DIE ZEIT
http://www.zeit.de/mobilitaet/2014-05/stadtplanung-fahrrad/

30. Juni 2014  

KOPENHAGEN:

"Radfahrer machen eine Stadt erst richtig lebendig"

Nur bei guten Radwegen fühlen sich die Leute eingeladen, Rad zu fahren, sagt
Helle Søholt. Die dänische Stadtplanerin ist verwundert, dass Deutschland
nicht weiter ist

Ein Interview von Matthias Breitinger

ZEIT ONLINE: Jeder Zweite, der in Kopenhagens Innenstadt unterwegs ist,
sitzt auf einem Fahrrad. In kaum einer anderen Stadt ist der Anteil so hoch.
Wie kommt das, Frau Søholt?

Helle Søholt: Wir haben eine Kultur des Fahrradfahrens entwickelt. Es ist
Teil des Lifestyles geworden. So etwas kommt nicht über Nacht, sondern muss
sich im Lauf von Jahren entwickeln. Dafür muss man viel tun. Entscheidend
ist, den Radfahrern das Gefühl zu geben, dass man sich um sie kümmert. Die
Menschen müssen sich eingeladen fühlen, aufs Rad zu steigen. Dazu gehört
zwingend eine gute, einheitliche Infrastruktur.

ZEIT ONLINE: Wie profitiert Kopenhagen davon?

Søholt: Ende der achtziger Jahre war Kopenhagen unattraktiv. Die Leute zogen
an den Stadtrand, weil sie ihr eigenes Haus mit Garten haben und sicher
leben wollten. Seitdem hat die Stadt viel in die Qualität öffentlicher
Plätze investiert, aber eben auch in Radwege. Heute ist das Wohnen in
Kopenhagen genauso attraktiv wie im Umland. Inzwischen wächst Kopenhagen
auch wieder, jedes Jahr kommen 10.000 Menschen neu hinzu.

ZEIT ONLINE: In Deutschland zögern viele Bürgermeister vor allem kleinerer
Städte, in Radwege zu investieren. Sie sehen die enormen Kosten und
behaupten, sie gewönnen dadurch nichts. Was sagen Sie diesen Bürgermeistern?

Søholt: Radfahrer machen eine Stadt erst richtig lebendig. Man sieht
Gesichter auf der Straße, und nicht nur hinter Windschutzscheiben. Die Stadt
wird als menschenfreundlich wahrgenommen und dadurch attraktiv. Sie zieht
Familien an, aber auch Unternehmen und gut ausgebildete Talente, die in der
Stadt leben wollen.

ZEIT ONLINE: Was könnten sich Kommunen von Kopenhagen abschauen - einfache
Dinge, deren Umsetzung kein Vermögen kostet?

Søholt: Die Stadtverwaltung hat über einen Zeitraum von 20 Jahren
öffentlichen Parkraum umgewandelt in Plätze für Cafés und Spielplätze sowie
Raum für Fußgänger und Radfahrer geschaffen. Das geschah langsam, pro Jahr
nahm die Stadt zwei bis drei Prozent Parkfläche weg. Zeitgleich hat sie die
Gebühren für die noch bestehenden Parkplätze erhöht. So wurde erreicht, dass
Menschen, die bisher mit dem Auto in die Stadt gefahren sind, aufs Rad
umgestiegen sind.

Außerdem hat sich die Zahl der Leute, die ins Zentrum kommen, vervierfacht.
Die Menschen, die auf dem Rad in der Stadt unterwegs sind, geben auch etwas
mehr Geld aus, als die, die mit dem Auto kommen.

ZEIT ONLINE: Wie das?

Søholt: Wer mit dem Auto Einkaufen fährt, macht das ein Mal pro Woche. Man
fährt zum Supermarkt, macht seinen Kofferraum voll und fährt wieder nach
Hause. Wer aber mit dem Rad Einkäufe erledigt, macht das eher zwei bis drei
Mal in der Woche. Er nimmt jedes Mal weniger mit, aber gibt unterm Strich
etwas mehr aus.

ZEIT ONLINE: In Deutschland sagen Kritiker, es sei für Radfahrer sicherer,
wenn sie auf der Straße zusammen mit den Autos fahren. In Kopenhagen sieht
man das offensichtlich anders: Zumindest in der Innenstadt beherrschen
separate Radwege das Straßenbild...

Søholt: ... und zwar nicht einfach nur auf die Straße gemalte Spuren,
sondern echte separate Wege, die von der Autospur durch einen Bordstein
getrennt sind und wiederum durch einen Bordstein vom Gehweg. Das macht einen
gewaltigen Unterschied, denn es erhöht die gefühlte Sicherheit.

ZEIT ONLINE: Wie wichtig ist die gefühlte Sicherheit?

Søholt: Enorm wichtig. Ist das Gefühl von Sicherheit groß, dann haben Eltern
genug Vertrauen, mit ihrem Kind Rad zu fahren, und Ältere trauen sich aufs
Rad. Wenn es Ihnen nur um junge Männer geht, die stark genug sind, den Kampf
mit den Autofahrern aufzunehmen, dann können Sie die auf der Straße fahren
lassen. Wollen Sie aber das Fahrrad zu einem attraktiven Transportmittel für
die Allgemeinheit machen, dann müssen Sie eine getrennte Infrastruktur
schaffen.

ZEIT ONLINE: Kopenhagens Philosophie ist: Bietet man eine gute Infrastruktur
an, werden die Leute sie auch benutzen. Spürt die Stadt schon den Fluch des
Erfolgs?

Søholt: Im Zentrum liegt der Radverkehrsanteil bei etwa 50 Prozent, im
gesamten Stadtgebiet sind es 35 Prozent. Zum Vergleich: In den meisten
anderen Städten in Europa machen Radfahrer 15 bis höchstens 20 Prozent des
gesamten Verkehrs aus. Insofern ist der Radverkehr in Kopenhagen schon
dominant. Wo die obere Grenze liegt, ist schwer zu sagen. Aber in der Tat
kommt es inzwischen zu Staus auf Radwegen.

ZEIT ONLINE: Wie reagiert die Stadtverwaltung darauf?

Søholt: Sie beginnt, auf Schlüsselstrecken die Wege zu verbreitern, also dem
Autoverkehr weiteren Raum wegzunehmen. Es wird versucht, Radwege in zwei
Spuren zu teilen, so dass schnellere Radler langsamere überholen können. Und
die Stadt experimentiert damit, ganze Straßen für Autos zu sperren und dort
nur noch Radfahrer, öffentlichen Nahverkehr und eventuell noch Anlieger
zuzulassen. Die Stadtverwaltung ist sehr innovativ und stets bereit, neue
Ideen auszuprobieren. Es überrascht mich ein wenig, dass Deutschland in
diesem Punkt nicht weiter ist.

ZEIT ONLINE: Warum?

Søholt: Wir schauen beim Thema Nachhaltigkeit auf die Deutschen. Sie sind
der ganzen Welt weit voraus, wenn es um Nachhaltigkeitsprogramme mit hohem
Anspruch geht: im Naturschutz, bei Gebäuden, in der Architektur, aber auch
in der Stadtplanung. Es ist erstaunlich, dass die Deutschen beim Radverkehr
hinterherhinken.

ZEIT ONLINE: Das könnte an der starken Autolobby liegen...

Søholt: Da sprechen Sie einen wichtigen Punkt an. Deutschland hat eine große
Autotradition und eine starke Industrie. Deshalb herrscht wohl eine gewisse
Zurückhaltung, den Autoverkehr zu beschränken. Aber heutzutage kommt der
wirtschaftliche Antrieb eines Landes aus den Städten. Und die werden
sicherlich nicht dadurch attraktiver, dass man sie möglichst autofreundlich
macht. Ich habe niemals jemanden getroffen, der eine Stadt dafür gelobt
hätte, dass sie so effizient auf das Auto ausgerichtet ist. Das ist für die
meisten kein entscheidendes Kriterium. In den Städten wollen wir Leben,
Kultur, Sicherheit, Nähe, Inspiration - der schnellste Weg zur Autobahn hat
nicht die höchste Priorität.

ZEIT ONLINE: Das Ziel einer für Autos optimierten Stadt verfolgt ja niemand
mehr, zumindest in Europa.

Søholt: Das stimmt, wir sind hier weit gekommen, verglichen damit, wie es in
den 1960er Jahren aussah. Aber schauen Sie in die großen Megacitys in
Entwicklungs- und Schwellenländern. Dort haben es Planungsbehörden nicht
geschafft, mit dem Wachstum der Städte mitzuhalten. Der öffentliche Verkehr
ist häufig katastrophal schlecht, und zugleich wächst die Mittelschicht
kräftig. Sie kann sich plötzlich ein Auto leisten und betrachtet es als
Symbol persönlicher Freiheit. Aber wie zum Teufel gehen Sie mit dieser Menge
von Autos um? Es gibt schlicht nicht genug Platz dafür.

ZEIT ONLINE: Irgendwann müsste der Punkt erreicht sein, an dem Autos an
Attraktivität verlieren.

Søholt: In Mexiko-Stadt liegt die durchschnittliche Geschwindigkeit der
Autos inzwischen bei 12,5 km/h. Man gelangt dann an einen Punkt, wo man auf
dem Fahrrad schneller vorankommt. Gelingt es der Stadt nun, eine
Radinfrastruktur zu schaffen, das Fußgängersystem zu verbessern und darin
den ÖPNV zu integrieren, hat sie eine attraktive Alternative zum Auto. Das
ist für diese Megacitys allerdings eine riesige Herausforderung.

ZEIT ONLINE: Ihr Büro berät solche Städte. Wie reagiert man dort auf Ihre
Ideen?

Søholt: Eher abweisend. Solche Konzepte sind politisch nicht gerade in Mode.
Der Bürgermeister von Mexiko-Stadt ist vermutlich populärer, wenn er neue
Schnellstraßen baut, als wenn er Radwege anlegt. Darum müssen wir dafür
werben, das Radfahren als Bestandteil integrierter Mobilitätssysteme zu
begreifen, als Teil einer Strategie, Städte mit hoher Lebensqualität zu
schaffen. Das ist auch der Grund, warum ich spezielle Radveranstaltungen
eher meide. Ich spreche lieber darüber, wie man attraktive Städte für
Menschen baut - und Radfahren ist ein Teil der Lösung.

HELLE SØHOLT ist Chefin von Gehl Architects in Kopenhagen. Die
Stadtdesignerin gründete das Unternehmen vor 14 Jahren gemeinsam mit dem
bekannten Stadtplaner Jan Gehl. Das Unternehmen berät Kommunen bei
Stadtentwicklungsprojekten. Ziel ist es, die städtebauliche Qualität für die
Bewohner - vor allem Fußgänger und Radfahrer - verbessern.




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