Der Tagesspiegel
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Klima der Konfrontation

02.09.2013 00:00 Uhr

Wie viel Kritik muss eine Behörde aushalten?

von Ralf Nestler

Darf eine Behörde Journalisten öffentlich vorführen, die etwas anderes
schreiben als das, was als breiter Konsens gilt? Diese Diskussion wurde im
Mai hitzig geführt, nachdem das Umweltbundesamt (Uba) in der Broschüre „Und
sie erwärmt sich doch“ fünf Publizisten unter der Überschrift
„Klimawandelskeptiker in Deutschland“ namentlich aufzählte [1]. Nun, vier
Wochen vor dem neuen Sachstandsbericht des Weltklimarates, flammte der
Disput wieder auf, bei einer Veranstaltung der Wissenschaftspressekonferenz
in Berlin. Die Vereinigung von Fachjournalisten hatte, wie auch der Deutsche
Journalistenverband, das Uba kritisiert.

Am Donnerstagabend stellte sich der Uba-Pressesprecher Martin Ittershagen
der Diskussion und verteidigte die Broschüre.

Sie beantwortet auf den ersten knapp hundert Seiten typische kritische
Fragen wie „Ist der vulkanische CO2-Ausstoß nicht bedeutender als der des
Menschen?“. Dann folgt ein weiterer Teil, in dem unter anderem Michael
Miersch und Dirk Maxeiner als „Klimaskeptiker“ benannt werden. „Wir wollten
keinen Journalisten vorführen“, sagte Ittershagen. „Das ist vom
mittelalterlichen Pranger sehr weit entfernt.“

Das sähen viele Kollegen anders, entgegnete Sven Titz, freier
Wissenschaftsautor (unter anderem für den Tagesspiegel). „Es ist völlig in
Ordnung, bei falschen Darstellungen die Fehler konkret zu benennen.“ Etwa
durch Leserbriefe, E-Mails oder eigene Beiträge. „Aber es steht einer
Behörde nicht gut an, gewissermaßen von Amts wegen festzustellen, dass ein
Journalist nicht den richtigen Stand der Wissenschaft wiedergibt.“ In der
Tat seien die Äußerungen der betroffenen Journalisten, etwa zum angeblich
großen Einfluss der Sonne auf das Klimageschehen, fragwürdig. Doch diese
Spannung müsse eine Behörde aushalten.

Im Publikum jedoch wurde der Schritt des Uba, die Namen der Autoren zu
nennen, eher verteidigt. Sie würden selbst die Provokation suchen und
sollten sich nun nicht so zimperlich haben, so der Tenor. Und wie es denn
überhaupt dazu komme, dass Minderheitenmeinungen so viel Platz in den Medien
erhielten? „Weil diese so funktionieren“, antwortete Christopher Schrader
vom Wissen-Ressort der „Süddeutschen Zeitung“. Journalisten neigten dazu,
Dinge „gegen den Strich zu bürsten“, weshalb marginale, aber provokante
Meinungen verhältnismäßig mehr Raum bekämen. Es war offensichtlich, dass
dieses Phänomen ihn persönlich eher unglücklich machte. Doch auch er verwies
darauf, dass es in Klimafragen keine letztgültige Wahrheit gibt. „Alle
wissenschaftlichen Fakten sind auf einem gewissen Niveau unsicher, selbst
Einsteins Relativitätstheorie.“

Ob das Uba bei der nächsten Broschüre genauso verfahre, ließ Ittershagen
vorerst offen: „Hinterher ist man immer schlauer.“ 

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[1] http://www.fr-online.de/1473244,22845626.html




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