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Posted on: Monday, November 24, 2014 1:00 AM
Author: [email protected] (Administrator)
Subject: [Interview] Windkraft in Oaxaca: Erste indigene Befragung mit Defiziten

MEXIKO

(Berlin, 24. November 2014, poonal).- Im oaxaquenischen Isthmus von Tehuantepec 
sollen die BewohnerInnen der Gemeinde von Juchitán über den Windpark 'Eolica 
del Sur' mit 132 Windrädern abstimmen, welche die Investorengruppe Mareña 
Renovables in den Gemeinden El Espinal und Juchitán bauen will. 
Menschenrechtsorganisationen und die lokale Opposition kritisieren das 
Konsultierungsverfahren vehement. poonal sprach darüber mit Philipp Gerber von 
der Organisation Educa (Servicios para una Educación Alternativa).

Recht auf Befragung gemäß ILO-Konvention 169

Im Isthmus von Tehuantepec werden bereits seit einigen Jahren große Windparks 
gebaut. Europäische Firmen wie Iberdrola, Acciona, ENEL, Siemens oder EDF 
produzieren dort Strom v.a. für vertraglich festgelegte Endabnehmer wie WalMart 
oder das Bergbauunternehmen Peñoles. Lokale indigene Organisationen und 
Zusammenschlüsse wie die Vereinigung der Indigenen Gemeinden der nördlichen 
Istmo-Region UCIZONI (Unión de Comunidades Indígenas de la Zona Norte del 
Istmo), die Versammlung der Indigenen Völker von Juchitán APPJ (Asamblea 
Popular de los Pueblos de Juchitán) und die Versammlung der Indigenen Völker 
des Istmo in Verteidigung von Land und Territorien APIIDTT (Asamblea de los 
Pueblos Indígenas del Istmo en Defensa de la Tierra y el Territorio) 
kritisieren, dass die Projekte ohne Mitbestimmung der Bevölkerung durchgesetzt 
werden.

Dies widerspreche den in der Konvention 169 der Internationalen 
Arbeitsorganisation (ILO) festgelegten Rechten indigener Gemeinden. Diese 
sollten gemäß der ILO bei Großprojekten auf ihren Territorien „vorab, frei und 
informiert“ darüber abstimmen dürfen. Spätestens seit der Verfassungsreform von 
2011 müssen die in internationalen Abkommen verankerten Rechte Eingang in die 
mexikanische Rechtsprechung finden.

poonal: Die mexikanischen Behörden scheinen das Anliegen von 
Menschenrechtsorganisationen und der lokalen Opposition gegen die Windparks 
aufzunehmen, und führen eine Befragung über den Windpark 'Eolica del Sur' 
durch. Geht es hier deiner Meinung nach um die geforderte Mitbestimmung, oder 
ist die Befragung lediglich ein Feigenblatt um jegliche Kritik an den Projekten 
zukünftig abwiegeln zu können?

Philipp Gerber: Ja und nein. Saúl Vicente, der Stadtpräsident von Juchitán, war 
zuvor in Gremien der Vereinten Nationen tätig, die sich mit der Frage der 
indigenen Befragung beschäftigen. Er scheint durchaus interessiert, eine solche 
indigene Befragung durchzuführen.

Allerdings muss betont werden, dass sich die Opposition, die in den letzten 
sieben Jahren die Windparkprojekte kritisierte, die Befragung erkämpft hat. 
Denn sie hat auf die intransparente Umsetzung der Projekte aufmerksam gemacht. 
Und die Befragung in Juchitán ist auch ein Resultat dessen, dass dasselbe 
Projekt, damals unter dem Namen 'San Dionisio', 2012 am Widerstand der 
Küstengemeinden gescheitert ist.

Ein föderaler Richter hatte zudem der Bevölkerung von San Dionisio del Mar 
recht gegeben, dass das Projekt 'San Dionisio' keine echte Befragung der 
Bevölkerung vorweisen konnte. Der Baubeginn des Projekts ist schon 22 Mal 
verschoben worden und ist nun laut Informationen aus der Wirtschaftspresse für 
den 30. November 2014 angesetzt.

Darin zeigt sich dann auch der zentrale Widerspruch: Zwar ist seit Anfang 
November die Vorbereitungsphase für eine „Consulta indígena“ in Gange, die 
mehrere Monate in Anspruch nehmen wird. Gleichzeitig ist das Projekt fertig 
geplant und die 132 Turbinen von Vestas liegen in den Lagerhallen bereit. Die 
Investoren und mit ihnen lokale Bauunternehmen drängen darauf, dass möglichst 
bald die Bagger rollen. In diesem Klima ist ein Konsultationsprozess, der 
„vorab, frei und informiert“ stattfinden und zu einem Einverständnis der 
indigenen Gemeinde führen soll, eigentlich nicht möglich.

Wie muss man sich diese Befragung denn vorstellen?

Ein erster Kritikpunkt ist der Lead im Befragungsprozess: Diesen hat das 
mexikanische Energieministerium, also keineswegs ein neutralen Akteur. Eine 
Abteilung des Energieministeriums ist für die Zulassungen der Projekte 
zuständig und gilt als industriefreundlich. Anwesend sind außerdem das 
mexikanische Innenministerium sowie das Büro für Indigene Angelegenheiten des 
Bundesstaates Oaxaca.

In Juchitán gab es ein Antragsverfahren für die Teilnahme an der 
Vorbereitungsphase der Befragung, den sogenannten „acuerdos previos“, in der 
die Rahmenbedingungen für eine spätere Befragung diskutiert und definiert 
wurden. Diese Vorbereitungsphase fand in der ersten Novemberhälfte in einem 
öffentlichen Gebäude statt, in dem lediglich rund 200 Personen Platz haben. Die 
Regierungspartei COCEI (Coalición de Obreros, Campesinos y Estudiantes del 
Istmo) hat ihre Basis mobilisiert und nahm viel Raum ein. Zusätzlich gemeldet 
haben sich die APPJ und die APPIIDTT. Diese beiden Organisationen sind die 
oppositionellen Stimmen, die ein Recht auf Widerspruch einfordern. Beunruhigend 
ist, dass sie auch direkt während der Sitzungen der Befragung bedroht wurden – 
durch Telefonanrufe und auch physisch.

Die APPJ zum Beispiel konnte in der Versammlung ihre Kritikpunkte nicht zu Ende 
verlesen, weil die Vortragenden bedrängt wurden. Diese Angriffe auf die 
Meinungsfreiheit und auf die Sicherheit der Oppositionellen haben auch die drei 
NGO's, welche den Prozess beobachten, stark kritisiert. Außerdem äußerten sie 
sich in einer gemeinsamen Erklärung zu weiteren Schwachpunkten in der 
Befragung. So ist zum Beispiel unklar, wie Entscheidungen innerhalb des 
Prozesses getroffen werden, und auch, wer letztlich befragt werden soll, steht 
noch in den Sternen. Diese fehlende Transparenz führe zu weiteren 
Konfrontationen, meinen die Beobachterorganisationen.

Ist die Befragung in Juchitán für ähnliche Projekte an anderen Orten wichtig?

Ja, die Befragung hat eine strategische Relevanz für Mexiko. Die Windparks im 
Isthmus können als Präzedenzfall für die Privatisierung des Strommarktes in 
Mexiko angesehen werden, die mit der Energiereform von 2014 weiter 
vorangetrieben wird. Ähnlich verhält es sich mit der Befragung: In Juchitán 
wird eine Probe aufs Exempel durchexerziert: Es ist ein erstes ernstzunehmendes 
Beispiel für die Befragung der indigenen Bevölkerung in Bezug auf Großprojekte, 
die vor allem im Energie- und Bergbausektor sehr umstritten sind. Das heißt, 
die Behörden üben hier, wie sie die Projekte legitimieren können. Aus meiner 
Sicht droht so die mehr oder weniger „freie Befragung“ zum trojanischen Pferd 
für Großprojekte in Mexiko zu werden.

Wem gegenüber sollen diese Vorhaben legitimiert werden?

Aufgrund des mehr oder weniger erfolgreichen Widerstandes gegenüber Bergbau- 
und Wasserkraftprojekten sind die internationalen Kreditgeber in einer 
Legitimationskrise. Für Weltbank und Interamerikanische Entwicklungsbank, aber 
auch andere Geldgeber ist die „Consulta Indígena“ eine Voraussetzung für 
Kredite. Was wir auf der lokalen Ebene in Juchitán sehen, ist außerdem ein 
starkes Demokratiedefizit.

Die BefürworterInnen des Windparks sind korporativ organisiert und hoffen auf 
einen möglichst schnellen Baubeginn, vor allem wegen der erhofften ökonomischen 
Vorteile, etwa durch Arbeitsplätze im Bausektor. Widerspruch geht ihnen deshalb 
auch ganz direkt ökonomisch gegen den Strich und soll mundtot gemacht werden. 
Das heißt dann eben auch, Druckmittel wie Drohanrufe, Schlägertrupps oder gar 
Pistoleros einzusetzen. In den letzten sieben Jahren haben die Windparks zur 
Aktualisierung und zur Verstärkung von bestehenden Konflikten innerhalb und 
zwischen Dörfern geführt und auch neue Konflikte geschürt.

Welches sind denn die Forderungen der „Opposition“?

Die Akteure vor Ort fordern ein, dass die Befragung nach internationalen 
Standards durchgeführt wird. Sie sind nicht gegen die Projekte an sich und 
schon gar nicht gegen die Consulta, allerdings wollen sie eine tatsächlich 
freie Befragung und Diskussion darüber. Es ist vielleicht normal, dass der 
erste Versuch einer Consulta nicht perfekt funktioniert. Eine hierarchische, 
autoritäre politische und gesellschaftliche Struktur wird nicht von heute auf 
morgen aufgehoben. Doch müssen die Angriffe auf Oppositionelle und 
MenschenrechtsverteidigerInnen vehement zurückgewiesen werden. Auch die 
VertreterInnen des Innenministerium und des Büros für Indigene Angelegenheiten 
waren über die Drohungen alles andere als erfreut, weil sie natürlich auch 
wissen, dass diese Vorkommnisse die Befragung doch delegitimieren könnten.

Wie würde denn eine 'echte' Befragung aussehen?

Im kulturell angepassten Entscheidungsprozess müsste es möglich sein, das 
Projekt abzuändern, auch nein sagen zu können, und es müsste möglich sein, zu 
einem Konsens zwischen BefürworterInnen und GegnerInnen zu kommen. Wenn das 
nicht möglich ist, würde wohl in einem einfachen Mehrheitsentscheid die 
Opposition verlieren. Aber wichtig ist auch anzuerkennen, dass es mit einer 
einfachen Abstimmung nach europäischem Muster nicht unbedingt getan ist. Die 
Entscheidungsprozesse in indigenen Gemeinden unterscheiden sich in Vielem von 
unseren Vorstellungen der Demokratie per Handhochheben. Darauf, und auf die 
spezifischen Umstände in jeder indigenen Region hin, müsste die Befragung 
abgestimmt werden. Ob das in Juchitán gelingt, ist zu bezweifeln.

Weiterlesen:

Urgent Action zu den Drohungen gegen Oppositionelle während der Befragung: 
Agresiones contra Defensores en la consulta de Juchitan (Unterschriftenaktion)
http://redtdt.org.mx/2014/11/nuevas-amenazas-a-integrantes-de-la-appj-en-el

Bericht der Beobachtermission über die erste Phase der Befragung: Misión de 
Observación presenta Reporte del proceso de consulta sobre proyecto eólico en 
Juchitán, Oaxaca (Spanisch)
http://www.prodesc.org.mx/?p=2325

Mexiko: Die Befragung der Indigenen Völker zwischen Wunschdenken und 
Wirklichkeit (von Gerd Goertz; in poonal 1112, September 2014)
http://www.npla.de/de/poonal/4846
 
Artikel anzeigen...
http://www.npla.de/de/poonal/4922




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