die tageszeitung
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* 07.10.2013

BUND arbeitet Geschichte auf 

Dunkelbraunes Habitat

Der mächtige BUND Naturschutz in Bayern hat endlich seine Geschichte
aufschreiben lassen. Wenig ruhmreich ist vor allem das Kapitel über die
NS-Zeit

VON GEORG ETSCHEIT

Der Stadlersee bei Lohr am Main ist ein Altwasser des Flusses am Fuße des
Rombergs. 1902 erwarb ein gewisser Max Stadler den namenlosen Auwaldrest,
"um ihn für die Nachwelt zu erhalten", wie die Ortsgruppe Lohr-Lohrtal des
BUND Naturschutz in Bayern (BN) auf ihrer Internetseite schreibt. Denn der
See beherberge eine faunistische Rarität, den "Frühjahrs-Kiemenfußkrebs".
Das urzeitliche Tier bewohne die Erde schon seit mehreren Hundert Millionen
Jahren. Im März/April könnten im Stadlersee "in guten Jahren Tausende
Exemplare beobachtet werden".

Was auf der Internetseite nicht steht: Der Arzt Max Stadler, der engagierte
Naturschützer und großherzige Spender, war ein fanatischer Nazi. "Eine der
unrühmlichsten Gestalten" der bayerischen Naturschutzbewegung, urteilt der
Umwelthistoriker Frank Uekötter, der zusammen mit seinen Kollegen Richard
Hölzl und Ute Hasenöhrl zum 100-jährigen Bestehen des BN dessen Geschichte
unter die Lupe genommen hat. "Stadler war ein in der Wolle gefärbter Nazi",
sagt Uekötter im Gespräch. Der Günstling des Gauleiters von Mainfranken habe
"Naturschutz nach Gutsherrenart" betrieben, urteilt Uekötter, der zu der vom
BN selbst in Auftrag gegebenen, rund 100-seitigen Untersuchung das
einleitende Überblickskapitel verfasst hat.

Grundlage für Stadlers Aktivitäten war das 1935 unter euphorischer
Zustimmung von Naturschützern im ganze Deutschen Reich erlassene
Reichsnaturschutzgesetz. Mit dem Gesetz wurde die Funktion ehrenamtlicher
Naturschutzbeauftragter geschaffen, die die Behörden beraten und
unterstützen sollten. In Bayern waren fast alle Naturschutzbeauftragten
BN-Mitglieder. Doch Stadler, als "Gau-Naturschutzbeauftragter" die zentrale
Figur des NS-Naturschutzes in Unterfranken, reichten die Möglichkeiten, die
das Gesetz bot, nicht aus. Ohne Verfahrenswege einzuhalten, schreibt Hölzl,
der sich der BN-Geschichte von 1913 bis 1945 widmete, habe Stadler Dutzende
Naturschutzgebiete geschaffen, darunter auch den Romberg, den sich Stadler
als eine Art Privateigentum zulegte.

In den vergangenen Jahren gab es einen Boom von Publikationen, die sich mit
der Geschichte der Naturschutzbewegung in der ersten Hälfte des 20.
Jahrhunderts befassen. Den Anfang machte die 1999 herausgekommene
Jubiläumsbroschüre zur Geschichte des Naturschutzbundes (NABU), 1899 von
"Vogelmutter" Lina Hähnle als Bund für Vogelschutz gegründet und 1934 in
Reichsbund für Vogelschutz umbenannt. Auch die Vogelfreunde hatten sich in
Ergebenheitsadressen an den "Führer" geübt und den "Arierparagrafen"
eingeführt. Man schickte Vogelhäuschen auf den Obersalzberg, versuchte
Feldraine und Hecken vor der "Ernährungsschlacht" zu schützen und versorgte
die in Norwegen kämpfenden Soldaten mit Bauanleitungen für Nistkästen, um
sie von den Gräueln des Krieges abzulenken.

Glühende Antisemiten

Die Verstrickungen des BN, von seiner Gründung 1913 bis in die siebziger
Jahre des vergangenen Jahrhunderts hinein eng mit der Staatsbürokratie
verbandelt, waren von handfesterer Art. Schon personell gab es mannigfaltige
Verflechtungen mit einflussreichen NS-Kreisen. Nicht nur Max Stadler war
Nazi der ersten Stunde. Auch Hans Hohenester, BN-Vorsitzender von 1938 bis
1945 und auch nach Kriegsende in hervorgehobenen BN-Positionen tätig, war
Träger des an den gescheiterten Hitlerputsch im Jahre 1923 erinnernden
"Blutordens" und galt als alter "Gefolgsmann des Führers". Nicht zu
vergessen Alwin Seifert, der sich als "Reichslandschaftsanwalt" um die
Begrünung der neuen Autobahnen mit ortstypischen Gewächsen kümmerte. Ein
laut Hölzl "machtbewusster Netzwerker, der sich auch als glühender Antisemit
darzustellen wusste".

Trotz seiner sattbraunen Vergangenheit führte Seifert den BN von 1958 bis
1963. Wie viele andere ehemalige "Volksgenossen" habe er seine NS-Vita
erfolgreich als "inneren Widerstand" dargestellt, schreibt Hölzl. Seifert
war eine schillernde Figur. Einerseits propagierte er Naturschutz im Sinne
der NS-Ideologie als "Schutz der Volksgemeinschaft, andererseits lehnte er
es ab, Natur streng darwinistisch als "Kampf aller gegen alle" zu betrachten
und verfocht, in einem fast modernen ökologischen Sinne, ein Programm der
Harmonie und des natürlichen Gleichgewichts, freilich unter Aussonderung
alles "Fremden".

Natürlich waren nicht alle der im Jahre 1939 rund 28.000 BN-Mitglieder
aktive Nazis. Doch galt der Verband laut Hölzl als "NS-nahe, jeglichem
Republikanismus, Liberalismus o. ä. unverdächtige Organisation". Deshalb
gelang es den Verantwortlichen wohl auch, der völligen organisatorischen
Gleichschaltung zu entgehen und gewisse Eigenständigkeit zu wahren. Als Akt
der Widerständigkeit will Uekötter diese Tatsache nicht verstanden wissen.
"Echten Widerstandsgeist gab es nirgends."

Mit dem Reichsnaturschutzgesetz von 1935 hatten sich die braunen Machthaber
zunächst als vorbildliche Ökos präsentiert. "Es war im Grunde genommen die
Erfüllung aller Wünsche, die die Naturschützer damals umtrieben", sagt
Uekötter. "Man konnte jetzt NS- und Landschaftsschutzgebiete ausweisen, die
Naturschützer mussten bei allen Belangen konsultiert werden. Auch
entschädigungslose Enteignungen waren möglich." In der Folge wurden im
ganzen Reich zahlreiche neue Naturreservate eingerichtet. In diesem Sinne
war das NS-Regime durchaus so etwas wie eine "Ökodiktatur", zumindest so
lange, wie die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Autarkiebestrebungen des
Regimes und vor allem die spätere Kriegswirtschaft nicht völlig andere
Prioritäten setzten.

Anhand von Fallbeispielen schildert Hölzl, dass die Umweltaktivisten alle
ideologischen Register zogen, die im "Dritten Reich" zu Gebote standen. So
wurde zum Schutz des Keilsteins, einer prägnanten Kalkformation bei
Regensburg, der damalige jüdische Besitzer eines nahen Steinbruchs
kurzerhand enteignet und ins Exil getrieben. "Auf die Firma, die dieses
Kleinod der Natur rücksichtslos verwüstet hat, Rücksicht zu nehmen, besteht
keine Veranlassung, zumal sie jüdisch ist", geiferte der ehrenamtliche
Bezirksnaturschutzbeauftragte Eugen Eichhorn, Truppenführer der SA und
BN-Mitglied. "Ich finde es ungeheuerlich, dass der Gewinn aus der Verwüstung
dieses Gebiets in Wien verzehrt wird von Juden."

Noch drastischer war ein anderen Fall, wo sich die nationalsozialistische
Vernichtungs- und Expansionspolitik auf bizarre Weise mit Interessen des
Naturschutzes und Tourismus mischt. Dabei geht es um den Schutz der
Flossenbürg, einer markant auf einem Granitkegel thronenden Burgruine in der
Oberpfalz, die in der NS-Zeit nicht nur als touristische Attraktion beliebt
war, sondern auch als Symbol der "bayerischen Ostmark" im Kampf gegen
slawische Eindringlinge galt und Ziel von Fackelzügen und Sonnwendfeiern
war. Bis zur Ausweisung als Naturschutzgebiet im Jahre 1938 wurde der
Burgberg als kommunaler Steinbruch genutzt.

Ohne Skrupel

Nach Bau des Konzentrationslagers Flossenbürg wehrten sich Naturschützer,
die in diesem Fall nicht dem BN angehörten, vehement gegen eine Ausweitung
des Lagers und seines berüchtigten Steinbruchs in Richtung des Burgbergs und
fochten einen zähen Kampf gegen die SS-Wirtschaftsverwaltung. Sie hatten
auch keine Skrupel, mehrmals um den Einsatz von Häftlingen im
Naturschutzgebiet zu bitten, die den Burgberg von herumliegenden schweren
Granitbrocken säubern sollten. Sicher eines der düstersten Kapitel in der
Geschichte des deutschen Naturschutzes. Ob tatsächlich Zwangsarbeiter im
Naturschutzgebiet eingesetzt wurden, ist laut Hölzl nicht mehr zu eruieren.

Mit der Aufarbeitung ihrer braunen Vergangenheit ließen sich die
Naturschützer Zeit. Schließlich galt es im Wirtschaftsboom der
Wiederaufbauzeit, mannigfaltigen Eingriffen in Landschaft und Naturhaushalt
entgegenzutreten. "Damals herrschte eine Wagenburgmentalität gegenüber einem
übermächtigen Gegner. Da gab es überhaupt keinen Impuls, die eigene
Geschichte zu erforschen", sagt Uekötter.

Kritisches Bewusstsein

Doch besser spät als nie. Denn ein kritisches historisches Bewusstsein und
entsprechende Wachsamkeit sind weiterhin geboten. Im März musste ein
Nürnberger BN-Funktionär zurücktreten, nachdem er in einem Artikel für die
Kreisgruppen-Zeitschrift einen unappetitlichen Zusammenhang zwischen
angeblicher Überbevölkerung in Deutschland und dem Zuzug von Migranten
hergestellt und dabei den Nazi-Propagandabegriff "Volk ohne Raum" gebraucht
hatte. Ob dies nur ein versehentlicher Missgriff war oder innere
Überzeugung: Die Selbstreinigungsmechanismen funktionierten.

Vielleicht sollte man noch den Stadlersee umbenennen. Stadler wurde nach dem
Krieg inhaftiert, sein Besitz, der Romberg, konfisziert. Doch er hielt regen
Kontakt zu Naturschutz-Funktionären der Nachkriegszeit. So tauschte er sich
mit Hans Klose aus, dem Leiter der Zentralstelle für Naturschutz und
Landschaftspflege, Vorgängerinstitution des Bundesamts für Naturschutz. 1950
beklagte er sich bei ihm, dass aufgelassene Friedhöfe von Vertriebenen als
Kartoffeläcker genutzt würden. "Nur meine Lieblinge, die Judenfriedhöfe,
sind wieder in Ordnung."

"100 Jahre BUND Naturschutz in Bayern". BUND Naturschutz Forschung, Heft
Nummer 11, September 2013
http://www.buchhandel.de/detailansicht.aspx?isbn=9783980898621




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