DIE ZEIT
http://www.zeit.de/2014/06/prokon-insolvenz-windkraft-energie

PROKON:

Die falsche Pleite

Die Windkraftfirma Prokon ist in Schwierigkeiten geraten. Was können wir
daraus lernen?

von Rüdiger Jungbluth [1] 

DIE ZEIT Nº 06/2014 - Aktualisiert 31. Januar 2014  

Obwohl es in fast allen Zeitungen anders stand, ist Prokon womöglich gar
nicht pleite. Das Management des Windkraftbetreibers hat zwar einen Antrag
auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens gestellt [2], dem aber das Gericht
bisher nicht entsprochen hat. Es hat nur einen vorläufigen
Insolvenzverwalter eingesetzt, was nicht sagt, dass es zu einem
Insolvenzverfahren kommt. 

Der Hamburger Anwalt Dietmar Penzlin hat den Job angenommen und muss
versuchen, die Vermögenswerte im Interesse der Gläubiger der Firma zu
sichern. Und er prüft, ob Prokon zahlungsunfähig ist. Das ist schwierig.
Nach allem, was man weiß, ist Prokon niemandem Geld schuldig geblieben. Die
Mitarbeiter erhielten pünktlich ihre Löhne und Gehälter, die Beiträge an die
Sozialkassen wurden abgeführt und die Lieferanten bezahlt. Die Banken
kassierten ihre Zinsen. Auch die rund 75.000 Kleinanleger, die bei Prokon
Geld investiert haben [3], hatten nichts zu klagen. Im Gegenteil: Mit
Ausschüttungen von bis zu acht Prozent wurden sie üppig bedient. Seit 18
Jahren hat bei Prokon kein Anleger Geld verloren. 

Das Problem ist, dass ein Teil der Geldgeber kalte Füße bekommen hat. Zu
Tausenden kündigten die Menschen ihre Kapitaleinlagen [4]. Die
Windkraftfirma hatte über die Jahre fast 1,4 Milliarden Euro eingeworben,
doch dann wurden schlagartig 200 Millionen Euro zurückgefordert. Das
Unternehmen [5] erlebte so etwas wie einen 'bank run', bei dem Sparer aus
Angst, Geld zu verlieren, in Massen ihre Konten räumen und das Institut auf
diese Weise erst in die mögliche Insolvenz treiben. 

Es war absehbar, dass Prokon den Ausstiegswilligen ihr Geld nicht sofort
zurückzahlen kann. Im eigenen Interesse stellte die Geschäftsführung um
Firmengründer Carsten Rodbertus einen Insolvenzantrag. Sonst hätte sie
riskiert, der Insolvenzverschleppung beschuldigt zu werden, einer Straftat,
die mit bis zu drei Jahren Gefängnis geahndet werden kann. 

Dass die Firma wirklich pleite ist, im Sinne der Insolvenzordnung, daran hat
der vorläufige Verwalter aber Zweifel. Er hält es für "durchaus möglich",
erklärte er Journalisten und Mitarbeitern am Firmensitz in Itzehoe, dass
"eine Zahlungsunfähigkeit, die hier in Rede steht, nicht vorliegen könnte".
Drei Rechtsprofessoren untersuchen nun die Frage, das wird bis zu drei
Monate dauern. Dann wird klar sein, wie viel Zeit Prokon hat, um Einlagen
zurückzuzahlen. 

Für die Anleger wird das eine Geduldsprobe, aber dem vorläufigen Verwalter
macht es wenig Sorgen, wie er durchblicken ließ. Die Windräder drehten sich
ja weiter, sagte Penzlin, einen Stillstand des Geschäfts und einen Ausfall
von Einnahmen wird es also zumindest auf diesem Feld nicht geben. 

Eine Pleitefirma, die vielleicht gar nicht pleite ist, das ist nicht die
einzige Merkwürdigkeit im Fall Prokon. Eine andere: Ein Unternehmen, das die
Energiewende [6] mitgestaltet, wird als Betrügerfirma denunziert.
Zehntausende Anleger, die es für klug hielten, in Sachwerte zu investieren,
die sie sich nach kurzer Autofahrt ansehen können, müssen sich jetzt
nachsagen lassen, dumm, gierig oder beides zu sein. 

Man fragt sich, wie es um die Risikokultur in einem führenden
Wirtschaftsland steht, wenn dem Hauptgeschäftsführer des Industrieverbandes
BDI zu einem wachsenden Unternehmen, dem die Finanzierung weggebrochen ist,
der Satz einfällt: "Investitionen dürfen nicht zum Glücksspiel werden." 

Was ist passiert? Prokon hat sogenannte Genussrechte ausgegeben, um Kapital
zu beschaffen [7]. Dabei handelt es sich um ein Zwischending von
unternehmerischer Beteiligung und Festzinspapier, für das es keine
besonderen gesetzlichen Regeln gibt. Der Verkaufsprospekt von Prokon ist
vorbildlich und gut verständlich. Alle Risiken sind beschrieben. Es steht
darin, dass die Genussrechte für Anleger mit mittel- bis langfristigem
Horizont geeignet seien und dass es sich um eine Kapitalanlage mit
"typischem unternehmerischen Risiko" handele. Deshalb sollten Interessenten
nur einen Teil ihrer Ersparnisse investieren. Den Anlegern wird auch
erklärt, dass sich ihre Rückzahlungsansprüche durch Verluste des
Unternehmens verringern könnten. Sogar der Fall, dass eine große Zahl von
Anlegern gleichzeitig Geld abziehen will, ist beschrieben. 

Wenn man nach der Ursache sucht, warum so viele Anleger bei Prokon
aussteigen wollen, muss man die Rolle der Medien selbstkritisch beleuchten.
In zahlreichen Berichten wurden im vergangenen Jahr die Gefahren einer
Anlage bei Prokon beschrieben - und übertrieben [8]. Sicher, es gab
Ungereimtheiten und unbeantwortete Fragen. Aber allzu oft (auch in der
'ZEIT') wurde ein Wort verwendet, das viele Geldanleger in Alarm versetzt:
Schneeballsystem. 

Dabei liegt es auf der Hand, dass Prokon kein Schneeballsystem ist. In einem
solchen System werden die Gewinne der frühen Anleger mit dem Geld der
späteren bezahlt. Ein reales Geschäft, in dem Werte geschaffen werden, gibt
es nicht. Anders ist es bei Prokon. Niemand bestreitet, dass das Unternehmen
mehr als 300 Windanlagen betreibt und Hunderte weitere baut und plant. Die
Standorte sind bekannt. Tausende Anleger sind in den vergangenen Jahren zu
Besuchstagen aufgebrochen, um "ihre" Windräder sich drehen zu sehen. Laut
Bilanz für das Jahr 2011 hatte Prokon damals ein Vermögen von gut einer
Milliarde Euro, darunter 585 Millionen Euro Sachanlagen, bewertet nach den
strengen Vorschriften des Handelsgesetzbuchs, versehen mit dem Testat
unabhängiger Wirtschaftsprüfer. 

Bei Prokon entzündete sich der Argwohn vieler Beobachter an der Frage, ob
die Einnahmen aus der Windenergie [9] und den anderen Geschäftsbereichen
Biomasse und Holzverarbeitung ausreichen, um die Zinsen an die Anleger zu
zahlen. Auch ohne dass Prokon eine Kapitalflussrechnung vorgelegt hätte, wie
sie von Verbraucherschützern gefordert wurde, ist die Antwort leicht: Sie
reichen derzeit nicht aus. 

Prokon hat tatsächlich mehr Geld an seine Anleger ausgeschüttet, als es in
seinem operativen Geschäft verdient hat. Das ist aber ein Umstand, aus dem
das Unternehmen nie einen Hehl gemacht hat, es ist ein elementarer Teil des
Geschäftsmodells. 

Was dem Wirtschaftslaien als ein Ding der Unmöglichkeit erscheint - ein
Unternehmen schüttet mehr Geld aus, als es im Normalbetrieb verdient hat -,
ist in Wirklichkeit nicht selten. Unternehmensgewinne entstehen nämlich
nicht nur in der Form eines Cash Flow, sondern auch daraus, dass das
Vermögen eines Unternehmens an Wert gewinnt. 

In einer Bilanz, die nach dem Handelsgesetzbuch aufgestellt wird, kommen
solche Bewertungsgewinne nicht vor. Im Gegenteil: Ist eine Anlage
abgeschrieben, hat sie offiziell keinen Wert mehr, auch wenn sie noch Jahre
läuft. Dagegen müssen Bewertungsgewinne in Bilanzen nach internationalen
Regeln, wie sie heute fast alle Großkonzerne aufstellen, ausgewiesen werden.
Es gibt in dieser Frage kein Richtig oder Falsch. Die deutsche Bilanz ist
darauf ausgerichtet, das Unternehmen keinesfalls besser aussehen zu lassen,
als es ist. Bei der internationalen Bilanzierung geht es darum, ein
realistisches aktuelles Bild von der Firma zu geben. In der Prokon-Bilanz
gibt es wahrscheinlich stille Reserven. So werden die Windräder dort mit den
Kosten ihrer Planung und ihres Baus angegeben, und weil der Gesetzgeber
annimmt, dass die Anlagen mit der Zeit verschleißen, werden die Wertansätze
von Jahr zur Jahr kleiner. Die Marktwerte sind wohl höher, besonders in der
Planungsphase. Im Sommer 2013 standen die Windanlagen mit 800 Millionen Euro
in der Bilanz, waren aber nach Einschätzung des Unternehmens 894 Millionen
Euro wert. 

Aus Sicht der Anleger eines Unternehmens ist es wünschenswert, wenn sie an
stillen Reserven beteiligt werden. Bei Prokon erhielten sie neben der
zugesagten Grundverzinsung von sechs Prozent zwei Prozent
Überschussbeteiligung. Mit dieser Praxis hat sich die Firma exakt so
verhalten, wie es Verbraucherschützer und der Gesetzgeber von den
Versicherungskonzernen verlangen. Auch sie müssen ihre
Lebensversicherungskunden heute an den Wertzuwächsen ihrer Anlagen
beteiligen. 

Kurz vor und nach dem Insolvenzantrag war für viele Beobachter klar, dass
die Sache schiefgehen musste. "Haarsträubende acht Prozent Zinsen" habe
Prokon "garantiert", stand in der 'Süddeutschen Zeitung'. Dabei war nichts
garantiert, schon gar nicht waren es acht Prozent, aber auch die wären nicht
haarsträubend gewesen. In 'Finanztest', einer Zeitschrift der Stiftung
Warentest, konnte man 2011 lesen: "Es ist durchaus möglich, mit
Windkraftanlagen dauerhaft Renditen von acht Prozent oder sogar mehr zu
erzielen." Auf der Internetseite der halbstaatlichen Deutschen
Energie-Agentur steht: "Die Renditen von Windenergieanlagen liegen
durchschnittlich bei 6 bis 10 Prozent vor Steuern." 

Wie einträglich die Windkraft ist und sein kann, ist eine schwierige Frage,
und das nicht nur, weil jeder Standort anders ist. Oft werden die Anlagen
von sogenannten geschlossenen Fonds gebaut, bei denen man nur in einem
bestimmten Zeitraum einsteigen kann und dann langfristig engagiert bleibt.
Der Anleger wird dabei selbst Unternehmer. Wie hoch seine Rendite ausfällt,
hängt auch davon ab, wie hoch die Nebenkosten sind, wie viel Bankkredite
aufgenommen werden und ob Finanzvermittler die Hand aufgehalten haben. 

Nach einer Studie des Steuerberaters Werner Daldorf, der 170
Windparkprojekte über zwölf Jahre untersucht hat, betrugen die jährlichen
Ausschüttungen im Schnitt 2,5 Prozent. Allerdings handelte es sich wohl
überwiegend um geschlossene Fonds, und oft wurden neben dem Anlegergeld hohe
Bankkredite aufgenommen, die Zinskosten verursachten. 

Prokon ist anders, das Unternehmen gehört zu den Großen, hat dadurch bei der
Planung und dem Bau von Anlagen Kostenvorteile. Überdies arbeitet Prokon
fast bankenunabhängig, was bei der Finanzierung Vorteile mit sich bringt.
Höhere Renditen für Anleger sind deswegen nicht garantiert, sind aber nicht
unerreichbar. Anleger haben also keine Dummheit begangen, als sie bei Prokon
investiert haben, einer Firma mit Erfahrung, eigener Produktion und
Betriebskindergarten. Ein Problem ist allenfalls, dass einige mit zu hohen
Beträgen (gemessen an ihrem Vermögen) auf eine Anlage gesetzt haben, statt
ihre Ersparnisse auf mehrere Anlagen zu verteilen. 

Dass Prokon Windkraftanlagen mit kurzfristig kündbarem Geld finanziert hat,
hält heute auch Firmenchef Rodbertus für einen Fehler. Tatsächlich ist es ja
nun auch schiefgegangen. Die Firma kann ihre Anleger nicht so schnell
auszahlen, wie sie es zugesagt hatte. Vorerst werde es weder Zinsen noch
Rückzahlungen geben, sagte der vorläufige Insolvenzverwalter. Aber das
bedeutet nicht, dass das Prokon-Modell von vorneherein eine zum Scheitern
verurteilte Idee war. Tatsächlich wird kaum eine Investition mit langfristig
gebundenem Geld bezahlt. 

Anleger lieben es kurzfristig, sie wollen flexibel bleiben und im Notfall
schnell wieder an ihr Geld kommen. Größere Investitionen sind fast immer
langfristiger Natur. Es ist also keineswegs eine Todsünde, sie mit
kurzfristigem Geld zu finanzieren. Bei den Banken gehört es zu den
Kernaufgaben, "aus kurz lang zu machen". Fachleute sprechen von der
Fristentransformation. Gewiss birgt sie Risiken, aber sie ist eine Methode,
um Investitionen in neuen Wohlstand zu ermöglichen. Wenn alles, was einmal
schiefgeht, falsch wäre, hätten wir keine Flugzeuge. 

Prokon ist auch kein Fall, der den Ruf nach mehr Kontrolle oder Regulierung
rechtfertigt. Das Unternehmen hat seinen Anlegern immer einen von der
Finanzaufsicht formal geprüften Verkaufsprospekt vorgelegt und bis 2011 auch
eine von Wirtschaftsprüfern testierte Bilanz. Prokon agiert überdies auf
einem Markt, der stark reguliert ist. Die Firma wurde von
Verbraucherschützern und Wirtschaftsmedien über Jahre kritisch begleitet -
und hat auf Einwände teils konstruktiv reagiert. 

Zu Recht stießen sich die Verbraucherschützer daran, dass Prokon in seiner
Werbung die Risiken der Geldanlage herunterspielte. Aber sie hatten nicht in
allen Punkten recht. Der Verbraucherzentrale Bundesverband unterlag Prokon
im Januar, nachdem die Firma die Anleger mit drastischen Worten auf die
Insolvenzgefahr hingewiesen hatte. Was Verbraucherschützer für eine
unzulässige Drohung hielten, war nach Ansicht des Landgerichts Itzehoe nicht
nur "legitim, sondern Verpflichtung einer verantwortungsvollen
Geschäftsleitung". 

Eine der Ursachen des Argwohns gegen Prokon war die Tatsache, dass der
Konzern noch keine Bilanz für das Jahr 2012 vorgelegt hat, die von
Wirtschaftsprüfern testiert ist. Es gibt nur einen Entwurf. Die
Konzern-Bilanz zeigt ein Anlagevermögen von 1,1 Milliarden Euro am Ende des
Jahres 2012. Der Umsatz belief sich in dem Jahr auf 410 Millionen Euro,
unterm Strich steht ein Verlust von 171 Millionen Euro. Das hat viele
Anleger erschreckt. 

Dass die Wirtschaftsprüfer diese Bilanz bislang nicht testiert haben,
erklärt die Firma damit, dass es der erste Konzernabschluss sei und damit
aufwendiger - und dass es Diskussionen über die angesetzten Marktwerte gebe.
Daraus kann man schließen, dass die Prüfer sie für zu hoch oder nicht belegt
halten. 

Nach den jüngsten Zahlen war das Vermögen der für die Anleger maßgeblichen
Energie-Tochtergesellschaft Ende November 2013 mit rund 1,3 Milliarden Euro
etwas kleiner als die Summe des für Genussrechte bezahlten Geldes. 

Wie es tatsächlich um die Werte bei Prokon bestellt ist, wird sich zeigen,
wenn das Unternehmen nun einige Windparks verkauft, um mit dem Geld
ängstliche Kleinanleger auszuzahlen. Gut die Hälfte der Investoren zeigte
sich bislang geduldig und will Prokon treu bleiben.

Links:

[1] http://community.zeit.de/user/rüdiger-jungbluth
[2] http://tinyurl.com/o7jolxd
[3] http://www.zeit.de/wirtschaft/2014-01/prokon-insolvenzwarnung
[4] http://zeit.de/wirtschaft/geldanlage/2014-01/prokon-anleger-insolvenz
[5] http://www.zeit.de/schlagworte/themen/unternehmen
[6] http://www.zeit.de/schlagworte/themen/energiewende
[7] http://www.zeit.de/2014/04/windkraftfirma-prokon-oekofalle
[8] http://www.zeit.de/2013/38/geldanlage-windkraftfirma-prokon-genussrechte
[9] http://www.zeit.de/schlagworte/themen/windenergie




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