TELEPOLIS
http://www.heise.de/tp/druck/mb/artikel/39/39938/1.html

Ohne Smart Grids keine Energiewende?

Das viel gerühmte Internet der Energiewirtschaft bringt dem privaten
Endkunden mehr Kosten als Nutzen - eine kommunikationstechnische Vernetzung
macht jedoch für industrielle sowie gewerbliche Kunden und eine sichere
Energieversorgung durchaus Sinn

Christoph Jehle 25.09.2013

Die Idee, dass sich die Energienetze so umgestalten lassen, dass sie ähnlich
genutzt werden können wie das Internet und den Kunden zahlreiche
Interaktionsmöglichkeiten bieten, hat schon einige Jahre auf dem Buckel. Nur
hat der private Endkunde praktisch kein Interesse daran: Er will seine
Waschmaschine nicht nachts um drei Uhr starten und interessiert sich auch
nur selten für den aktuellen Stromverbrauch seines Kühlschranks. Die äußerst
zögerliche Einführung von Smart Metern bei privaten Endkunden spricht Bände.
Während man in Deutschland immer noch darüber diskutiert, ab wann man die
Smart Meter für alle Abnehmer vorschreiben will, hat man in Österreich die
Zwangsbeglückung schon wieder abgeschafft [1].

Dennoch kann die Einführung von Smart Grids durchaus sinnvoll sein. Dies hat
die Diskussion im Rahmen der Smart-Grids-Plattform Baden-Württemberg
gezeigt, die am 29. November 2012 Auftaktveranstaltung in Fellbach bei
Stuttgart gestartet war und nach vier Projektgruppentreffen mit der
Präsentation der Smart Grids Roadmap Baden-Württemberg am 27. September 2013
ein erstes Fazit ziehen kann.

Auch wenn die Zahl der in den vergangenen Jahren durchgeführten europäischen
Pilotprojekte im Bereich Smart Grid und Smart Meter schier unüberschaubar
ist [2], hat sich in den Fachdiskussionen mit Teilnehmern aus den
unterschiedlichsten Bereichen gezeigt, dass sich mit der Hilfe von Smart
Grids zahlreiche mit der beabsichtigten und auch politisch beschlossenen
Energiewende auftretenden Herausforderungen besser lösen lassen, als mit der
einfachen Weiterführung der vorhandenen Strukturen in der Energiewirtschaft.
Dabei ist zu berücksichtigen, dass sich die Entwicklung von Smart Grids
derzeit in erster Linie auf die Elektrizitätsnetze konzentriert. Smart Grids
in der Gaswirtschaft stehen mit ersten theoretischen Überlegungen [3] noch
ganz am Anfang.

Eine Realisierung der Energiewende kann nur dann gelingen, wenn sie für
möglichst viele Marktteilnehmer einen deutlichen Nutzen bringt. Die
zwangsweise Beglückung privater Haushalte mit Smart Metern zählt wohl nicht
dazu. Dazu ist der Anteil der privaten Stromverbraucher am
baden-württembergischen Gesamtstromverbrauch mit 20% auch viel zu gering. Im
Rahmen der Smart Grids Plattform wurden daher verschiedene Ansatzpunkte und
Handlungsoptionen ermittelt und diskutiert, die sich im stark
industrialisierten Baden-Württemberg realisieren lassen und die darüber
hinaus die Möglichkeit bieten, mit dem dabei entwickelten Wissen auch im
Export neue Potentiale zu erschließen. Dass man in Baden-Württemberg die
Wende beschleunigen will, hängt auch damit zusammen, dass die Abschaltung
zentraler Kernkraftwerke wie ein Damokles-Schwert über den Stromnetzen
hängt.

Will man das stark schwankende Angebot erneuerbarer Energien auch ökonomisch
sinnvoll nutzen, muss man zwingend zu innovativeren Lösungen kommen, als
neue Kraftwerkszentralen in die Nord- und Ostsee zu pflanzen und den Strom
dann über Fernleitungen zu den Kunden in den Süden der Republik zu schaffen.
Smart Grids können hier zur Realisierung von Flexibilitätsoptionen
beitragen. Und zahlreiche neue Geschäftsmodelle können dabei die
Energiewende beschleunigen.

Ein durchaus beachtlicher Hemmschuh bei der Umsetzung der Energiewende
besteht in den vorhandenen Regulierungen in der Folge der (Ende der
1990er-Jahre vorgenommenen) Liberalisierung der Energiemärkte. Dabei wurde
bei den leitungsgebundenen Energien eine konsequente organisatorische
Trennung zwischen dem Netzbetrieb und dem Stromverkauf durchgeführt. Dies
verkompliziert jedoch manchen ökologisch sinnvollen und ökonomisch im Grunde
machbaren Ansatz zur Flexibilisierung von Einspeisung in die Energienetze
und gleichzeitiger Abnahme.

Damit eine Umsetzung von Smart Grids erfolgversprechend ist, müssen
möglicherweise auch neue Regulierungsanforderungen definiert werden.
Jenseits der Pilotmodelle erscheint es sinnvoll regulatorische
Innovationszonen zu etablieren, die als eine Art gallisches Dorf unter
Realbedingungen als Spielraum für die Möglichkeiten der regionalen
Netzgestaltung dienen können.

Erste Beispiele für die sinnvolle Realisierung von Smart Grids sind in
Baden-Württemberg heute schon in Betrieb. So betreiben die Stadtwerke Aalen
[4] seit dem Nachmittag des 17. Juni 2013 ein sogenanntes virtuelles
Kraftwerk, das den Betrieb der im Bereich der Stadtwerke vorhandenen
Blockheizkraftwerke abhängig von Stromangebot und -nachfrage optimiert und
zur Netzstabilität beitragen soll. Hier zeigt sich beispielhaft, dass die
Chancen für ein Gelingen der Energiewende mit dem Einsatz von Smart Grids
durchaus steigen. Mit einem Anfang in einzelnen Waben, die dann bei Bedarf
zu größeren Strukturen verknüpft werden (und so kontinuierlich wachsen
können), lassen sich unvermeidbare Startprobleme mit Sicherheit schneller in
den Griff bekommen, als mit einer flächendeckenden Einführung in allen
Versorgungsgebieten.

Mit der Präsentation der Roadmap findet die von Fichtner in Stuttgart und
dem Freiburger Öko-Institut im Auftrag des baden-württembergischen
Umweltministeriums organisierte (weitgehend informelle) Diskussion auf der
Plattform einen ersten Abschluss. Als Weiterentwicklung wird derzeit die
Gründung eines Fachvereins namens "Smart-Grids-Plattform Baden-Württemberg
e.V." diskutiert [5]. Dieser politisch unabhängige Verein soll sowohl Firmen
aus der Energietechnik und der Energiewirtschaft als auch Einzelpersonen
ansprechen und den themenzentrierten Austausch zwischen den einzelnen
Stakeholdern organisieren.

Links

[1] http://heise.de/-1954221
[1] http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de
[2] http://www.heise.de/tp/artikel/39/39764/1.html
[3] http://tinyurl.com/mxvwrfp
[4] http://www.sw-aalen.de/
[5] mailto:[email protected]
[6] http://www.heise.de/tp/ebook/ebook_8.html




° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° 
Ende der weitergeleiteten Nachricht ° Alle Rechte bei den AutorInnen 
Unverlangte und doppelte Zusendungen bitten wir zu entschuldigen 
Abbestellen: mailto:[email protected]?subject=unsubscribe 


° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° 
Greenhouse Infopool baut um! 
Wir sind jetzt vor allem hier: 

Twitter: 
http://twitter.com/greenhouse_info 

RSS-Feed: 
http://tinyurl.com/greenhouse-feed

Facebook (Beta): 
http://www.facebook.com/mika.latuschek 

Twitter-News per E-Mail erhalten:
https://listen.jpberlin.de/mailman/listinfo/greenhouse-info



_______________________________________________
Pressemeldungen mailing list
[email protected]
https://lists.wikimedia.org/mailman/listinfo/pressemeldungen

Antwort per Email an