Süddeutsche Zeitung
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2. Juli 2015

Inventur von Wald und Wiese

Wie die Natur kapitalisiert wird

Die Natur vollbringt enorme Leistungen, doch deren Wert ist nur schwer zu
bemessen. Deshalb arbeitet ein weltweites Netzwerk daran, Bäume, Flüsse und
Moore mit Preisen zu versehen - in Deutschland weitgehend unbemerkt. Die
einen erhoffen sich durch eine Ökonomisierung der Natur Geld für den
Umweltschutz. Die anderen sehen Chancen, ihr Kapital zu mehren. Die
marktwirtschaftliche Logik erobert damit den letzten Raum. Es drohen
perverse Folgen

VON JAN WILLMROTH

Wo früher Regenwald die Erde bedeckte, sind heute rostrote Krater

So sieht es aus, wenn die Gier nach Rohstoffen blutende Wunden in die
Erdoberfläche reißt. Rostrote Krater von gigantischem Ausmaß baggert der
Bergbaukonzern Vale seit Jahrzehnten in die Berge von Carajás. Mitten im
Amazonas-Gebiet in Nordbrasilien, dort, wo einst nichts als tropischer
Regenwald die Erde bedeckte, liegt das beste Eisenerz der Welt. 7,2
Milliarden Tonnen davon könnte Vale noch abbauen, 120 Millionen Tonnen
schaffen die Züge im Jahr, die das Erz zu den Häfen an der Atlantikküste
bringen. Es ist die weltweit größte Erzmine, an einem der Orte mit der
größten Artenvielfalt.

Das Erz hat einen Vorteil gegenüber dem Wald: Es ist ein wichtiger Rohstoff,
der überall gebraucht wird. Seinen Preis bestimmen die Händler an den
Rohstoffbörsen. Der Abbau kostet Geld für Arbeitskräfte, Bagger und
Kipplader, für Straßen und Fabriken - und er kostet den jahrtausendealten
Regenwald.

Bäume, Tiere, Stoffkreisläufe - sie stehen in keiner Bilanz

Dessen Wert aber ist schwer zu bemessen. Seine Funktion als CO2-Speicher,
sein Artenreichtum, sein Wert als Lebensraum für Menschen: Wie viel sollte
das kosten? Dem Erzabbau fallen Bäume, Tiere und ganze Stoffkreisläufe zum
Opfer, die in keiner Bilanz stehen. Würde man diesen Wert sichtbar machen,
ließe sich das Ausmaß der Zerstörung beziffern. Mehr noch: Man könnte
Instrumente schaffen, von denen Investoren profitieren, wenn sie diese
Zerstörung verhindern helfen. Genau daran arbeitet ein weltweites Netzwerk
aus Vereinten Nationen, Unternehmensgruppen, Wissenschaftlern und NGOs seit
einigen Jahren. Die einen, weil sie Geld für den Umweltschutz brauchen - die
anderen, weil sie Chancen sehen, ihr Kapital zu mehren.

Die Inventur der Natur ist in vollem Gange, weithin unbemerkt in Deutschland
und nur wenig diskutiert. Wildbienen, die Felder bestäuben, oder
Mangrovenwälder, die Fischen Lebensraum und den Anwohnern Holz und
Hochwasserschutz bieten - ohne Zutun des Menschen vollbringen Ökosysteme
enorme Leistungen, für die niemand zahlen muss. Zwei Begriffe stehen für
eine Entwicklung, die dabei ist, das Verständnis von Umwelt und deren Schutz
grundlegend zu verändern. Man spricht von "Ökosystemdienstleistungen", die
Natur wird zum Unternehmen; Bäume, Flüsse und Moore heißen jetzt
"Naturkapital" [1] - die marktwirtschaftliche Logik erobert gerade den
letzten Raum. 

Versuche, die Natur in ökonomische Werte zu übersetzen, gibt es schon
länger. Der Handel mit CO2-Verschmutzungsrechten ist ein Beispiel, bei dem
eine maximale Menge an Emissionen festgelegt wird und Industrieunternehmen
ihren Anteil daran bezahlen müssen - ein System mit bisher durchwachsenem
Erfolg. Auch der Beitrag von bestäubenden Insekten gilt zwar schon lange als
wirtschaftlich wichtig. Aber erst in jüngster Zeit haben Organisationen rund
um den Globus angefangen, die Leistungen von Bienen, Vögeln oder Flüssen in
monetären Werten auszudrücken. 

Wie viel ist ein intakter Wald wert? 

"Eine Ökonomisierung von Ressourcen hatten wir ja schon immer", sagt Barbara
Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung und prominenteste Kritikerin
des Naturkapital-Konzepts in Deutschland. "Aber wir erleben gerade eine
völlig neue Welle der Ökonomisierung. Marktinstrumente sollen helfen, den
Verlust von Vielfalt und Ökosystemen zu stoppen. Die Natur wird in einzelne
Funktionen zerlegt und damit auf Messbares reduziert." Weil aber die
Leistungen der Natur in Wirtschaftsprozessen bislang unsichtbar seien, so
argumentieren wiederum die Befürworter, müsse man sie erst mal aufzeigen.
Erst wenn in Zahlen ausgedrückt ist, wie viel verloren geht, wenn ein Stück
Mangrovenwald einer Shrimp-Farm weichen soll, haben die Mangroven nach
diesem Verständnis eine Chance. Erst dann wüssten die Menschen, wie viel
ihnen intakte Küstenwälder wert sein sollten. "Erfolgreicher Umweltschutz",
heißt es im TEEB-Report [2] von 2010, "muss in solider Ökonomie gründen."
TEEB ist die englische Abkürzung für "Die Ökonomik von Ökosystemen und
biologischer Vielfalt", sie steht für den bisher größten Versuch, weltweit
die Leistungen der Natur zu bewerten. 

Die Initiative geht zurück auf ein Treffen in Potsdam im Jahr 2007, als die
Umweltminister der G8+5-Staaten über den weltweiten Verlust an biologischer
Vielfalt berieten. Sie beschlossen, die globalen wirtschaftlichen Vorteile
der Biodiversität zu untersuchen, die Kosten ihres Verlusts zu beziffern und
zu beantworten, warum der Umweltschutz bisher versagt habe. Versagt, das
heißt etwa: Der tropische Regenwald bedeckt heute nur noch die Hälfte der
ursprünglichen Fläche, seit der industriellen Revolution wuchs die
Weltbevölkerung um das Sechsfache und der Kohlendioxid-Gehalt in der
Atmosphäre hat sich mehr als verdoppelt. Das ölverseuchte Niger-Delta oder
die riesigen Plastik-Teppiche auf den Ozeanen sind die Spuren dieses
Versagens. Ist das also die Rettung: die Natur zu kapitalisieren? 

Pavan Sukhdev ist davon überzeugt. Der 55-Jährige Inder gilt als einer der
Wegbereiter des modernen indischen Finanzmarkts. Er hat eine Karriere bei
der Deutschen Bank hinter sich, in Singapur und Mumbai arbeitete er als
Manager für das Institut, bis das Umweltprogramm der Vereinten Nationen
(UNEP) ihn zum Sonderbotschafter auserkor und zum Vorsitzenden der
TEEB-Projektgruppe machte. Wie kein anderer steht Sukhdev für die
Kapitalisierung der Natur. Wer ihm bei einer seiner vielen Reden zuhört,
erlebt einen akkuraten Mann in perfekt sitzendem Anzug, rhetorisch klug und
mit überzeugenden Argumenten ausgestattet. Wir nutzten die Natur, weil sie
für uns von Wert sei, wir schadeten ihr, weil sie kostenlos sei, sagt
Sukhdev. Ausgerechnet ein Banker soll also das Versprechen einlösen, dass
Wirtschaftswachstum und Umweltschutz miteinander vereinbar seien. 

Wie aber soll man nun berechnen, was zerstört wird, wenn ein Stück Regenwald
einer Plantage weichen muss? Wie viel ist Artenvielfalt Wert? Ökonomen
behelfen sich mit einem Ansatz, den sie "Meritorisierung" nennen: Nicht die
exakten Schäden sollen kalkuliert, sondern politische Ziele vorgegeben
werden, anhand derer bemessen wird, wie viel Umweltzerstörung kosten sollte.
Die Ökosteuer auf Benzin folgt dieser Logik - niemand weiß genau, wie
schädlich Autoabgase sind, aber wer sie verursacht, soll dafür draufzahlen. 

Wenn Umweltschutz sich lohnt, wie die Naturkapital-Theorie lehrt, ermöglicht
das interessante Geschäfte: Dann könnte es klappen, Marktwirtschaft und den
Erhalt der Natur zu verzahnen. Dann könnten Finanz- und Rohstoffkonzerne in
den Erhalt der Arten investieren, so ihre Schäden begleichen und zugleich
eine positive Rendite erwirtschaften. Ein Gewinn für alle, hört man die
Befürworter sagen. 

Investitionen in sauberes Wasser für die Wall Street schick machen 

Die größte Umweltorganisation der Welt, The Nature Conservancy aus Virginia
mit mehr als einer Million Mitgliedern, hat sich dieser Vorstellung
verschrieben. Anfang vergangenen Jahres gründete sie eine
Investment-Abteilung namens NatureVest, deren Hauptsponsor die größte Bank
der USA ist: JP Morgan Chase. Chef der Organisation ist Marc Tercek, 58,
auch er ein Banker, bis vor sieben Jahren in Diensten von Goldman Sachs. 

Mehr als eine Milliarde Dollar privates Investorengeld will er mit
NatureVest binnen drei Jahren in den Umweltschutz investieren. JP Morgan
lotet derzeit aus, wie solche Deals aussehen könnten: Investitionen in
sauberes Wasser, gesunde Fischgründe oder intakte Wälder sollen für die Wall
Street schick gemacht werden. Noch fehlen geeignete Wertpapiere, von grünen
Anleihen einmal abgesehen, bei denen Investoren mit einer festen oder
variablen Verzinsung belohnt werden, wenn sie etwa in den Küstenschutz
investieren. 

Wie es schon heute funktioniert, wenn Konzerne die Natur bewahren, lässt
sich am Beispiel der teuersten Fliege der Welt studieren. Die "Blumen
liebende Delhi-Sands-Fliege", beheimatet in der kalifornischen Prärie, war
1993 die erste ihrer Gattung, die in den USA als bedrohte Art eingestuft
wurde. In den Delhi Dunes nahe der kleinen Stadt Colton gibt es die letzten
Reste ihres ursprünglich großen Lebensraums. Einer der größten
Baustoffkonzerne des Landes, Vulcan Materials, hat dort ein 61 Hektar großes
Gebiet gekauft und als Heimat der Fliege ausgewiesen. [3] Wenn nun ein
Unternehmen im natürlichen Lebensraum der Fliege ein Gebäude errichten will,
kann es pro Acre etwa 150.000 Dollar bezahlen: So viel kosten umgerechnet
zweieinhalb Hektar Schutzgebiet. Dann wird woanders in der Region Schutzraum
für die Fliege ausgewiesen, und Vulcan Materials erhält das Geld von
Unternehmen, die Bauland kaufen. 

Perverse Folgen drohen 

Die Natur wird in Ökosystemdienstleistungen von unterschiedlichem Nutzen
eingeteilt, in deren Bewahrung Unternehmen investieren können.
Palmöl-Hersteller, die in der Vergangenheit den Regenwald auf Borneo
zerstört haben, können heute Zertifikate kaufen, die ihnen jeweils den
Erhalt eines Waldstücks garantieren. [4] Mindestens ein Öko-Siegel springt
dabei heraus, das kommt bei den Kunden gut an. In Brasilien können
Landbesitzer wählen: Entweder sie lassen einen festgelegten Teil ihres
Regenwaldgebietes "naturnah" intakt, oder sie kaufen "Aufforstungskredite"
und damit das Versprechen, dass jemand an anderer Stelle den Wald bewahrt -
unabhängig davon, ob er dort überhaupt jemals bedroht war. Für solche
handelbaren Zertifikate sind mit den Jahren eigene Börsen entstanden [5]. 

Doch Kritiker sind alarmiert. Die Natur in Ökosystemdienstleistungen
einzuteilen und nur in Kategorien zu betrachten, die einen erkennbaren
wirtschaftlichen Wert haben, könnte perverse Folgen haben: Es könnte der
Anreiz bestehen, noch mehr Wald abzuholzen, weil die verbliebenen
Schutzgebiete dann wertvoller werden. Es wäre denkbar, Urwälder abzuholzen
und durch Monokulturen zu ersetzen, die möglichst viel Kohlendioxid
speichern. Und was, wenn Länder bewusst ihre Ökosysteme zerstören, um mehr
Geld für Renaturierung und Aufforstung abzuzweigen? 

Sind Ökonomie und Ökologie vereinbar? 

Der britische Journalist und Umweltaktivist George Monbiot warnte [6] im
vergangenen Jahr scharf vor dieser Ökonomisierung: "Die Natur wird immer
weiter in das System gepresst, das sie bei lebendigem Leib auffrisst."
Großbritannien gilt als Vorreiter bei der monetären Bewertung von Natur. 

Derart fatalistische Rhetorik hält Bernd Hansjürgens für verkehrt. Der
Ökonom leitet das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig (UFZ),
berät die Bundesregierung und koordiniert "Naturkapital Deutschland - TEEB
DE" [7], ein an die Unep-Initiative angelehntes Projekt. "Ökonomische
Bewertung ist mehr als reine Monetarisierung", sagt er. Viel wichtiger sei
der durch die ökonomische Betrachtung angestoßene Prozess der Erfassung, der
darauf abziele, die Vor- und Nachteile von Umweltveränderungen gegeneinander
abzuwägen. Er argumentiert, die Ökonomie liefere zusätzliche Argumente für
den Naturschutz, keinesfalls solle sie ihn so umkrempeln, dass der Wert der
Umwelt nur noch in Form von Ökosystemdienstleistungen gemessen und die Natur
ausverkauft wird. "Es ist ein instrumenteller Ansatz, um die Dinge zu
betrachten. Ein solcher Ansatz kann immer gut oder schlecht genutzt werden."


Es ist unzweifelhaft, dass die Finanzwelt gerade dabei ist, den Umweltschutz
völlig neu zu definieren. Bislang bleiben die Unterstützer des
Naturkapital-Konzepts allerdings eine Antwort darauf schuldig, ob so der
Naturschutz endlich gelingen kann. Den Beweis, dass Ökonomie und Ökologie
vereinbar sein können, werden sie so schnell nicht erbringen.

Links:

[1] http://www.sueddeutsche.de/thema/Naturkapital
[2] http://www.unep.org/pdf/LinkClick.pdf 
[3] http://tinyurl.com/oc2rj67 (vulcanmaterials.com)
[4] http://www.maluabiobank.com/protect.php?id=Protect_Malua_forest
[5] http://www.bvrio.org/
[6] http://gu.com/p/4v7z8
[7] http://www.naturkapitalteeb.de/




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