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* 16. 01. 2014

„Voll gegen die Wand gefahren“

Eine Neuausrichtung der Agrarforschung wird gefordert. Klimawandel,
Bevölkerungswachstum und Energiewende lassen aber nur wenig Zeit dafür

MANFRED RONZHEIMER

BERLIN taz | Die Weltbevölkerung wächst, aber mit ihr auch die Zweifel, ob
Landwirtschaft in Zukunft neun Milliarden Menschen ernähren kann. Hinzu
kommen die ökologischen Probleme, die mit der heutigen Form der
Intensiv-Landwirtschaft unübersehbar einhergehen. 

Diese Trends fordern auch die Agrarforschung heraus; die Stimmen nach neuen
wissenschaftlichen Ansätzen werden lauter. Anlässlich der „Grünen Woche"
befragte die Wissenschaftspressekonferenz (WPK) [1] in dieser Woche Experten
in Berlin, wie eine „neue Agrarforschung" in Deutschland aussehen müsste. 

Für Wilfried Bommert, Agrar-Journalist und Sprecher des Instituts für
Welternährung [2] in Nümbrecht, ist die „High-Input-Landwirtschaft" -
getrieben durch intensiven Einsatz von Kunstdünger, Pflanzenschutzmittel und
Erdöl - derzeit dabei, „voll gegen die Wand zu fahren". 

Die Fruchtbarkeit der Böden habe sich in den letzten Jahrzehnten um 30
Prozent verringert, der Artenverlust auf den Äckern der Agrarindustrie wird
auf 95 Prozent geschätzt, die Grundwasservorräte sind durch Nitratbelastung
nur noch zur Hälfte nutzbar. 

Zudem sind bei zentralen Rohstoffen wie Phosphat und Kali die natürlichen
Vorräte in wenigen Jahrzehnten erschöpft. Mit all dem agroindustriellen
Aufwand konnte die Produktion von wichtigen Getreidesorten wie Weizen und
Reis in den Jahren 2000 bis 2010 nur um ein Prozent gesteigert werden. In
gleichem Zeitraum erhöhte sich die Nachfrage durch Bevölkerungswachstum um
1,8 Prozent - die Ernährungsschere geht auseinander. „Mit dieser Art von
Landwirtschaft lässt sich die Welternährung nicht sichern", ist Bommert
überzeugt. 

Weltformel funktioniert nicht 

„Die Agrarforschung muss sicherlich umdenken", ist auch die Überzeugung von
Ulrich Köpke, [3] Professor am Institut für Organischen Landbau der
Universität Bonn [4]. Bis vor fünf Jahren, als mit der Finanzkrise auch die
Agrarmärkte von den Spekulanten entdeckt wurden, waren landwirtschaftliche
Überproduktion in Gestalt von Butterbergen und Milchseen sowie
Flächenstilllegungen die Hauptthemen der heimischen Agrarwissenschaftler.
International wurde das Modell der industrialisierten Landwirtschaft
exportiert. 

„Aber die Weltformel hat nicht funktioniert", kann Köpke am Vergleich der
ostafrikanischen Länder Ruanda und Uganda belegen. Wichtiger als die
eingesetzte Technik sind die örtlichen Bedingungen wie Lage und Klima, um zu
guten Erträgen zu kommen. 

Zentral ist auch die Einbeziehung der örtlichen Bevölkerung und ihres
kulturellen Hintergrundes. Vergleichbare Ansätze sollte der ökologische
Landbau nach Meinung des Bonner Experten auch in Deutschlands peripheren
Regionen wie dem Hunsrück, der Eifel und dem Westerwald verfolgen. 

Mehr als 5.000 Wissenschaftler 

Die deutsche Agrarforschung ist ein Milliardenbetrieb. Derzeit widmen sich
nach Angaben von Stefan Lange, Forschungskoordinator am Thünen-Institut in
Braunschweig [5], rund 5.200 Wissenschaftler den Themen Ackerbau, Viehzucht
und Ernährung. Zwei Drittel davon arbeiten an deutschen Hochschulen, ein
Drittel an außeruniversitären Forschungseinrichtungen. 

Zu ihnen gehört auch die Ressortforschung wie das Thünen-Institut, das dem
Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft untersteht. Da die
Agrarforschung in den Hochschulen in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich
abgebaut wurde, beläuft sich ihr Gesamtbudget an Stellen und Projektmitteln
auf jetzt rund 600 Millionen Euro im Jahr, während die außeruniversitären
Institute über 700 Millionen Euro verfügen können. 

In der Breite ist zwar eine große Themenvielfalt der Agrarforschung
anzutreffen, viele davon aber werden von den Individualinteressen der
Wissenschaftler getrieben. Doch was die großen globalen Themen der
Welternährung und des Klimaschutzes angeht, räumt Stefan Lange ein, darauf
sei die deutsche Agrarforschung „strategisch nicht vorbereitet". 

Daher wurde im vorigen Jahr die Deutsche Agrarforschungsallianz (DAFA) [6]
gegründet, die sich neben Nachhaltigkeitsthemen auch stärker um die
gesellschaftliche Akzeptanz kümmern will. 

Optimierung allein reicht nicht

So sei „für die Optimierung der Nutztierhaltung in der Vergangenheit immer
Geld" dagewesen, erläutert der Thünen-Forscher. „Was aber vergessen wurde,
war die gesellschaftliche Erwartung zum Thema Massentierhaltung". 

Umstritten ist weiterhin, wie die WPK-Anhörung zeigte, die Einschätzung der
Bioökonomie. Darunter wird, wie Henk van Liempt, Referatsleiter Bioökonomie
im Bundesministerium für Bildung und Forschung [7] erläuterte, eine
Wirtschaftsform verstanden, „die auf natürliche Prozesse zurückgreift und
natürliche Ressourcen nutzt". Dafür gibt die Bundesregierung pro Jahr 140
Millionen Euro aus, wovon 30 bis 40 Millionen in landwirtschaftliche und
Pflanzenforschung gehen. 

Weitere Schwerpunkte der Bioökonomie sind Energie und industrielle
Rohstoffe. Steffi Ober von der Zivilgesellschaftlichen Plattform
ForschungsWende [8] kritisierte, dass das Bioökonomie-Programm zu sehr auf
wirtschaftliche Interessen ausgerichtet sei und forderte den „Einbezug
gesellschaftlicher Erwartungen". Der Ministeriumsvertreter war offen für
solche Beteiligungen, wenn sie „in praktikabler Gestalt" eingebracht würden.
Henk van Liempt: „Wir brauchen für die Bioökonomie auch die Gesellschaft". 

Gentech-Versuche in Nordamerika 

Eine Gruppe hat sich allerdings aus der deutschen Agrarforschung weitgehend
verabschiedet: die Spezialisten der Grünen Gentechnik. Professor Hans-Jörg
Jacobsen [9] konzentriert sich in seinem Institut für Pflanzengenetik an der
Universität Hannover vor allem auf die Lehre. 

„Mit meinen Freisetzungsprojekten bin ich 2012 nach Nordamerika gegangen",
berichtet Jacobsen. Themen sind die Trockentoleranz und die Pilzresistenz
von Pflanzen. Bei Gentechnik-Kollegen beobachtet er einen Rückzug auf die
Grundlagenforschung. Obwohl in Deutschland erfunden, sei die Grüne
Gentechnik aufgrund politischer Restriktionen auf dem Abstieg. Jacobsen:
„Wir werden dies später teuer zurückkaufen müssen." 

Sollte die niedersächsische Landesregierung ihre in der
Koalitionsvereinbarung [10] verankerte Ablehnung der Grünen Gentechnik auch
in eine Gesetzesverordnung gießen, werde es Klagen in Karlsruhe wegen
Verstoßes gegen die Forschungsfreiheit geben, so Jascobsen. Die
Agrarforschung erobert die Justiz - das womöglich nächste Kapitel.

Links:

[1] http://www.wpk.org/
[2] http://www.institut-fuer-welternaehrung.org/
[3] http://www.landespflege.de/gremium/koepke.html
[4] http://www.iol.uni-bonn.de/
[5] http://tinyurl.com/kuv6vz4
[6] http://www.dafa.de/
[7] http://www.bmbf.de/de/biooekonomie.php
[8] http://www.forschungswende.de/
[9] http://www.genetik.uni-hannover.de/jacobsen.html
[10] http://www.spdnds.de/content/362590.php




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