die tageszeitung
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* 25.02.2014

TTIP 

Achtung, Chlorhuhn!

Die Kritiker mobilisieren gegen das Freihandelsabkommen - und beschwören
falsche Gefahren herauf. Lobbyisten können sich freuen

VON ULRIKE HERRMANN

Die Schlagworte sind bestens geeignet, um wütende Massen zu mobilisieren:
Chlorhühnchen, Hormonfleisch, Genfood. Das klingt ekelig und soll ekelig
klingen.

Selbst Bundesbürger, die sich sonst nicht für Politik interessieren, haben
vom "Chlorhühnchen" gehört, das angeblich auf deutschen Tellern landen soll,
wenn die EU und die USA ein Freihandelsabkommen abschließen, das auf den
Namen TTIP hört.

In der Politik ist es wichtig, Begriffe zu besetzen, was der
Anti-TTIP-Bewegung grandios gelungen ist. Es gibt nur ein Problem: Das
Chlorhühnchen wird nicht kommen. Es steht gar nicht auf der
Verhandlungsagenda.

Für Europa werden die TTIP-Verhandlungen vom Handelskommissar Karel De Gucht
geführt, der kein Interview auslässt, um zu versichern: "Ich werde keine
europäischen Gesetze ändern, um eine Unterschrift unter das Abkommen zu
bekommen."

EU-Kommission ist nicht blöd

Man kann De Gucht ruhig glauben, denn blöd ist die EU-Kommission nicht. Sie
weiß genau, dass das TTIP-Abkommen im europäischen Parlament nicht
ratifiziert würde, wenn sich damit Stichworte wie "Chlorhühnchen" oder
"Hormonfleisch" assoziieren ließen.

Die Kritiker sollten daher ernst nehmen, dass De Gucht permanent verspricht,
dass "kein europäischer Schutzstandard aufgrund dieses Freihandelsabkommens
aufgegeben wird: Das gilt sowohl für Nahrungsmittel und Sozialstandards als
auch für den Datenschutz. Ich werde dafür sorgen, dass TTIP nicht zu einem
Dumping-Abkommen wird."

Die Anti-TTIP-Bewegung manövriert sich in eine Sackgasse, wenn sie weiterhin
mit Schlagworten wie "Chlorhühnchen" oder "Hormonfleisch" mobilisiert. Diese
Begriffe sind zwar publikumswirksam, können sich aber als Bumerang erweisen.
Die EU-Kommission muss sich nur mit den Amerikanern einigen, dass sie den
Status quo wahren, und schon ist es spielend einfach, die Kritiker
vorzuführen und mundtot zu machen.

Einige NGOs haben diese Gefahr bereits erkannt. Dazu gehört Corporate Europe
Observatory in Brüssel. Die Anti-Lobby-Vereinigung schreibt auf ihrer
Homepage: "Es kann sehr gut sein, dass der endgültige TTIP-Text keine
unmittelbaren Zugeständnisse in Bezug auf das Gesundheitswesen oder
Umweltrichtlinien enthält."

Die Aktivisten rechnen damit, dass sich Amerikaner und Europäer zunächst nur
auf Standards einigen, die wenig Verhandlungsaufwand erfordern, weil sie
sowieso ähnlich geregelt sind. Ein Beispiel könnten die hinteren Autoblinker
sein. In den USA sind sie rot, während sie in der EU orange leuchten müssen.
Da wäre ein Kompromiss leicht möglich - und auch kein Drama.

Ein Eldorado für Lobbyisten

Dennoch gibt Corporate Europe Observatory keine Entwarnung, im Gegenteil.
Doch statt sich auf so konkrete Objekte wie Chlorhühnchen zu konzentrieren,
macht die NGO eine prinzipielle Bedrohung aus: Sie warnt vor den
Verfahrensweisen, auf die sich Amerikaner und Europäer verständigen könnten,
um sich langfristig weiter anzunähern. Das Problem wäre also die Zukunft,
nicht die Gegenwart.

TTIP soll nämlich als "living agreement" gestaltet werden. Das Abkommen
würde vorsehen, dass bei jeder neuen Gesetzesinitiative sehr frühzeitig
geprüft werden muss, ob sie einen "wesentlichen" Einfluss auf den
transatlantischen Handel hätte. Derartige Klauseln würden es den
europäischen und amerikanischen Unternehmen erlauben, ihr Lobbying extrem
auszuweiten, weil sie auf beiden Kontinenten ständig einbezogen werden
müssten. Ob beim Umwelt- oder Verbraucherschutz: Immer müssten die Firmen
gefragt werden. Doch für diese langfristige Bedrohung hat die
Anti-TTIP-Bewegung noch keinen Begriff gefunden, der die Massen mobilisiert.

Diese Sprachlosigkeit ist gefährlich, denn die Verfahrensfragen dürften das
Einzige sein, was von TTIP übrig bleibt, wenn man von so unstrittigen Themen
wie Autoblinkern absieht. Der Rest des Abkommens ist bereits tot, denn auch
CSU-Politiker wie Josef Göppel fragen: "Warum brauchen wir dieses Abkommen
überhaupt?" Bei TTIP haben sich seltene Allianzen gebildet: Nicht nur Attac
kämpft dagegen, sondern auch der Bauernverband.

Zudem blicken nicht nur die Europäer misstrauisch über den Atlantik - die
US-Bürger tun es umgekehrt auch. So halten es die Amerikaner für möglich,
dass sie mit BSE verseucht werden, falls sie europäisches Rindfleisch
einführen. Auch finden sie es erschreckend, wie schnell Medikamente in
Europa zugelassen werden. Es befremdet sie zudem, wie mild die Auflagen für
Tabakkonzerne ausfallen.

Der Investorenschutz ist tot

Sobald es konkret wird, sind sich Amerikaner und Europäer transatlantisch
einig: TTIP, nein danke! Genau deswegen werden die Lobbyisten in Brüssel und
Washington versuchen, formale Verfahren durchzusetzen, die zunächst harmlos
aussehen, aber größten Einfluss sichern.

Wie gefährlich formale Regelungen sein können, hat sich bei einem anderen
Thema gezeigt: bei den Investorenschutzklauseln. In den 1990er Jahren waren
sie groß in Mode; pro Woche wurden weltweit vier dieser Verträge
abgeschlossen, so dass es inzwischen mehr als 3.200 gibt. Dieser
Investorenschutz sah ebenfalls harmlos aus, erweist sich aber als Zeitbombe.

In Deutschland wurde vor allem ein Fall berühmt: Der schwedische Konzern
Vattenfall klagt gegen die Bundesrepublik und verlangt 3,7 Milliarden Euro
Schadenersatz, weil die Atomkraftwerke Krümmel und Brunsbüttel vorzeitig
abgeschaltet wurden.

Für Vattenfall mag sich diese Klage lohnen, aber seither ist der
Investorenschutz politisch tot. Der öffentliche Druck wurde so groß, dass De
Gucht versprochen hat, den Investorenschutz bei TTIP vorerst auszuklammern -
und eine Debatte in Europa anzustoßen. So sieht die Beerdigung eines Themas
aus.

Doch ist dies kein Grund aufzuatmen. Ohne den Investorenschutz werden die
Lobbyisten versuchen, andere Instrumente durchzusetzen, die ihren Einfluss
maximieren. Deswegen ist es so wichtig, nicht über Chlorhühnchen zu reden -
sondern über das "living agreement". 

Lobbyisten haben einen neuen Trick: Internationale Konzerne sollen auf
nationale Gesetze Einfluss nehmen können

ULRIKE HERRMANN [1] ist Wirtschaftskorrespondentin der taz. Für die
Rosa-Luxemburg-Stiftung hat sie eine Broschüre über die Geschichte des
Freihandels und das TTIP-Abkommen geschrieben, die im März erscheint [2].

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[1] http://www.taz.de/!a69/
[2] http://tinyurl.com/p9c5quy




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