WOZ Die Wochenzeitung
http://www.woz.ch/-4556

WOZ Nr. 39/2013 vom 26.09.2013

WEITER DENKEN, ANDERS HANDELN. TEIL 4

«Wir befinden uns überall in einer Phase des Schadenwachstums»

Der verwilderte Kapitalismus wird von einem nachhaltigeren Verwertungsmodell 
abgelöst, sagt der Soziologe Sighard Neckel. Die Frage ist nur: Wer bestimmt 
den Transformationsprozess?

Von Wolfgang Storz, Pit Wuhrer (Interview) und Andreas Varnhorn (Foto [1])

WOZ: Herr Neckel, in den achtziger Jahren beschrieb Peter Glotz, Vordenker der 
SPD, die damalige alte bundesrepublikanische Gesellschaft als eine, die sich 
materiell, sozial und mental in zwei Teile spalte: Ein Drittel der Bevölkerung 
werde zunehmend abgehängt und verkümmere, den anderen zwei Dritteln gehe es 
ordentlich bis sehr gut. Wenn Sie aus einer ebenso weiten Perspektive auf die 
heutige Gesellschaft blicken, was sehen Sie da?

Sighard Neckel: Die Verhältnisse sind heute wesentlich komplizierter. 
Unverändert trifft jedoch die Beobachtung von Glotz und anderen zu, dass 
bereits damals die bundesrepublikanische Gesellschaft und auch andere 
westeuropäische Gesellschaften begannen, sich sozial und materiell zu 
polarisieren: in jene Bevölkerungsteile, die solide und sicher in das 
Erwerbssystem integriert sind, und diejenigen, die es nicht oder nur 
gelegentlich sind.

WOZ: Was ist heute komplizierter?

Sowohl die oberen zwei Drittel als auch das untere Drittel müssen differenziert 
werden. Heute sind Abstiegsgefahren bis in die Mittelschichten hinein 
verbreitet. Da geht es um neue Risiken auf dem Arbeitsmarkt, um die Entwertung 
der eigenen Arbeit, Sorgen um die eigene Person und um die Zukunft der Kinder. 
Die oberen zehn bis fünfzehn Prozent dieser alten zwei Drittel sind dagegen im 
vergangenen Jahrzehnt sehr viel wohlhabender geworden. Das heisst, die damalige 
Gewinnerseite zerlegt sich stark. Auf der Seite des Verliererdrittels ist 
Ähnliches passiert. Aus einem Teil hat sich eine Unterklasse entwickelt, die 
wirtschaftlich unselbstständig und von Sozialtransfers abhängig ist und den 
modernen Methoden der sozialen Disziplinierung unterliegt, wie wir sie in 
Deutschland etwa im Rahmen der Hartz-IV-Gesetzgebung haben. So etwas gab es 
zuvor in Deutschland nicht, das ist neu.

WOZ: Wer gehört in Deutschland zur Mittelschicht? Der Facharbeiter, der beim 
Automobilkonzern Daimler arbeitet und 4000 Euro brutto im Monat verdient? Oder 
der selbstständige Architekt mit seinen 150 000 Euro und mehr im Jahr?

Die Facharbeiterelite ist sicher Teil der Mittelschichten. Zum Mittelschichtler 
gehört jedoch nicht nur ein bestimmtes Einkommen, sondern auch kulturelles 
Kapital, also ein bestimmtes Bildungsniveau und auch eine Bildungsbegeisterung, 
die beispielsweise bei den Nachkommen der Facharbeiter besonders stark 
ausgeprägt ist. Der Architekt, der über 200 000 Euro im Jahr verdient, gehört 
mit Sicherheit bereits zu den oberen zehn bis fünfzehn Prozent der Freiberufler 
und Unternehmer, die die Geldelite bilden.

WOZ: Was sind denn die Triebkräfte dieser scheinbar unaufhaltsamen 
Polarisierung und sozialen Zerlegung der Gesellschaften?

Es gibt bereits seit den siebziger Jahren eine zunehmende Unfähigkeit der 
kapitalistischen Wirtschaftsgesellschaften, die Beschäftigten entsprechend 
ihren Fähigkeiten in die Erwerbssysteme aufzunehmen. Wolfgang Streeck hat dies 
in seinem Buch «Gekaufte Zeit» sehr gut beschrieben. Diese Unfähigkeit wurde in 
den ersten zwei Jahrzehnten über staatliche Wohlfahrtsleistungen und staatliche 
Defizitfinanzierung ausgeglichen. In den späten achtziger Jahren deutete sich 
bereits an, dass wir trotzdem zunehmend Bevölkerungsgruppen ohne Chancen auf 
dem Arbeitsmarkt haben. Die wurden dann meist zur Dauerklientel der damals sehr 
teuren Sozialprogramme. Also ist die entscheidende Triebfeder die Begrenztheit 
der Aufnahmefähigkeit der Arbeitsmärkte in den kapitalistischen Gesellschaften. 
Das ist elementar, denn jeder, der kein ausreichendes Vermögen hat, ist sein 
Leben lang auf diese Inklusion angewiesen, denn über Chancen und Positionen auf 
den Arbeitsmärkten werden die Lebenschancen der Individuen verteilt. Über den 
globalen Wettbewerb haben sich Löhne, Arbeitsbedingungen und die Zahl der 
Arbeitsplätze gravierend verschlechtert. Das begann bereits in den siebziger 
und achtziger Jahren, hat sich jedoch nach 1989 und der deutschen 
Wiedervereinigung erheblich beschleunigt und verschärft. Eine Folge: 
Qualifizierte Facharbeiter, in Deutschland und anderswo, die oft auch 
erfinderisch und innovativ sind und über hohe Wissens- und Erfahrungsbestände 
verfügen, wurden einer weltweiten Konkurrenz und einem weltweiten Lohndumping 
ausgesetzt.

WOZ: Hat das die Politik mit vorangetrieben? Konkret: Mussten in Deutschland 
die rot-grünen Bundesregierungen unter Kanzler Gerhard Schröder von 1998 bis 
2005 die Arbeits- und Finanzmärkte so stark deregulieren, weil die 
kapitalmächtigen Finanzmärkte dies erzwangen? Oder hätte es eine Alternative 
gegeben?

Die Regierungen, egal welche Parteien sie stellen, sagen gerne, sie seien die 
Getriebenen der Märkte. Das stimmt natürlich nicht. Denn was gemeinhin 
Neoliberalismus genannt wird, ist auch ein politisches Projekt. Ohne einen 
politischen Rahmen und einen erklärten politischen Willen wären diese 
weitreichenden Deregulierungen - von der Abschaffung der 
Kapitalverkehrskontrollen über die Zulassung der Hedgefonds bis hin zu diesem 
Wildwuchs aus prekären Beschäftigungsverhältnissen - nie zustande gekommen. Aus 
eigener Kraft hätten sich die neoliberalen Wirtschaftskräfte nie durchsetzen 
können.

Das Paradoxe in Deutschland ist zudem, dass der Wille, eine solche Art von 
Wettbewerbsstaat aufzubauen, weniger von den konservativ-liberalen Regierungen 
unter Helmut Kohl ausgegangen ist, sondern ausgerechnet von Sozialdemokraten 
und Grünen. Es waren ja Gerhard Schröder und Joschka Fischer, die die 
wesentlichen Weichen gestellt haben. Sie glaubten, über die Wertschöpfung der 
Finanzmärkte die Steuereinnahmen wesentlich erhöhen und zugleich die 
Investitionstätigkeit der Unternehmen befeuern zu können. Das Kalkül ging aus 
einem wesentlichen Grund nicht auf. Eine solche Art von finanzmarktgetriebenem 
Kapitalismus und von Wettbewerbsstaat kann eines noch weniger als zuvor: 
qualifizierte Arbeitsplätze schaffen. So waren die Folgekosten dieser 
freigelassenen Finanzindustrie wesentlich höher als die Gewinne, die der Staat 
sich daraus verschaffte. Und deshalb folgte auf die Deregulierung der 
Finanzmärkte in einer schädlichen Zwangsläufigkeit die der Arbeitsmärkte, was 
über die Hartz-IV-Gesetzgebung in Deutschland nicht nur zu prekären 
Arbeitsverhältnissen und Lohndumping, sondern darüber hinaus zu einer 
Destabilisierung und Prekarisierung von Lebenslagen führte.

Lassen Sie mich hier noch einen Punkt anfügen, der mir sehr wichtig ist. Es 
wird oft unterschätzt, wie gravierend die Hartz-IV-Gesetze wirken: Sie haben 
letztlich die Einstellung zur Arbeit und zu ihrem Wert grundlegend verändert. 
Arbeit wird durch sie entwertet. Denn diese Gesetze anerkennen die lebenslange 
Arbeitsleistung von Lohnabhängigen gar nicht oder nur sehr gering. Weil der 
Wert von Arbeit jedoch schon immer ein zentrales moralisches Element der 
Arbeiterkultur gewesen ist, den Kern der Sozialdemokratie ausmacht und zum 
normativen Innenleben unserer Gesellschaft gehört - das ist in anderen 
westlichen kapitalistischen Demokratien nicht viel anders -, hat sich die SPD 
mit dieser Gesetzgebung als Partei und als Milieu zersetzt. Ihre daraus 
folgende anhaltende politische Schwäche war in diesem Bundestagswahlkampf ja 
wieder einmal zu studieren.

WOZ: Das ist aber nicht nur ein deutsches Phänomen, oder?

Das ist richtig. Schliesslich hat sich die Schröder-SPD Ende der neunziger 
Jahre ja der politischen Ideologie der britischen Labour-Partei unter Tony 
Blair angeschlossen. Die hatte zusammen mit Bill Clinton das Ziel, die 
internationale Sozialdemokratie dem Neoliberalismus zu öffnen. Deshalb haben 
die sozialdemokratischen Parteien in vielen Ländern nicht nur das Vertrauen der 
Unterschichten verloren, sondern auch das der Facharbeiter- und 
Angestelltenschichten. Das konnte bis heute nicht repariert werden.

WOZ: Warum haben sich die Führungen der Sozialdemokratie diesem Weg geöffnet?

Da gibt es nicht einen, sondern viele Gründe. Einen sehe ich darin, dass sich 
das sozialdemokratische Führungspersonal nach und nach in den besseren Kreisen 
der Gesellschaft etablierte. Ironischerweise führte das politische Kernanliegen 
der Sozialdemokratie, den Aufstieg der Arbeitnehmerschichten zu ermöglichen, 
zur politischen Anpassung. Die Erfolge der SPD-Politik schufen die 
Voraussetzungen für individuelle Aufstiege, die dann vom sozialdemokratischen 
Weg wegführten. So gehört die Führungsschicht der SPD mit zu den 
Mittelschichten, die seit den achtziger Jahren erhebliche Wohlstandsgewinne für 
sich erzielen konnten. Teile der SPD-Führungen verloren das Gefühl für ihre 
zentralen Wählerschichten, aus denen sie sich auch schon lange nicht mehr 
rekrutieren.

WOZ: Also liegen die Gründe für diese programmatische Neupositionierung in 
Richtung Neoliberalismus in den Parteien selbst. Die jeweiligen Führungen 
wollten das. Noch einmal: Hätten sie denn überhaupt anders gekonnt in 
Anbetracht der fast übermächtig gewordenen internationalen Kapital- und 
Marktgesetze? Ist an diesem Sachzwangargument irgendetwas dran?

Ja, schon, aber nicht als Sachzwang. Unbestritten ist: Die Politik geriet in 
vielen Ländern unter den Druck der internationalen Märkte, insbesondere der 
Finanzmärkte. Die Politik ist ja abhängig von den Finanzströmen. Und viele 
Tendenzen, die unter der These der Postdemokratie zusammengefasst werden, 
deuten ja darauf hin, dass die Parteien gegenüber den international agierenden 
Kapital- und Finanzeliten an Macht verloren haben. Aber genauso unbestritten 
ist, dass es Alternativen dazu gab und gibt. Allein deshalb, weil der 
neoliberale Weg selbst zahlreiche neue Probleme schafft. Man mag über Oskar 
Lafontaine als Person denken, was man will. Aber er verkörperte in der ersten 
Regierung von Gerhard Schröder einen anderen Weg, der dann nicht gewählt wurde. 
Damals ging es um mehr als um persönliche Zwistigkeiten zwischen Kanzler 
Schröder und seinem Finanzminister. Tatsächlich ging es um 
Grundsatzentscheidungen, was zeigt: Es gibt politisch immer Alternativen.

WOZ: Die Politik hätte damals also schon den Weg einschlagen können: die 
Finanzmärkte mehr und nicht weniger regulieren?

Richtig. Unter Hans Eichel, dem Nachfolger von Oskar Lafontaine im Amt des 
Bundesfinanzministers, wurden ja hochriskante spekulative Geschäftsmodelle 
zugelassen, die zuvor als gehobenes Glücksspiel gegolten hatten, wie 
beispielsweise die ungedeckten Leerverkäufe. Politisch hätte man dies alles 
nicht so entscheiden müssen. Im Rahmen des übergeordneten Ziels, aus 
Deutschland einen Wettbewerbsstaat zu machen, war jedoch damals das Argument: 
Frankfurt als deutsches Bankenzentrum dürfe keine Nachteile gegenüber der City 
of London haben. Wenige Jahre später ist uns diese Politik dann mit der 
Finanzmarktkrise um die Ohren geflogen.

WOZ: Wir haben bisher über die Krise der sozialen Ungleichheit gesprochen. Es 
gibt ja noch die Umweltkrise, den fast revolutionären Umbau aller 
Kommunikationsmittel, der einerseits hilft, politische Umwälzungen im 
arabischen Raum zu befördern, und andererseits zu fast totalitären 
Überwachungsmassnahmen von staatlichen Sicherheitsapparaten und Grosskonzernen 
führt. Von all den verwirrend vielen, sich wechselseitig auch noch 
beeinflussenden Krisen und Veränderungen - welche ist denn die wichtigste, die 
prägendste?

Tatsächlich existiert so etwas wie ein Krisenquartett: Wir haben eine 
ökonomische Krise, die sich in einer rettungslosen Verschuldung von Staaten, 
aber auch von zig Millionen Privathaushalten ausdrückt; es sind die letzten 
finanziellen Versuche, die herkömmliche kapitalistische Reproduktion noch in 
Gang zu halten. Wir haben eine ökologische Krise mit einer systematischen 
Übernutzung endlicher Ressourcen und einem Klimawandel mit so gravierenden 
Folgen, dass kaum jemand weiss, wie darauf noch rechtzeitig reagiert werden 
kann. Wir haben drittens eine soziale Krise in Form einer Vervielfältigung der 
Lebenslasten für die unterschiedlichsten sozialen Schichten; das reicht von 
prekären Jobs über hohe Erwartungen am Arbeitsplatz bis zur Übernahme von immer 
mehr Lebensrisiken. Und wir haben eine Subjektkrise, weil wir inzwischen in 
einer Kultur der Selbstzuständigkeit und Selbstverantwortung leben, sodass sich 
viele Menschen über den Versuch buchstäblich erschöpfen, all diese Risiken, 
Lasten und Aufgaben zu bewältigen. Dieser Hochgeschwindigkeitskapitalismus ist 
kein abstraktes Gebilde, er kommt bei jedem einzelnen Menschen an.

WOZ: Eine Zeitgleichheit verschiedener schwerer Krisen: Ist dies historisch 
etwas Besonderes?

In dieser Form schon. Aber wir sollten immerhin eine andere geschichtliche 
Besonderheit nicht vergessen: Wir befinden uns in Deutschland und in den 
meisten west- und mitteleuropäischen Ländern auf dem Weg in das 70. 
Friedensjahr. Das ist historisch einmalig. Frieden ist schon so 
selbstverständlich für uns geworden, dass wir uns mühen müssen, seinen Wert zu 
sehen. Dies muss man bei den heutigen Krisen mit bedenken.

WOZ: Ist ein solches Krisenquartett von demokratischen Gesellschaften mit ihren 
langwierigen Beteiligungs- und Entscheidungsprozessen überhaupt verkraftbar?

Warum eigentlich nicht? Schauen Sie, in den achtziger Jahren gab es die 
Meinung, die Politik könne strukturell für eine individualisierte und 
pluralisierte Gesellschaft gar keine Angebote mehr machen. Ich war schon damals 
der Meinung, dass diese Tendenzen der Pluralisierung und Individualisierung, 
die es selbstverständlich gibt, überschätzt worden sind. Aber selbst wenn wir 
diese Meinung von damals akzeptieren, können wir doch konstatieren: Heute steht 
die Politik vor grossen Herausforderungen und epochalen Problemen, die für uns 
alle gemeinsam von elementarer Bedeutung sind - und die aller 
Individualisierung und Pluralisierung zum Trotz nur gemeinsam bewältigt werden 
können. Das heisst, Politik kann sich darin beweisen und daran wachsen, diese 
Probleme zu lösen und dafür Menschen zu mobilisieren. Die Bedeutung von 
Parteien und politischen Bewegungen wächst oft mit der Tragweite der Probleme 
und der Grösse der Bevölkerungsschichten, die von diesen Problemen betroffen 
sind. Zum Beispiel Gesellschaften auf Nachhaltigkeit umzustellen - damit steht 
doch eine Herausforderung ersten Ranges ganz oben auf der politischen Agenda.

WOZ: Aber fast zeitgleich verlieren die Parteien an Glaubwürdigkeit.

Dieses Problem besteht schon länger, seit bald drei Jahrzehnten. Zumindest für 
Deutschland ist aber festzustellen, dass bei entscheidenden Wahlen, bei denen 
es um Alternativen geht, die Bevölkerung immer noch in hohem Mass interessiert 
und in Teilen auch aktiv ist. Ich bin sicher, wenn Parteien beginnen würden, 
mutig diese Probleme anzupacken, dann wären viele Nörgeleien und 
Glaubwürdigkeitsprobleme wie weggeblasen.

WOZ: Sie haben von einer Erschöpfung von Millionen Menschen gesprochen, weil 
die Arbeit immer belastender und intensiver wird, weil viele Risiken und 
Aufgaben, die zuvor der Staat organisierte, nun von jedem Einzelnen erledigt 
und verantwortet werden müssen. Nun sagen Sie in Ihrem neuen Buch, in dieser 
Erschöpfung könne auch «der Beginn eines neuen Wertschöpfungszyklus» stecken. 
Was meinen Sie damit?

Wir bewegen uns in einem ökonomischen Übergang. Der Kapitalismus, der 
verschwenderisch und rücksichtslos mit Natur und Menschen umgeht, gerät an die 
Grenzen seiner eigenen Reproduktion. Der Klimawandel macht uns beispielsweise 
diese Grenzen deutlich. Wir befinden uns überall, ob beim Klima, beim Konsum 
oder bei der Staatsverschuldung, bereits in einer Phase des Schadenwachstums. 
Es wachsen also nicht mehr der Nutzen und der Wohlstand, es wachsen nur noch 
die Schäden. Dieser Verschwendungskapitalismus verwandelt sich nach und nach 
allein aus Gründen der Selbsterhaltung in einen Nachhaltigkeitskapitalismus, 
der lernt, rein aus Interesse an der eigenen Wertschöpfung haushälterischer mit 
begrenzten Ressourcen umzugehen. Deshalb machen die Chinesen momentan beides: 
Sie sind die letzten Heroen eines rücksichtslosen ressourcenvernichtenden 
Wachstumskapitalismus, und sie versuchen zugleich, die Instrumente des 
Nachhaltigkeitskapitalismus zu entwickeln. China dokumentiert genau diese 
Übergangssituation, in der wir uns befinden.

Wichtig ist nun: Dies gilt auch für menschliche Ressourcen, zumal wir sowieso 
in eine Phase kommen, in der qualifizierte Arbeitskraft knapp wird. Die 
Ressource Mensch kann der Kapitalismus nicht länger bedenkenlos verbrauchen, er 
muss sie erhalten. Dies spiegelt sich auch bei uns in den gegenwärtigen 
Debatten wider: Gesundheitsmanagement in den Betrieben, Weiterbildung, die 
Reden von der guten Arbeit und von Work-Life-Balance, eine neue Phase der 
Humanisierung der Arbeitswelt. Die Ideologie der grenzenlosen Selbstoptimierung 
ist jedenfalls ziemlich am Ende und mit ihr die Predigten der Managementberater 
und der Coaches in den vergangenen Jahren. Diese alten Kräfte sind zwar alle 
noch da und beharren auf den alten Parolen. Aber die Gegenkräfte, die auf 
Innovationen setzen, machen sich ebenfalls massiv bemerkbar. Und über dieser 
anderen neuen Wirtschaft wird die Losung stehen: Ressourcen müssen erhalten und 
dürfen nicht verbraucht werden.

WOZ: Und was hat das nun mit der Burn-out-Debatte zu tun?

Burn-out scheint mir ein Indikator dafür zu sein, dass wir uns in einem 
Übergang befinden und dass dies in der Gesellschaft selbst gespürt wird. Ich 
meine weniger die tatsächliche Verbreitung von Burn-out, zumal das 
diagnostische Bild dieser Krankheit alles andere als geklärt ist. Aber das 
Ausmass und die Intensität der öffentlichen Debatte darüber scheinen mir den 
Übergang in diesen anderen Kapitalismus zu symbolisieren. Mit ihr wird das 
beschleunigte und grenzenlose Ausbeuten von Ressourcen gesellschaftlich als 
etwas Krisenhaftes wahrgenommen.

WOZ: Und was lernen beispielsweise Politik und Unternehmer von dieser Debatte? 

Das geht natürlich in kleinen Schritten. Zunächst findet eine Debatte in den 
Medien, aber auch in kleineren Öffentlichkeiten statt. Nach und nach erfasst 
sie auch wirtschaftliche und politische Instanzen.

WOZ: Sie sehen in der Burn-out-Debatte das Signal der Gesellschaft an den 
rücksichtslosen Hochgeschwindigkeitskapitalismus: Jetzt ist Schluss?

Ja, denn das ist ein Thema, bei dem sich die Gesellschaft mit ihren 
unterschiedlichen Kräften neu darüber verständigt: Wohin hat uns diese 
Entwicklung des Kapitalismus gebracht, und wohin wollen wir? Das Besondere an 
dieser Debatte ist, dass sich diese Fragen für jeden Einzelnen und zugleich für 
die ganze Gesellschaft stellen. Die Erfahrungen der Individuen verschränken 
sich mit einem gesamtgesellschaftlichen Prozess. Im individuellen Schicksal 
kommt auch ein kollektives Schicksal zum Ausdruck. Die Krisen von 
Beschleunigung, Selbstoptimierung und Entgrenzung zeigen an, dass nicht nur ein 
Arbeitsmodell, sondern ein ganzes Lebensmodell erschüttert ist, jenes 
Lebensmodell nämlich, in dem sich alles in einen Betrieb verwandelt, das 
Verhältnis zum eigenen Selbst, zum eigenen Körper, zur Familie, zu den Kindern.

WOZ: Wenn es so ist, dann hat diese Demokratie nicht mit hellwachen Bürgern, 
sondern mit erschöpften vereinzelten Menschen zu tun, die alle Energie darin 
investieren, sich durchs Leben zu schlagen. Sie kümmern sich also um alles, nur 
nicht mehr um diese Gesellschaft, weil sie nicht mehr können. Ist diese 
Gesellschaft also gerade im Umbruch, auf der Suche nach neuen Wegen, oder 
versinkt sie in Apathie?

Ich sehe die Gesellschaft eindeutig im Umbruch. Ob das durchweg positiv ist, da 
bin ich vorsichtig.

WOZ: Sie sehen nirgends Apathie?

Apathie meint eine passive Hinnahmebereitschaft. Die sehe ich nicht. Allein 
schon deshalb nicht, weil sich auch ein normaler Arbeitnehmer heute gar nicht 
mehr erlauben darf, apathisch zu sein. Der Einzelne wird doch in den 
Unternehmen mit all seinen Fähigkeiten und Eigenschaften permanent mobilisiert.

WOZ: Aber um, wie Sie gesagt haben, als Betrieb zu funktionieren. Und nicht, um 
die Welt zu verbessern.

Ja, das ist richtig. Aber wenn ich Menschen ständig auffordere: Bringe deine 
ganze Persönlichkeit in deine Arbeit ein, nicht nur deine kognitiven 
Fähigkeiten, sondern deine Gefühle, deine Werte, deine Kreativität, stelle dir 
selbst deine Aufgaben, erledige deine Projekte eigenständig, uns als Management 
interessiert nur dein Ergebnis - wenn das so ist, dann mobilisiert man 
permanent die besten Seiten des Menschen. Wenn die Unternehmen diese 
Mobilisierung jedoch gleichzeitig auf das ökonomisch Verwertbare begrenzen 
wollen und sagen, es zählt von dem, was du eingebracht hast, aber nur das, was 
auch Gewinn abwirft, und du sollst zwar selbstständig sein, aber unsere 
Hierarchien gibt es selbstverständlich weiter - wenn es also zu solch 
widersprüchlichen Botschaften kommt, dann kann ich das als Management 
irgendwann nicht mehr kontrollieren, weil mit dieser Aktivierung zugleich die 
Ansprüche der Beschäftigten wachsen. Ich lasse damit also einen Geist aus der 
Flasche. Burn-out ist sicher Ergebnis eines Lebensmodells, in dem man sich 
selbst zum Betrieb macht. Ein wichtiger Punkt dabei, dies weiss man seit der 
«Entdeckung» von Burn-out unter Sozialarbeitern, ist darüber hinaus aber auch 
die Enttäuschung, nicht die Anerkennung und Belohnung zu erhalten, die man sich 
mit seiner Anstrengung eigentlich verdient hat. Die Mobilisierung der 
persönlichsten Motive im Erwerbsleben scheint sinnlos zu sein.

WOZ: Aber daraus folgt doch Niedergeschlagenheit und nicht Veränderung.

Trotzdem hinterlässt diese ständige Aktivierung ihre Spuren. Die Akteure 
verstricken sich mit den gesellschaftlichen Verhältnissen, unter denen sie 
leiden und die ihnen Grenzen setzen. Aber man leidet ja am meisten unter 
Problemen bei Aufgaben, mit denen man sich identifiziert, die einem wichtig 
sind. So kann es trotz Niedergeschlagenheit zu einem millionenfachen Überschuss 
an Motivationen kommen, die das reine Gewinnstreben und die Enge der 
Hierarchien sprengen.

WOZ: Wie kann aus solchen Leiden, Identifikationen und Mobilisierungen eine 
politische Bewegung werden, die diese Verhältnisse abschafft oder verändert?

In Demokratien entstehen politische Bewegungen nur über öffentliche Debatten. 
Und Burn-out trägt die grundsätzliche Kritik am heutigen 
Hochgeschwindigkeitskapitalismus in jeden Haushalt, von den Angestellten bis zu 
den Führungskräften. Natürlich schliesst dies nicht aus, dass über Burn-out als 
rein individuelles Phänomen debattiert und der gesellschaftliche Zusammenhang 
geleugnet wird. Aber in der öffentlichen Auseinandersetzung darüber steckt eine 
Chance der Politisierung.

WOZ: Die Debatte über Burn-out könnte also der mögliche Auftakt einer 
politischen Bewegung sein?

Es ist der Beginn einer Selbstverständigung dieser Gesellschaft. Daraus kann 
eine politische Bewegung werden.

WOZ: Dann ist eine solche Debatte also prägender und bedeutender als eine über 
soziale Ungleichheit?

Das hängt doch zusammen. Die Lasten, die die Individuen heute zu schultern 
haben, bestehen ja aus Paketen, die ganz ungleich verteilt sind: die 
Verdichtung der Arbeit, prekäre Arbeitsverhältnisse, Niedriglohnsektor, Zunahme 
von Armut, Individualisierung und Selbstzuständigkeit für Lebensrisiken - all 
diese Entwicklungen summieren sich ja nicht in allen Sozialschichten gleich. 
Und die Summe ist das Entscheidende, das Empfinden, dass es zu viel ist und 
gleichzeitig nicht reicht.

WOZ: Warum wird über Burn-out so intensiv und erregt debattiert und über die 
masslose Zunahme von Armut und Reichtum nicht?

Kann man das so sagen? Das glaube ich nicht. Es gibt doch einen deutlichen 
öffentlichen Unwillen über die sozialen Verwilderungen, die der heutige 
Kapitalismus zu verantworten hat.

WOZ: Wo wird das gebündelt? In welchen Parteien? Wer stellt die Lokomotiven der 
Veränderung?

Das ist etwas anderes. Schauen wir uns die Organisationen einmal an, die am 
ehesten mit der sozialen Frage in Verbindung stehen. Die Linkspartei in 
Deutschland leidet darunter, dass sie einerseits immer noch als Nachfolgepartei 
der SED gilt und andererseits ein Sammelbecken linker Sektierer aus der alten 
Bundesrepublik ist. Beide Vergangenheiten erschlagen ihre Zukunft. Über die SPD 
haben wir gesprochen. Aber die Gewerkschaften könnten diese Themen 
politisieren. Immer wenn Gewerkschaften die Verbindung von Arbeit und Leben 
angesprochen haben, ob im Fall der 35-Stunden-Woche oder einst beim 
Achtstundentag, wurden daraus grosse politische Projekte. Bis heute ist da noch 
nicht viel zu erkennen. Aber lassen Sie mich in diesem Zusammenhang eine 
grundsätzliche Anmerkung machen. Ich denke, wir stehen auch in dieser Hinsicht 
vor einer neuen Situation: Es sind nicht mehr die herkömmlichen Organisationen, 
die die Lokomotiven der Veränderung sind. Stattdessen gibt es überall 
Initiativen, die im Alltag Alternativen zum verwilderten Kapitalismus 
entwickeln: ob die nachhaltige regionale Landwirtschaft, ob Commonsprojekte wie 
Wikipedia oder die ethischen Banken mit ihren beachtlichen Zuwachsraten an 
Kunden.

WOZ: Ihre grosse Überschrift ist also: Es kommt nach und nach zu einer 
Transformation hin zu einem nachhaltigen Kapitalismus.

Der kommt sowieso. Das organisieren die Unternehmen aus Eigeninteresse. 
Politisch geht es jetzt darum, während dieser Transformation möglichst viel 
Freiheit für das Individuum und möglichst viele Kollektivgüter für das 
Gemeinwohl herauszuholen.

[1] http://www.woz.ch/sites/woz.ch/files/text/bild/1339_14_neckel_tk.jpg

--------------------------------------------------------------------------

SIGHARD NECKEL

Finanzwelten, Erfolgskult und alternative Ökonomie

Der Soziologe Sighard Neckel (56) ist Lehrstuhlinhaber an der 
Goethe-Universität Frankfurt am Main. Er beschäftigt sich seit Jahren mit 
Fragen von sozialer Ungleichheit und aktuellen ökonomischen Tendenzen. So 
veröffentlichte er im Jahr 2010 unter anderem mit Claudia Honegger, emeritierte 
Soziologieprofessorin an der Universität Bern, den Interviewband «Strukturierte 
Verantwortungslosigkeit. Berichte aus der Bankenwelt». Die ForscherInnen hatten 
dafür mit zahlreichen BankerInnen und Finanzfachleuten über Ursachen und 
Verantwortung der Finanzmarktkrise gesprochen. Die Porträts geben 
erkenntnisreiche Einblicke in Verhalten und Denkwelten der Banken- und 
Finanzbranche.

In seinem Buch «Flucht nach vorn. Die Erfolgskultur der Marktgesellschaft» 
(2010) beschäftigte sich Neckel mit Fragen des «Erfolgskults», der Dominanz des 
Ökonomischen auch über Gefühle und Sinne, der Neudefinition von Leistung und 
Erfolg, der zunehmenden Bedeutung von Inszenierung und der abnehmenden 
Bedeutung von beruflicher Erfahrung und Qualität. Diese Erkenntnisse und 
weitere Beobachtungen - exorbitante Managergehälter, Boni, Luxuskonsum, 
statusgeprägte Bildungssysteme - flossen auch in seine Arbeiten über Tendenzen 
der Refeudalisierung von Gesellschaften ein.

In diesem Jahr publizierte Neckel zusammen mit Greta Wagner (ebenfalls 
Universität Frankfurt am Main) den Sammelband «Leistung und Erschöpfung. 
Burnout in der Wettbewerbsgesellschaft», in dem die gesellschaftlichen Ursachen 
und Folgen der Zunahme von Depressionen und individueller Überarbeitung in den 
Mittelpunkt gerückt werden. Derzeit beschäftigt er sich mit Modellen einer 
nachhaltigen Ökonomie.

Sighard Neckel ist seit vielen Jahren Mitglied der Leitung des Instituts für 
Sozialforschung in Frankfurt. Zuvor lehrte er in Wien, Siegen, Wuppertal, 
Giessen, als Gastprofessor an der Duke University (USA) und in Bielefeld. Ihn 
zeichnet aus, dass er als Wissenschaftler mit einer lobenswerten Systematik 
aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen bearbeitet. Zudem publiziert er in 
einer Sprache, die auch NichtwissenschaftlerInnen verstehen.

Wolfgang Storz

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins 
ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die 
finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der 
WOZ-LeserInnen.

--------------------------------------------------------------------------

Weiter denken, anders handeln

Die Finanzmarktkrise steht im sechsten Jahr, europaweit wächst die 
Arbeitslosigkeit, die Kluft zwischen Arm und Reich weitet sich - und doch hält 
sich die Empörung in Grenzen. Was ist da los? Wohin entwickeln sich die 
Gesellschaften? Welche Perspektiven gibt es überhaupt noch? Diese Fragen 
stellen wir in einer lockeren Serie [*] Fachleuten, die sich seit langem mit 
gesellschaftlichen Verhältnissen befassen. Das nächste Mal antwortet Peter 
Niggli von Alliance Sud.

[*] http://www.woz.ch/d/weiter-denken-anders-handeln 




° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° 
Ende der weitergeleiteten Nachricht ° Alle Rechte bei den AutorInnen 
Unverlangte und doppelte Zusendungen bitten wir zu entschuldigen 
Abbestellen: mailto:[email protected]?subject=unsubscribe 

° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° 
Greenhouse Infopool baut um! 
Wir sind jetzt vor allem hier: 

Twitter: 
http://twitter.com/greenhouse_info 

RSS-Feed: 
http://tinyurl.com/greenhouse-feed

Facebook (Beta): 
http://www.facebook.com/mika.latuschek 

Twitter-News per E-Mail erhalten:
https://listen.jpberlin.de/mailman/listinfo/greenhouse-info



_______________________________________________
Pressemeldungen mailing list
[email protected]
https://lists.wikimedia.org/mailman/listinfo/pressemeldungen

Antwort per Email an