Deutschlandfunk
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HINTERGRUND

21.09.2013 

Nicaraguas Traum vom großen Kanal

Eine Wasserstraße zwischen Karibik und Pazifik

Von Johannes Metzler

Es ist das Lieblingsprojekt des nicaraguanischen Präisidenten: der Bau eines 
Kanals, der die Karibik mit dem Pazifik verbindet. Den Zuschlag hat nun ein 
Investor aus Hongkong erhalten. Ortega erhofft sich wirtschaftlichen 
Aufschwung, Kritiker hingegen befürchten gravierende Folgen für Mensch und 
Natur.
Wasser, soweit das Auge reicht. In der Ferne, auf der anderen Seite des 
Nicaraguasees, erhebt sich dunstig ein Vulkan. Auf einer Weide am Ufer grasen 
Kühe. Ein Stückchen weiter mündet ein kleines Flüsschen in den großen See. Zwei 
Männer stehen im Schatten ausladender Bäume. Sie angeln im braunen Wasser. 

Genau hier sollen in ein paar Jahren riesige Containerschiffe vorbeigleiten - 
so sehen es die Pläne vor. Las Lajas, das beschauliche Flüsschen, würde 
ausgebaggert zu einer Hightech-Wasserstraße: einen halben Kilometer breit, 
knapp 30 Meter tief. Und von Las Lajas aus würden die Ozeanriesen ihren Weg 
über den See fortsetzen, immer dem Vulkan entgegen, in einer ausgebaggerten 
Fahrrinne. Die Angler wären dann mit Sicherheit nicht mehr hier. Und auch die 
Häuser würden abgerissen, die ganz in der Nähe am Ufer stehen. 

Los Pochotes heißt die Ansammlung von einfachen Holzhäusern. Das Dorf ist nur 
über eine Sandpiste voller Schlaglöcher zu erreichen, sie führt von der 
Fernstraße hierher. Ein paar Familien wohnen in Los Pochotes. In den Gärten 
hängen Bananenstauden unter großen Blättern. Hühner picken in der 
festgetretenen dunklen Erde. 

Don José zieht mit seinen großen Händen einen Eimer mit Wasser aus dem Brunnen 
herauf. Er hat ihn selbst gegraben, fast vierzig Jahre ist das her. Auch das 
Holzhaus hat er für seine Familie zusammengezimmert. 

Der Kanal sei ein Traum, sagt er, denn er werde Arbeit bringen für die 
Menschen. Dann erzählt er, dass die Investoren schon da waren. Eine Gruppe 
Chinesen sei vor Kurzem in der Nähe gelandet, im Helikopter. Nach einer halben 
Stunde seien sie wieder davongeflogen.

Don José zuckt mit den Schultern. Vielleicht meinen es die Investoren ja 
diesmal ernst, aber sicher ist er nicht.

"Die alten Leute erzählen mir, dass hier schon mal ein Kanal geplant war. Aber 
der wurde ja nie gebaut. Vielleicht erleben wir das auch nicht mehr. Das wird 
doch alles noch lange dauern. Aber wir glauben an Gott. Er soll bestimmen, ob 
dieser Kanal Wirklichkeit wird."

Der Traum vom großen Kanal

Eine Wasserstraße, die die Meere verbindet: die Karibik auf der einen Seite, 
der Pazifik auf der anderen. Es ist eine Idee, die fast so alt ist wie die 
Eroberung von Amerika durch die Europäer. Und lange, bevor der Panamakanal 
Wirklichkeit wurde, war dafür Nicaragua im Gespräch. Dabei half der Zufall mit 
- genauer gesagt: die Gier nach Gold. Im Jahr 1539 brach der spanische Kapitän 
Alonso Calero mit einem Schiff in Granada auf, einer Stadt am Ufer des 
Nicaraguasees. Mit einer Gruppe von gut bewaffneten Soldaten wollte er das 
weitgehend unbekannte Binnenland erobern. Und vor allem eines finden: kostbares 
Edelmetall. Zunächst überquerten sie mit einem Zweimaster den Nicaraguasee - 
Calero nannte ihn "Meer", denn er zählt zu den größten Süßwasserseen der Welt. 
Am anderen Ende entdeckte der Kapitän dann die Einfahrt zu einem Fluss. Hier 
wurde die Reise anstrengend.

"Wegen der Stromschnellen mussten wir unseren Weg schon bald zu Fuß fortsetzen. 
Der Dschungel war undurchdringlich, wir kamen nur schwer vorwärts. Der Schlamm 
reichte uns bis zu den Knien und die Mosquitos gaben keine Ruhe. Aber wir 
mussten weiter, denn wir waren aus großer Ferne in dieses reiche, schwer zu 
erobernde Land gekommen."+

Aber nach den Strapazen machten die Männer eine Entdeckung: Calero fand sich 
mit seinen Männern am Karibischen Meer wieder. Er hatte eine Möglichkeit 
entdeckt, wie die mittelamerikanische Landmasse in weiten Teilen auf dem 
Wasserweg zu durchqueren sein könnte - von den Stromschnellen auf dem Rio San 
Juan mal abgesehen. Ein Traum war geboren. Der von einem Wasserweg quer durch 
Nicaragua. Der Traum vom großen Kanal.

Das Lieblingsprojekt des Präsidenten

Auch Daniel Ortega spricht heute vom Traum eines Kanals - und davon, dass der 
jetzt wahr werden soll. Eine Veranstaltung der Sandinistischen Front in einer 
Kleinstadt. Die Bühne ist mit rot-schwarzen Plastikfahnen geschmückt - den 
Farben der Partei von Daniel Ortega. Menschen aus den Dörfern der Umgebung sind 
auf Lastwagen herangekarrt worden. Sie empfangen den Präsidenten mit "Daniel, 
Daniel"-Rufen. Ortega ist ein Mann von niedriger Statur mit dunkler, gegerbter 
Haut und Schnurrbart. Er kennt das Land, durch das er den Kanal bauen lassen 
will. In den 70er-Jahren kämpfte er in den Bergen gegen die brutale Diktatur 
von Anastasio Somoza. Heute noch, Jahrzehnte später, zehrt er von dem Ruf als 
ehemaliger Guerillakämpfer. Er reist unermüdlich durch das Land. Er befindet 
sich immer im Wahlkampf. Und wo immer er vor Publikum spricht, betont er, wie 
sehr sein Lieblingsprojekt, der Kanal, Nicaragua voranbringen werde. Derzeit 
ist das Land das Zweitärmste in ganz Lateinamerika - nach Haiti.

"Das nicaraguanische Volk hat sehr gelitten. Es war ein Jahrhunderte langer 
Leidensweg. Aber es ist Zeit, dass das aufhört. Dieses Projekt wird riesige 
Vorteile für das nicaraguanische Volk bringen. Wir verlassen jetzt den 
Leidensweg der Misere, der Armut und der Würdelosigkeit."

Ortega spricht auch gern von Panama - dort gibt es bereits einen Kanal. Und 
tatsächlich gab er Impulse, die die Wirtschaft des Landes verändert haben. 
Nicaragua, das neue Panama: Es wäre ein Riesen-Schritt nach vorne. Und 
gleichzeitig eines der größten und kompliziertesten Bauvorhaben unserer Zeit.

Panama ist das Vorbild für den Nicaraguakanal - eine Erfolgsgeschichte. 
Eröffnet im Jahr 1914 - nach einer Bauzeit von über drei Jahrzehnten. 

"Zwischen den Landesgrenzen von Costa Rica und Kolumbien liegt die Republik 
Panama. Sie ist sich ihrer Bedeutung bewusst als Arterie des internationalen 
Warenverkehrs. Und stolz darauf, dass man uns 'Kreuzung der Wege' nennt. In 
dieser unserer Welt."

Panama ist auch heute noch wichtig. Aber gerade deswegen ist die Wasserstraße 
zum Nadelöhr geworden für den internationalen Schiffsverkehr. Nur ein 
ausgeklügeltes Zeitmanagement und eigene Schiffslotsen erlauben es, dass jedes 
Jahr rund 14000 Schiffe den Kanal passieren können. Der internationale 
Warenverkehr nimmt zu. Aber der Kanal ist ausgelastet. Und das ist nur ein 
Problem. Das andere ist, dass die Werften der Welt immer größere Frachtschiffe 
bauen, weil die als rentabler gelten. Die derzeit Größten können rund 15000 
Standardcontainer laden - und sind damit viel zu groß für den Kanal. Den können 
nur Schiffe passieren, die maximal 4600 Container geladen haben - also ein 
Drittel. Eine Erweiterung der Wasserstraße hat zwar begonnen. Aber trotzdem 
wird auch in Zukunft gelten: Der Panamakanal, das technische Wunderwerk, ist in 
die Jahre gekommen. Der Kanal von Nicaragua könnte da eine Alternative sein. Er 
soll eine Durchfahrt bieten für mehr und vor allem auch größere Ozeanriesen. 

Ambitioniertes Bauvorhaben

Vertragsunterzeichnung für den Nicaraguakanal in der Hauptstadt Managua. Der 
Saal ist bis auf den letzten Platz besetzt und geschmückt mit üppigen 
Blumengebinden. 

Hinterm Rednerpult steht der Mann, der den Kanal bauen will. Wang Jing trägt 
einen dunklen Anzug und eine hellblaue Krawatte, er ist 41 Jahre alt und hat 
ein jungenhaftes Gesicht. Er spricht Chinesisch vor den Fernsehkameras. Und es 
fällt ihm sichtlich schwer zu lächeln.

Nicaraguas Präsident Ortega nennt ihn einen "Bruder", aber im Land war Wang 
Jing bis vor Kurzem unbekannt. Der Unternehmer aus Hongkong hat sein Büro in 
einem Industriepark im Norden von Peking. Die Wände seiner Telefonfirma sind 
behangen mit großen Porträts chinesischer Staatsmänner. Ihm wird nachgesagt, 
dass er enge Verbindungen zur chinesischen Führung hat - Wang Jing bestreitet 
das aber. Und in Interviews wischt er ebenfalls Bedenken weg, dass er der 
falsche Mann sei für solch ein Großprojekt: völlig unerfahren. Wang Jing sieht 
es so: Er habe doch Geld mit Telekommunikation verdient - dabei besitze er 
selbst bis heute nicht einmal ein Handy. Geschätzte 40 Milliarden Dollar will 
dieser Mann nun in Nicaragua investieren - woher diese Summe kommen soll, lässt 
Wang Jing offen. Er habe Kontakte zu internationalen Großbanken, lässt er 
verlauten. Nur eines ist klar: Die Regierung von Nicaragua wird dem Chinesen 
nicht mit Geld oder Krediten helfen. Ronald McLean Albaroa ist Sprecher von 
HKND - jener Firma, die den Kanal bauen und betreiben will. Aus seiner Sicht 
kann das Land nur gewinnen.

"Nicaragua gibt nicht einen einzigen Dollar für dieses große Projekt aus, denn 
das ganze Risiko, die ganze Investition ist privat. Und wir sind schon viel 
weiter gekommen. Wir haben Geld investiert in Studien. Deren Ergebnisse werden 
frühestens in einem Jahr vorliegen. Aber alles deutet jetzt schon darauf hin, 
dass es ein interessantes Projekt ist."

Ein Kanal durch Nicaragua - ein ambitioniertes Bauvorhaben. Ausgerechnet unter 
der Regie eines Chinesen - kein Zufall, sagt Heinz Dieterich. In Lateinamerika 
ist der Soziologe sehr bekannt - er ist der Theoretiker der neuen Linken, ein 
Freund des kürzlich verstorbenen venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez. Der 
emeritierte Professor der Autonomen Universität von Mexiko hat keinen Zweifel 
daran, dass die astronomische Summe von 40 Milliarden Dollar zusammenkommen 
wird. Er ist überzeugt, dass die chinesische Regierung dahintersteht. Und das 
Vorhaben auch finanziell stützen wird - mit Krediten an den Unternehmer.

"Die Logik der heutigen Staatssysteme spricht dafür. Es gibt eine chinesische 
Entwicklungsbank, die vor etwa zwei Jahren diesem Unternehmer einen Kredit von 
etwa zwei Milliarden Dollar zur Verfügung gestellt hat zur Ausweitung seiner 
Geschäfte auch auf internationaler Ebene. Im Grunde können Sie heute nicht mehr 
trennen: Wirtschaft (vor allem die exportorientierte Wirtschaft) und staatliche 
Hilfe zur Eroberung und Konsolidierung von Märkten. Deshalb wäre es völlig 
atypisch, wenn die chinesische Regierung nicht indirekt daran beteiligt wäre, 
dieses Projekt zu fördern."

Auch, um sich für die Zukunft vom Panamakanal unabhängig zu machen. Der wurde 
unter US-amerikanischer Regie zu Ende gebaut und über Jahrzehnte auch 
betrieben. Noch heute ist der nordamerikanische Einfluss in dem kleinen 
mittelamerikanischen Land groß. Aber die Zeit der US-Vorherrschaft wird mit dem 
Kanalprojekt in Nicaragua zu Ende gehen, meint Heinz Dieterich.

"Es ist natürlich etwas, was die USA nicht gerne sehen. Einerseits hat es 
geostrategische Bedeutung auf militärischem Gebiet. Ökonomisch bedeutet es, 
dass die USA die Kontrolle über Mittelamerika verlieren werden. Aber ich denke, 
es ist ein Reflex der neuen Weltordnung, in der China mit den USA die 
Weltführungsmächte sind."

Es herrscht Andrang in einem der besten Hotels von Managua. Die Luft im 
Konferenzraum ist stickig, es fehlen Stühle, Zuhörer drängeln sich an den 
Türen. Die nicaraguanische Wissenschaftsakademie hat eingeladen, um das Projekt 
zu diskutieren. Vorne am Podiumstisch steht ein Mann auf und nimmt das Mikrofon 
in der Hand.

In der ersten Reihe sitzt ein blasser schmaler Mann mit Brille und hört 
aufmerksam zu. Dr. Carlos Tünnermann ist ein älterer Herr, Jurist und 
Intellektueller mit deutschen Wurzeln. Es ist der Mangel an Transparenz, der 
Carlos Tünnermann besonders aufbringt. Die Regierung habe die Verträge unter 
Ausschluss der Öffentlichkeit ausgehandelt - ohne Ausschreibung. In Monaten 
wurde ein Gesetz geschaffen und verabschiedet, das die Zukunft des Landes 
bestimmen wird. Und niemand wisse, warum ausgerechnet ein Unternehmer aus 
Hongkong den Zuschlag bekam, sagt Tünnermann. 

"Das ganze Land ist verkauft worden, komplett, mitsamt unserer Souveränität. 
Die Verträge beinhalten unglaubliche Risiken. Wir haften sogar mit den Reserven 
unserer Zentralbank! Das ist völlig anders als damals in Panama, wo es eine 
Diskussion gab und sogar eine Volksabstimmung. Niemand hat hier Fachleute 
befragt. Es kann sogar sein, dass dieser Chinese noch ganz andere Interessen 
hat, von denen wir nichts wissen. Denn alles ist mit großer Geheimnistuerei 
abgelaufen."

Tatsächlich liest sich das Vertragswerk wie eine lange Liste von weitreichenden 
Zugeständnissen. Der Investor darf beispielsweise ohne Begründung die 
Enteignung von Grundstücken verlangen. In der Kanalzone wird nicaraguanisches 
Recht außer Kraft gesetzt - so ähnlich, wie es über Jahrzehnte auch in Panama 
der Fall war. Ein anderes Problem sind die autonomen Gebiete im Osten des 
Landes. Dort leben - ohne Straßenverbindung zum Rest von Nicaragua - zum einen 
Menschen mit indigenen Wurzeln. Und zum anderen die afro-nicaraguanische 
Minderheit - sie spricht nicht Spanisch, sondern Englisch. 

Die Verfassung sieht vor, dass diese Gebiete sich weitgehend selbst verwalten. 
Zum Kanalprojekt sind diese Minderheiten aber bisher nicht einmal befragt 
worden, obwohl ihr Land unmittelbar betroffen ist. Die Opposition hat darum 
Klagen eingereicht, um das Gesetz zu Fall zu bringen. Viel Aussicht auf Erfolg 
haben sie nicht. Das Oberste Gericht ist, so sagen Beobachter, in der Hand der 
regierenden Sandinisten.

Umweltschützer: Nicaraguakanal ist Wahnsinn

Auch Umweltschützer haben erst spät erfahren von dem Mammut-Projekt. Bei ihnen 
sitzt der Schock noch tief. 

Maura Paladino sitzt im Neonlicht eines kahlen Besprechungsraums. Sie klappt 
den Bildschirm ihres Laptops auf. Darauf ist ihr Land zu sehen und die vier 
möglichen Routen des Kanals. Alle vier führen mitten durch den Nicaraguasee. 
Sie schüttelt den Kopf: Nein, dieses Projekt sei Wahnsinn. Paladino ist 
Gewässerexpertin und arbeitet für das "Centro Humboldt", eine 
Umweltschutzorganisation. Der See sei viel zu flach. Für die großen Schiffe 
müsste er aufgestaut werden, um den Wasserpegel zu heben. Wahrscheinlich würden 
dann Teile des Nachbarlandes Costa Rica überflutet. Es sind viele völlig offene 
Fragen, sagt Paladino. Vor allem aber drohe eine Naturkatastrophe. 
Schiffsmotoren laufen mit besonders giftigem Schweröl. Wenn davon auch nur 
geringe Mengen in den See gelangen würden, wäre es um ihn geschehen. 

"Es wäre eine Katastrophe. Wenn der Kanal durch den Nicaraguasee führt, können 
wir ihn als Quelle für Trinkwasser und für die Bewässerung von Feldern für 
immer vergessen. Einige kleinere Infrastrukturprojekte können vielleicht 
verwirklicht werden. Aber den großen Kanal wollen wir nicht in Nicaragua. Die 
sollen eine andere Route suchen. Die gibt es."

Vielleicht, spekulieren Kritiker, geht es der chinesischen Firma nur 
vordergründig um einen Kanal. Und sie hat es auf die Teilkonzessionen 
abgesehen, die in den Verträgen enthalten sind. Häfen und Flughäfen, eine 
Eisenbahnlinie, eine Ölpipeline - all das ist schon festgeschrieben. Aber die 
Investoren haben alle Freiheiten: Einen Hafen oder eine Eisenbahnlinie darf die 
Firma auch dann bauen, wenn der Mammut-Kanal für immer auf dem Papier bleibt. 

Auch Don José bleibt skeptisch - der Mann, der am Nicaraguasee geboren wurde. 
Er lehnt sich an sein Holzhaus und lässt den Blick nachdenklich über den See 
schweifen. 

"Ich hoffe, dass sie Entschädigungen bezahlen. Ich bin hier geboren, am Ufer 
des Sees, 500 Meter entfernt von der Mündung des Flusses. Hier ist es ruhig. 
Man verliebt sich in den Ort, an dem man lebt. Ich möchte nicht hier weg."

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IPS--Inter Press Service 
http://www.npla.de/de/poonal/4435
 
NICARAGUA 

Nicaragua verspielt sein Trinkwasser

von José Adán Silva - IPS

(Lima, 20. August 2013, servindi).- Der Lago Cocibolca, auch bekannt als 
Nicaraguasee, ist der größte See Zentralamerikas und mit einer Fläche von 8.264 
km² sogar der zweitgrößte ganz Lateinamerikas. Die Regierung Nicaraguas hat nun 
ein neues Gesetz erlassen, um ein chinesisches Unternehmen mit dem Bau und der 
Verwaltung des geplanten interozeanischen Kanals zu beauftragen. Dieses Gesetz 
Nr. 840 hebt den gesetzlichen Rahmen auf, der es möglich machte, den 
Nicaraguasee und seine Neben- und Zuflüsse sowie die angrenzenden Flussbecken 
zu schützen.

Die nichtstaatlichen Organisationen Nicaraguanische Allianz gegen den 
Klimawandel (Alianza Nicaragüense Ante el Cambio Climático) sowie die 
landesweite Versammlung zum Risikomanagement (Mesa Nacional para la Gestión de 
Riesgo), welche 20 Naturschutzvereine des Landes repräsentieren, schlugen 
angesichts des neuen Gesetzes Alarm. Dieses wurde vergangenen Juni von der 
Nationalversammlung mit den Stimmen der Regierungspartei Frente Sandinista de 
Liberación Nacional (FSLN) beschlossen. Die Initiative für den Erlass der neuen 
Richtlinie stammte vom derzeitigen und ehemaligen Präsidenten Daniel Ortega 
(seit 2007).

Der offizielle Titel der Richtlinie lautet Spezialgesetz für den Fortschritt 
der nicaraguanischen Infrastruktur und des Transportwesens bezüglich des 
Kanals, der Freihandelszone und die damit verbundenen Infrastrukturen. Dieser 
Name lässt auf die mit der Regelung verfolgten Ziele schließen, die Medien 
tauften das Gesetz 840 einfach: „Gesetz des großen interozeanischen Kanals“.

Bisherige Richtlinien null und nichtig

Unter welchem Namen auch immer, dieses Gesetz bietet die juristische Grundlage 
für eine Schifffahrtsroute, welche den atlantischen mit dem pazifischen Ozean 
verbinden und etwa viermal so lang wie der nahegelegene Panamakanal sein soll. 
Nach Beendigung des geplanten Nicaraguakanals wird voraussichtlich ein heftiger 
Wettbewerb um Handelsschiffe, vor allem solche mit viel Tiefgang, entbrennen.

Die Genehmigung, den Bau zu realisieren und den Kanal für die nächsten 50 Jahre 
mit der Option auf weitere fünf Jahrzehnte zu verwalten, erhielt die HK 
Nicaragua Canal Development Group (HKND) des chinesischen Unternehmers Wang 
Jing. Die Gesamtkosten des Projektes werden auf etwa 40 Milliarden US-Dollar 
geschätzt.

Laut der landesweiten Versammlung zum Risikomanagement wurden durch das im Juni 
erlassene Gesetz alle juristischen Wege, die natürlichen Ressourcen und 
Wasservorkommen Nicaraguas zu bewahren, versperrt. Die zu diesem Thema gültigen 
Richtlinien werden in einem juristischen Leitfaden zu Trinkwasser und 
Abwasserentsorgung zusammengefasst. Der Leitfaden, der 2011 durch die 
nicaraguanische Kommission Trinkwasser und Kanalisationssysteme entwickelt 
wurde, beinhaltet 85 Gesetze, Dekrete, Gemeindevorschriften, 
verfassungsrechtliche Bestimmungen, internationale Verträge und 
Verwaltungsvorschriften, die die Wasservorkommen des Landes schützen.

Unternehmen bekommt Freifahrtschein

Eine Vereinbarung zur Erlassung und dem Inkrafttreten des Kanalgesetzes legt 
fest, dass der Staat dem Auftragnehmer den „Zugang und das Recht zur 
Schifffahrt auf Flüssen, Seen, Meeren und allen anderen Gewässern Nicaraguas 
und das Recht die Gewässer zu erweitern, auszubaggern, umzuleiten oder zu 
verkleinern“ garantieren muss. Zudem verzichtet der Staat darauf, die 
Investoren wegen jeglichen entstehenden Umweltschäden durch Untersuchungen, 
Konstruktion und Ausführung des Projekts vor nationalen Gerichten zu verklagen.

Auch die Gültigkeit des allgemeinen Gesetzes zu nationalen Gewässern, das 
besagt, der Cocibolca sei „ein nationales Trinkwasserreservoir, welches von 
größtem Interesse und Wichtigkeit für die nationale Sicherheit ist“, wurde 
durch das Gesetz 840 aufgehoben.

David Quintana von der Nicaraguanischen Stiftung für nachhaltige Entwicklung 
befürchtet, das mit dem Gesetz 840 dem ausländischen Unternehmen eine Art 
Freifahrtschein für die Ausbeutung der nationalen Gewässer, die mit dem 
Cocibolca in Verbindung stehen, ausgestellt wurde. In dem See, den Nicaragua 
nun der chinesischen Firma überlassen will, laufen mehr als 16 Flussläufe 
zusammen. In der Umgebung des Sees befinden sich um die 15 Naturschutzgebiete, 
die ein Viertel des nicaraguanischen Regenwaldes beheimaten, so Quintana. Diese 
Flächen, die in der als Ramsar-Konvention bekannten Übereinkunft über 
Feuchtbiotope von internationaler Wichtigkeit aufgelistet sind, sind Heimat von 
Hunderten von Pflanzenarten, Vögeln, Säugetieren, Reptilien, Fischen, Amphibien 
sowie Weich- und Krebstieren.

Trinkwasserreservoir für immer gefährdet

Für Víctor Campos, den Vizedirektor des Humboldt-Zentrums, zerstört das 
Kanalprojekt die Möglichkeit, den Nicaraguasee in Zukunft als eine 
Trinkwasserquelle für ganz Zentralamerika zu nutzen. „Der Bau eines Kanals und 
die Nutzung des Wassers durch den Menschen schließen sich gegenseitig aus. 
Entweder hat man einen Kanal, oder man hat ein Wasserreservoir für die 
Bevölkerung.“, sagte Campos der Nachrichtenagentur Tierramérica. Der Biologe 
Salvador Montenegro, Direktor des Wasserforschungszentrums der nicaraguanischen 
autonomen Universität in León UNAN (Universidad Nacional Autónoma de 
Nicaragua), erklärte laut Tierramérica, dass durch die geplanten Arbeiten im 
See enorme Mengen an Sedimenten entstehen würden. Das Wasser würde sich dadurch 
stark eintrüben und den Großteil der Lebewesen im Nicaraguasee ersticken.

Die Wasserstraße zur Verbindung der beiden Ozeane soll laut HKND Group 286 
Kilometer lang, 520 Meter breit und 27,6 Meter tief werden, damit auch Schiffe 
mit viel Tiefgang ungehindert passieren können. Für Salvador Montenegro sind 
diese Planungen das schlimmste Szenario für den See und seine Zuflüsse. „Ein 
kleiner Unfall bei dem Kohlenwasserstoff frei wird, ein Erdbeben oder die 
starken Winde, die über die betroffene Zone wehen, könnten eine 
Umweltkatastrophe verursachen, die das Potenzial des Sees als Wasserversorger 
für die Bevölkerung für immer zerstören würde.“, warnte Montenegro.

Auch Jaime Incer Barquero, der als Umweltberater für Daniel Ortega arbeitet, 
teilt diese Befürchtungen. „Jetzt ist die Zeit, um noch etwas zu ändern und 
nicht einen Riesenfehler zu begehen, mit dem wir das größte Wasservorkommen 
Zentralamerikas gefährden. Kein Kanal ist so viel wert wie dieser See“, sagte 
Barquero gegenüber Tierramérica.

Behörden betonen die wirtschaftlichen Vorteile

Angesichts der enormen Kritik ließ der Staatschef wissen, dass die 
Untersuchungen zu den Auswirkungen des Projektes auf die Umwelt dessen Verlauf 
und Zukunft bestimmen würden. Die zuständigen technischen und Umweltbehörden 
äußerten sich dagegen nicht zu den Diskussionen über das angebliche 
Umweltrisiko. Sie beschränkten sich darauf, die wirtschaftlichen Vorteile zu 
benennen, die Nicaragua durch den Kanal gewinnen würde.

Der Sprecher von HKND, Ronald MacLean, wiederholte in verschiedenen 
Mitteilungen, dass die britische Umweltberatungsfirma Environmental Resources 
Management eine professionelle Untersuchung durchführen werde, um die 
Auswirkungen auf die Natur festzustellen, die auf der geplanten Kanalroute zu 
erwarten seien. „Selbstverständlich müssen wir uns auch mit dem Thema Umwelt 
beschäftigen. Es gilt die Folgen des Baus zu erkennen um schätzen zu können, 
wie viel ein Sanierungsprojekt kosten würde. Die Rechnung muss am Ende ein 
positives Ergebnis haben.“, so McLean in einigen Emails, die seine 
Öffentlichkeitsabteilung in Managua Anfang August verschickte.

Umweltorganisationen, Unternehmensgruppen und andere Gegner des Projektes sowie 
indigene Gemeinden, die ihr Land und den Zugang zu Wasser in Gefahr sehen, 
bereiten unterdessen juristisches Maßnahmen vor, um gegen den geplanten Kanal 
vorzugehen.




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