Postwachstumsgesellschaft
http://blog.postwachstum.de/author/wolfgang-neef

14. Mai 2015 

Der Fortschritt steht unter „Schädlichkeitsverdacht“ 

Nachruf auf Otto Ullrich

von Wolfgang Neef       

Vor ein paar Wochen erschien ein Buch von Naomi Klein, das unter dem Titel
„Kapitalismus vs. Klima [1]" nach vier Jahren Recherchen zwei Haupt-Thesen
enthält: Die grundlegenden Paradigmen des Kapitalismus und seiner Technik
wirken zerstörerisch auf die Lebensgrundlagen der Menschen; und: Das
„Timing" des Kampfes gegen den Klimawandel ist katastrophal - wir hätten in
den 70er Jahren beginnen müssen, diese Paradigmen und damit auch die Technik
[2] grundlegend zu verändern. In den letzten fünf Jahren haben viele
bekannte Intellektuelle in Deutschland, von Frank Schirrmacher bis zu Harald
Welzer, ähnliche Einsichten publiziert. Das hätte ein bisschen früher kommen
müssen ... 

Revolution der Technik 

Heute ist es schon 36 Jahre her, dass Otto Ullrich [3] genau diesen
Paradigmenwechsel gefordert und auf der Basis grundlegender Analysen von
Amery über Illich und Mumford bis Vester und nicht zuletzt, wenn auch mit
einiger Kritik Marx, 1979 sein Buch „Weltniveau" veröffentlichte. Er
argumentierte damals nicht nur mit zahlreichen bereits bekannten
naturwissenschaftlichen Daten, sondern regte an, den „Chinesentest" zu
machen: Was wäre, fragte er meine Studierenden der Ingenieurwissenschaften,
wenn die Chinesen den gleichen Raubbau an der Natur betreiben, wenn sie also
beginnen, unser Entwicklungs- und „Fortschrittsmodell" nachzumachen? Seit 20
Jahren tun sie es. Ottos damalige Prognose: Wir benötigten 5 Planeten, wenn
alle so handeln. Heute sind es nach dem letzten WWF-Report bereits über 1,5.
Der Raubbau an der Biosphäre ist weit fortgeschritten. 

Technik und Herrschaft 

Auch seine Dissertation „Technik und Herrschaft" bestätigt sich inzwischen
auf unheimliche Weise: Die Digitale Technik ist systematisch so gestaltet,
dass Großkonzerne, Regierungen, Geheimdienste uns damit entmündigen. Mit den
Konzepten „Industrie 4.0 [4]" und „Internet der Dinge [5]" erreicht uns die
Entmündigung überall im Alltagsleben. Dabei geht es nicht nur um eine
kapitalistische Anwendung der ansonsten „neutralen" Technik, wie gerade die
klassische Linke gerne meint, sondern um ihre grundlegend gewalttätigen
Strukturen. Die sah Otto darin, dass die „modernen" Naturwissenschaften und
die mit ihrer Hilfe entwickelte Technik genau wie der Kapitalismus von allem
Lebendigen abstrahieren: Der Naturwissenschaftler und Techniker darf „sich
nicht von Gefühlen, Emotionen, Träumen und eben von Geschmack, Gerüchen oder
überhaupt von etwas irritieren lassen, was ein lebendes Wesen interessiert"
(Otto Ullrich, Weltniveau, 1979). 

Der Fortschritt steht unter „Schädlichkeitsverdacht" 

Die Analyse dieser Vereinigung zweier lebensfremder bzw. Lebens-feindlicher
Gedanken- und Methodensysteme - Kapitalismus und Technik - als
Gewaltverhältnis gegenüber den Menschen und der Natur war der intellektuelle
Kern von Ottos Ablehnung des „Fortschritts"-Begriffs. Sein Verweis darauf,
dass die Menschen des Industrialismus sich nicht freiwillig unter dieses
Gewalt-Verhältnis bringen ließen, sondern durch physische und psychische
„Zurichtung", trug ihm die offene Wut vieler „Fortschrittsgläubiger", aber
auch von Naturwissenschaftler/innen ein. Diese provozierte er dadurch, dass
er die modernen Naturwissenschaften „in den Giftschrank" schließen und den
„allgemeinen Nützlichkeitsglauben" durch einen grundsätzlichen
„Schädlichkeitsverdacht" ersetzen wollte. 

Otto war jedoch auch ein unnachsichtiger und penibler Kritiker an den
eigenen Kolleg/innen, die sozial und ökologisch engagiert arbeiten: Er
prüfte, ob Ideen und Ansätze zur Veränderung dieser Verhältnisse nur -
verkleidet als revolutionär - die alten Verhältnisse fortschrieben. Er lebte
konsequent nach seinen eigenen Maßstäben und verlangte das auch von anderen.
So war er für mich (und vielleicht für andere Menschen auch) eine Instanz,
die meine eigenen Ideen prüfte und sie dann oftmals als zu leicht befand. 

Es war die historische Tragik, dass Mitte bis Ende der 1980er Jahre Ottos
Analysen und wissenschaftliche Arbeiten gesellschaftlich mehr und mehr
akzeptiert wurden, dann aber der „Reale Sozialismus", den Otto genau so
scharf kritisierte wie den Kapitalismus, zusammenbrach und diesen ungebremst
und neoliberal noch radikalisiert als „Sieger der Geschichte" erscheinen
ließ. 

Der gängige Fortschrittsbegriff ist für den Ingenieurberuf ungeeignet 

Ich habe mit Otto zusammen über 30 Jahre lang jedes Semester für Studierende
der Ingenieurwissenschaften an der TU Berlin und in Kooperation mit der IG
Metall ein Seminar angeboten, in dem seine Analysen und Thesen großen
Einfluss hatten. Mit seiner leisen Stimme, die ihre Rhetorik aus den
Inhalten bezog, destruierte er das technisch-naturwissenschaftlich
grundierte Weltbild der Moderne und damit auch die Vorstellungen vieler
Studierenden über ihre künftige Aufgabe: Als IngenieurInnen einem humanen
Fortschritt zu dienen. 

Bei den meisten Studierenden führte dies zunächst zu einer Art Schock - nach
längerem Nachdenken aber bei den meisten zu der Erkenntnis, dass mit dem
herrschenden Begriff vom „Fortschritt", der die Technikentwicklung an den
Kapitalismus bindet und damit die soziale und ökologische
Verschleißwirtschaft mit Hilfe der Ingenieure vorantreibt, auf keinen Fall
weiter gearbeitet werden darf. Den damit aufkommenden Zweifeln einiger
Studierender, ob der Ingenieursberuf ein verantwortungsvolles Handeln
überhaupt ermögliche, begegnete er mit Beispielen für eine sanfte
Technologie, mit Ansätzen für eine andere Wissenschaft und Technik und
skizzierte eine grundsätzlich andere Ökonomie. In den Rücksprachen zum
Seminar haben fast alle Studierenden betont, dass sie solche Erkenntnisse
bislang nirgendwo im Studium gewinnen konnten und dass ihr Denken davon
stark beeinflusst wurde. „Es gab für mich ein Denken vor dem Seminar und ein
neues nach dem Seminar", meinte später eine Teilnehmerin. 

Blue Engineering - Ingenieur/innen für die Postwachstumsgesellschaft 

Den irrationalen Abwehr-Reflex bei Menschen, die den klassischen
Fortschritts- und Wachstumsglauben nicht aufgeben wollen, hat Otto über
seine gesamte berufliche Laufbahn immer wieder erleben müssen. Bei uns im
Seminar hat er sich inzwischen fast völlig gelegt, und die Studierenden sind
dazu übergegangen, intensiv im Sinne von Ottos Kriterien nach den
Alternativen zu suchen. Die Gründung der studentischen Initiative „Blue
Engineer [6]" vor sechs Jahren in Berlin und vor fünf Jahren in Hamburg aus
unserem Seminar heraus ist auch sein Verdienst: Sozial und ökologisch
verträgliche, nicht vom kapitalistischen Rendite- und Wachstumswahn
getriebene Technik zu gestalten, und das in der Ausbildung von
Ingenieur/innen und dann auch im Berufsleben zu verankern, ist ihr Ziel. 

Vielleicht passt der folgende Satz von Albert Einstein, den die Studierenden
in der Ausstellung des „Blue Engineer"-Projektes bei der IG Metall
Berlin-Brandenburg-Sachsen präsentierten, ganz gut als Schluss für einen
Nachruf auf Otto Ullrich: „Ich fürchte den Tag, an dem die Technologie die
wichtigsten Elemente menschlicher Verhaltensweisen strukturiert. Die Welt
wird nur noch aus einer Generation von Idioten bestehen".

WOLFGANG NEEF war von 1989 bis 1993 Vizepräsident der TU Berlin. 1993
gründet er die "Zentraleinrichtung Kooperation" (heute "ZEWK") an der TU
Berlin und leitet diese bis 2008. Nach seiner Verrentung 2008 gibt er
weiterhin Seminare zur "Soziologie des Ingenieurberufs" für
Ingenieur-Studierende an TU Berlin und TU Hamburg-Harburg, in Kooperation
mit der IG Metall. Wolfgang Neef ist Vertrauensdozent der
Hans-Böckler-Stiftung und im wissenschaftlichen Beirat von Attac.

Links:

[1] http://www.fischerverlage.de/buch/die_entscheidung/9783100022318
[2] http://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/90_Ullrich.pdf
[3] http://tinyurl.com/pfvegoh (postwachstum.de)
[4] http://tinyurl.com/mmz3sdw (ioew.de)
[5] http://www.internet-der-dinge.de/
[6] http://www.blue-engineering.org/




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