Potsdamer Neueste Nachrichten
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03.09.2013 

Welzow Süd II: Katastrophe mit Ansage?

Ein Gutachten zu dem vom Energiekonzern Vattenfall geplanten Tagebau im
Süden Brandenburgs bestätigt das Risiko großflächiger Rutschungen. Ein
Szenario, das an das Unglück von Nachterstedt im Jahr 2009 erinnert

von Matthias Matern

COTTBUS/POTSDAM - Die Zukunft von Lieske steht auf der Kippe. Nur eine
kleine Fehlerstelle in der Dichtwand und dem kleinen Lausitzer Dorf
(Spree-Neiße) droht eine Flutkatastrophe, ist sich der Diplom-Geologe und
Geochemiker Ralf Krupp sicherer denn je. Nachdem sich der Wissenschaftler
bereits 2012 für die Umweltschutzorganisation Greenpeace mit der Gefahr
einer sogenannten Rutschung in Lieske durch die Pläne des schwedischen
Staatskonzerns Vattenfall für das neue Tagebaugebiet Welzow Süd II
beschäftigt hatte, hat er jetzt anhand von Rechenmodellen seine Ergbnisse
untermauert. „Ein kleiner Haarriss in der Tonwand reicht und die Situation
kann eskalieren. Dann bleibt nichts mehr übrig“, bestätigte Krupp am Montag.
Am heutigen Dienstag soll sein neues Gutachten, das den PNN exklusiv
vorliegt, veröffentlicht werden.

Laut Krupps Berechnungen droht Lieske Gefahr von zwei Seiten - vom neuen
Fördergebiet und vom Sedlitzer See, einem aufgefüllten Tagebau. Das Teilfeld
II, das Vattenfall aufschließen will und für das seit 2007 ein
Planungsverfahren läuft, würde bis auf wenige Hundert Meter an Lieske
grenzen. Das typische Straßendorf wäre damit zwischen dem See und der neuen
Fördergrube eingequetscht. An der schmalsten Stelle wäre der Ort gerade
einmal 500 Meter breit. Den Plänen des Energiekonzerns zufolge soll eine im
Bau befindliche 100 Meter tiefe und nur rund einen Meter dicke Dichtwand aus
Ton entlang der geplanten Tagebaukante das Abrutschen Lieskes verhindern.
Bis 17. Septemer läuft noch das Anhörungsverfahren für den Braunkohleplan.
Der erste Entwurf war 2012 durchgefallen, weil nicht nachgewiesen werden
konnte, dass die mit dem Aufschluss verbundene Abbaggerung von Dörfern und
die Umsiedling von rund 800 Menschen energiepolitisch notwendig ist.

Dem Konzern und den zuständigen brandenburgischen Behörden wirft Krupp vor,
bei den Plänen für die Dichtwand vom Idealfall auszugehen. „Das
Basisszenario ist, dass die Wand absolut dicht ist. Dann lassen sich
natürlich keine kritischen Zustände errechnen“, so Krupp. Seinen
Berechnungen zufolge aber könnte ein Minileck in der Dichtwand durch den
Druck des Grundwassers vergrößert werden. Infolge würde das Grundwasser
durch die fragile Sand- und Kiesschicht einen Graben bis zum Sedlitzer See
freispülen, dessen Wasser sich dann ungehindert in den Tagbau ergießen
würde. „Ein Prozess, der erst stoppt, wenn der See leergelaufen ist“,
betonte der Wissenschaftler.

Eine solche Fehlerstelle in der Dichtwand könnte beispielsweise durch die
Probeentnahmelöcher entstehen, die beim Errichten der Wand gebohrt werden,
um das Absinken des Tons beim Verfüllen zu überwachen, erläuterte Krupp. Je
nachdem, wie lange der Damm unter Lieske hält, könnten die Folgen verheerend
sein. „Sollte es nachts passieren, könnte es kritisch werden. Wenn es ganz
dumm läuft, kann es schlimmer als Nachterstedt werden.“ Am frühen Morgen des
18. Juli 2009 war in dem alten sachsen-anhaltischen Braunkohlerevier ein
rund 350 Meter breiter Streifen Land in den südlichen Ausläufer des
Concordiasees, ein ehemaliges Tagebauloch, gerutscht hatte dabei ein
zweistöckiges Einfamilienhaus, einen Teil eines Mehrfamilienhauses sowie
einen Straßenabschnitt und eine Aussichtsplattform mit sich gerissen. Drei
Menschen wurden verschüttet.

Wahrscheinlich ist laut Krupps Berechnungen auch ein sogenannter
hydraulischer Grundbruch. Dabei drückt das Grundwasser, nachdem die Pumpen
im neuen Tagebauloch abgestellt worden sind, durch den Boden der
Förderstätte und weicht die steile Böschung an der Tagebaukante bei Lieske
auf. „Rutscht die Böschung ab, liegt die Dichtwand frei. Doch ohne die
Böschung fehlt der Dichtwand eine wichtige Stütze und sie kann dem Druck von
rund sechs Bar, mit dem der Sedlitzer See auf den Damm drückt, nicht mehr
standhalten“, so derWissenschaftler. „Unter den Bedingungen halte ich die
Erweiterung des Tagebaus bei Lieske für zu riskant - und zwar nicht nur für
die Liesker selbst, sondern auch für die Beschäftigten im Tagebau.“

Auch Greenpeace fordert angesichts der erneut bestätigten Gefahren die
Einstellung des Braunkohleplanverfahrens. Sowohl bei Vattenfall als auch
beim brandenburgischen Landesbergamt hält man Lieske dagegen weiterhin für
sicher. „Wir kennen das neue Gutachten noch nicht, gehen aber nach wie vor
davon aus, dass die Standsicherheit von Lieske gewährleistet ist, da die
Ortschaft auf gewachsenem Boden steht und nicht auf ehemaligen
Kippenflächen“, sagte Vattenfall-Sprecher Thoralf Schirmer den PNN. Auch
Klaus Freytag, Präsident des Landesbergamtes, sieht keinen Grund zu Sorge.
„Wir haben nach dem ersten Gutachten extra Proben am Fuß der Dichtwand
genommen und sie von einem unabhängigen Labor untersuchen lassen. Die
Ergebnisse lassen uns sagen, Lieske ist standfest“, so Freytag.

Diesmal aber lasse sich sein Gutachten nicht einfach so abtun, ist Ralf
Krupp überzeugt. „Die Rechnungen können sie nicht einfach so vom Tisch
fegen“, so der Wissenschaftler.




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