Frankfurter Rundschau http://www.fr-online.de/wirtschaft/1472780,27185250.html
Wirtschaft - 20 | 5 | 2014 PALMÖL Auf Kosten der Orang-Utans Viele Lebensmittel enthalten Palmöl. Seine Produktion kann große Schäden anrichten. Doch der nachhaltige Anbau ist weiter nicht garantiert Von Tobias Schwab Palmöl ist überall: in Keksen und süßen Aufstrichen, Speiseeis und Tiefkühlpizzen, in Waschmitteln, Kerzen und im Biosprit. Um die wachsende globalen Nachfrage nach dem billigen Fett zu bedienen, wird in Asien weiterhin massiv Regenwald für neue Palmöl-Monokulturen gerodet - auf Kosten des Klimas, der indigenen Bevölkerung und bedrohter Arten wie Orang-Utans. Auf der Zutatenliste von Lebensmitteln aber findet sich Palmöl noch selten. Die Hersteller verstecken es in der Regel hinter dem Begriff pflanzliche Öle. Doch damit ist bald Schluss. Die Europäische Union macht die ausführliche Angabe der Inhaltsstoffe von Dezember 2014 an zur Pflicht. Ob Palm-, Raps- oder Sojaöl verarbeitet wurde - und in welcher Menge, das können Verbraucher dann detailliert auf der Verpackung lesen. Auch den Hinweis, ob das Palmöl aus nachhaltigem Anbau stammt, können kritische Konsumenten künftig im Kleingedruckten finden. Verlass ist auf solche Angaben allerdings nicht, wie die aktuelle Studie Nachhaltiges Palmöl - Wunsch und Wirklichkeit von Brot für die Welt und der Vereinten Evangelischen Mission (VEM) zeigt. Experten des Südwind-Instituts haben im Auftrag der beiden kirchlichen Organisationen das RSPO-Siegel unter die Lupe genommen. RSPO steht für Roundtable on Sustainable Palm Oil (Runder Tisch für nachhaltiges Palmöl), die weltweit größte freiwillige Initiative von Industrie und Zivilgesellschaft. 1439 Mitglieder zählt der RSPO - Erzeuger, Weiterverarbeiter und Händler ebenso wie Banken, Investoren und Nichtregierungsorganisationen. Fazit der Studie, die der Frankfurter Rundschau vorliegt: Das RSPO-Siegel hält nicht, was es verspricht. Die Südwind-Experten haben für ihre Untersuchung internationale Studien ausgewertet und Interviews mit zahlreichen Akteuren des Palmölmarktes geführt. Demnach werden die RSPO-Prinzipien von Plantagenbetreibern immer wieder gezielt verletzt. Jüngste Beispiele aus dem Sommer 2013 sind riesige Brandrodungen in der Region Riau auf Sumatra, um Platz für neue Anbauflächen zu schaffen, oder Waldeinschlag auf Kalimantan (Borneo) in unmittelbarer Nähe eines Gebietes, in dem die letzte große Orang-Utan-Gruppe lebt. In beiden Fällen waren nachweislich Firmen involviert, die dem RSPO angehören. Abetnego Tarigan, Geschäftsführer von Friends of the Earth Indonesia, einer Umweltorganisation, die seit vielen Jahren für den Erhalt des artenreichen Regenwaldes kämpft, stellt denn auch ernüchtert fest: Viele Plantagen, die RSPO-zertifiziert sind, halten die Kriterien, zu denen sie sich verpflichten, bewusst nicht ein. Dazu gehöre auch, dass beispielsweise das Unternehmen Bumitama Palmöl von Flächen verkaufe, für das der Konzern keine Landtitel besitze. Die massive Expansion des Palmölanbaus - auch angetrieben durch den Boom der Agrartreibstoffe - führt laut Studie immer wieder zu Konflikten in den Anbaugebieten. Insbesondere die Land- und Besitzrechte von lokalen Bevölkerungsgruppen würden verletzt, wenn neue Plantagen angelegt oder bestehende erweitert würden. Unter Druck und mitunter Gewaltanwendung müssten die Betroffenen dann weichen. Die Mitbestimmungsrechte der Bauern, eines der zentralen RSPO-Kriterien, werden am häufigsten verletzt, bilanziert Carolin Callenius, Ernährungsexpertin von Brot für die Welt, die Ergebnisse der Studie. Darüber hinaus seien RSPO-zertifzierte Plantagen auch in Menschenhandel, Zwangs- und Kinderarbeit verstrickt, heißt es in der Untersuchung mit Verweis auf Erkenntnisse des International Labour Rights Forum in Washington. Schwächen macht die Südwind-Studie auch bei den externen Prüfungen der RSPO-Unternehmen aus. Bei der Qualität der Audits gebe es erhebliche Unterschiede. Für die Prüfungen existiere kein einheitliches Format, die Tiefe der Recherche und Ausführlichkeit der Berichte variiere stark. Auch eklatante Mängel listen die Studienautoren auf. So habe etwa der TÜV Rheinland bei der Auditierung des Unternehmens PT Mustika Sembuluh in Zentral-Kalimantan nicht die lokale Bevölkerung einbezogen. Und das, obwohl die indigene Gruppe der Dayak Temuan mit dem Plantagenbetreiber wegen eines Landkonfliktes im Clinch liegt. Alle im TÜV-Report aufgeführten Interviewpartner seien Repräsentanten oder Beschäftigte von PT Mustika Sembuluh. Der betroffenen Bevölkerung steht zwar nach RSPO-Reglement ein Beschwerdeverfahren offen, um ihre Rechte einzufordern. Doch das hat hohe Hürden. Vorgebrachte Fälle würden zudem nur zögerlich und schwerfällig bearbeitet. Viele Kleinbauern seien zudem weder über die Prinzipien des RSPO noch ihre eigenen Rechte informiert. Wo Kontakte zur Nichtregierungsorganisationen fehlten, kämen Konflikte selten an die Öffentlichkeit. Ein Zertifizierungssystem, das Kunden Nachhaltigkeit verspricht, benötigt strengere Kriterien und vor allem schärfere Kontrollen, fordert Callenius. Die Autoren der Studie geben denn auch konkrete Empfehlungen für eine Reform des RSPO, um tatsächlich nachhaltig gewonnenes Palmöl garantieren zu können. Sie fordern etwa ein Verbot des Anbaus auf Torfböden, weil deren Trockenlegung zu starken Treibhausgas-Emissionen führt, Mindeststandards bei den Kontrollen der Betriebe, für die Bevölkerung einen einfachen und kostenlosen Zugang zu Beschwerdeverfahren sowie eine Umkehr der Beweislast. Bei Konflikten soll in Zukunft das beteiligte Unternehmen nachweisen müssen, dass es sich an Gesetze und Prinzipien hält. Auch beim Palmöl-Handel im Rahmen des RSPO sieht die Studie Reformbedarf. Sie fordert einen schrittweisen Übergang auf komplett getrennte Handelswege - das heißt, dass zertifiziertes und konventionelles Palmöl tatsächlich physisch getrennt verarbeitet und verkauft wird. Bislang können RSPO-Mitglieder auch eine Mischung aus beidem vermarkten und diese mit dem Satz Trägt zur Herstellung von nachhaltigem Palmöl bei bewerben. Diesen Hinweis dürfen auch konventionell produzierende Firmen platzieren, die über das Book & Claim-System von RSPO - eine Art Handelsplattform - lediglich Zertifikate erwerben. Jochen Motto, Vorstandsmitglied des VEM, ist angesichts der Studienergebnisse skeptisch, ob freiwillige Initiativen wie der RSPO Probleme wie Landraub und Umweltzerstörung wirklich lösen kann. Die sind oft nur bedingt wirksam oder werden als Alibi missbraucht, sagt der Kirchenmann. Neben einer Reform des RSPO komme es vor allem auf staatliches Handeln an. Die nationalen Regierungen in den Anbauregionen müssten bestehende Gesetze strikt anwenden und die Unternehmen kontrollieren, fordert Motte. -------------------------------------------------------------------------- Palmöl: Standards und Studie Hauptlieferanten und größte Abnehmer Die Nachfrage nach Palmöl ist mit dem Boom der Agrartreibstoffe regelrecht explodiert. Malaysia und Indonesien liefern rund 90 Prozent des international gehandelten Palmöls. Hauptabnehmer sind Indien, China und die Europäische Union. Wofür Palmöl verwendet wird Für die Nahrungsmittelproduktion wurden zuletzt weltweit rund 73 Prozent des Palmöls verwendet, der Rest fließt in chemische und technische Prozesse. Dieser Anteil wächst allerdings. In der EU wurden 2012 bereits fast 30 Prozent der Palmölimporte zur Erzeugung von Biodiesel genutzt. Warum der Anbau problematisch ist Der Anbau von Palmöl auf immer größeren Flächen geht mit der Zerstörung von tropischem Regenwald einher - auf Kosten von Klima, Artenvielfalt und indigener Bevölkerung. Diese Initiativen wollen etwas ändern Auf Initiative des World Wildlife Fund (WWF) wurde 2004 gemeinsam mit Vertretern der Industrie der Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO) gegründet. Ziel der weltweit 1439 Mitglieder ist es, die Erzeugung und Weiterverarbeitung von nachhaltigem Palmöl zu fördern und eine Vermarktung unter einem eigenen Zertifikat zu ermöglichen. In Deutschland tätige Unternehmen und Nichtregierungsorganisationen haben 2013 das Forum nachhaltiges Palmöl gegründet. Bis Ende 2014 wollen die Mitglieder zu 100 Prozent auf nachhaltiges Palmöl umstellen. Maßgeblich sind dabei die RSPO-Zertifizierung oder vergleichbare Standards wie Rainforest Alliance oder ISCC. Im Auftrag des kirchlichen Hilfswerks Brot für die Welt und der Vereinten Evangelischen Mission hat das Südwind-Institut die Studie Nachhaltiges Palmöl - Anspruch und Wirklichkeit erstellt: http://bfdw.de/palmoel -------------------------------------------------------------------------- KOMMENTAR ZU PALMÖL Kritisches Misstrauen Von TOBIAS SCHWAB Da hat der Runde Tisch für nachhaltiges Palmöl (RSPO) gründlich sein Fett abbekommen. Eine neue Studie bescheinigt dem vom World Wide Fund For Nature (WWF) und zahlreichen Unternehmen initiierten Projekt für nachhaltiges Palmöl gravierende Mängel. Kurz gesagt: Dem Label RSPO, das signalisieren soll, dass Firmen der Palmölbranche freiwillig mehr für Naturschutz und Menschenrechte tun, ist nicht zu trauen. Denn RSPO-Mitgliedsunternehmen roden illegal Regenwald, vertreiben Kleinbauern von ihrem Land und verstoßen gegen grundlegende Mitbestimmungsrechte. Die beteiligten Unternehmen, mehr noch aber der WWF als Naturschutzorganisation haben damit ein gravierendes Glaubwürdigkeitsproblem. Sie sollten nun alles tun, um die RSPO-Kriterien zu verschärfen und ihre Einhaltung strikter zu überprüfen. Verstöße müssen umgehend mit dem Ausschluss von Unternehmen sanktioniert werden. Und was bleibt den Konsumenten? Nichts anderes als grundsätzliches Misstrauen angesichts eines oft gezielten Etikettenschwindels. Von bunten Labels und Zertifizierungen sollten sich Verbraucher im Supermarkt nicht vorschnell blenden lassen. Kritisch nachfragen, Rechenschaft fordern und Alternativen prüfen - nur so sind Unternehmen zu bewegen. ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° Ende der weitergeleiteten Nachricht ° Alle Rechte bei den AutorInnen Unverlangte und doppelte Zusendungen bitten wir zu entschuldigen Abbestellen: mailto:[email protected]?subject=unsubscribe ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° Greenhouse Infopool baut um! 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