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11.12.2013

Mit Vollgas daneben

Große Koalition heißt Antworten auf große Herausforderungen, sagt
CDU-Kanzlerin Angela Merkel. Der verkehrspolitische Teil des
Koalitionsvertrags mit der SPD frönt jedoch weiter dem Mobilitätswahn und
verheißt damit künftig noch mehr Straßen- und Luftverkehr

Von Winfried Wolf

Schwarz-Rot plädiert für eine "bedarfsgerechte Dimensionierung von Neu- und
Ausbauprojekten". Kein Wort enthält der Vertrag über die Problematik des
Verkehrswachstums, schon gar nicht desjenigen auf den Straßen und in der
Luft. Doch der Luftverkehr ist die motorisierte Verkehrsart, der die Umwelt,
die Menschen und das Klima besonders belastet. Just diese Verkehrsart wächst
am schnellsten. Weiter so, sagt Schwarz-Rot: "Wir werden den
Luftverkehrsstandort Deutschland stärken." Die seit Jahrzehnten überfällige
Kerosinbesteuerung wird, sollte sie denn aus Brüssel kommen, infrage
gestellt: "Bei der Einführung von fiskal- oder ordnungspolitischen Maßnahmen
im Luftverkehr (müssen) (...) die Folgen für die Mobilität (...) und ihre
Wirksamkeit für einen effektiven Lärm- und Umweltschutz in einem
angemessenen Verhältnis zueinander stehen."

Die Mittel für die Verkehrsinfrastruktur sollen laut Koalitionsvertrag
"substanziell erhöht" werden, heißt es unter anderem durch die Ausweitung
der Lkw-Maut auf alle Bundesstraßen. Gut so. Was nicht im Koalitionsvertrag
steht, ist die notwendige Ausweitung der Maut auf Lkw mit weniger als zwölf
Tonnen Gesamtgewicht.

Alles spricht dafür, dass die Mehreinnahmen erneut in den Ausbau des
Straßennetzes fließen. Und bei der Schiene werden die Mittel weiter auf
Großprojekte konzentriert, die für eine nachhaltige Entwicklung
kontraproduktiv sind. Beredtes Schweigen im Vertrag zu Stuttgart 21. Also:
"Weiter so." Der Tag wird kommen, an dem die nächste S-21-Kostensteigerung
bekannt wird. Vielleicht schon durch das neue Gutachten des
Bundesrechnungshofs zum milliardenschweren Tiefbahnhof, das länger als
gedacht auf sich warten lässt, weil die Bahn den Prüfern offenbar Unterlagen
vorenthält.

Der Turbo im Straßenverkehr hinsichtlich Staus und Schäden ist der Lkw. Dass
Straßengüterverkehr aus ökologischer und aus klimapolitischer Sicht ein
Problem darstellt und nichts mit Wohlstandsmehrung zu tun hat, ist für die
Großkoalitionäre kein Thema. Zur Erinnerung: Die offizielle Vorgabe in
Brüssel und in Berlin lautet: Der Lkw-Verkehr wächst bis 2025 um weitere 70
Prozent. Bereits banale Festlegungen im Koalitionsvertrag wie "Wir werden
(...) an Autobahnen (...) zusätzlich 6000 Lkw-Stellplätze einrichten" machen
deutlich: Diese Bundesregierung wird eine Politik unterstützen, die das
Klima schädigt und in Deutschland Arbeitsplätze zerstört die Politik einer
ständig größeren Transportintensität und einer ins Absurde gesteigerten
global-arbeitsteiligen Fertigung.

Öffentlicher Personennahverkehr gefährdet

Jährlich gibt es vom Bund rund sieben Milliarden Euro für den
Schienenpersonennahverkehr. Hierzu heißt es, man wolle diese
"Regionalisierungsmittel (...) auf eine neue Grundlage stellen." Im Entwurf
des Koalitionsvertrags (vom 26. 11. 2013) stand noch: "Ziel ist eine
Fortschreibung der Mittel inklusive einer angemessenen Dynamisierung unter
besonderer Berücksichtigung der Trassenpreisentwicklung."

Doch diese Formulierung entfiel. Das spricht dafür, dass die
Regionalisierungsmittel Opfer eines Streichkonzerts werden können. Wofür es
"historisch" Indizien gibt. 2003 legten die damaligen Ministerpräsidenten
Roland Koch (CDU) und Peer Steinbrück (SPD) in einer Art Vorwegnahme auf
schwarz-rote Koalitionen ein Sparprogramm vor mit einem Kernpunkt: radikale
Reduktion der Regionalisierungsmittel zur Sanierung der Staatsfinanzen.

Die Musik spielt anderswo: Laut Gesetz müssen die Länder mit den
Regionalisierungsmitteln, die sie vom Bund zugewiesen bekommen,
"insbesondere den Schienenpersonennahverkehr finanzieren". Formal können sie
49 Prozent für andere Zwecke ausgeben, was einige Bundesländer zunehmend
tun. Damit wird die Stimmung geschürt, die Länder benötigten diese Mittel
nicht in Gänze für Regional-und S-Bahnen. Doch die Große Koalition will die
Gesetzeslücke offensichtlich nicht schließen, die zu Missbrauch einlädt.

Schwarz-Rot will "vor Auslaufen der geltenden Leistungs- und
Finanzierungsvereinbarung Schiene (LuFV) (...) mit der DB AG eine neue
Vereinbarung schließen". Dabei soll "durch Festlegung zusätzlicher
Qualitätsmerkmale" sichergestellt werden, "dass Umfang und Kapazität des
Schienennetzes erhalten bleiben". Vor dem Hintergrund eines zunehmend
maroden Schienennetzes und der verheerenden, zutreffenden Kritik des
Bundesrechnungshofs am Finanz- und Investitionsgebaren der DB AG
(intransparent; manipulative Angaben zu den Investitionen; kein
verantwortlicher wirtschaftlicher Umgang mit den jährlich gut 2,5 Milliarden
Euro an Steuermitteln) läuft auch dies auf ein "Weiter so" hinaus.

Die Bahn kassiert weiter Steuermittel

Die Formulierung: "Wir werden sicherstellen, dass alle Gewinne der
Eisenbahninfrastruktur-Unternehmen in die Infrastruktur zurückfließen", ist
weiße Salbe. Solange es einen Beherrschungsvertrag zwischen dem Bahnkonzern
und deren Töchter in den Bereichen Netz und Bahnhöfe gibt, fließen die dort
erwirtschafteten Gewinne automatisch an Mütterchen Holding. Die gesamte
Konzernplanung, die vom Aufsichtsrat und damit von der Bundesregierung
abgesegnet wird, geht von massiv steigenden Gewinnen von DB Netz und DB
Station & Service aus, die an die Holding fließen.

Der kluge Kopf hinter dem Großbürgerblatt FAZ las am 28. 11. 2013: "Für die
Schiene legen sich Union und SPD fest: Einen Börsengang der Bahn soll es
nicht geben." Ups! Im Vertrag steht jedoch nur: "Wir stehen zum integrierten
Konzern DB AG. Die Eisenbahninfrastruktur (...) bleibt in der Hand des
Bundes." Diese Formulierung hält die Tür für eine Privatisierung des
Eisenbahnbetriebs offen: 2008 wurden alle Transportgesellschaften
(Nahverkehr, Fernverkehr, Schienengüterverkehr und die weltweite Logistik)
unter dem Dach der Subholding DB Mobility Logistics DB ML zusammengefasst.
Am 30. Mai 2008 fassten CDU/CSU und SPD (Große Koalition!) im Bundestag den
Beschluss, dass zunächst 24,9 Prozent der Anteile an DB ML zu veräußern
seien. Zwar wurde der Börsengang im Oktober 2008 mit dem Verweis auf den
Finanzcrash abgesagt. Oder war es wegen der nahenden Bundestagswahl? Doch
der Mai-2008-Beschluss bleibt gültig.

Ende 2009 formulierte Bahnchef Grube prophetisch: "Der Zeitpunkt für eine
Privatisierung wird wieder kommen, gar keine Frage." (FAZ vom 7. 11. 2009).
Im selben Jahr setzte sich Schwarz-Gelb dasselbe Ziel: "Eine Million
Elektroautos bis 2020." Vier Jahre später sind in Flensburg 25 000
Elektro-Pkw registriert. Doch Ende 2013 deklamieren die Großkoalitionäre
tapfer: "Am Ziel, eine Million Elektroautos für Deutschlands Straßen bis zum
Jahr 2020, wollen wir festhalten." Klartext: In sechs Jahren sollen 975 000
Elektro-Pkw auf die Straßen gebracht werden. Dafür gibt es aber keine
Nachfrage. Es sei denn, man schafft diese künstlich. Doch das wäre
Planwirtschaft. Und so sollen für diese Technologie Milliarden Euro an
Steuergeldern an VW, BMW, Mercedes & Co fließe

Fehlanzeige bei Barrierefreiheit

Schwarz-Rot tönt: "Die Umsetzung der UN-Behindertenkonvention im
Verkehrsbereich werden wir vorantreiben." Tatsächlich verstoßen die
deutschen Regierungen immer wieder neu gegen diese Konvention. So geschehen
am 1. Januar 2013, als die Liberalisierung des Fernbusverkehrs in Kraft trat
ohne Barrierefreiheit. Jetzt soll es einen "verbindlichen Fahrplan zum
barrierefreien Aus- und Umbau aller größeren Bahnhöfe" geben. Tatsächlich
betreibt die DB-Tochter Station & Service bei 95 Prozent der Bahnhöfe den
Rückzug von allem Bahnpersonal. Doch personelle Präsenz auf Bahnhöfen ist
vielfach die Voraussetzung dafür, dass mobilitätseingeschränkte Menschen ihr
Grundrecht auf Mobilität wahrnehmen können.

Übrigens: Ist der Stuttgarter Hauptbahnhof nicht auch ein "größerer
Bahnhof"? Warum wird dann mit Stuttgart 21 ein weitgehend barrierefreier,
weil ebenerdiger Kopfbahnhof in einen Tiefbahnhof mit massiven Barrieren
umgewandelt?

Pkw-Maut und Überwachungsstaat

Der Koalitionsvertrag fordert "einen angemessenen Beitrag der Halter von
nicht in Deutschland zugelassenen Pkw (...) (Vignette) mit der Maßgabe, dass
kein Fahrzeughalter in Deutschland stärker belastet wird als heute".
Zweifellos: ein Formelkompromiss. Bedacht werden muss jedoch zweierlei.
Erstens: Die CSU wird den Bundesverkehrsminister stellen und damit das
Mautgesetz gestalten. Zweitens: Im Vorfeld der Bundestagswahl sprachen sich
alle Bauindustrie-Vertreter für eine (allgemeine!) Pkw-Maut aus. Aus dieser
Kombi erwächst eine enorme Kraft. Es besteht die Gefahr, dass es zu einem
Einstieg in eine allgemeine Pkw-Maut kommt. Faktisch mündet dies geschmiert
mit ÖPP/PPP (Public-Private-Partnership) in ein großes Programm zum Ausbau
des Fernstraßennetzes und zur Verwirklichung des totalen Überwachungsstaats.

Ach ja: Große Koalition gleich große Aufgaben? Zur Zeit der ersten Großen
Koalition, die es in der Bonner Republik vom Dezember 1966 bis September
1969 gab, konstatierte der damalige Münchner Oberbürgermeister Hans-Jochen
Vogel (SPD): "Das Auto mordet unsere Städte. Mit jeder Milliarde, die wir in
den Straßenbau hineinstecken, bringen wir die Stadt ihrem Tod näher." Der
damalige Verkehrsminister Georg Leber präsentierte den "Leber-Plan", mit dem
insbesondere die Lkw-Transporte eingeschränkt werden sollten. Es kam anders.
Die Zahl der Pkw allein in den alten Bundesländern hat sich seither von 15
auf 35 Millionen mehr als verdoppelt. In gesamten Bundesgebiet rollen
inzwischen 43,4 Millionen Personenkraftwagen. Besser gesagt: Sie stehen
meist im Stau, auch weil immer mehr Brummis die Straßen verstopfen. Ihre
Zahl hat sich im gleichen Zeitraum sogar vervierfacht. Die neue GroKo sagt
nichtsdestotrotz: Weiter so.

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Die Langfassung der Bewertung des verkehrspolitischen Teils im
Koalitionsvertrag von Winfried Wolf gibt es als PDF hier.
http://tinyurl.com/kllqsbl




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