junge Welt
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09.12.2013 / Thema 

Naturschutz als Landraub

Nationalparks bewahren die biologische Vielfalt. Gleichzeitig aber werden
die dort lebenden Menschen verdrängt und ihrer Existenzgrundlage beraubt

Von Peter Clausing
 
Am 10. Dezember wird alljährlich der Tag der Menschenrechte begangen. 1948
wurde an diesem Datum die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von der
Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet. Nicht selten wird
an diesem Tag vorrangig über die bürgerlichen und politischen Menschenrechte
öffentlich nachgedacht, zu denen das Recht auf freie Meinungsäußerung, das
Recht auf Versammlungsfreiheit und das Recht auf Leben und körperliche
Unversehrtheit zählen. Es ist auch der Todestag Alfred Nobels, der 1894,
zwei Jahre vor seinem Ableben, den schwedischen Rüstungsbetrieb Bofors
kauft. Nichtsdestotrotz wird seit 1901 am 10. Dezember der
Friedensnobelpreis vergeben.

Neben den bürgerlichen und politischen Menschenrechten sind die
wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen (WSK-) Rechte ein anderer, ebenso
wichtiger Teil von Menschenrechten. Für beide Gruppen trat im Jahr 1976
jeweils ein internationaler Pakt in Kraft, in dem die betreffenden Rechte
verbindlich beschrieben sind.

Bei den WSK-Rechten zählt dazu das im Artikel 11 beschriebene auf "adäquate
Nahrung, Bekleidung und Behausung und die kontinuierliche Verbesserung der
Lebensbedingungen". Um dessen Einhaltung zu überwachen, haben die Vereinten
Nationen im Jahr 2000 die Position des "Sonderberichterstatters für das
Recht auf Nahrung" geschaffen, die seit 2008 Olivier de Schutter innehat. Er
und zahlreiche Nichtregierungsorganisationen (NGOs) thematisieren regelmäßig
den Hunger auf der Welt und machen Vorschläge, um ihn künftig zu vermeiden.

Vertreibung in Kauf genommen

Nun stellt sich die Frage, was Nationalparks, bei denen es doch eigentlich
um den Schutz der biologischen Vielfalt geht, mit dem Schutz der Spezies
Mensch zu tun haben? Die Antwort ist schnell gefunden, denn dort, wo
Nationalparks eingerichtet wurden, mussten fast immer Menschen weichen -
unter den im globalen Süden herrschenden Verhältnissen in der Regel ohne
Vorbereitung und ohne Entschädigung. Das heißt, diese Menschen verloren
oftmals über Nacht ihre Existenzgrundlage - die Voraussetzungen für ihre
Ernährung und ihre Behausung.

Warum spielt das in der Diskussion kaum eine Rolle? Mögliche Antworten
wären, dass dies "untypische" Ereignisse sind, die nur selten vorkommen oder
Geschehnisse aus der Vergangenheit, die heute, von der historischen Schuld
abgesehen, keine Bedeutung mehr haben. Beides trifft nicht zu. Erstens
betrifft dies Zigtausende Menschen, und zweitens fanden und finden
Vertreibungen sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart statt.

Eine Schätzung von Charles Geisler, Professor für ländliche Soziologie an
der Cornell-Universität (USA), aus dem Jahr 2001 kommt für Afrika auf eine
Zahl zwischen 900000 und 14,4 Millionen vertriebenen Menschen. Der weite
Rahmen der Schätzung ergibt sich aus der Spannbreite der möglichen
Bevölkerungsdichte. Geisler ging von der Annahme aus, dass die Schutzgebiete
in Afrika in "dünn besiedelten" Regionen errichtet wurden. Das sind per
Definition Gebiete mit ein bis 16 Einwohner pro Quadratkilometer. Daraus
ergab sich bei insgesamt 900000 Quadratkilometer Schutzgebieten der
Kategorien I bis III, dass zwischen 900000 und 14,4 Millionen afrikanische
Menschen vertrieben worden sein müssen. Die von der Weltnaturschutzunion
(IUCN) definierten Schutzgebietskategorien I bis III, ja selbst die
Kategorie IV, schließen die Anwesenheit von bzw. die Ressourcennutzung durch
Menschen weitgehend aus. Von den Flächen "unberührter Natur", die in den
Rang von Naturschutzgebieten dieser Kategorien erhoben werden, muss also die
zuvor dort ansässige Bevölkerung fast immer weichen.

Doch die Feststellung, dass bei der Einrichtung von Nationalparks und
Wildschutzgebieten zahlreiche Menschen vertrieben werden, basiert nicht nur
auf Hochrechnungen. Kai Schmidt-Soltau, ein deutscher Entwicklungssoziologe,
der viele Jahre in Kamerun gelebt hat, untersuchte das Schicksal der
Menschen bei der Errichtung von zwölf west- und zentralafrikanischen
Nationalparks mit einer Gesamtfläche von 41384 Quadratkilometern. Im
Durchschnitt wurden pro Nationalpark 4500 Menschen vertrieben bzw.
zwangsumgesiedelt, in den meisten Fällen ohne Entschädigung. Bei sieben der
zwölf Nationalparks trat der World Wide Fund for Nature (WWF) als "Promotor"
in Erscheinung. Als solchen bezeichnet Schmidt-Soltau eine Organisation, die
die betreffende nationale Regierung dazu aufgerufen und dabei unterstützt
hatte, den betreffenden Nationalpark einzurichten. Der britische
Anthropologe Dan Brockington und sein Kollege James Igoe wiesen nach, dass,
bezogen auf die Gesamtfläche der strengeren Schutzgebiete (IUCN-Kategorie I
bis IV), in elf von 21 afrikanischen Ländern und auf mehr als einem Drittel
der Schutzgebietsflächen Vertreibungen vorgenommen wurden.

Ferner beschrieben sie Beispiele für die aktive Beteiligung großer
Naturschutzorganisationen an der Etablierung von Schutzgebieten und mithin
an der Vertreibung der dort lebenden Menschen, wobei zwischen "aktiver" und
"direkter" Beteiligung unterschieden werden muss. So war die "Parks in
Peril"-Kampagne (Parks in Gefahr) von The Nature Conservancy auf eine mit
Vertreibungen verbundene Stärkung von Schutzgebieten ausgerichtet, ohne dass
diese Organisation unmittelbar und direkt die Hand im Spiel hatte. Auch die
African Wildlife Foundation war "nur" finanziell an der Schaffung des
Tarangire-Nationalparks und des Lake-Manyara-Nationalparks in Tansania
beteiligt. In beiden Fällen kam es zu Vertreibungen. Das offenherzige
Bekenntnis von Paul Fentener van Vlissingen, Mitbegründer der African Parks
Foundation, die nach eigener Darstellung "Weltklasse-Naturschutz mit
Businesspraktiken verbindet", veranschaulicht die Art und Weise, wie
transnationale Naturschutzorganisationen vorgehen.

In bezug auf den 1974 gegründeten äthiopischen Nechisar-Nationalpark, der
von seiner Organisation gemanagt wird, äußerte van Vlissingen gegenüber
einem Journalisten: "Wir wollten nicht an der Umsiedlung beteiligt sein.
Deshalb habe ich eine Klausel in den Vertrag eingebaut, dass wir die
Verantwortung für den Park erst nach Abschluss der Umsiedlungen übernehmen
werden." In der Regel sind Regierungsbeamte, Polizisten und Soldaten
diejenigen, die Umsiedlungen bzw. Vertreibungen veranlassen, durchführen und
beaufsichtigen.

Enteignungen von Agrarfläche

Nur selten übertragen Regierungen ihre Hoheitsrechte direkt an die NGOs, wie
im Fall der Zentralafrikanischen Republik, wo die Africa River and
Rainforest Conservation das Recht erhielt, Wilddiebe zu verhaften und, wenn
notwendig, zu töten. Doch selbst wenn Vertreibungen und Umsiedlungen aus
Schutzgebieten von den transnationalen Naturschutzorganisationen nicht
formal (und öffentlich) unterstützt werden, gibt es einflussreiche Personen
innerhalb dieser Gruppierungen, die das explizit fordern, so die
Einschätzung von Brockington und Igoe. Hauptsächlich schaffen diese
Naturschutzorganisationen also die entsprechenden Rahmenbedingungen
(Finanzierung, Beeinflussung von Entscheidungsträgern, Vermittlung einer
bestimmten Vision von Naturschutz), was dann zur direkten oder indirekten
Vertreibung von Menschen bei der Etablierung von Schutzgebieten führt.

Insgesamt haben wir es mit Enteignungsprozessen zu tun, die dem agrarischen
"Land Grabbing" mehr als ebenbürtig sind und dieses bislang sogar in den
Schatten stellen. Dabei ist der Endpunkt dieser Entwicklung bei weitem noch
nicht erreicht. Auf der 10. Nachfolgekonferenz zum Übereinkommen über die
biologische Vielfalt der UNO, die im Oktober 2010 im japanische Nagoya
stattfand, wurde im Rahmen der sogenannten Aichi-Targets vereinbart, den
Anteil der Schutzgebiete an der Landfläche der Erde von derzeit zwölf
Prozent auf 17 Prozent zu erhöhen. Es geht also um die Etablierung von
Schutzgebieten auf einer Fläche von weiteren 7,5 Millionen
Quadratkilometern. Außerdem ist ein deutlicher Zuwachs an privaten
Schutzgebieten, insbesondere im subsaharischen Afrika, zu verzeichnen. So
beanspruchten private Wildschutzgebiete bereits im Jahr 2006 in der Republik
Südafrika elf Prozent der Landesfläche - doppelt so viel wie die staatlichen
Schutzgebiete -, Tendenz steigend.

Da beruhigt es wenig, wenn in dem in diesem Jahr erschienenen Bericht des
hochkarätig besetzten Symposiums "Conservation and Land Grabbing" behauptet
wird, dass sich die Naturschutzpraxis in den letzten zwei Jahrzehnten zum
Besseren gewandelt habe.[1] Die Fakten weisen leider darauf hin, dass es
sich dabei um eine überwiegend verbale Änderung gehandelt hat, die mit der
Realität nicht viel zu tun hat. Eine eigene Internetrecherche förderte mit
wenig Aufwand neun Fälle von Vertreibungen aus der Zeit zwischen 2008 und
2013 in Haiti, Indonesien, Kenia, Mexiko, Tansania und Uganda zutage. In der
Mehrzahl der Fälle waren jeweils über 1000 Menschen betroffen. An einigen
Orten kam es zu Auseinandersetzungen, bei denen Menschen starben. Es ist
leicht vorstellbar, dass dies nur die Spitze des Eisberges darstellt.

Im Gegensatz zum agrarischen Land Grabbing blieb trotz dieser Ereignisse und
des Umfangs des Geschehens ein allgemeiner öffentlicher Aufschrei über das
"Naturschutz-Grabbing" bislang aus. Als mögliche Gründe dafür kommen in
Frage:

- das positive Image von Naturschutz in der Bevölkerung;

- die Fähigkeit bestimmter Interessengruppen, gerade in diesem Bereich durch
die Schaffung virtueller Welten (Tourismus) und durch diskursive Verbrämung
(gute Parkranger, böse Wilddiebe, Schaffung von Arbeitsplätzen durch
Nationalparks) eine breitenwirksame Anprangerung von
Menschenrechtsverletzungen durch Naturschutz-Grabbing in den Hintergrund zu
drängen;

- ein (gemessen an anderen Teilen der ländlichen Bevölkerung, die zum Teil
durch Bauernorganisationen vertreten werden) oftmals schlechterer
Organisierungsgrad der betroffenen Bevölkerungsgruppen.

Armut als Folge

Von den Befürwortern strenger Schutzgebiete wird gern argumentiert, dass mit
deren Einrichtung ein armutslindernder Effekt einhergehen würde. Das wäre
ganz im Sinne der im Artikel 11 des Internationalen Pakts zu den WSK-Rechten
geforderten "kontinuierlichen Verbesserung der Lebensbedingungen" und somit
ein guter Grund, einen genaueren Blick darauf zu werfen. Eine vielzitierte
Publikation von George Wittemyer und seinen Mitautoren 2008 in dem
renommierten Wissenschaftsjournal Science schien diese Behauptung zu
untermauern.[2] In der Arbeit wurde die Entdeckung eines beschleunigten
Bevölkerungswachstums in den Pufferzonen von 246 der insgesamt 306
untersuchten Schutzgebiete in 38 afrikanischen und lateinamerikanischen
Ländern beschrieben. Dies sei Folge der Migration in diese vermeintlich
attraktiven Zonen und nicht überraschend angesichts der Millionen US-Dollar,
die internationale Geldgeber in einen integrierten Naturschutz und in die
ländliche Entwicklung in diesen Bereichen investieren würden. Davon würden
die in den Pufferzonen lebenden Menschen direkt und indirekt profitieren -
durch die Schaffung von Arbeitsplätzen, den Bau von Straßen, Kliniken,
Schulen und sanitären Einrichtungen. Leider wurde von anderen bei der
erneuten Auswertung der Daten ein grober Rechenfehler entdeckt.[3] Wittemyer
und seine Kollegen hatten die sprichwörtlichen Äpfel und Birnen miteinander
verglichen, das heißt konkret zwei nicht kompatible demographische
Datenbasen. Bei korrekter Berechnung ergaben sich keinerlei Hinweise auf ein
übermäßiges Bevölkerungswachstum an den Rändern der besagten Schutzgebiete,
womit auch die daraus gezogenen Schlussfolgerungen hinfällig wurden.

Eine Antwort auf die Frage, ob die Einrichtung von Schutzgebieten die Armut
lindert oder nicht, muss also auf andere Weise gesucht werden. Eine grobe
Orientierung bieten bereits die Erkenntnisse aus einer Selbstanalyse des WWF
aus dem Jahr 2004, der zufolge in 206 untersuchten Schutzgebieten im
Durchschnitt jeweils 40 Arbeitsplätze geschaffen wurden. Diese Zahl steht im
Kontrast zu der oben erwähnten Untersuchung von Kai Schmidt-Soltau, der
ermittelte, dass in zwölf Nationalparks jeweils durchschnittlich 4500
Menschen vertrieben bzw. zwangsumgesiedelt wurden. Kürzlich erschien ein
komplettes Buch zu der Frage, ob es Beweise für die Linderung von Armut
durch Schutzgebiete gibt.[4] Unter anderem wird dort ein Überblick über die
verschiedenen Möglichkeiten der Armutsbekämpfung im Kontext von
Schutzgebieten gegeben. Die auf der Auswertung von über 400 Publikationen
fußende Einschätzung folgt dem "Ja, aber"-Prinzip. Und das, obwohl vier der
fünf Autoren des betreffenden Beitrags bei The Nature Conservancy tätig und
somit unverdächtig sind, ein überzogen kritisches Bild zu zeichnen. Hier
ihre Erkenntnisse:

- Die Kommerzialisierung von Nichtholz-Waldprodukten reduziert selten
dauerhaft die lokale Armut und ist im besten Fall ein Notbehelf, im
schlimmsten aber eine Armutsfalle.

- Gemeindewald-Bewirtschaftung hat zwar zur Armutsreduzierung in ländlichen
Gebieten beigetragen, aber selten den Ärmsten der Armen geholfen, unter
anderem weil "ein Großteil des Gewinns von den lokalen und nationalen Eliten
eingeheimst wird". Ferner wird eine Studie zitiert, der zufolge 75 Prozent
der in diesem Kontext neu gegründeten kleinen und mittleren Holzfirmen in
den ersten drei Jahren ihres Bestehens pleite gehen.

- Für bezahlte Umweltdienstleistungen wird eingeschätzt, dass die mäßig
armen Kleinbauern und die wohlhabenderen Landbesitzer generell diejenigen
sind, die Vorteile daraus ziehen und dass der Effekt der eigentlichen
Armutslinderung unbedeutend ist.

- Ökotourismus hat in vielen Fällen als effektiver Mechanismus zur
Armutsbekämpfung gewirkt. Wobei auch hier diejenigen, denen es ohnehin
besser geht, am meisten davon profitieren.

- Jene, die einen Job bei der Schutzgebietsverwaltung bekommen, sind in der
Regel die mäßig Armen bis Wohlhabenderen. Die Mehrzahl der ohnehin wenigen
Arbeitsplätze wird an Menschen von außerhalb vergeben, nicht an die lokale
Bevölkerung.

- Agrarforstwirtschaft wird als Mittel der Armutsreduzierung angesehen. Es
ist eine der wenigen aufgezählten Möglichkeiten, die nicht mit dem Etikett
"insbesondere vorteilhaft für die weniger Armen bzw. Wohlhabenderen"
versehen wurden. Aber der Zugang zu Märkten, um die Produkte zu verkaufen,
stellt eine wichtige Voraussetzung dar, die häufig nicht gegeben ist.

- Auch den Maßnahmen zum Erhalt der Agrobiodiversität werden Chancen bei der
Armutsbekämpfung eingeräumt. Allerdings mit der Einschränkung, dass die
Ärmsten der Armen selten Landeigentümer sind und ihnen deshalb dieser Weg
verschlossen bleibt.

Offenbar wurde das Versprechen, durch Schutzgebiete die Armut zu lindern,
bislang nur in Ansätzen eingelöst. Vor allem aber fehlt bei der oben
genannten Betrachtung die Gegenrechnung: Was hat parallel dazu an
Armutserzeugung stattgefunden? Der tansanische Wissenschaftler Huruma
Sigalla verweist auf das Fehlen "holistischer Alternativen", sprich
ganzheitlicher Ansätze, um die vom Naturschutz hervorgerufenen Verluste zu
kompensieren.[5] Die Erfahrung der Menschen vor Ort, dass die zu Beginn bei
Naturschutzvorhaben gegebenen Versprechen nicht eingehalten werden, seien
der Hauptgrund für die "allgemeine Feindschaft lokaler Gemeinschaften
gegenüber dem Naturschutz", ein Befund, der ebenfalls von einem anonym
zitierten leitenden Mitarbeiter der tansanischen WWF-Gliederung bestätigt
wird. Auch zahlreiche andere Autoren verweisen auf die Wichtigkeit einer
positiven Einstellung der lokalen Bevölkerung gegenüber dem Naturschutz in
den angrenzenden Gebieten, wenn die Projekte erfolgreich sein sollen.

Werfen wir den Blick auf eine Fallstudie, die verdeutlicht, dass es von der
konkreten Ausgestaltung der Rahmenbedingungen abhängt, ob und welche Gruppen
der lokalen Bevölkerung durch Schutzgebiete Vor- oder Nachteile haben. Als
soziale Institution und politisches Konstrukt zieht ein Nationalpark die
einen Menschen an und stößt andere ab, verändert das lokale Preisgefüge,
beschränkt den Zugang zu Ressourcen, trennt die Menschen von der Natur,
verändert das Recht und die Machtverhältnisse, so die Einschätzung der
Forschergruppe um den norwegischen Professor für Umwelt- und
Entwicklungsstudien Paul Vedeld.[6]

Versperrter Ressourcenzugang

Die Gruppe untersuchte die Verhältnisse in fünf Dörfern am Rande des
Mikumi-Nationalparks, des viertgrößten Tansanias, und berücksichtigte sowohl
Entschädigungszahlungen und zusätzliche Einkommen als auch die erlittenen
Verluste. Diese fünf von insgesamt 18 Dörfern im Randbereich des
Nationalparks hatten eine durchschnittliche Größe von etwa 1000 Einwohnern,
die subsistenzwirtschaftlich von Mais, Bohnen und Reis leben. Eine direkte
Beschäftigung durch den Nationalpark gab es so gut wie nicht. Aus einem
speziellen Fonds erhielten die Dörfer Geld für soziale Projekte (an deren
Auswahl sie nicht beteiligt waren), woraus sich eine Kompensation von
umgerechnet weniger als 0,1 US-Cent pro Person und Tag ergab - bei einem
durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen von zirka 60 Cent pro Tag. Selbst bei
diesem unterhalb der absoluten Armutsgrenze liegenden Pro-Kopf-Einkommen
stellt die Kompensation also einen zu vernachlässigenden Betrag dar. Diese
Einschätzung wird von dem bereits erwähnten WWF-Mitarbeiter bestätigt, der
von Sigalla mit den Worten zitiert wird: "Wenn wir davon sprechen, dass zehn
Dörfer 2000 oder 3000 Dollar bekommen, wieviel bleibt dann pro Einwohner
übrig? Letztendlich wird dir klar, dass die Kompensationszahlungen, die sie
bekommen, ihnen nicht viel helfen, im Vergleich zu dem, (...) was ihnen
durch die Begrenzung des Zugangs an Ressourcen verlorengeht."

Auf der Verlustseite ermittelten Vedeld und Kollegen Ernteeinbußen durch
Wildtiere (Elefanten, Affen, Wildschweine) von durchschnittlich 4,1 Prozent
des Haushaltseinkommens. Legt man die 60 Cent pro Person und Tag zugrunde,
entspricht das einem Verlust von 2,5 Cent pro Person und Tag, die dem oben
genannten Zugewinn von 0,1 Cent gegenüberstehen.

Neben den materiellen Verlusten waren in der Umgebung des
Mikumi-Nationalparks in der Vergangenheit auch immer wieder Verluste von
Menschenleben durch die Angriffe von Wildtieren zu beklagen. Im Laufe der
Jahre starben über 40 Personen, vor allem durch Löwen, aber auch durch
Wasserbüffel. In anderen Gegenden sind es in erster Linie Zwischenfälle mit
Elefanten. Um die beschriebenen Beispiele an materiellen und menschlichen
Verlusten ins Verhältnis zu setzen, sei an dieser Stelle an die mediale
Aufregung erinnert, die 2006 herrschte, als der aus Norditalien gekommene
Braunbär "Bruno" die bayerischen Lande durchstreifte.

Ein grundlegender Vorwurf von kritischen Anthropologen wie Dan Brockington
von der Universität Manchester ist, dass die Naturschutzprojekte selbst -
und eventuell sogar die darin eingebetteten Maßnahmen zur Armutslinderung -
dazu tendieren, bestehende Ungleichheiten zu reproduzieren und ggf. zu
verstärken. Wenn Schlussfolgerungen über die verstärkende oder lindernde
Wirkung von Schutzgebieten auf bestehende Armut gezogen werden, sei es
trügerisch, die Gemeindeebene zu betrachten und die Situation der Haushalte
außer acht zu lassen, weil es daran hindert, die Differenzierung in Gewinner
und Verlierer wahrzunehmen. Eine solche Betrachtungsweise findet ihre
Entsprechung auf Länderebene, wenn die "Entwicklung" von Staaten anhand
makroökonomischer Zahlen beurteilt wird und daraus Schlussfolgerungen über
den Wohlstand der Bevölkerung gezogen werden.

Anmerkungen

[1] Tom Blomley u.a.: Conservation and land grabbing: Part of the problem or
part of the solution? Workshop Report 2013, online unter: 
http://www.landcoalition.org/publications/conservation-and-land-grabbing

[2] George Wittemyer u.a.: Accelerated human population growth at protected
area edges. Science, Nr. 321, 2008, Seiten 123-126
http://people.ucsc.edu/~cwilmers/ENVS220/wittemyer2008.pdf

[3] Lucas N. Joppa u.a.: On population growth near protected areas. Plos
One, Vol. 4, Ausgabe 1, 2009, Seiten 1-5
http://www.plosone.org/article/info:doi/10.1371/journal.pone.0004279

[4] Dilys Roe u.a.: Biodiversity conservation and poverty alleviation:
Exploring the evidence for a link. Wiley & Sons, Ltd, Chichester, Chichester
2013
http://books.google.de/books?id=b_gSB8U6dqoC

[5] Huruma L. Sigalla: Trade-offs between wildlife conservation and local
livelihood: Evidence from Tanzania. African Review, 40, 2013, Seiten 155-178
http://tinyurl.com/nh9ebcu

[6] Paul Vedeld u.a.: Protected areas, poverty and conflicts. A livelihood
case study of Mikumi National Park, Tanzania. Forest Policy and Economics,
21, 2012, Seiten 20-31
http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1389934112000275




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