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Feed: Klima der Gerechtigkeit
Posted on: Tuesday, October 13, 2015 12:20 PM
Author: Lili Fuhr ([email protected])
Subject: Zivilgesellschaft fordert Reform des globalen Berichtsstandards der 
fossilen Industrie (EITI), um Klimarisiken Rechnung zu tragen

 

Man könnte sagen: die Zeit dafür war überreif. Mit mehr als 1000 Klima-, 
Umwelt-, Menschenrechts- und Indigenenorganisationen haben wir uns mit einem 
Brief an das Sekretariat und den Vorstand der internationalen Extractives 
Industries Transparency Initiative (EITI) gewandt und fordern, dass diese in 
Zukunft auch über die Klimarisiken von Kohle-, Öl- und Gasprojekten berichtet. 
Prominente Unterstützung bekommen wir dafür u.a. von Naomi Klein (Autorin von 
„This Changes Everything“) und Mark Campanale (Direktor und Gründer der Carbon 
Tracker Initiative). Hier geht’s zum Brief auf Deutsch 
<https://www.boell.de/sites/default/files/uploads/2015/10/eiti_d-final_german_12.10.15.pdf>
  und Englisch 
<https://www.boell.de/sites/default/files/uploads/2015/10/eiti_d-final_en_15_10_12.pdf>
  und zur Pressemitteilung auf Deutsch 
<http://www.boell.de/de/2015/10/13/oel-gas-und-kohlekonzerne-muessen-wirtschaftlichkeit-ihrer-projekte-zeiten-des>
  und Englisch 
<http://www.boell.de/en/2015/10/12/re-climate-change-and-extractive-industries-transparency-initiative>
 .

 

„Dieser Brief führt eine ganze Reihe konkreter Schritte auf, um die öffentliche 
Debatte um die Gefahren fossiler Investitionen und ihr notwendiges Ende zu 
vertiefen. Für die fossile Industrie kann es keine Transparenz geben ohne 
offenzulegen, wie uns ihr Geschäftsmodell auf den Pfad katastrophalen 
Klimawandels festlegt.“ (Naomi Klein)

 

Die Extractive Industries <https://eiti.org/glossary#Extractive_industries>  
Transparency <https://eiti.org/glossary#Transparency>  Initiative (EITI) ist 
eine globale Initiative für mehr Finanztransparenz und Rechenschaftspflicht im 
Rohstoffsektor. Der EITI Standard setzt global den Maßstab, worüber die großen 
extraktiven Konzerne - allen voran die Öl-, Gas- und Kohleindustrie - 
Rechenschaft ablegen muss. In jedem Land, das die EITI umsetzt, arbeitet eine 
Multistakeholder-Gruppe aus Regierung, Unternehmen und Zivilgesellschaft 
zusammen. Implementierende Länder veröffentlichen Informationen über 
Steuerzahlungen und andere Abgaben, Lizenzen, Verträge, Produktions- und andere 
Schlüsseldaten rund um die Extraktion von Rohstoffen. Aktuell hat die EITI 48 
implementierende Länder. Die größten Öl-, Gas- und Kohlekonzerne der Welt sind 
dort aktive Mitglieder. So sitzen Shell, BP, BHP Billiton, Rio Tinto, Exxon, 
Chevron, Statoil und Total gar als Mitglieder im internationalen Vorstand der 
EITI.

 

Aber eine ganz bestimmte „unbequeme“ Wahrheit verschweigen die Konzerne uns - 
und auch der EITI Standard fordert sie hier bisher nicht zur Rechenschaft: Wenn 
wir es ernst meinen mit der Bekämpfung des Klimawandels, müssen 80 % der 
bekannten globalen Reserven fossiler Brennstoffe im Boden bleiben. Für die 
Konzerne - und für die Regierungen und Bürger/innen, denen die Rohstoffe 
gehören - stellt das ein erhebliches finanzielles Risiko dar. Wenn wir ernst 
machen mit Klimapolitik, Förderung erneuerbarer Energien, Energieeffizienz und 
Sparen, wenn wir gar diejenigen, die mit der Finanzierung von Klimaskeptikern 
und Lobbykampagnen bisher erfolgreich den Wandel verhindert haben zur 
Verantwortung ziehen (auch vor Gericht), dann verschärfen sich diese 
„Klimarisiken“. Die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner des Briefs an die EITI 
fordern, dass die EITI in Zukunft das Berichten über Klimarisiken in ihren 
Standard aufnimmt und somit eine wirklich transparente, demokratische und 
partizipative Debatte über zukunftsfähige Entwicklungspfade ermöglicht.

 

„Dem Geschäftsmodell der fossilen Unternehmen liegt die Annahme zu Grunde, dass 
alle bekannten Reserven gefördert und verbrannt werden können. Das ist ihr 
Kernrisiko und die Klimabewegung hat vollkommen recht, dieses auch als explizit 
materiell-finanzielles Risiko zu benennen, das in der EITI bislang nicht 
berücksichtigt wird. Extraktive fossile Konzerne müssen jetzt offenlegen, wie 
ihre Geschäftspläne mit dem 2°C-Limit vereinbar sind und wie sie ihre eigene 
unvermeidbare Schrumpfung managen werden.“ (Mark Campanale)

 

Wenn man allerdings sieht, wie schwer es schon war und ist, die 
Minimalberichtspflichten der EITI (und folgend auch die verbindlichen 
Transparenzfplichten, die es z.B. seit Kurzem in der EU gibt) durchzusetzen und 
hierbei eine aktive und unabhängige Rolle der Zivilgesellschaftt auf Augenhöhe 
zu garantieren, dann merkt man, auf was für einen Kampf wir uns hier einlassen. 
Denn die bisherigen Anforderungen setzen zwar auf eine Ende von Intransparenz, 
Klientelismus und Korruption bei der Vergabe von Lizenzen und Verträgen sowie 
beim Umgang mit den Einnahmen, stellen aber nicht grundsätzlich das fossile 
Geschäftsmodell in Frage. Das tut nun dieser Brief. Aber vielleicht wird sich 
genau an dieser Auseinandersetzung rund um die EITI zeigen, dass das fossile 
Geschäftsmodell nicht nur auf der Opferung unseres Weltklimas und unserer aller 
Zukunft basiert, sondern dies eben nur mit den Mitteln der Intransparenz und 
Korruption gegen das Interesse der Gemeinschaft durchsetzen kann.

 

Konkret fordern wir (als Heinrich-Böll-Stiftung) gemeinsam mit den vielen 
anderen zivilgesellschaftlichen Gruppen:

 

1. Die Erarbeitung neuer Grundsätze der EITI, die sich auf die vor dem 
Hintergrund des Klimawandels besondere und einmalige Lage des Sektors fossiler 
Brennstoffe innerhalb der weitergefassten rohstoffgewinnenden Industrie 
konzentrieren.

 

2. Eine Erweiterung des Standards in Bezug auf die Art und Weise, in der 
zivilgesellschaftliche Gruppen eingebunden werden, um sicherzustellen, dass 
innerhalb der Multi-Stakeholder-Gruppen bestimmte Fachkenntnisse vorliegen, 
sowie die Gewährleistung, dass wichtige Fragen im Zusammenhang mit dem 
„Klimarisiko“ in Erwägung gezogen werden, bevor ein Land als EITI-konformes 
Land anerkannt wird.

 

3. Eine Reform der Kontextinformationen, die in den EITI-Berichten enthalten 
sein müssen, um insbesondere sicherzustellen, dass folgende Sachverhalten 
offengelegt werden:

 

a) des Rechtsrahmens und des Steuersystems, die für die rohstoffgewinnenden 
Industrien maßgeblich sind, einschließlich relevanter Gesetze, Bestimmungen und 
Reformen im Zusammenhang mit dem Klimawandel.

 

b) ob ein Abbauvorhaben angesichts der zu erwartenden 
Kohlenstoffemissionsbegrenzungen, die eingeführt werden, um die globale 
Erwärmung auf 1,5 oder 2°C zu halten, über seine erwartete Lebensdauer hinaus 
wirtschaftlich tragfähig sein wird oder nicht. Die Offenlegung sollte eine 
zusammenfassende wirtschaftliche Erklärung über die Grundlage der Tragfähigkeit 
eines Abbauvorhabens enthalten. Diese Zusammenfassung sollte auch die 
Offenlegung von Subventionen und Steuerbegünstigungen beinhalten.

 

4. Veränderungen der Standards im Hinblick darauf, dass die Einnahmeströme auch 
Steuern (oder Abgaben) auf Emissionen oder Rohstoffgewinnung und Abgaben auf 
Emissionen im Transportsektor (bunker fuels) enthalten sowie Rückzahlung 
erhaltener Mittel aus der Klimafinanzierung berücksichtigen.

 

Gespannt warten wir nun, was die zivilgesellschaftlichen Akteure, die in der 
EITI aktiv sind (u.a. im Vorstand) zu der Initiative sagen, und wie sich die 
Konzerne und Regierungen zu den Forderungen äußern. Ich schicke den Brief auf 
jeden Fall auch zur Kenntnis an das in Deutschland für die EITI zuständige BMWi 
(Uwe Beckmeyer) und das Sekretariat der Deutschen EITI (D-EITI 
<http://www.d-eiti.org/> ) bei der GIZ (Johanna Beate Wysluch).

 

Am 21. und 22. Oktober tagt <https://eiti.org/about/boardmeetings>  der 
internationale Vorstand der EITI (Board) in Bern - mal schauen, ob wir es bis 
auf die Agenda schaffen. Ansonsten bleibt aber bis zum Klimagipfel in Paris 
(und dem nächsten EITI Board Meeting kurz davor) sowie bis zur großen EITI 
Konferenz in Lima Ende Februar 2016 <http://www.lima2016.eiti.org/>  noch ein 
wenig Zeit.

 

Die folgenden Organisationen unterstützen den Brief:

 

350.org

Abibimman Foundation

Asia Indigenous Peoples Pact

Association Actions Vitales Pour Le Développement durable

Ateneo School of Government

Carbon Market Watch

Center for Indigenous Peoples Research and Development

Center for International Environmental Law

Centro Mexicano de Derecho Ambiental

Change Partnership

Climate Action Network (CAN) International (over 950 members)

Climate Justice Programme

EcoEquity

EKOenergy

Federation of Community Forestry Users Nepal

Forests of the World

Friends of the Earth Europe

Greater Access Reconstruction and Justice Action Network Nepal

Germanwatch

Global Catholic Climate Movement

Global Citizens Initiative

Greenpeace International

Grupo de Financiamiento Climatico America Latina y el Caribe

Heinrich-Böll-Stiftung

Leave it in the Ground Initiative

Market Forces

Nepal Federation of Indigenous Nationalities

NGO Coalition for Environment, Nigeria

Oil Change International

SONIA for a Just New World

Stop Mad Mining Network

SustainUS

Tebtebba (Indigenous Peoples’ International Centre for Policy Research and 
Education)

Tree Adoption Uganda

WWF International


 
<http://klima-der-gerechtigkeit.boellblog.org/2015/10/13/zivilgesellschaft-fordert-reform-des-globalen-berichtsstandards-der-fossilen-industrie-eiti-um-klimarisiken-rechnung-zu-tragen/>
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