Schattenblick
http://www.schattenblick.de/infopool/umwelt/report/umri0177.html

16. April 2015

INTERVIEW

Das Glas halbvoll 

Prof. Dr. Peter Hennicke* über die Last des Burden Sharing, Chinas Marsch in
eine grüne Zukunft und warum Klimaschutz mehr sein sollte als ein bloßer
Wechsel der Energiesysteme

Schattenblick (SB): Sie werden heute den Vortrag "Wider die Idee des Burden
Sharing: Klimaschutzpolitik als Gewinn für Friedenssicherung und
nachhaltiges Wirtschaften" halten. Die Idee der Lastenteilung beim
Klimaschutz klingt doch zunächst einmal ganz gut - könnten Sie unseren
Leserinnen und Lesern erläutern, was Sie daran kritisieren?

Prof. Peter Hennicke (PH): Dazu muss ich kurz ausholen. Anfang der neunziger
Jahre hat US-Präsident Bush die Devise "wait and see" ausgegeben, nach dem
Motto: Wir, die Industrieländer, sollten uns Zeit lassen mit dem
Klimaschutz, weil dadurch angeblich auch die amerikanische Lebensart
zerstört würde. Hinzu kam eine Reihe von Top-Ökonomen, wie etwa Bill
Nordhaus [1], die damals die der Regierung angenehme Position vertreten
haben, dass es in ökonomischer Hinsicht billiger sei, sich an den
Klimawandel anzupassen, als ihn zu vermeiden.

Zum einen wird dabei angenommen, dass die zukünftigen globalen Schäden, die
die Industrieländer als Hauptverursacher des Klimawandels heute anrichten,
sozusagen per hoher Diskontrate auf Null reduziert werden können. Das heißt
aber im Klartext, dass wir unsere Verantwortung für zukünftige Generationen
und für die stark durch den Klimawandel verwundbaren Entwicklungsländer
nicht wahrnehmen. Zum zweiten wird damit unterstellt, dass das, was wir
heute zum Klimaschutz tun könnten, immer mehr Kosten verursacht, als es
ökonomischen Nutzen bringt. Diese zweifelhaften globalen
Kosten-Nutzen-Rechnungen zum Klimawandel haben mich schon damals als Ökonom
provoziert. Deshalb habe ich mir gemeinsam mit einem Doktoranden und
Mathematiker, Ralf Becker, das von Nordhaus verwendete DICE-Modell
angeschaut und es an wenigen Annahmen und Stellschrauben verändert.
Daraufhin hat es das genaue Gegenteil von dem errechnet, was Nordhaus
ermittelt hatte: Klimawandel vermeiden ist "billiger" als abwarten. [2]

Das hat mich gegenüber einer ökonomischen Modellierung, die globales Burden
Sharing als scheinbar unanfechtbare wissenschaftliche Botschaft nicht nur an
die Politik, sondern an die Zivilgesellschaft vermittelt und deren
Vorstellungen geprägt hat, sehr, sehr skeptisch gemacht. Ich habe dann, wie
einige meiner Kollegen auch, genauer untersucht, was Klimaschutz im Sinne
der Vermeidung fossiler Brennstoffe eigentlich in der Essenz bedeutet. Dazu
müssen wir die Zukunft nicht nur unter technischem Blickwinkel anschauen,
sondern auch die gesellschaftspolitischen Implikationen risikovermeidender
Energiesysteme präziser diskutieren. Dann kommt man bei fossilen
Energieträgern zu der einfachen Botschaft: Wir sollten ohnehin - auch aus
Gründen des Ressourcenschutzes und vorsorgender Friedenspolitik - auf
maximale Energieeffizienz plus forcierte Markteinführung der Erneuerbaren
setzen, selbst wenn es den Klimawandel nicht gäbe.

Allerdings bleibt noch die Frage zu beantworten, wie man nationale Politik
und Wirtschaftsinteressen dadurch verändern kann, dass auf globaler Ebene
nachgewiesen wird, dass aktiver weltweiter Klimaschutz im Grunde quasi aus
der globalen Portokasse zu finanzieren wäre: Die globalen Wachstumsverluste
sind nämlich minimal - das hat die Arbeitsgruppe III des IPCC unter Ottmar
Edenhofer vom PIK inzwischen mit einer aufwendigen Modellierung berechnet.
[3]

Wenn man jetzt noch die Vermeidung der zukünftigen (monetarisierten) Schäden
berücksichtigen würde, die etwa beim Dreifachen dessen liegen, was wir für
Klimaschutz an Kosten aufbringen müssten, dann ist aus globaler Perspektive
bewiesen: Klimaschutz ist für die Menschheit und alle nachfolgenden
Generationen ein exorbitanter "Benefit", also das Gegenteil von einer
"Burden". Jetzt müssen wir diese globale Botschaft, die leider national
orientierte Politiker, Industrien und Zivilgesellschaften wenig
interessiert, runterbuchstabieren auf die nationale Handlungsebene, auf die
der Unternehmen und Regionen, auf die dezentraler Akteure und der
Zivilgesellschaft. Daran arbeite ich und viele andere und das will ich heute
an Beispielen vortragen.

SB: China ist die Werkbank der Welt, was seine Bilanz an
Treibhausgasemissionen verschlechtert. Wäre es nicht ungerecht, würde man
das bei der Festlegung nationaler Emissionsbudgets nicht berücksichtigen?

PH: Das sollte man zumindest analytisch tun, für die Praxis der globalen
Klimaschutzpolitik wirft es aber viele ungelöste Fragen auf. Ich bin
Co-Chair einer Task Force für den China Council [4], die das Thema der
Governance einer "Green Transformation" in China untersucht. Ziel meiner
Arbeit und der meiner internationalen Kollegen in der Task Force wird sein,
den neuen, ressourcenschonenderen Entwicklungsweg, den China ja mit
beachtlichem Tempo bereits angeht, mit all dem Wissen aus anderen Ländern zu
unterstützen. Es gibt kein Land der Welt, das wie China so ambitioniert
erneuerbare Energien aufbaut und sich so bewusst darüber ist, dass es so
schnell wie wirtschaftlich und sozial möglich aus der extremen Abhängigkeit
von fossilen Energien aussteigen muss. Vor kurzem wurde auf dem chinesischen
Youtube-Kanal eine Dokumentation gezeigt, die sich 150 Millionen Menschen in
China angeschaut haben und die davon handelte, welche katastrophalen Schäden
die Luftverschmutzung durch fossile Energieträger in China anrichtete. [5]

China sucht eine "grüne Transformation" zwar auch um seinen wachsenden
Beitrag am globalen Klimawandel zu reduzieren, aber ein noch wichtigerer
Treiber sind die Immissions- und Emissionsbelastungen in China selbst, durch
die mit der Nutzung fossiler Energieträger verbundenen Schadstoffe. Wir
brauchen den Chinesen nicht zu predigen, dass sie diesen kohlebasierten
Entwicklungsweg so schnell wie möglich verlassen müssen, weil das Thema zum
höchsten Politikum geworden ist. Leider wurde die Dokumentation nach kurzer
Zeit wieder aus dem Kanal genommen.

Meine Aufgabe sehe ich darin und das tun viele, die in China beratend tätig
sind - unabhängig von der Beurteilung der Regierungsform und der Rolle der
Kommunistischen Partei - China als das derzeit bevölkerungsreichste Land der
Welt und als zentraler Akteur im Klimaschutz dabei zu unterstützen,
Effizienz und Erneuerbare in rasch wachsendem Umfang und beispielhaft für
andere Länder umzusetzen. Ich vermute, dass wir in absehbarer Zukunft eine
wechselseitige Politikberatung erleben werden: So ist denkbar, dass in der
EU chinesische Experten dabei mitdiskutieren werden, wie wir diesen
komplizierten Vielvölkerstaat Europa auf einen harmonisierten
Nachhaltigkeitskurs bringen können, so wie es die Zentralregierung in China
gegenüber seinen selbstbewussten Provinzen ebenso versucht.

SB: Trifft es zu, dass die globale Produktionsteilung bisher noch kein Thema
bei den UN-Klimaschutzverhandlungen war? Werden noch immer nur nationale
Budgets berechnet, aber nicht, dass diese in der heutigen globalisierten
Welt den Konsum anderer Länder widerspiegeln?

PH: Es ist ungeheuer schwierig, das Ausmaß der Externalisierung von Lasten
zu quantifizieren und die Verantwortlichkeit und das nationale politische
Handeln so klar zu bestimmen, dass wir daraus ein Klimaschutzabkommen machen
können. Innerhalb der Wissenschaft ist klar, dass wir die CO2-Emissionen,
die etwa über die Werkbank China für unseren Konsum emittiert werden,
berücksichtigen müssen. Das heißt, die Debatte über globales, nachhaltiges
Konsumieren und Produzieren sowie über Qualitätsstandards für Nachhaltigkeit
nimmt an Fahrt auf - übrigens auch in China. Gerade erst im letzten Jahr hat
sich eine internationale Task Force für den China Council sehr intensiv mit
nachhaltigem Konsum befasst. Die internationale Arbeitsteilung spielt also
in den wissenschaftlichen Debatten eine durchaus wachsende Rolle.

Aber ich glaube, dass die Ideologie des Burden Sharing auch bei der
Zielsetzung für internationale Kooperation immer noch viel Schaden
anrichtet. Sie ist einer der Gründe, warum wir immer noch hauptsächlich über
die Reduktion von Schadstoffen wie CO2 diskutieren und nicht über die Frage,
wie man bi- und multilateral grüne Märkte kreieren kann, indem wir uns auf
quantifizierte Ziele zur Steigerung der Energieeffizienz und für erneuerbare
Energien verständigen - zum Beispiel zwischen Deutschland und China oder
Deutschland und Japan. Diese Länder könnten eine gemeinsame Kooperation zur
Energiewende organisieren, um durch kooperatives "Knowledge Management", den
Wissens- und Technologietransfer, zu beschleunigen.

Insgesamt bin ich immer noch besorgter Optimist. Dennoch müssen wir weg von
der Idee, durch den Klima- und Ressourcenschutz Opfer zu teilen. Notwendig
sind gemeinsame positive Visionen über innovative Muster nachhaltigen
Produzierens und Konsumierens, die attraktiv sind, um die entsprechenden
politischen Mehrheiten in den jeweiligen Ländern zu schaffen.

SB: Wie hoch schätzen Sie die Gefahr ein, dass vergleichbar mit der
Förderung von Biosprit, die anfangs sogar von Umweltbewegungen unterstützt
wurde, ähnliche Probleme bei anderen erneuerbaren Energien - beispielsweise
mit Silizium bei Solarzellen oder seltenen Erden für Windradgeneratoren -
entstehen? Dass es also auch da zu Effekten kommt, die man vorher gar nicht
bedacht hat?

PH: Das ist ein Grund, warum wir von "Green Transformation" sprechen und
nicht einfach nur von Klimaschutz. Ich bin der Meinung, dass wir durch eine
integrierte Strategie des Klima- und Ressourcenschutzes unerwünschte
Nebeneffekte viel intensiver im Blick behalten müssen als bisher. Eine
Minimalforderung ist z.B. das Recycling voranzutreiben, also eine
Kreislaufwirtschaft auch für die Rohstoffnutzung durch erneuerbare Energien
vorauszudenken und uns beispielsweise zu fragen, was wir mit den alten
Solarzellen machen, wenn die nächste Generation aufs Dach kommt. Wir müssen
generell vorsorgend untersuchen, welche Entwicklungsdynamiken in
unterschiedlichen Branchen wie IKT, Energie, etc. zum Beispiel durch eine
Verknappung kritischer Metalle verursachen können, damit keine unerwünschten
Nebeneffekte einer globalen Energiewende entstehen.

Dabei ist zu berücksichtigen, dass im IKT-Bereich immer mehr kritische
Metalle mit einer starken Dissipation, also Feinverteilung, in technische
Geräte wie Computer, Handys etc. gelangen, die genauso auch für erneuerbare
Energien, teilweise auch für Energieeffizienztechniken benötigt werden. Nach
Angaben des UN-Umweltprogramms UNEP werden 99% der wichtigen
Hightech-Metalle nach deren Nutzung weggeworfen, anstatt sie zu recyceln.
Nur bei 18 Metallen liegen die Recyclingquoten über 50%. [6]

Auch für die Energiewende gilt daher: Ressourceneffizienz- mit
Energieeffizienzpolitiken zu koppeln ist ein absoluter Imperativ. Wir müssen
in Deutschland mit unserem starken Fokus auf die Energiewende - für die ich
natürlich ein uneingeschränkter Befürworter bin - auch jetzt schon darauf
achten, dass keine unerwünschten Nebeneffekte erzeugt werden, je mehr
Erneuerbare ins Netz kommen und je weiter die Effizienztechniken entwickelt
werden.

SB: Werden begleitende Forschungen darüber durchgeführt, wieviel CO2 bei der
grünen Transformation emittiert wird?

PH: Ich glaube, der Begriff "grüne Transformation" ist noch
präzisierungsbedürftig, weil er meistens mit (quantifizierten)
Zielvorstellungen allein aus dem Energiebereich arbeitet. So ist zum
Beispiel bei der "Roadmap to a Resource Efficient Europe" [7] klar, dass auf
jeden Fall EU-weit bis 2050 80 Prozent CO2-Reduktion im Rahmen einer
ressourceneffizienten, grünen Transformation erreicht werden soll. Es ist
jedoch nur eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für eine
"grüne Transformation", dass CO2 drastisch gemindert wird.

Auch Atomenergie, CCS, Shale Gas oder Geoengineering könnten CO2 mindern,
allerdings mit fatalen Nebeneffekten! Nicht allein wegen der Risiken der
Atomenergie, sondern generell wegen der Vermeidung unnötigen Naturverbrauchs
oder der Verlagerung von Risiken müssen wir den Blickwinkel erweitern.

Es reicht nicht aus, nur aufs Klima zu schauen, wenn wir uns nicht
gleichzeitig des Problems bewusst sind, dass wir in den Industrieländern
eine absolute Entkoppelung zwischen mehr und gerechter verteilter
Lebensqualität und weniger Naturverbrauch erreichen müssen. Hier ist die
Schweiz mit dem Leitbild der 2000 Watt/Kopf-Gesellschaft beispielgebend,
weil dort Strategien der Effizienz- und Suffizienzpolitik mit Erneuerbaren
Energien integriert und dezentral (z.B. in 350 Städten und Gemeinden)
umgesetzt werden.

SB: "Klimaschutzpolitik als Gewinn für Friedenssicherung" heißt es in der
Ankündigung zu Ihrem Vortrag. Besteht da nicht die Gefahr, eine sowieso von
vielen verschiedenen Interessen beeinflusste Klimaschutzpolitik mit weiteren
Erwartungen zu überfrachten?

PH: Nein, ganz im Gegenteil. Die Berücksichtigung von erwünschten
"Co-Benefits" kann den Klimaschutz beflügeln. Es gibt zur Zeit eine lebhafte
Debatte über die "non-climate factors", die von der IEA [8] mit angestoßen
wurde. Sie will damit sagen, dass wir, selbst wenn es keinen Klimawandel
gäbe, wegen dieser Co-Benefits (z. B. mehr Versorgungssicherheit, reduzierte
Importkostenabhängigkeit, Verzicht auf Subventionierung fossiler Energien,
neue Geschäftsfelder) so bald wie möglich aus den fossilen Energieträgern
aussteigen sollten. Was in den heutigen internationalen Konfliktlagen und
erst Recht bei zunehmendem Klimawandel eine strategisch immer bedeutsamere
Rolle spielen wird, ist die Frage: Wie schaffen wir durch gezielte
Klimaaußenpolitik gleichzeitig eine vorbeugende Konfliktlösungspolitik? Das
betrifft Fragen der Vermeidung und der Anpassung an den Klimawandel sowie
der Eindämmung von Ressourcenkonflikten.

Hier ein Beispiel: Einer meiner Doktoranden, Nikolaus Supersberger, hat eine
Arbeit über den Iran geschrieben und seine Untersuchungsfrage war: Braucht
der Iran die zivile Nutzung der Atomenergie für seine wirtschaftliche
Entwicklung? [9] Die Debatte dreht sich ja immer nur um die Frage, ob die
scheinbar unvermeidlich notwendige zivile Atomenergie missbraucht werden
kann. Die Arbeit zeigt schlüssig, dass die Kombination aus Energieeffizienz
und erneuerbaren Energien - im Iran sind das vor allem solarthermische
Strom- und Wärmeerzeugung, geothermische Stromerzeugung und Photovoltaik,
für die riesige Potentiale bestehen - völlig ausreicht, die zivile Nutzung
der Atomenergie nicht nur unnötig, sondern auch wirtschaftlich weniger
attraktiv ist. Damit können erstens die iranischen Ölquellen zeitlich
gestreckt werden, was enorm wichtig ist zur Finanzierung des iranischen
Haushaltsbudgets, und zweitens kann die Möglichkeit geschaffen werden, durch
eine partnerschaftliche Energiestrategie die Fixierung auf beiden Seiten auf
die Atomfrage aus der Außenpolitik rauszunehmen. Was das für den Iran im
Verhältnis zu Israel und den USA bedeuten würde, liegt auf der Hand.

Ich würde mir wünschen, dass die EU an den Iran ein starkes Angebot macht
über einen forcierten Technologie- und Knowhow-Transfer zur Förderung von
Energieeffizienz, von Erneuerbaren - im wohlverstandenen eigenen Interesse
der Iraner, aber auch der europäischen Industrie. Damit wäre den Hardlinern
auf allen Seiten den Wind aus den Segeln genommen. Insofern wäre die
Unterstützung einer iranischen Energiewende durch die EU eine sehr konkrete
Friedenspolitik.

Ägypten ist ein anderes Beispiel. Das Land hat die größten
Windkraftpotentiale im Mittelmeerraum und liebäugelt dennoch auf Anraten der
Atomkonzerne mit der - gegenüber Wind- und Solarstrom nicht mehr
wettbewerbsfähigen - Atomkraft. Wenn auch in Ägypten die Potentiale von Wind
und Sonne genutzt würden, wäre die Debatte über Klima-und Ressourcenschutz
durch Atomenergie im gesamten Mittelmeerraum (einschließlich der Türkei)
endgültig beendet. Von daher ist Klimaschutzpolitik basierend auf einer
integrierten Energieeffizienz- und erneuerbaren Energiepolitik immer auch
vorsorgende Friedenspolitik.

SB: Gibt es in der Wissenschaft Bemühungen, so etwas wie Friedenssicherung
mit einem ökonomischen Wert zu versehen?

PH: Ehrlich gesagt, das fände ich gruselig! Es ist schon fragwürdig genug,
wenn wir die Personenschäden, die der Klimawandel verursacht, monetarisieren
und dabei zum Beispiel den Wert eines Menschen in einem Entwicklungsland
geringer bewerten als den eines Menschen bei uns. Da sträuben sich bei mir
auch als Ökonom alle Nackenhaare. Und wenn man das jetzt noch mit den
vermiedenen Opfern und Sachschäden von Kriegen versuchen würde, würde es
obszön.

Auf einem anderen Blatt steht, wenn nachträglich die Kriegskosten
abgeschätzt werden, die z. B. die USA - sicherlich auch motiviert durch ihre
Ölinteressen - im Irakkrieg aufgebracht haben. Die hatten eine Dimension,
dass damit schon ein beträchtlicher Teil der globalen Energiewende hätte
finanziert werden können. Aber generell die ausufernde Ökonomisierung der
Welt und des Denkens auch noch auf die Friedenspolitik zu übertragen, davon
würde ich dringend abraten.

SB: Eine klare Stellungnahme - haben Sie herzlichen Dank für das Gespräch.
[INTERVIEW/177]

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* Die international mit großer Aufmerksamkeit verfolgte Energiewende der
Bundesrepublik Deutschland ist mit einer Reihe von Persönlichkeiten aus
Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft verbunden. Zu ihnen
gehört der 1943 geborene Ökonom Professor Dr. Peter Hennicke. Sein
beruflicher Werdegang führte ihn unter anderem an die Universität Osnabrück,
die Fachhochschule Darmstadt und die Bergische Universität Wuppertal, von
der er 2008 emeritiert wurde. Er war Mitglied mehrerer Enquete-Kommissionen
des Deutschen Bundestags, wurde 1992 zum Direktor der Abteilung Energie am
Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie ernannt und übernahm im
Jahr 2000 die Führung dieser Forschungseinrichtung, zunächst als
amtierender, von 2003 bis Anfang 2008 als gewählter Präsident. 2014 erhielt
Prof. Hennicke gemeinsam mit Prof. Dr.-Ing. Gunther Krieg den Deutschen
Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt. Energie- und
Rohstoffeffizienz sind sein "Markenzeichen".
http://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Hennicke

Auf dem internationalen Symposium "Klima - Wandel im Gipfeljahr 2015", das
am 18. März 2015 aus Anlass des 75. Geburtstags des Meteorologen Prof. Dr.
Hartmut Graßl an der Universität Hamburg veranstaltet wurde, hielt Prof.
Hennicke den Vortrag "Wider die Idee des Burden Sharing: Klimaschutzpolitik
als Gewinn für Friedenssicherung und nachhaltiges Wirtschaften". Im Vorfeld
seiner Präsentation beantwortete Prof. Hennicke dem Schattenblick einige
Fragen.
http://klima-wandel.vdw-ev.de/ 

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Fußnoten:

[1] William "Bill" Nordhaus (geboren 1941) ist Sterling Professor für
Wirtschaftswissenschaften an der Yale University. Sterling Professor ist der
höchste akademische Grad dieser Universität.
http://de.wikipedia.org/wiki/William_Nordhaus

[2] Peter Hennicke, Ralf Becker: "Is Adaptation Cheaper than Prevention? The
Applicability of Cost-Benefit Analysis to Global Warming", in: ZEW Economic
Studies Volume 1, 1999, Seite 126-164.
http://link.springer.com/chapter/10.1007%2F978-3-642-47035-6_7

[3] Bericht und Interview zur Vorstellung des Teilberichts der Arbeitsgruppe
3 des IPCC am 14. April 2014 an der Technischen Universität Berlin:
http://schattenblick.com/infopool/umwelt/report/umrb0071.html
http://schattenblick.com/infopool/umwelt/report/umri0096.html

[4] Anfang vergangenen Jahres wurde Prof. Dr. Peter Hennicke zum Co-Chair
der Task Force "National Governance Capacity for Green Transformation" des
China Council for International Cooperation on Environment and Development
(CCICED), kurz China Council, ernannt.
http://wupperinst.org/info/details/wi/a/s/ad/2872/

[5] Der Film heißt "Under the Dome" und wurde von der früheren chinesischen
Fernsehjournalistin Jing Chai erstellt.
http://de.wikipedia.org/wiki/Under_the_Dome_(Dokumentarfilm)

[6] UNEP (2011): Decoupling natural resource use and enviromental impacts
from economic growth. International Resource Panel, Kenya.
http://www.unep.org/resourcepanel/Publications/Decoupling/tabid/56048/

[7] "The Roadmap to a Resource Efficient Europe" ist eine Initiative der
Europäischen Kommission, die darauf abzielt, die europäische Wirtschaft bis
2050 nachhaltiger zu gestalten. Allgemein geht es dabei darum, die
Ressourcenproduktivität zu stärken und das Wirtschaftswachstum vom
Ressourcenverbrauch und damit von schädlichen Umweltauswirkungen zu
entkoppeln.
http://ec.europa.eu/environment/resource_efficiency/about/roadmap/

[8] IEA - International Energy Agency. Die in Paris ansässige Organisation
hat im vergangenen Jahr zu den "non-climate factors" das Buch "Capturing the
Multiple Benefits of Energy Efficiency" herausgegeben.
http://iea.org/bookshop/475-Capturing_the_Multiple_Benefits_of_Energy_Effici

[9] Nikolaus Supersberger: "Der unnötige Atomkonflikt in Iran".
http://wupperinst.org/publikationen/details/wi/a/s/ad/681/

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Unter dem kategorischen Titel "Die Uhr tickt" sind zum Symposium am 18. März
2015 an der Universität Hamburg bisher bereits folgende
Schattenblick-Beiträge erschienen:
Mit und ohne Instanzen: Die globale Weltbürgergesellschaft macht sich auf
den Weg
http://schattenblick.com/infopool/umwelt/report/umrb0098.html
Klimatisch begrenzen - Profitpräferenzen: Der Schweizer Ökonom Dr. habil.
Ulrich Hoffmann über die noch immer unterschätzte Bedeutung der
Landwirtschaft für den Klimawandel
http://schattenblick.com/infopool/umwelt/report/umrb0099.html
Solidarintervention Klimarettung: Prof. Dirk Messner im Gespräch 
http://schattenblick.com/infopool/umwelt/report/umri0174.html
Auf niemand kann verzichtet werden: Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Hartmut Graßl
im Gespräch 
http://schattenblick.com/infopool/umwelt/report/umri0175.html

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