DIE WELT

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Prozess in Italien

 

24.05.15

 

Darf man für Naturschutz zur Sabotage aufrufen?

 

In Turin steht der Dichter Erri De Luca vor Gericht. Ihm wird vorgeworfen,
zu Sabotage gegen die neue Bahntrasse nach Lyon aufgerufen zu haben. Er
verteidigt sich mit spitzfindigen Argumenten. Das Land ist entzückt, und die
Richter haben etwas zum Nachdenken

 

Von Thomas Schmid

 

Was vermag das Wort, was vermag ein Dichter? Diese Fragen werden zurzeit in
einem Prozess in der piemontesischen Hauptstadt Turin verhandelt. Auf der
Anklagebank sitzt ein schmaler, asketisch wirkender Mann mit Schnauzbart und
einem Gesicht, das wettergegerbt wirkt: der aus Neapel stammende
Schriftsteller Erri De Luca. Der Mann, der gerade 65 Jahre alt geworden ist,
soll zu Gewalt aufgerufen haben. Der Angeklagte bestreitet das lebhaft,
ebenso lebhaft gibt er zu, dass er der Sabotage das Wort geredet hat.
Angeklagter und Staatsanwalt argumentieren mit eigentümlich vertauschten
Rollen.

 

Der Hintergrund: Seit Jahren wird im Susatal, dem nördlich von Turin
gelegenen Val di Susa, an der Strecke für einen Hochgeschwindigkeitszug
gearbeitet, der Turin mit Lyon verbinden soll. Sollte der Zug einmal fahren,
gäbe es erstmals eine schnelle Bahnverbindung zwischen Süditalien und
Amsterdam. Damit dereinst der TAV, der Treno ad Alta Velocità
(Hochgeschwindigkeitszug), durch das 90 Kilometer lange Tal schießen kann,
müssen zwei Tunnel gebohrt werden, der längere von beiden über 53 Kilometer.
Dagegen kämpft seit mehr als zehn Jahren eine breite und entschlossene
Widerstandsbewegung. Ihr bestes Argument ist der Verweis auf die Tatsache,
dass der eine Tunnel durch asbesthaltiges und der andere durch uranhaltiges
Gestein getrieben werden muss.

 

Immer wieder kam es im Susatal zu Demonstrationen mit zu 70.000 Teilnehmern
gegen das Vorhaben - in einer Melange, wie man sie aus vielen Protesten
gegen Großprojekte kennt: Bewohner des Tals, die ihre altgewohnte Ruhe haben
wollen, neben passionierten Umweltschützern, Alpinisten und verrenteten
68ern, aus ganz Italien reisen ehrlich empörte Demonstranten zu den
Protesten. Darunter sind aber auch als fellow travelers nicht wenige
gewaltbereite Militante, die sich mit Polizei und Bauarbeitern handfeste
Auseinandersetzungen liefern, Molotowcocktails inbegriffen. Die
No-TAV-Bewegung [1] ist gewissermaßen Italiens dienstälteste und
symbolträchtigste Protestbewegung.

 

Zäune sind illegal, Drahtscheren legal

 

Seit zehn Jahren unterstützt Erri De Luca [2] diese Bewegung und nimmt auch
selbst an den Demonstrationen teil. Der tief empfindende Naturfreund hat
einmal geschrieben: „Ich halte jede Form des Lebens, halte den Schnee, die
Erdbeere, die Fliege, das mineralische Reich und die Versammlung der Sterne
für wertvoll.“

 

Im September 2013 gab De Luca der italienischen „Huffington Post“ ein
Telefoninterview, in dem er sagte: „Die Hochgeschwindigkeitsstrecke muss
sabotiert werden. Dazu sind Drahtscheren nützlich: Mit ihnen kann man
Gitterzäune durchschneiden. ... Die Gespräche der Regierung sind
gescheitert, die Verhandlungen sind gescheitert: Sabotage ist die einzige
Alternative.“ Die Staatsanwaltschaft wirft De Luca nun wegen dieser und
anderer Äußerungen vor, er habe zu Straftaten ausgerufen.

 

Als Erri De Luca den Saal 44 des Turiner Gerichts betritt, wird er von
begeisterten Anhängern und Fans begrüßt, viele von ihnen tragen T-Shirts mit
dem Aufdruck #iostoconerri (ich stehe auf der Seite von/stehe zu Erri). Es
sind so viele gekommen, dass die Richterin - keine unfreundliche Geste - die
Saaltür öffnen lässt, damit auch die draußen Stehenden die Verhandlung
verfolgen können. Und die Zahl seiner Unterstützer ist noch viel größer: In
Frankreich etwa unterzeichneten viele Intellektuelle im Namen der
Meinungsfreiheit einen Aufruf, der die Einstellung des Verfahrens gegen De
Luca forderte, sogar Staatspräsident Hollande gehört zu den Unterstützern.

 

De Luca nimmt auf einer Art Arme-Sünder-Stuhl Platz, er spricht ins
Mikrofon. Ja, sagt er, er habe die Sabotage des TAV-Baus befürwortet - fügt
dann aber erklärend wie belehrend hinzu: „Das Wort 'sabotieren' hat dem
Wörterbuch des Italienischen zufolge zahlreiche Bedeutungen. In der ersten
Bedeutung meint es materielle Schädigung. Andere Bedeutungen sind:
behindern, hemmen, aufhalten. Ich beanspruche gesagt zu haben, dass der Bau
des TAV behindert, gehemmt, aufgehalten und somit tatsächlich sabotiert
werden soll.“ „Auch mit Drahtscheren und Molotowcocktails?“, fragt der
Staatsanwalt. De Luca erwidert, auf den zweiten Teil der Frage antwortend:
„Eindeutig nein“, um dann fortzufahren: „Ebenso eindeutig steht fest, dass
Drahtscheren gut dazu geeignet sind, die Gitterzäune zu durchschneiden, ein
Akt der Sabotage ist das aber nicht. Denn da die Zäune illegal sind, stellen
die Drahtscheren, die sie durchschneiden, die Legalität wieder her.“ Warum
sie illegal sind, das erklärt er nicht. Er setzt es als bekannt und
unanfechtbar voraus.

 

Was er da sagt, klingt nach Haarspalterei, nach Sophistik, und ist es zu
Teilen auch. Doch man weiß von De Luca, dass er es mit dem Wort und den
Wörtern sehr genau nimmt, bei aller Freundlichkeit, die er seinem Publikum
auf Lesungen unermüdlich entgegenbringt, ist er doch ein äußerst
ernsthafter, penibler Mensch. Einst gehörte er der linksradikalen Gruppe
„Lotta Continua“ (im dieses Mal klobigen Deutsch: Der Kampf geht weiter) an.
Heute weist er allen Verdacht weit von sich, er stachele zu Gewalt an. Das
mag einmal anders gewesen sein, immerhin leitete er eine Zeit lang den
Ordnungsdienst von Lotta Continua - linke Ordnungsdienste dienten damals
keineswegs ausschließlich der Selbstverteidigung. De Luca, der Naturfreund
und ausgezeichnete Bergsteiger, ist ein Linker geblieben: Unbeugsam, aber
melancholisch, er wohnt in der Niederlage, und er redet diese nicht schön.

 

Später war der Einzelgänger, der nie eine Universität besucht hat, lange
Zeit Arbeiter: Facharbeiter bei Fiat, Kraftfahrer, Lagerist, Maurer,
Tierpfleger. Er ist einer, der es sich nicht einfach macht. Fast schon 40
Jahre alt, begann er zu schreiben, Erzählungen und Romane vor allem, in
denen er auf die Suche nach verlorenen Vergangenheiten ging. Er hatte
schnell Erfolg, fast alle seiner Bücher wurden ins Französische übersetzt,
einige sind auf deutsch erschienen - darunter „Der Tag vor dem Glück“, die
wunderbare Geschichte eines Waisenjungen, der im Neapel der Nachkriegszeit
aufwächst und aus seinem Elend heraus pochenden Herzens die Wunder der Welt
entdeckt.

 

De Luca brachte sich selbst verschiedene Sprachen bei, darunter das
Jiddische und das Althebräische, er nutzte das, um einige Bücher des Alten
Testaments ins Italienische zu übersetzen. Das Credo des Wortmenschen, zu
dem er geworden ist: nur zur Lektüre könne er anstacheln, nie zur Gewalt.
Diese Bescheidenheit hat freilich auch ihre unerbittlich stolze Seite: In
sein Reich der Worte regiert ihm keine Justiz der Welt hinein, dieses Reich
ist ein besseres Reich. Warum er mit seiner Haltung recht habe, das hat De
Luca ausführlich in einem kleinen Büchlein dargelegt, das er zur
Vorbereitung des Turiner Prozesses geschrieben hat und das auch in deutscher
Überetzung erschienen ist (Mein Wort dagegen, aus dem Italienischen von
Annette Kopetzki, Graf Verlag, München 2015). Dass er gar nicht zu
Gewalttaten anstacheln könnte, begründet er vor Gericht mit einer fast
zauberhaften Formulierung: „Die Konsequenz des Wortes ist das Wort selbst,
ist ein anderes Wort.“

 

Das Wort, so De Luca, verbleibe ganz in der Welt des Wortes, es kann gar
nicht hinaus. Das Wort ist auf machtvolle Weise machtlos, Punktum. Seit
Jahrzehnten und vermutlich noch viel länger streitet aber die Menschheit -
nicht nur mit Blick auf die RAF oder deren italienische Entsprechung, die
Brigate Rosse - darüber, ob auch Intellektuelle geholfen haben, der
terroristischen Gewalt den Weg zu bereiten. Es gehört heute viel Kühnheit
dazu, diese Möglichkeit kategorisch zu bestreiten. Erri De Luca besitzt
diese Kühnheit. Er macht das Wort, das er so schätzt und das sein Leben wie
sein Metier ist, zu einem schwachen Ding.

 

Nicht so die Staatsanwaltschaft. Sie scheint fest daran zu glauben, dass es
einen direkten Verbindungsweg zwischen De Lucas Sabotageworten und den Taten
jener Demonstranten gibt, die Steine und Molotowcocktails werfen oder
Briefbomben verschicken. Sie wollen De Luca dingfest machen, sie akzeptieren
das in sich selbst ruhende Eigenleben der Worte nicht. Mehr noch, sie kehren
die übliche Rangfolge um: Während es sonst vorkommt, einem Schriftsteller
ein allzu hartes, allzu schwungvolles Wort als Freiheit des Dichters
durchgehen zu lassen, verhält es sich in Turin allerdings nun genau
umgekehrt.

 

Die Staatsanwaltschaft vergleicht De Luca mit einem Friseur aus einem
kleinen Ort im Susatal und erklärt: „Dem Barbier in Bussoleno können wir es
nachsehen, wenn er sagt, schneidet die Gitterzäune durch, einem Dichter,
einem Intellektuellen wie ihm nicht.“ Die Staatsanwalt glaubt dem Dichter
gewissermaßen aufs Wort, sie legt einen ungeheuren Respekt vor dem Wort an
den Tag. Eine seltsame Verkehrung der Fronten.

 

Warum eigentlich so viel Streit ausgerechnet im entlegenen Val di Susa? Wohl
auch deswegen, weil es ein höchst geschichtsträchtiger Ort ist. Das
malerische Tal, das von mehreren Dreitausendern flankiert wird und in einem
Abschnitt auf nur sieben Kilometern einen Höhenunterschied von 3000 Metern
aufweist, lag im Mittelalter auf der Route, die Pilger aus Santiago de
Compostela, aus Südfrankreich und auch aus Nordeuropa nach Rom führte. Viele
Klöster wurden damals in dem Tal errichtet, was dem Val di Susa den Beinamen
„Tal der Klöster“ einbrachte. Unabhängig davon, ob die Mehrheit der
No-TAV-Demonstranten das auch so sieht: Der Widerstand gegen den TAV enthält
auch eine Liebeserklärung an eine alte christlich-piemontesische
Kulturlandschaft.

 

Ein Künstler, ein Gott aus einer anderen Zeit

 

Die Arbeiter, die gerade dabei sind, das Tal aus seinem Schlaf zu reißen,
kamen vor einem knappen Monat auf die schlaue Idee, an die Öffentlichkeit zu
gehen. Sie nutzten ein Mittel, dessen sich sonst die demonstrierende
Gegenseite bedient, sie schrieben und veröffentlichten einen Aufruf. Darin
fordern sie De Luca auf, ihre Baustelle zu besuchen, sich ihre Arbeit
anzusehen und ihnen zu erklären, warum sie die einzigen Arbeiter Italiens
sind, die bei ihrer Arbeit physisch angegriffen werden. Sie schreiben in der
biblischen Sprache des alten Arbeiterstolzes: „Wir sind Männer und Frauen,
die im Schweiße ihres Angesichts ihr Brot verdienen, keine raffinierten
Intellektuellen: Für uns ist 'Arbeit' das edle und 'Sabotage' das
niederträchtige Wort.“ Erri De Luca hat den Frauen und Männern seine
Aufwartung nicht gemacht.

 

Wie er auch wenig dazu sagt, dass das Projekt des TAV nicht von einem
kleinen Verschwörerkreis oktroyiert, sondern nach einem langen
Genehmigungsverfahren ordentlich beschlossen wurde. Wie die TAV-Planer ihren
Gegnern kein Ohr schenken, so ist Erri De Luca, der wortmächtige Kauz,
kategorisch nicht zu der hypothetischen Kleinstvermutung bereit, die
TAV-Planer könnten auch über ein gutes Argument verfügen. Wie auch immer der
Prozess gegen De Luca, dem eine Gefängnisstrafe droht, ausgeht, die
Protestbewegung wird sich davon nicht entmutigen lassen. Und Erri De Luca
auch nicht. Es ist fadenscheinig, wenn er das Durchschneiden von Zäunen
billigt, das Werfen von Molotowcocktails aber ablehnt.

 

Das erinnert an jene unselige deutsche Debatte aus den späten 60er-Jahren,
als sich Teile der Studentenbewegung radikalisierten und spitzfindig
zwischen - angeblich legitimer - Gewalt gegen Sachen und - illegitimer -
Gewalt gegen Menschen unterschieden. In der Wirklichkeit war da, wie sich
auch schnell zeigte, keine klare Trennlinie zu ziehen. Und wenn sich De Luca
mit seinem Lob der Sabotage über das Gesetz stellt, dann zieht er sich das
große, muffige Gewand des Künstlers von einst an, der aus ganz eigenem Recht
lebt und webt und der nicht an die Regeln und Konventionen gebunden ist, die
für normale Sterbliche gelten. Ein kleiner Künstlergott, von Anhängern
bejubelt, doch aus der Zeit gefallen.

 

[1] http://stuttgart21international.wordpress.com/no-tav-2/

[2] http://www.perlentaucher.de/autor/erri-de-luca.html

 

 

 

 

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