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Posted on: Thursday, July 09, 2015 12:00 AM
Author: Tomasz Konicz ([email protected])
Subject: China: Der namenlose Aktiencrash
Mittels mitunter absurd anmutender Verzweiflungsakte stemmt sich Chinas
Führung gegen den historischen Aktiencrash in der Volksrepublik
Der Kapitalismus sieht immer dann am "gesündesten" aus, wenn der nächste
große Crash bevorsteht. Die gilt auch für den aktuellen Fall im Reich der
Mitte, wo die seit Wochen fallenden Aktienkurse jüngst in einen panikartigen
Sturzflug übergingen. Um zu begreifen, wieso in der einstmals als künftige
globale Konjunkturlokomotive gefeierten Werkstatt der Welt eine gigantische
Blase platzt, muss der Boom näher betrachtet werden, der diesem Crash voran
ging. Und was für ein Boom das war! Selbst die Hauptstadtzeitungen des
geopolitischen Konkurrenten USA konnten sich vor lauter Bewunderung für die
realwirtschaftlichen Folgen der Spekulationsexzesse kaum noch zurückhalten.
Rund 6,6 Gigatonnen Beton! Damit ließe sich ganz Hawaii zubetonieren und in
einen einzigen riesigen Parkplatz verwandeln, schwärmte [1] Ende März die
Washington Post. Diese schwindelerregende Menge des Baustoffs hat China laut
den offiziellen Statistiken zwischen 2011 und 2013 verbraucht, womit die zum
Dauerboom verdammte Volksrepublik binnen dreier Jahre mehr Beton produzierte
als die USA im gesamten 20. Jahrhundert.
Die Vereinigten Staaten hätten im vergangenen Jahrhundert 4,5 Gigatonnen
Beton verbraucht, so die WP, wobei die offiziellen Zahlen aus Peking auch
einer näheren Betrachtung durchaus standhalten würden - was ja längst nicht
selbstverständlich ist. Die Angaben seinen "überraschend logisch", da ein
Großteil der chinesischen Infrastruktur erst im 21. Jahrhundert errichtet
wurde und die Urbanisierung dieses bevölkerungsreichsten Landes der Welt
rasant voranschreite. 1978 lebte nur ein knappes Fünftel aller Chinesen in
Städten, 2020 werden es 60 Prozent sein.
Und dennoch scheint in dem Bericht vom 24. März die Ahnung auf, dass die
kausalen Zusammenhänge dieses halsbrecherischen Wachstums anders, nämlich
irrational gelagert sein müssen. Der chinesische Infrastruktur- und Bauboom,
der die Betonproduktion in astronomische Höhe katapultierte, wird von den
sich zuspitzenden inneren Widersprüchen des Kapitalverhältnisses
angetrieben, das ja bekanntlich aus uferloser, blinder und eigendynamischer
Selbstverwertung besteht - alles andere ist nur Nebenprodukt. Auch dies
illustrieren die in drei Jahren chinaweit verbauten 6,6 Gigatonnen Beton.
Dem entsprechen die Resultate dieses Booms, der keine alternative Urbanität,
sondern unter Smogglocken erstickende Kopien westlicher Metropolen
hervorbrachte. Es sind buchstäblich (bald) einstürzende Neubauten, die da
zur Substituierung der stotternden Verwertungsdynamik aus dem Boden
gestampft wurden. Rund ein Drittel des in der Volksrepublik verbauten Betons
weise gravierende Qualitätsmängel auf, so dass die betroffenen Gebäude
mittelfristig wieder eingerissen werden müssten, berichtete die WP. Zudem
leide die Branche, die inzwischen für die Hälfte der weltweiten
Betonproduktion und 2,5 Prozent des globalen CO2-Ausstoßes verantwortlich
ist - ähnlich anderen chinesischen Industriesektoren - unter gewaltigen
Überkapazitäten, die in einer Phase "explosiven Wachstums" aufgebaut wurden.
Dieses "explosive Wachstum" des Immobiliensektors und der Infrastruktur, wie
auch der hierfür produzierenden Industriesektoren, bildete den wichtigsten
Motor der chinesischen Konjunktur - und es wurde in zunehmendem Ausmaß auf
Pump realisiert. Chinas Aufschwung war schuldengetrieben. Letztendlich
setzte eine ausufernde Kreditvergabe den Großteil der besagten 6,6
Gigatonnen Beton in die Verwertungsbewegung.
Gigantische Defizitkonjunktur
Die "Werkstatt der Welt", deren rasantes Wirtschaftswachstum jahrzehntelang
durch den Exportsektor befeuert wurde, bildete eine halsbrecherische
Verschuldungsdynamik aus, die zunehmend instabil wird. Die Zahlen sind
eindeutig: Die Gesamtverschuldung der Volksrepublik (Staat, Finanz-,
Industrie- und Privatsektor) lag 2008 bei 153 Prozent des BIP, aktuell sind
es 282 Prozent. Selbstverständlich ist der Privatsektor für einen Großteil
dieses Schuldenbergs verantwortlich, während der Staat kaum verschuldet ist.
Doch dies war auch in Spanien oder Irland vor dem Krisenausbruch der Fall.
Das Wachstum der Schulden übertraf dasjenige des BIP durchschnittlich um
acht Prozent; dies liege "weit jenseits des Punktes, der für eine jede
Ökonomie effizient wäre", bemerkte die Financial Times. Zum Vergleich sei
hier angemerkt, dass die Schuldenblase in den USA bei einer
Gesamtverschuldung von 360 Prozent des BIP zusammenbrach, als die
US-Immobilienblase ab 2007 platzte.
Die Anfänge dieser gigantischen chinesischen Defizitkonjunktur können
relativ genau datiert werden: Mit dem Ausbruch der Finanz- und
Weltwirtschaftskrise ab 2008, die durch das eben jenes Platzen der
US-Immobilienblase ausgelöst wurde, geriet auch das bisherige chinesische
Wirtschaftsmodell in die Krise. Bis zu jenem Zeitpunkt beruhte das
stürmische Wachstum der Volksrepublik auf der Exportindustrie, die mit einem
Millionenheer billiger und gut ausgebildeter Arbeiter versorgt wurde. Die
enormen Handels- und Leistungsbilanzüberschüsse Chinas, die bis zu zehn
Prozent des BIP kurz vor Krisenausbruch erreichten, bildeten somit bis zum
Ausbruch der Weltwirtschaftskrise die mit Abstand wichtigste
Konjunkturstütze und die Quelle der gigantischen chinesischen
Devisenreserven.
Doch nach den massiven Wirtschafts- und Nachfrageeinbrüchen in den
chinesischen Exportmärkten und dem Rückgang der chinesischen
Exportüberschüsse [2] in den USA und insbesondere in Europa musste Peking
reagieren: China legte ab 2008 das in Reaktion zur Wirtschaftsleistung
weltweit größte Investitionsprogramm auf (es umfasste rund 12 Prozent des
damaligen BIP!), das zum Ausgangspunkt der derzeitigen Schuldenblase wurde.
Seit 2008 ist die chinesische Konjunktur nicht mehr export-, sondern kredit-
und investitionsgetrieben, während der Binnenkonsum weiterhin keine
relevante Rolle spielt. Das Land wurde mit Infrastrukturprojekten überzogen
und mit ganzen Geisterstädten [3] zugepflastert, deren Wohneinheiten auch
Jahre nach Fertigstellung leer stehen - weil sie als Spekulationsobjekte
dienen oder schlicht keine Käufer finden.
Ein Großteil des chinesischen Kreditwachstums ist überdies auf den
Schattenbanksektor zurückzuführen, in dem diverse Finanzakteure völlig
unreguliert Kredite an Kreditnehmer zu erhöhten Zinssätzen vergeben, die im
regulären Bankensektor keinen Kredit erhalten würden. Diese Schattenbanken
spielten vor 2008 kaum eine Rolle. Dabei weiß eigentlich niemand so genau,
welche Ausmaße der Schattenbanksektor - der mit dem offiziellen Bankensektor
aufs Engste verflochten ist - bereits angenommen hat. Die unterschiedlichen
Schätzungen schwanken hier zwischen einem Marktvolumen von umgerechnet 2,5
Billionen Euro (rund 40 Prozent des chinesischen BIP!) bis zu 4,4 Billionen.
Auch der Devisenschatz der Volksrepublik stellt gewissermaßen nur ein
gigantisches finanzpolitisches Potemkinsches Dorf dar. Die chinesischen
Devisenreserven (rund vier Billionen US-Dollar) können nicht im großen
Ausmaß zur Krisenbewältigung eingesetzt werden, da dies automatisch zu deren
Abwertung führen würde. Chinas durch Exportüberschüsse akkumulierte
Devisenreserven sehen somit nur dann beeindruckend aus, solange sie nicht
"angefasst" und veräußert werden.
Die sich zuspitzende Spekulationsdynamik bringt eine zentrale
Fehlentwicklung der stürmischen Modernisierung Chinas erneut zum Vorschein,
die eigentlich schon seit Beginn der nachholenden kapitalistischen
Modernisierung besteht und letztendlich nur die innere Schranke des Kapitals
zum Vorschein bringt: Das chinesische Wachstum ist nicht selbsttragend.
Eines der Hauptprobleme ist die schwächelnde Binnennachfrage
Bis zum heutigen Tag ist es der Führung in Peking nicht gelungen, die
Binnennachfrage im ausreichenden Ausmaß zu beleben, um den Binnenkonsum zum
wichtigsten Träger des Wirtschaftswachstums zu machen. Trotz aller
graduellen Fortschritte in dieser Richtung - 2013 wuchs der Binnenhandel um
13,1 Prozent - sind die Folgen der Exportausrichtung noch nicht mal
ansatzweise behoben. Der Anteil des Konsums am chinesischen BIP sank von gut
50 Prozent in den frühen 90er Jahren auf nur noch 35 Prozent in 2011. Dies
bedeutet - trotz der Herausbildung der chinesischen Mittelschicht -
letztendlich, dass chinesische Lohnabhängige immer noch nicht im
ausreichenden Ausmaß die Waren, die sie selbst produzieren, auch erwerben
können.
Damit wird aber auch klar, dass Chinas Wachstum schon seit dem Beginn der
kapitalistischen Modernisierung letztendlich auf Verschuldungsprozesse
angewiesen war - nur wurden diese bis 2008 exportiert. Irgendwer musste ja
die Waren kaufen, die Chinas Arbeiterschaft produzierte, ohne selber
konsumieren zu können. Diese Exportüberschüsse Chinas resultierten in einem
gigantischen Leistungsbilanzüberschuss, der 2007 den Spitzenwert von 10
Prozent des chinesischen BIP überschritt. Die chinesischen Exportüberschüsse
waren somit nur möglich, weil sich die Zielländer dieser Exporte
verschuldeten (das verhält sich übrigens im Fall des
Exportüberschussweltmeisters Deutschland heutzutage genauso: 'Der
Exportüberschussweltmeister' [4]).
Dies geschah in Form der uns sattsam bekannten und mit Blasenbildung
einhergehenden Defizitkonjunkturen in den USA und Europa , als die
Immobiliensektoren in Europa und Amerika ähnlich boomten wie vor Kurzem
derjenige in der "Volksrepublik", die China die Ausbildung von enormen
Handelsüberschüssen und zur Anhäufung der riesigen Devisenreserven
ermöglichten. Nach dem Platzen der Blasen in den USA und Teilen Europas -
und dem Einbruch der chinesischen Handelsüberschüsse, die inzwischen
niedriger sind als diejenigen Deutschlands - verlagerte China im Gefolge der
gigantischen Konjunkturprogramme die Verschuldungsdynamik ins Binnenland. In
Reaktion auf das Platzen der Blasen in den Absatzmärkten der chinesischen
Exportindustrie initiierte Peking somit seine eigene Verschuldungsdynamik,
die zum Wachstumsmotor wurde.
Wieso scheint aber eine rasche Belebung der Binnennachfrage im Reich der
Mitte kaum machbar? Trotz aller Sonntagsreden chinesischer
Parteifunktionäre, die immer wieder eine rasche Anhebung des Konsumniveaus
propagieren, findet der immer wieder angemahnte rasche Anstieg des Anteils
des Binnenkonsums am BIP nicht statt. Das ist nur unter Berücksichtigung der
inneren Schranke des Kapitals zu verstehen, die durch die permanent
fortschreitenden konkurrenzvermittelten Produktivitätssteigerungen errichtet
wird.
Für die Beantwortung dieser Frage lohnt ein Blick ins südostasiatische
Kambodscha ('Kambodscha und der globale Kapitalismus: Vorwärts in die
Vergangenheit' [5]), wo zum Jahreswechsel 2013/14 Streiks und Proteste von
Textilarbeitern vom Militär zusammengeschossen wurden. Viele der gegen die
landesüblichen Hungerlöhne von 80 US-Dollar demonstrierenden Arbeiter waren
für chinesische Textilunternehmer tätig, die ihre Produktionsstätten nach
Kambodscha verlagerten, da die kambodschanischen Arbeiter nur rund ein
Drittel der Löhne ihrer chinesischen Kollegen erhalten. Das steigende
Lohnniveau in China - ermöglicht durch die Globalisierung der
Produktionsketten und das global erreichte Produktivitätsniveau - führt
tendenziell zur Betriebsverlagerung oder Automatisierung. Somit kann das
Millionenheer chinesischer Industriearbeiter nur bei Hunger- oder
Niedriglöhnen auch weiterhin international konkurrenzfähig produzieren.
Die Grundannahme des rheinischen Kapitalismus, der Sozialen Marktwirtschaft,
wonach die Arbeiter zu den Konsumenten ihrer eigenen Waren würden, ist
angesichts des global erreichten Produktivitätsniveaus längst hinfällig.
Bereits jetzt sind viele der in China tätigen Exportunternehmen - wie etwa
der wegen seiner brutalen Arbeitsbedingungen berüchtigte IT-Auftragsfertiger
Foxconn - dabei, ihre Standorte aufgrund steigender Löhne in die
unterentwickelten chinesischen Ostprovinzen oder gleich ins billigere
Ausland zu verlagern - oder die Lohnabhängigem gleich durch Roboter zu
ersetzten. "Wir haben eine Million Arbeiter", tönte Gou auf einer
Investorenkonferenz Ende 2013, "in der Zukunft werden wir eine Million
Roboter haben." Inzwischen ist eine Kooperation zwischen dem
Internetgiganten Google - der vor kurzem die Roboterfirma Boston Dynamics
übernommen hat - und Foxconn bekannt geworden, die gerade die schnelle
Durchsetzung dieser Automatisierungswelle ermöglichen soll. Im Januar 2015
kündigte das taiwanesische Unternehmen folgerichtig an, erste "Einschnitte
bei der Belegschaft" vorzunehmen, wie Reuters meldete [6].
Nur bei absoluten Hungerlöhnen können somit die Arbeiter Chinas noch gegen
die immer besser und billiger werdenden Roboter "konkurrieren". Eine
nachfrageorientierte Ausrichtung der chinesischen Volkswirtschaft nach dem
Vorbild der westlichen Konsumgesellschaften der 50er oder 60er Jahre - bei
der Chinas Arbeiter genügend verdienen würden, um die selbst produzierten
Waren auch zu konsumieren - scheitert somit letztendlich absurderweise an
dem hohen Produktivitätsniveau, das die globalisierte Weltwirtschaft
inzwischen erreicht hat - mithin an der inneren Schranke des Kapitals.
Letztendlich kam auch diese chinesische Verschuldungsorgie einem Aufschub
der Krisendynamik gleich. Das kreditbefeuerte Wachstum in China konnte
dieser Werkstatt der Welt somit über einen Zeitraum von rund sieben Jahren
weiterhin sehr hohe Wachstumsraten ermöglichen, obwohl die Bedeutung der
Exportüberschüsse immer weiter zurückging und das hohe globale
Produktivitätsniveau eine massive Anhebung der Binnennachfrage unmöglich
machte. Bis jetzt lief es also noch ganz gut für die Volksrepublik. Doch
entscheidend ist nicht diese kreditbefeuerte Aufstiegsphase, sondern der
unweigerliche Fall, der jeder Blasenbildung folgt. Die Entwicklung in China
ist Teil der globalen schuldenbefeuerten Blasenökonomie, in der das
spätkapitalistische System verfangen ist.
Ritt auf dem Rücken des Tigers
Und der chinesischen Schuldenblase geht langsam die Luft aus, da die
Relation zwischen Kreditaufnahme und Wirtschaftswachstum sich zusehends
verschlechtert. Nach einem für chinesische Verhältnisse schwachen Wachstum
von 7,4 Prozent 2014 soll Chinas BIP in diesem Jahr gar nur um sieben
Prozent wachsen, was den schwächsten Anstieg des rund 25 Jahren gleichkäme.
Dabei ist das mittels dieser Schuldenexzesse und Spekulationsblasen
angefachte Wirtschaftswachstum tatsächlich für das staatskapitalistische
China überlebenswichtig. Nur durch eine gefährlich hohe Wachstumsdynamik
können die enormen sozialen Verwerfungen in China überbrückt werden: Es geht
um die Aufrechterhaltung einer Koexistenz von Hunderten von Millionen
verelendeter Landbewohner und Wanderarbeiter, einer um ihren neu errungenen
Lebensstandard besorgten Mittelklasse und einer herrschenden
Staatsoligarchie mit politisch gut vernetzten Milliardären. Der
halsbrecherische kapitalistische Modernisierungskurs der chinesischen
Führung gleicht dem berühmten Ritt auf dem Rücken des Tigers. Erlahmt die
entfesselte Dynamik der kapitalistischen Modernisierung, so droht diese
nicht nur an ihren inneren systemischen, sondern auch an ihren sozialen
Widersprüchen zu scheitern.
Die Verlangsamung des Wachstums geht mit einer Phase sinkender
Immobilienpreise einher, die auf ein Ende der Blasenbildung auf dem
überhitzten, durch die Entstehung besagter Geisterstädte gekennzeichneten
Wohnungsmarkt hindeuten könnte: Im Januar sanken die Preise in den
Großstädten um fünf Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum, im Februar
waren es 5,7 Prozent. Beachtlich ist dieser Fall vor allem deswegen, weil
Peking ihn diesmal nicht bewusst betreibt, wie mehrfach in der
Vergangenheit, sondern gerade eine Belebung des Immobilienmarktes anstrebte.
Im vergangenen September berichtete das "Wall Street Journal" über massive
Erleichterungen bei der Kreditvergabe seitens der chinesischen Regierung, um
damit dem "leidenden Immobilienmarkt" zu stützen und unter anderem den
Käufern von "Zweithäusern" die Kreditaufnahme zu erleichtern.
Peking kann aber dank eines größtenteils unter Staatskontrolle gehaltenen
(offiziellen) Bankensektors sehr schnell intervenieren und bei Bedarf
aufbrechende Krisenerscheinungen mit Milliardeninfusionen überbrücken kann.
Als Mitte März die chinesische Immobiliengruppe Evergrande Real Estate Group
unter einem Schuldenberg von umgerechnet 20 Milliarden US-Dollar
zusammenzubrechen drohte, erhielt sie umgehend Notkredite in Höhe von 16
Milliarden US-Dollar [7], die einen unkontrollierten Zusammenbruch, der sich
zu einer Marktpanik hätte ausweiten können, erfolgreich verhinderte.
Peking reagierte bislang in allen ähnlich gelagerte Fällen auf eben diese
Weise: mit Geldspritzen für alle, die es sich leisten können - also mit
einem immer weiteren Aufpumpen der Blase. Die Folgen dieser Zwangslogik
äußern sich auch in satten Kurssprüngen der Aktien der betreffenden
Unternehmen bei der Ankündigung der jeweiligen Bailouts.
Dieser Zusammenhang illustriert die Ausweglosigkeit der chinesischen
Wirtschafts- und Geldpolitik, die zu einer Geisel der Verschuldungsdynamik
in China geworden ist. Der Staat kann nur noch versuchen, die mit dem
Platzen der Blase einhergehende Panik hinauszuzögern - um den Preis von
deren weiterer Aufblähung. Chinas Führung ist letztendlich zur Geisel der
von ihr mit den 6,6 Gigatonnen Beton in Bewegung gesetzten Defizitkonjunktur
geworden, deren Aufrechterhaltung sich immer schwieriger gestaltet.
Von der Immobilien- zur Aktienblase
Bei der gegenwärtigen Aktienblase scheint dieser blasengetriebene
Staatskapitalismus aber an seine Grenzen zu stoßen. In der Volksrepublik
setzte wegen der Stagnation auf dem Immobilienmarkt eine Art Blasentransfer
ein, da der schwächelnde Häusermarkt zu einer Verlagerung der Investitions-
und Spekulationstätigkeit auf die Aktienmärkte führte, die - trotz
konjunktureller Verlangsamung - über mehrere Monate einen stürmischen Boom
erleben.
So hat etwa der Shanghai Composite Index [8] zwischen November 2014 und Juni
2015 um rund 100 Prozent auf mehr als 5000 Zähler zugelegt. Solche
Blasentransfers sind auch aus der Aufstiegsphase der US-Defizitkonjunktur
bekannt, als die geplatzte Dot-Com-Blase nahtlos in die
Immobilienspekulation überging. In China lief der Blasentransfer nur in die
umgekehrte Richtung ab: von der Immobilien- zur Aktienblase.
Inzwischen ist der Shanghai Composite Index binnen eines Monats von 5178
Punkten auf 3049 Punkte abgestürzt - und mit ihm die Träume vieler der
Kleinanleger vom schnellen Reichtum an der Börse. China durchlebte eine
sogenannte Dienstmädchenhausse, die charakteristisch ist für die Endphase
einer Spekulationsdynamik. Mit diesem Terminus belegen die
Spekulationsprofis einen heiß gelaufenen Markt, aus den es tunlichst
auszusteigen gilt. Millionen von Chinesen aus der Mittelklasse haben ihre
Ersparnisse in den boomenden Aktienmarkt gepumpt [9], der nun kaum mehr von
der chinesischen Regierung stabilisiert werden kann.
Dies ist natürlich keine chinesische Spezialität. Eine ähnliche
Dienstmädchenhausse ergriff die Bundesrepublik zur Jahrhundertwende, als der
Boom mit IT-Aktien, angefacht von Manfred Krug als Werber der T-Aktie,
Hunderttausende von deutschen Kleinanlegern um ihr Geld, ihren Schlaf und
ihre Nerven brachte.
Die chinesische Führung bemüht sich nun krampfhaft, den Verfall aufzuhalten
- auch um soziale Unruhen unter der Mittelklasse zu verhindern, da viele
Kleinanleger sich verschuldeten, um am Aktienboom zu partizipieren. Es gebe
in China nun "90 Millionen Investoren", berichtete [10] Bloomberg, diese
Klasse der Kleinanleger würde die Mitgliedschaft der "Kommunistischen
Partei" Chinas zahlenmäßig übersteigen.
Peking versuchte bislang vergebens, mittels "Liquiditätsspritzen" [11] den
Aktienmarkt zu stabilisieren. Mit staatlichen Finanzspritzen sollten die im
freien Fall befindlichen Kurse gestützt werden, was für gewöhnlich als
Marktmanipulation bezeichnet würde. Schließlich wurde der Handel mit Aktien
von mehr als 1200 Unternehmen ausgesetzt, um die um sich greifende Panik
einzudämmen. Die eingefrorenen Aktien hatten einen nominalen Wert von
umgerechnet 2,2 Billionen US-Dollar, was rund 33 Prozent der
Marktkapitalisierung in China entspräche, so Bloomberg [12].
Das Newsportal Zerohedge berichtete [13] unter Berufung auf die Financial
Times zudem davon, dass die chinesische Autoritäten mitunter bemüht seinen,
eine Art "Bannfluch" über den Kollaps des Aktienmarktes zu verhängen: "Ein
chinesischer Journalist, der nicht genannt werden wollte, sagte, die
Regierung hat die Verwendung der Bezeichnungen 'Aktiendesaster' und
'Marktrettung' in den Berichten über den Aktienmarkt verboten." Der Crash
soll nicht beim Namen genannt werden, sondern namenlos bleiben.
Tomasz Konicz: Krisenideologie. Wahn und Wirklichkeit spätkapitalistischer
Krisenverarbeitung. Als eBook [14] bei Telepolis erschienen
Links
[1] http://wpo.st/sN5Q0
[2] http://krugman.blogs.nytimes.com/2013/11/03/the-changing-geography
[3] http://www.businessinsider.com/chinas-ghost-cities-in-2014-2014-6
[4] http://www.heise.de/tp/artikel/38/38239/
[5] http://www.heise.de/tp/artikel/40/40698/
[6] http://reut.rs/1Cf6TSX
[7] http://tinyurl.com/pejzmeh (businessinsider.com)
[8] http://www.finanzen.net/index/Shanghai_Composite
[9] http://www.tagesschau.de/wirtschaft/boersencrash-china-101.html
[10] http://bloom.bg/1NMFkCz
[11] http://on.wsj.com/1ev7pmj
[12] http://bloom.bg/1HLtTNh
[13] http://tinyurl.com/o7zxgma (zerohedge.com)
[14] http://www.heise.de/tp/ebook/ebook_11.html
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http://www.heise.de/tp/artikel/45/45394/
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