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03. Oktober 2013, 16:40 Uhr

Klimawandel

Zustand der Ozeane verschlechtert sich rapide

Saure Weltmeere, Korallensterben, wachsende Todeszonen. Experten des
Internationalen Programms zum Zustand der Ozeane schildern in dramatischen
Worten den Niedergang des marinen Lebensraumes. Sie widersprechen den
Warnungen des Uno-Klimarates: Alles sei noch viel schlimmer

Von Frank Patalong

LONDON/HAMBURG - Es ist ein deutliches Alarmsignal. Die Forscher des
International Programme on the State of the Ocean (IPSO) und der
Weltnaturschutzunion IUCN widersprechen in ihrem neuesten Bericht zum
Zustand der Weltmeere den Erkenntnissen und Warnungen des Weltklimarates
IPCC: Was die Ozeane angehe, sei alles noch viel schlimmer, als im letzten
Bericht des Klimarates geschildert.

In drastischer Form warnen die Experten vor den Konsequenzen einer
zunehmenden Versäuerung des Meerwassers. In Kombination mit anderen,
ebenfalls meist von Menschen verursachten Faktoren führe die zu den
massivsten Veränderungen der Lebensbedingungen in den Meeren seit über 300
Millionen Jahren. Schon jetzt messe man PH-Werte, wie es sie seitdem nicht
mehr gegeben habe.

Im Zeitfenster zwischen dem oberen Devon (vor etwa 360 Millionen Jahre) und
der Perm-Trias-Grenze (vor etwa 252 Millionen Jahre) kam es zweimal zum
massiven Massenaussterben marinen Lebens. Wahrscheinlich war die Katastrophe
auf die Faktoren Erwärmung, Übersäuerung und absinkende Sauerstoffgehalte
zurückzuführen.

Genau das geschehe nun auch, und die Gründe scheinen klar: Die
Verschlechterung ist maßgeblich vom Menschen verursacht. Mit erheblichen
Konsequenzen für das gesamte Leben auf der Erde - und mit weit massiveren
Rückwirkungen auf das Klima, als dies der IPCC-Bericht erfasse.

Der aktuelle Warnreport ist die Zusammenfassung von hochkarätig besetzten
Workshops, die IPSO und IUCN zwischen 2011 und 2012 zu verschiedenen
Aspekten der Entwicklung mariner Biotope abhielten. Er entwirft das
alarmierende Bild von sich gegenseitig verstärkenden negativen Effekten, die
meist unabhängig voneinander betrachtet würden, zusammengenommen aber eine
ernsthafte Bedrohung für das gesamte Leben darstellten.

"Die Veränderungen, die wir für die Zukunft erwartet haben", sagte Chris
Reid vom Meeresforschungsinstitut der Universität Plymouth in einem
Interview zur Veröffentlichung des Berichtes, "sehen wir heute. Ich mache
mir ernsthafte Sorgen um die Zukunft meiner Enkel. Diese Veränderungen
werden uns in den nächsten paar Jahrzehnten alle betreffen."

Was da möglicherweise auf uns zukommt, wäre ein wahres Horrorszenario:

* Sinkender Sauerstoffgehalt des Meerwassers: Bis 2100 könnte der
Sauerstoffgehalt der Ozeane um 1 bis 7 Prozent abnehmen. Ein erheblicher,
lebensbedrohlicher Stressfaktor für das marine Leben. Als Hauptursachen
benennt der Bericht zum einen die Erwärmung der Ozeane (warmes Wasser bindet
weniger Sauerstoff), zum anderen die Einleitung von Nährstoffen und
Phosphaten aus Abwässern und Landwirtschaft. Beide Faktoren führten bereits
jetzt zur zunehmenden Verbreitung faktisch lebloser Meeresgebiete. Das
größte von allen liegt in der Ostsee: 75.000 Quadratkilometer galten dort
Anfang 2013 als sauerstoffarme oder - freie "tote Zone".

* Versäuerung des Meerwassers: Zunehmende Aufnahme von Kohlensäure (CO2)
senke die PH-Werte des Wassers merklich. Dadurch falle es Korallen, Muscheln
und anderen Lebewesen zunehmend schwer, ihre Kalkschalen zu bilden. Ihr
Rückgang bedrohe nicht nur die Sicherheit der Küsten, sondern auch die
Biodiversität und somit die Nahrungsketten.

* Erwärmung: Der größte Teil der auch im Weltklimabericht der IPCC
dokumentierten Erwärmung betrifft die Weltmeere. Der IPSO/IUCN-Bericht warnt
vor sich gegenseitig verstärkenden Faktoren, die der IPCC-Bericht zum Teil
gar nicht erfasse. Dazu zählen IPSO/IUCN die wachsende Verbreitung
sauerstoffarmer oder -freier Meeresschichten und -gebiete und die zunehmende
Freisetzung von Methan vom Meeresboden sowie aus dem schmelzenden
Permafrostboden.

* Diese und weitere das Meeresleben bedrohende Faktoren wie Überfischung und
die rapide Verteilung von Schadstoffen drohten, kaskadische Effekte zu
erzeugen, die negative Entwicklungen weiter beschleunigen könnten.

--
Video
http://www.youtube.com/watch?v=nwlbt8Tgglo
Jason Hall-Spencer, University of Plymouth, über die Konsequenzen von
Meerwasser-Übersäuerung
--

Alex Rogers, Biologieprofessor an der Universität Oxford und
wissenschaftlicher Leiter des IPSO, versucht die Tragweite der marinen
Veränderungen mit einem popkulturell inspirierten Vergleich klarzumachen:
"Wenn außerirdische Eroberer kämen und 19 Prozent des Lebens in unseren
Korallenriffen vernichteten, dazu fast 90 Prozent des marinen Lebens, auf
das wir für unsere Ernährung angewiesen sind, wie würden wir darauf
reagieren?"

Es gäbe eine weltweit koordinierte Reaktion auf so eine massive Bedrohung
des Lebens, glaubt er. Rogers: "Man würde zusammenrücken, um in irgendeiner
Weise gegen diese Eindringlinge, die unseren Planeten zerstören,
vorzugehen." Das Problem sei nur, dass wir diese Eindringlinge seien und
genau das gerade täten: "Das verlangt also eine Form der globalen,
gemeinsamen Reaktion."

Als notwendige Maßnahmen sehen IPSO/IUCN:

* Absenkung der CO2-Emissionen, um den Temperaturanstieg unter zwei Grad
Celsius zu halten. Die derzeitigen Klimaziele reichten nicht aus, die
Effekte des Korallensterbens und der Meerwasser-Versauerung zu verhindern.

* Neuregelung der Fischerei und anderer Nutzungen mariner Ressourcen, um die
Biotope zu entlasten. Verhinderung von Überfischung durch Förderung
ökologisch verträglicher Fischerei, Verhinderung von Überproduktion und
Verbot der destruktivsten Fischtechniken.

* Aufbau einer effektiven, weltweiten Aufsichtsinfrastruktur, um nachhaltige
Nutzung und Schutz der Meere zu gewährleisten.

--

Mehr im Internet

IPSO-Bericht
http://www.stateoftheocean.org/research.cfm

Chris Reid zur Geschwindigkeit, mit der sich die Ozeane verändern
http://www.youtube.com/watch?v=Giua4EmwPgw

Die Homepage des IUCN mit der Roten Liste
http://www.iucn.org

IPSO
http://www.stateoftheocean.org

Youtube-Kanal der IPSO
http://www.youtube.com/user/stateoftheoceanweb

--

Mehr auf SPIEGEL ONLINE:

Fotostrecke Ozeane im Abwärts-Trend
http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-102214.html

Sauerstoffmangel: Klimawandel vergrößert Todeszonen in der Ostsee
(02.07.2012)
http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,842035,00.html

Uno-Bericht: Klimawandel ändert unsere Welt grundlegend (27.09.2013)
http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,924789,00.html




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