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* 22.02.2014

Für eine ökologische Weltlandwirtschaft

Auch große Umweltorganisationen setzen weltweit lieber auf Wächter und Zäune
als auf partizipative Alternativen wie den gemeindebasierten Naturschutz

VON KNUT HENKEL

Der Run auf Land hat in den vergangenen Jahren Schlagzeilen gemacht. Seit
den Brotrevolten von 2008, als wegen der stark gestiegenen Preise für
Grundnahrungsmittel die Menschen in Mexiko, Haiti, Mosambik, Bangladesch und
anderswo protestierend auf die Straße gingen, hat sich das Verhältnis zu den
Ackerflächen gewandelt. Sorgen um die Versorgung der Bevölkerung mit
preiswerten Nahrungsmitteln machen sich nicht nur China, Südkorea oder die
Golfstaaten; auch Investmentbanken, Hedgefonds und Anleger haben entdeckt,
dass Ackerland eine Ressource ist, mit der sich Geld verdienen lässt.

Dahinter steht eigentlich immer ein Konzept, das auf industrieller
Landwirtschaft basiert. Effizienzsteigerung heißt das Schlagwort, wobei auf
chemische Düngemittel und Gentechnik gesetzt wird und die lokale Bevölkerung
meist nicht gefragt wird. Partizipation ist nicht vorgesehen, denn moderne
Agrarfabriken kommen mit wenig Personal aus, und das kann von überall her
kommen.

Genau das lässt sich in Mexiko beobachten, wo Arbeiter aus Honduras bei der
Erdbeerernte eingesetzt werden, aber auch in den Treibhäusern Äthiopiens, wo
große Landflächen an Investoren verpachtet wurden. Die
Nichtregierungsorganisation Grain schätzt, dass weltweit zwischen 80 und 227
Millionen Hektar Ackerland den Besitzer gewechselt haben - das Gros davon in
Afrika, und das binnen fünf Jahren.

Dass es auch anders geht, schildert der deutsche Agrarexperte und Publizist
Peter Clausing in seinem neuen Buch, "Die grüne Matrix". Darin zeigt er auf,
wie die wissenschaftliche Forschung, aber auch große Umweltorganisationen
mit von der Partie sind, wenn es um den Schutz von Umwelt und Biodiversität
geht - allerdings im Kontext des herrschenden Modells. Auf Wächter und Zäune
wird dabei lieber gesetzt als auf partizipative Alternativen wie den
gemeindebasierten Naturschutz. Der integriert die lokale Bevölkerung, statt
sie wie andernorts zu vertreiben, wie Clausing anhand zahlreicher Studien
nachweist. "Naturschutz ohne Menschen", lautet das gängige
Artenschutzkonzept, das von einer einschlägig bekannten Wissenschaftselite
gefördert wird. Diese setzt auf intensive Anbauverfahren, Hightech und
Gentechnik, um die Erträge zu steigern und so zusätzliche Flächen für mehr
Schutzgebiete zu gewinnen. Land sparing wird das Konzept in der Fachwelt
genannt, und dem steht das Land sharing diametral gegenüber.

Dieses nachhaltige Agrarkonzept steht im Fokus des letzten und
umfangreichsten Kapitels der "Grünen Matrix". Dabei steht die
agrarökologische Produktion im Mittelpunkt, die durchaus über ausreichend
Potenzial verfügt, um die rasant wachsende Weltbevölkerung satt zu bekommen.
Das ganz ohne Vertreibung von Menschen von ihrem Land oder unter Schutz
stehenden Flächen. Der Clou dabei ist, dass mit der strukturellen Änderung
der Agrarpolitik Armutsbekämpfung, aber auch Umweltschutz und der Erhalt der
Biodiversität vereinbar sind.

Und auch die Mär von der deutlich höheren Produktivität der
Hightechlandwirtschaft widerlegt Clausing anhand harter Fakten. Er weist
nach, dass die industrielle Agrarwirtschaft nicht nur mengenmäßig, sondern
auch, was die Energieeffizienz angeht, mit der agrarökologischen
Landwirtschaft nicht mithalten kann. Eine Einschätzung, die auch der
UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Olivier de Schutter,
teilt. Er wirbt für den Ausbau agrarökologischer Anbaukonzepte auf der
Südhalbkugel und prognostiziert eine Verdopplung der Produktion binnen zehn
Jahren.

Peter Clausing weiß ganz genau, wer bisher die Deutungsmacht inne hat, und
daran will er mit der "Grünen Matrix" etwas ändern. Eine informativer
Appell, genau hinzusehen, wenn das Thema Ernährungssicherheit auf den Tisch
kommt.

Peter Clausing: "Die grüne Matrix. Naturschutz und Welternährung am
Scheideweg". Unrast Verlag, Münster 2013, 156 S., 13 Euro
http://www.unrast-verlag.de/neuerscheinungen/die-gruene-matrix-detail




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