration zur "alten" Politik. So wie der Umgang mit der 
faschistischen Vergangenheit. Als ein Militanter der neofaschistischen 
Organisation Casa Pound ihn fragte, ob er sich als Antifaschist bezeichne, 
antwortete Grillo, Antifaschismus gehöre nicht zu seinen Kompetenzen und die 
Aufnahme ehemaliger neofaschistischen Militanter in den M5S sei kein Tabu, 
solange man in konkreten Programmpunkten übereinstimme. Abgesehen vom 
Business-Jargon, der hier unfreiwillig komisch wirkt, ist diese Aussage weniger 
als Beweis für den angeblichen faschistischen Charakter des M5S zu deuten, 
sondern eher als Beispiel des 'frame' "weder rechts noch links", das im Namen 
eines postideologischen Pragmatismus verwendet wird.

Der M5S gibt sich als eine radikale Bewegung, die keine Kompromisse mit der 
"Kaste" schließen wird. Wollen die "beliebigen Bürger" wirklich alle den Bruch 
mit dem alten System?

Ich vermute nicht, sie sind in Wirklichkeit viel gemäßigter als ihr brüllender 
Anführer. Unter den Wähler des M5S finden sich mehr Konservative, als man 
vermuten würde. Wie oft hat man den Satz gehört, Grillo sei nicht der 
Stilvollste, aber er nenne die Dinge beim Namen und sei ein Pragmatiker. Dieser 
Fetischismus der Effizienz ist ein wesentlicher Aspekt von Grillos Diskurs. 
Pragmatismus und Leck-mich-Rhetorik halten die Basis des M5S zusammen. Wie 
lange das gutgehen wird, hängt von der Fähigkeit des Anführers ab, diese beiden 
Seelen zu bedienen, wie bei jeder Bewegung mit einer starken Führung.

Womit wir beim Führungsstil des Herrn Grillo wären. Wie ist der M5S organisiert?

Die Gründungsprinzipien und die organisatorischen Infrastruktur des M5S sind im 
so genannten "Nicht-Statut" festgehalten, einem Dokument, das von Grillo und 
dem Web-Unternehmer Gianroberto Casaleggio verfasst worden ist. Die Bewegung 
hat keine Büroräume, in denen sich die Mitglieder treffen. Alles dreht sich um 
den Begriff der liquid democracy. Reale Treffen der Anhänger des M5S finden nur 
auf lokaler Ebene statt, ansonsten kommuniziert und organisiert man sich man 
auf dem sozialen Netzwerk Meetup. Während die Aktivisten auf ihrem Territorium 
mehr oder weniger frei sind, zu tun, was sie wollen, gibt es nur ein Organ, das 
berechtigt ist, für die gesamte Bewegung zu sprechen, und das ist die private 
Website von Beppe Grillo, die oft Blog genannt wird, allerdings nicht die 
offene Struktur eines Blogs aufweist. Niemandem wurde bisher erlaubt, eine 
offenere Kommunikationsform zu entwickeln. Im Wahlkampf wurde es den Kandidaten 
sogar verboten, sich an politische Talkshows zu beteiligen, nur kurze 
Interviews zu bestimmten Punkten des Programms wurden genehmigt. Die 
Auseinandersetzung mit Journalisten und politischen Gegnern ist somit wieder 
mit Hilfe der Rhetorik der "korrupten Kaste", zu der auch die Medien gehören, 
geschickt vermieden worden. Faktisch ist Grillo der einzige, der zur 
Öffentlichkeit spricht, was jetzt nach der Wahl zu paradoxen Situationen führt: 
Obwohl nicht Grillo, sondern 150 Mitglieder des M5S ins Parlament eingezogen 
sind, bleibt er der einzige, der mit Gegnern oder potentiellen Verbündeten 
spricht und die Linie der Partei bestimmt.

Welche Rolle spielt Gianroberto Casaleggio für den M5S?

Er ist die perfekte Ergänzung zu Grillo, der der M5S eine Stimme, ein Gesicht, 
einen Körper gibt. Casaleggio, der als Experte für Webmarketing die Dynamik des 
Internet sehr gut kennt, verkauft die Marke. Er weiß zum Beispiel, dass im 
Gegensatz zu dem, was Grillo propagiert, das Web kein mystischer Ort der 
direkten Demokratie ist, in dem alle gleich sind und gleich zählen. Grillos 
digitaler Fetischismus benutzt das Netz als identitäres Element, während jemand 
wie Casaleggio weiß, dass auch im Netz Macht- und Besitzverhältnisse sowie 
Hierarchien herrschen. Der M5S ist außerdem das perfekte Beispiel dafür, wie 
das kommunikative Modell des Fernsehens im Netz funktionieren kann: Die 
Kommunikation ist frontal, keine Interaktion ist vorgesehen, es gibt nur 
Zuschauer und Zuhörer. Als das Internet und die sozialen Netzwerke zu 
Massenphänomenen wurden, fing Grillo an, das Netz wie das Fernsehen zu 
benutzen. Dabei hat er sehr geschickt den Eindruck der Teilnahme erzeugt. 
Wissen Sie, wie der M5S die Kandidaten für die Parlamentswahlen ausgewählt hat? 
Diese sollten ein kurzes Bewerbungsvideo auf Youtube hochladen, darüber wurde 
dann online abgestimmt. Ähnlich wie bei einer Casting- oder Reality-Show.

In Ihrem Buch schreiben Sie, Grillo sei "die Fortsetzung von Berlusconi mit 
anderen Medien" .

Nein, ich schreibe, diese Beschreibung wäre zu einfach. Aber ich versuche zu 
analysieren, wie Grillo ohne das Fernsehen sowohl als Komiker als auch als 
Politiker kaum denkbar wäre. Auch dieser Mythos, dass Grillo nicht im Fernsehen 
auftritt, ist Teil des Images des einsamen Kämpfers gegen das System. Weil er 
und seine Kandidaten sich keiner Debatte gestellt haben, wurden die Zuschauer 
von den Nachrichtensendern mit den Aufnahmen der "Tsunami-Tour" (so lautete der 
Titel von Grillos Wahlkampftournee durch Italien, Anm. d. Red.) regelrecht 
bombardiert, mit dem brüllenden Volkstribun und den mit jubelnden Zuschauern 
gefüllten Piazze. Grillo war im Fernsehen präsenter als jeder anderer 
Politiker, mit Ausnahme vielleicht von Berlusconi. Insofern trifft auch die 
Bezeichnung "digitaler Populist" für Grillo nicht ganz. Ich versuche, dieses 
Konzept möglichst neutral zu benutzen. In Grillos Fall ist Populismus kein 
Synonym für Faschismus. Ein Populist ist er eher in der lateinamerikanischen 
Fassung des Begriffs. Er hat einen Konsens um seine Person gebildet, Casaleggio 
hat ihm mit den Strategien des 'viral webmarketing' geholfen. Gleichzeitig war 
Grillo alles andere als eine virtuelle Figur: Er hat Plätze gefüllt und in 
seinen One-Man-Shows den Eindruck vermittelt, er gehe unter die Leute, er 
mische sich mit ihnen, er sei ein Teil von ihnen.

In Teilen der außerparlamentarischen Linken freut man sich über den Sieg des 
M5S, den man als Ausdruck der Ablehnung der europäischen Sparpolitik deutet. 
Sehen diese Leute Grillo als Boten des kommenden Aufstands?

Dass viele Leute Grillo gewählt haben, weil sie das vor den Wahlen erwartete 
Ergebnis einer gemäßigten, von Mario Montis Bündnis unterstützten 
Mitte-Links-Regierung vermeiden wollten, ist korrekt. Dass dies als ein Zeichen 
für eine vorrevolutionäre Situation in Italien interpretiert wird, zeigt, dass 
die radikale Linke den Grillismus nicht verstanden hat. Grillos Bewegung 
kanalisiert Wut, Frustrationen und Ängste, ohne das System und dessen 
Herrschaftsmechanismen radikal in Frage zu stellen.

Mehr zum Thema:
CATRIN DINGLER: Der Feind meines Feindes. Über den Wahlsieg von Beppe Grillo
http://jungle-world.com/artikel/2013/10/47278.html




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