TELEPOLIS
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Spin Doctoring im GDL-Arbeitskampf

Der "Diktator Weselsky" und die große "schmutzige Politik"

Jens Wernicke 23.05.2015

Auch während des soeben beendeten neunten Streiks der GDL war wieder eine
"Mobilmachung" gegen die GDL zu beobachten. Dass das nicht von ungefähr
kommt, sondern von handfesten Interessen herrührt, zeigt ein Blick hinter
die Kulissen: Bundesregierung, Deutsche Bahn, die Spitzen der
"Großgewerkschaften" IGM und IG BCE und die DGB-Spitze selbst, die EVG und
nicht zuletzt die Konzerne und Banken - sie alle hatten und haben ein
jeweils eigenes, konkretes Interesse daran, die GDL "totzuverhandeln", in
immer neue Streiks und möglichst in eine schwere Niederlage zu treiben.
Gleichzeitig agieren die führenden Medien wie gleichgeschaltet. Sei es, weil
das der Chefredaktionslinie entspricht. Sei es, weil eine wirksame
Opposition im Lande weitgehend fehlt. Oder sei es, weil die Materie vielen
Medienleuten einfach zu kompliziert erscheint. Jens Wernicke sprach mit dem
Bahnexperten Winfried Wolf, der die "STREIKZEITUNG - JA zum GDL-Arbeitskampf
- NEIN zum Tarifeinheitsgesetz" [1] herausgibt, über Hintergründe und
Geschehen.

TELEPOLIS: Herr Wolf, Sie sind Initiator und Chefredakteur der vor wenigen
Tagen erschienenen 6. Streikzeitung zum aktuellen Arbeitskampf der GDL.
Wieso engagieren Sie sich für diesen Streik?

WINFRIED WOLF: Das hat mit drei Dingen zu tun. Erstens bin ich
Verkehrsexperte und leidenschaftlicher Bahnfreund. Und eine Bürgerbahn und
Flächenbahn, also eine Eisenbahn, die für die Menschen vor Ort da ist, kann
nur überzeugen, wenn die Leute, die das Rad am Rollen halten, engagiert, gut
ausgebildet sowie mit Lust und Leidenschaft pro Eisenbahn dabei sind.

Das ist heute aber nicht mehr eine Selbstverständlichkeit. Die Verantwortung
dafür trägt ein Bahnmanagement, das seit 1994 die Belegschaft mehr als
halbierte, die Arbeitsplätze abqualifizierte, den Stress bei der Arbeit
erhöhte und den Schienenbetrieb unter anderem durch Fahren auf Verschleiß
schwer beschädigte. Die GDL kämpft hier für Arbeitszeitverkürzung, für
Überstundenbegrenzung und für Neueinstellungen. Das ist gut so. Die
Grundlagen für das Schlichtungsverfahren, die am 21. Mai beschlossen wurden,
sind daher ein guter Schritt in diese Richtung.

Zweitens bin ich linker engagierter Gewerkschafter - seit mehr als 30 Jahren
bei ver.di - und Chefredakteur von Lunapark21 [2] . Der Gegensatz Lohnarbeit
und Kapital - und meine Parteinahme für die Sache der Arbeitenden und
Erwerbslosen - bestimmt mein Handeln und Denken seit meinem neunzehnten
Lebensjahr.

Aktuell erleben wir beim Arbeitskampf zwischen GDL und Bahn einen
exemplarischen Machtkampf - mit der großen Gefahr, dass im Fall einer
Niederlage der GDL der Angriff auf das Streikrecht verallgemeinert und ein
weiterer wichtiger Schritt beim allgemeinen reaktionären Rollback, das wir
seit Mitte der 1980er Jahre erleben, vollzogen wird. Es ist tragisch, dass
diese Einsicht bei der DGB-Spitze und bei der IG Metall, der IG BCE, bei der
IG Bau und bei der EVG fehlt. Diese Gewerkschaften agieren inzwischen immer
mehr als Sherpa für die Unternehmertruppe beim neoliberalen Vormarsch denn
als Interessenvertretungen der bei ihnen organisierten Arbeitnehmer.

Drittens schließlich arbeite ich seit ziemlich genau 15 Jahren punktuell mit
GDL-Leuten zusammen und habe dabei sehr gute Erfahrungen gemacht. 2001
gründete ich die Bahnexpertengruppe Bürgerbahn statt Börsenbahn, die bis
heute bei vielen Aktivitäten gegen die Bahnprivatisierung und für eine
Bürgerbahn eine wichtige Rolle spielt. Von Anfang an war hier ein
prominenter GDL-Mann mit bei uns dabei, der damalige Vorsitzende der GDL in
Berlin-Brandenburg und Sachsen. Und heute ist ein Lokführer in unserer
Gruppe aktiv. Auch deshalb engagierte ich mich bereits 2007/2008 im
Arbeitskampf der GDL - damals mit einer eigenen Website sowie einem
StrikeBlog [3]. Da lag es auf der Hand, dass ich im November 2014, als sich
der Konflikt zuspitzte, erneut den GDL-Arbeitskampf unterstützte. Dieses Mal
nochmals prononcierter - mit einer Streikzeitung, von der inzwischen sechs
Ausgaben erschienen sind.

TELEPOLIS: Ich erlebe gerade allerorten, abends beim Bier, in öffentlichen
Verkehrsmitteln, bei Telefonaten mit Freunden, dass mir entgegengebracht
wird: "Mann, dieser Weselsky, langsam ist es echt genug, der Mann nervt
einfach nur noch!" Was erleben wir denn hier?

WINFRIED WOLF: Das kann ich so kaum umfassend beantworten. Da spielt
verdammt viel mit herein. Zunächst einmal würde ich die Grundaussage wenn
sie denn verallgemeinert wird, schlicht in Frage stellen. Nervt der Mann
wirklich? Und wenn, dann wen?

Die Tatsache, dass nach dem vorletzten Streik, dem 6-Tage-Streik, eine
repräsentative Umfrage ergab, dass 52 Prozent der Befragten für den
GDL-Streik "kein Verständnis" hatten und dass umgekehrt fast die Hälfte der
Befragten sehr wohl Verständnis aufbrachten, finde ich vor dem Hintergrund
der Dauer dieser Tarifrunde, der vielen Streiks, die es bislang gab, und der
medialen Hetze, die gegen die GDL auf fast allen Kanälen betrieben wurde und
wird, sogar erstaunlich positiv für die GDL.

Ich würde mal sagen: Der Mann hat Ecken und Kanten; aber er ist authentisch
und glaubwürdig. Vergleichen Sie den doch mal mit einem DGB-Hoffmann oder
einem EVG-Kirchner. Diese Bürokraten sind doch derart blass und
unglaubwürdig, dass es gar nicht lohnt, sich bei denen genervt zu zeigen.

Weselsky mag undiplomatisch sein. Er mag mal im Ton daneben liegen. Seine
Aussage zur EVG mit dem Vergleich mit Behinderten war unsäglich. Doch er hat
sich glaubwürdig entschuldigt. Und er agiert ohne Visier, ohne
Redemanuskript; kompetent und offen. In der heutigen politischen Landschaft
finde ich das ausgesprochen erfrischend. Und wenn der Autovermieter Sixt ihn
dann zum "Mitarbeiter der Woche" kürt, dann ist das einerseits originell,
andererseits aber auch eine Art Ritterschlag. Auf den entsprechenden
Sixt-Plakaten ist Weselsky recht positiv abgebildet.

"DIE MEDIENKAMPAGNE HAT FUNKTIONIERT, WEIL ES AUCH UM EINEN
OST-WEST-KULTURKONFLIKT GEHT"

TELEPOLIS: Und diese "positive Darstellung" hatte und hat eher
Seltenheitswert?

WINFRIED WOLF: Allerdings. Relativ grundsätzlich sind die Medien in diesem
Arbeitskampf dadurch aufgefallen, dass sie eher unobjektiv und gelegentlich
sogar richtig verletzend und hetzerisch gegenüber der GDL im Allgemeinen und
Weselksy im Besonderen agierten. Und das wirkt ja auch massiv zurück auf die
Bevölkerung selbst, womit wir wieder bei Ihrer letzten Frage sind…

Dennoch aber gibt es weiterhin erheblich Zustimmung für diese Truppe. Vor
der letzten großen Pressekonferenz etwa mussten die Medienleute 25 Minuten
auf den Beginn der Veranstaltung - auf der dann der neue Streik verkündet
wurde - warten. Ich war dabei und vertrat mir da im "Forum" des Beamtenbunds
die Füße. Da wurde ich Zeuge des kurzen Wortwechsels zwischen einem
Journalisten und einer Journalistin, beide mit je zwei schweren
Nikon-Kameras behängt. Er zu ihr: "Du bist doch jetzt nicht auch bei der
GDL?". Sie: "Nein. Aber schämen würde ich mich nicht, wenn ich bei denen
dabei wäre." Und das ist - nun, nicht alles, aber doch wichtig und auch sehr
viel wert.

TELEPOLIS: Und diese "Hetze", von der Sie sprachen: Wie wird da agiert?

WINFRIED WOLF: Also, ich persönlich bin - als Wessi übrigens - davon
überzeugt, dass die Medien-Kampagne gegen die GDL und Claus Weselsky
insbesondere deshalb so gut "funktioniert" hat und wirksam war, weil es da
auch um einen Ost-West-Kulturkonflikt geht.

Sehen Sie: So gut wie alle Kommandohöhen in dieser seit 1990 neu vereinten
Republik sind von Wessis besetzt. Die meisten Firmenchefs im Osten sind
Wessis. Die meisten führenden Gewerkschaftsleute im Osten sind Wessis.
Selbst der erste Ministerpräsident der Linkkspartei in Ostdeutschland ist
ein Wessi - und jetzt der von der GDL benannte Schlichter.

Ganz Deutschland ist von den Wessis besetzt … ganz Deutschland? Da gibt es
diese kleine Gallier-Gewerkschaft: Unbezwungen, kämpferisch, authentisch.
Die Mitglieder dieser Gewerkschaft sind zu einem großen Teil Ossis. Selbst
bei der GDL in Bayern sind rund 30 Prozent Ostdeutsche, Menschen, die
aufgrund des Kahlschlags bei der ehemaligen DDR-Reichsbahn und der hohen
Arbeitslosenquoten im Osten in den Westen gingen und hier Arbeit fanden. Der
GDL-Boss redet irgendwie anders. Ja, er sächselt. Wenn bei uns ein
Top-Politiker oder Top-Manager oder Top-Gewerkschafter Dialekt spricht, dann
wird das ja durchaus akzeptiert - solange es Schwäbisch - Kretschmann - oder
Bayerisch - Seehofer - ist. Aber wehe, da sächselt einer - und dann auch
noch in der Tagesschau. Aber, hallo, ist das denn die "Aktuelle Kamera"?

Der Dialekt ist bei diesem Kulturkonflikt aber nur die eine Seite. Es geht
weiter mit der Grund-, ja, der Körperhaltung. Ein Ossi hat nach den
Westvorstellungen devot zu sein. Es geht gerade noch, wenn der Ossi als
Charmeur und Moderator auftritt, Rollen, die etwa Gregor Gysi gut
verkörpert. Aber diese offensive Haltung von Weselsky, in einem Interview in
"Bild" zu sagen: "Grundsätzlich habe ich ein Vorbild - Luther. Seinem
Ausspruch 'Hier steh ich und kann nicht anders' fühle ich mich verbunden",
das stößt in den zu 98 Prozent westlich dominierten Herrschaftskreisen
unangenehm auf. Besonders, wenn das noch mit einer Körperhaltung des
aufrechten Gangs - wie das Ernst Bloch vor allem im übertragenen Sinn meinte
- unterstrichen wird. Genau dies war auch dem "Bild"-Politik-Chef
aufgefallen, sodass der einleitende Satz des Interviews dort lautete: "Durch
die Drehtür sehe ich Claus Weselsky (56), hünenhaft, breitbeinig."

VERHANDLUNGSZIEL: DAS GEGENÜBER "BEWUSST IN EINE SACKGASSE" ZU MANÖVRIEREN?

TELEPOLIS: Bleiben wir noch einen Moment beim Thema Mediendarstellung… Sie
schrieben [4] in der vierten Ausgabe der Streikzeitung, es gebe da eine Art
Spin Doctoring bei der gesamten medialen und politischen Kampagne gegen die
GDL. Das beträfe auch die Personalisierung, die hier vorgenommen werden
würde. Wie haben Sie das gemeint?

WINFRIED WOLF: Die GDL hat im Februar aufgedeckt, dass Werner Bayreuther,
der Vertreter des Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbandes der Mobilitäts- und
Verkehrsdienstleister [5] - eine lächerliche und irreführende Konstruktion,
hinter der sich ausschließlich die Deutsche Bahn AG und ihre
Tochtergesellschaften verbergen - aktiv ist bei dem in Zürich ansässigen
Schranner Negotiation Institute [6]. Dieses Institut agiert offen
gewerkschaftsfeindlich. Vor allem entwickelte es eine
Verhandlungsphilosophie, die da lautet: "Keine Kompromisse".

Jüngst konnte der Institutsleiter Matthias Schranner im Spiegel erklären:
"Deutschland leidet an seiner Kompromisskultur. Auch in den Konzernen." Bei
Verhandlungen im Wirtschaftsleben, auch bei Tarifauseinandersetzungen, sei
das wie bei Verhandlungen zwischen der Polizei und Geiselnehmern. Matthias
Schranner selbst präsentiert sich als ehemaliger Verhandlungsführer der
Polizei bei Geiselnahmen und Banküberfällen. Da kann sich die GDL aussuchen:
Wird sie vom Bahn-Konzern als Geisel behandelt oder als Bankräuber?

Eine strategisch angelegte Verhandlung hat nach den Prinzipien dieses
Instituts dabei auch das mögliche Ziel, das Gegenüber "bewusst in eine
Sackgasse" zu manövrieren. Zum Beispiel: Man macht einige Zugeständnisse,
der Streik wird abgebrochen, aber die eigentlichen Verhandlungen stehen noch
aus. Nach zwei Monaten, wenn die Verhandlungen wieder beginnen, wird dann
die frühere Vereinbarung widerrufen. Die Gewerkschaft muss also überlegen,
ob sie umgehend neu streiken will.

TELEPOLIS: Das kommt einem ja irgendwie bekannt vor…

WINFRIED WOLF: Genau. So in etwa verliefen die Verhandlungen zwischen DB und
GDL nun über viele, viele Monate hinaus - und immer gelang es der Bahn, die
GDL als Buhmann und nicht kompromissbereit darzustellen.

Auf besagter Instituts-Website ist übrigens an anderer Stelle konkret
ausgeführt, wie man sein Gegenüber in einen Streik hineintreiben kann - nach
dem Motto "Warum ein Streik nicht vermieden werden sollte". Und ganz nah an
der Wirklichkeit des Verhaltens der Deutschen Bahn AG und der Rezeption der
DB AG-Strategie in den Medien sind wir, wenn die Spin Doctors aus Zürich
dann weiter ausführen, man müsse "die Motive hinter den Positionen" der
Gegenseite ausfindig machen.

Dazu gehöre auch die Analyse der Persönlichkeitsstrukturen des Gegenübers:
Er soll in der Öffentlichkeit möglichst als "schwierige Persönlichkeit"
erscheinen. Und diese letztgenannte Zielsetzung haben diese Leute
tatsächlich verwirklichen können. Weselsky wurde von den Medien als "der
meistgehasste Gewerkschafter" [7] des Landes, als "Diktator" [8] sowie dem
kleinen Mann auf der Straße entfremdeter Neureicher [9] inszeniert, er stand
unter Betrugsverdacht [10], war stets "kompromisslos" [11] oder gar
"erpresserisch" [12] usw. usf.

TELEPOLIS: Sehen Sie also einen regelrechten "PR-Plan" hinter all den
Anfeindungen gegen Weselsky und die GDL?

WINFRIED WOLF: Natürlich können wir keinen durchgängigen Beweis dafür
führen, dass bei dieser Auseinandersetzung das Drehbuch in Zürich
geschrieben wurde. Oder dass hier andere Spin Doctors zu Werke gingen. Ganz
sicher aber bin ich mir: Ein erheblicher Teil dieser Auseinandersetzung war
inszeniert - und zwar von Seiten der Deutschen Bahn AG.

Da gibt es die streikgeile GDL. An deren Spitze steht ein uneinsichtiger
Gewerkschaftsboss. Diese "lähmen die Republik". Der Gegenspieler Deutsche
Bahn AG hingegen wird repräsentiert durch eine verhuschte Gestalt namens
Ulrich Weber, dessen Schmierenkomödien-Auftritt immer in dem Satz gipfelt:
"Ich bin vollkommen ratlos - wo wir doch gerade einen Millimeter vor einer
Einigung standen…" Und ab und an sieht man noch Herrn Grube hinter einer
Hecke hervorlugen, die Stirn in Sorgenfalten, von "der Verantwortung der
Tarifparteien" redend.

"WAS HIER ABLÄUFT, IST OFFENBAR HOHE - ALSO SCHMUTZIGE - POLITIK"

TELEPOLIS: Aber wie kann ein Bahnkonzern eine solche Politik durchhalten -
die kriegen für diese, wie Sie sagen, "Inszenierung" doch nichts bezahlt -
im Gegenteil, das läuft doch voll ins Geld?

WINFRIED WOLF: Ja, das sieht nach einem Mysterium aus. Zumal es hier um
gewaltige Summen geht. Aktuell steht die Zahl von 400 Millionen Euro im
Raum, die der Deutschen Bahn AG durch die bislang neun Streiks an Verlusten
entstanden sein sollen. Selbst wenn es an direkten Verlusten nur halb so
viel sein sollte, so kommen ja noch erhebliche volkswirtschaftliche Verluste
hinzu. Und es gibt enorme Imageverluste bei der Bahn, die im Fernverkehr den
Trend hin zu den Bussen verstärken werden.

Nein, das ist keine rationale Konzernpolitik. Siemens oder Daimler würde
sich einen solchen Arbeitskampf nie und nimmer leisten: Elf Monate Kampf und
immer noch keine ernsthaften Gespräche über die eigentlichen Forderungen,
aber Verluste im dreistelligen Millionenbereich, da würden die Aktionäre
aufschreien und das Management binnen kurzem austauschen.

Was hier abläuft, ist offenbar hohe - also schmutzige - Politik. Provokateur
und Eskalierender ist dabei gar nicht primär die Deutsche Bahn AG, sondern
deren Eigentümer: die Bundesregierung. Es sind Merkel-Gabriel-Nahles. Diese
bereiten seit einem Jahr und damit exakt parallel zur dramatischen
Tarifrunde das "Tarifeinheitsgesetz" vor. Dessen Zielsetzung besteht darin,
kämpferische Gewerkschaften wie die GDL existenziell zu bedrohen.

Die Bundesregierung kontrolliert das Unternehmen Deutsche Bahn AG in vollem
Umfang - als Alleineigentümer sowie über den IM Ronald Pofalla, den
Ex-Kanzleramtsminister, der seit Januar 2015 an der Seite Grubes die
Konzernpolitik mit der Berliner Politik verzahnt. Bahnpolitik ist
Bundespolitik. Und die Politik der großen Koalition mit dem
Tarifeinheitsgesetz ist Politik im Interesse von Konzernen und Banken. Man
kann daher mit Fug und Recht heute sagen, dass die GDL auch und vor allem um
unser aller Grundrecht, das Grundrecht der Koalitionsfreiheit nämlich,
streikt.

Auch da hat mich die mediale Gleichschaltung erstaunt. Der Tenor ist, die
Bundesregierung mische sich nicht ein; es gelte, "die Tarifautonomie zu
respektieren". Das ist doch ein saudummes Geschwätz. Es geht doch nicht um
Tarifautonomie. Natürlich soll sich die Bundesregierung als Regierung aus
dem Konflikt heraushalten. Es geht um ihre Verantwortung als Eigentümerin.
"Eigentum verpflichtet", heißt es dazu im Grundgesetz. Das betonte auch
Claus Weselsky auf der genannten Pressekonferenz. Die Bundesregierung ist
verpflichtet, Schaden von der Deutschen Bahn abzuhalten.

Da ist es doch fast schon absurd, wenn ausgerechnet der FDP-Vize Kubicki im
Blatt Focus (18.5.) ein paar Grundsätze erklären musste, als er sagte: "Der
erneute Streik […] ist die Folge der grundgesetzlich garantierten
Koalitionsfreiheit. Ein Streik, der nicht weh tut, taugt nichts. Es ist an
der Bahn, hierauf angemessen zu reagieren." Kubicki verstand unter einer
"angemessenen Reaktion" dabei die Präsentation eines "vernünftigen Angebots"
seitens der Deutschen Bahn AG.

TELEPOLIS: Und wie wird es nun weitergehen? Setzt die GDL sich durch; was
meinen Sie?

WINFRIED WOLF: Es wird jetzt darauf ankommen, dass man wenigstens jetzt im
Rahmen der Schlichtung zu des Pudels eigentlichem Kern vorstößt. Da die GDL
im Vorfeld durchsetzen konnte, dass sie einen Tarifvertrag für das gesamte
Zugbegleitpersonal abschließen wird können, dass es keine zwei Klassen von
Lokführern mehr gibt, sie zukünftig also auch für die Rangierlokführer
verhandeln darf, dass also diese Themen nicht Gegenstand der Schlichtung
sind, sollte es jetzt tatsächlich zu substanziellen Verhandlungen kommen
können. Matthias Platzeck und Bodo Ramelow als Schlichter dürften Wert
darauf legen, dass nicht noch weitere Zeit vertan wird.

Die Chancen für die GDL stehen also gut. Allerdings wird es weiter notwendig
sein, wachsam zu bleiben, die Solidarität für die GDL weiterzuentwickeln und
den Arbeitskampf bei der Bahn in den Zusammenhang zu stellen zu den anderen
Kämpfen und Bewegungen, die es in den Bereichen Kitas, Sozialarbeit, Post,
Amazon, Lehrkräfte usw. doch reichlich gibt. Eine enge Vernetzung dieser
Kämpfe macht allen Beteiligten Mut und bringt den erforderlichen langen
Atem. Auf diese Weise weht ein echt belebender neuer Wind in unserem Land.

Links

[1] http://pro-gdl-streik14.de/?page_id=18
[2] http://www.lunapark21.net/
[3] http://pro-gdl-streik14.de/?cat=3
[4]
http://pro-gdl-streik14.de/wp-content/uploads/2015/02/StreikZeit04-END.pdf
[5] http://agv-move.net/
[6] http://www.schranner.com/de
[7] http://www.rp-online.de/wirtschaft/unternehmen/aid-1.4602950
[8] http://mopo24.de/nachrichten/bahnstreik-gdl-chef-weselsky-ex-frau-1979
[9] http://www.focus.de/finanzen/news/unternehmen/_id_4218134.html
[10] http://www.bild.de/geld/wirtschaft/weselsky-claus/u-38214780.bild.html
[11] http://www.focus.de/finanzen/experten/adel_abdel-latif/_id_4626905.html
[12] http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/a-1019142.html




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