die tageszeitung
http://www.taz.de/Gruener-Kapitalismus-nach-der-COP21/!5257074/

* 13. 12. 2015

Grüner Kapitalismus nach der COP 21

Auf der Welle reiten oder untergehen

Der Klimawandel ist ein Problem für die Finanzwelt. Die Herren des Geldes haben 
beschlossen, es zu lösen - auf ihre Art

VON BERNHARD PÖTTER UND INGO ARZT

PARIS taz | Michael Bloomberg ist nicht beeindruckt. Nicht von den 10.000 
Diplomaten, die hier tagen, nicht von 150 Regierungschefs, die hier ihre Reden 
gehalten haben. "Ah", sagt der US-Milliardär und Politiker Bloomberg, macht 
eine abschätzige Handbewegung und lehnt sich in seinem Ledersessel auf der 
Bühne von Presseraum 1 in Le Bourget zurück, "Regierungen sind nicht wirklich 
wichtig."

Da haben die 195 Regierungsdelegationen in den Messehallen von Le Bourget vor 
den Toren von Paris schon eine Woche voller aufgeregter Pressekonferenzen, 
vertraulicher Gespräche und feierlicher Erklärungen hinter sich. Bloomberg 
sitzt in dem Raum mit niedriger Decke, grauem Teppichboden und spärlicher 
Dekoration zusammen mit Mark Carney, dem Chef der altehrwürdigen Bank of 
England vor 500 Zuhörern in blauen Businessanzügen und bonbonfarbenen 
Kostümchen.

Der smarte Kanadier organisiert nebenher noch das "Financial Stability Board", 
das im Auftrag der mächtigsten 20 Industriestaaten den nächsten Crash des 
Weltfinanzsystems verhindern soll. Carney hat im September davor gewarnt, 
Investitionen in fossile Energien seien ein finanzielles Risiko und sagt jetzt: 
Bei der Hypotheken-Krise nach 2008 "haben wir das systemische Risiko für das 
Finanzsystem unterschätzt. Das passiert uns nicht noch einmal."

Carney hat Bloomberg gerade als neuen Chef seiner "Climate Disclosure 
Taskforce" präsentiert. Eine gute Wahl. Kaum jemand sonst weiß so gut, welch 
mächtige Waffe Informationen im Finanzdschungel sind. Bloomberg ist mit seiner 
Finanzdienstfirma zum Milliardär geworden. Er ruft in den Saal: "Wenn diese 
Konferenz den Märkten erklären kann, warum sie sich bewegen sollen, werden sie 
das tun." Und Carney formuliert, welche Informationen die Investoren von den 
Firmen erwarten: "Welchen Weg habt ihr für eine Null-Kohlenstoff-Welt?"

Keine Nulllösung

Es ist in Paris viel um Nullen gegangen. An diesem Freitagmorgen sind es zwölf. 
"24 Billionen", sagt Donald MacDonald und sieht sich im Raum um. "Ich schätze, 
hier ist Kapital von 24.000.000.000.000 Dollar vertreten." MacDonald, ein 
66-jähriger Schotte mit Halbglatze und einem schweren Körper, ist Trustee des 
Pensionsfonds von British Telecom. Der verwaltet ein Vermögen von 40 Milliarden 
Pfund.

Und natürlich kennt MacDonald seine Kollegen von den anderen Pensionsfonds, die 
hier mit ihm dem Milliardär und dem Zentralbankchef lauschen. Sie denken ganz 
anders als die Leute, die an den Börsen zocken. "Für uns sind Anlagezeiten von 
60 oder 70 Jahren interessant", sagt der Mann in seinem schottischen Akzent. 
"Da ist das Thema Klimawandel wichtig."

So geht es der ganzen Finanzbranche. Die Herren des Geldes haben entdeckt, dass 
der Klimawandel als riesiges Problem in ihren Büchern steht. Also haben sie 
beschlossen, das Problem zu lösen. Auf ihre Art. Noch nie ist das so deutlich 
geworden wie auf der Klimakonferenz von Paris.

Das Abkommen löst zwar das Klimaproblem nicht, aber es ist auch keine 
Nulllösung. Denn zum ersten Mal verpflichten sich alle Länder zum Klimaschutz 
und lassen sich auf etwas ein, was irgendwann einmal zu "Null Kohlenstoff" 
führen wird. Das Pariser Abkommen könnte daher eine Dynamik auslösen, mit der 
die großen Geldströme der Welt umgelenkt werden.

Oder eine Flutwelle, wie es Mohamed Adow in Paris ausdrückte, Chef der 
Klimaabteilung der Hilfsorganisation Christian Aid:. "Die Botschaft, die wir an 
die Investoren und Wirtschaftsführer aussenden, ist: Entweder sie reiten auf 
der Welle von Paris, oder sie werden weggespült."

Klimarisiken schaden der Reputation

Das klingt eindrucksvoll. Aber was die Finanzbranche vor allem versteht, ist 
die nüchterne Sprache der Zahlen und Bilanzen. Und dort hält - Schritt für 
Schritt - auch der thematisch große Bruder der Klimarisiken Einzug: die 
nachhaltige Entwicklung. Die Vereinten Nationen haben sich erst im September 
dieses Jahres neue Entwicklungsziele gesetzt, um Armut und Hunger zu bekämpfen. 
Ein Ziel: Umwelt- und Sozialstandards für die Industrie.

Werden die Ziele nicht berücksichtigt, kann bisweilen das ganze Unternehmen 
gefährdet sein - siehe VW. Die Frage, ob Unternehmen verantwortlich handeln, 
entscheidet mittlerweile über den Marktwert mit. "Das Wichtigste, das 
Unternehmen haben, um ihren Wert zu erhalten, ist Reputation", so drückte es 
Unilever-Chef Paul Polman aus, als auf dem Weltklimagipfel einen Tag lang 
Wirtschaftsbosse ihre Reden schwingen durften. "Wenn Unternehmen die 
Erwartungen nicht erfüllen, sinkt ihr Marktwert dramatisch."

Michael Bloomberg hat auch dazu etwas zu sagen - wie überhaupt zu so ziemlich 
allen Themen, die der begnadete Showman und Redner vor seinem Zuhörern im 
Presseraum 1 der Halle 3 anspricht: "Kein einziger Vorstand eines Unternehmens 
kann sich im Amt halten, wenn er den Klimawandel nicht ernst nimmt." Und er - 
der marktradikale US-Republikaner - lästert über Fox TV, den Haussender der 
Konservativen: "Bei deren Shows zum Klima tritt nie ein Konzernchef auf. Die 
wissen schon, warum."

"Eine stille Revolution"

Wie heiß das Thema in der Finanzwelt gegessen wird, kommt mittlerweile auch bei 
denen an, die am entscheidenden Hebel sitzen. Der heißt: Zugang zu Kapital. 
Zudem geht es um die Frage, wie hoch die Zinsen sind. Die Ratingagentur 
Standard & Poo r ’s untersuchte erst im Oktober, was Umwelt- und Klimarisiken 
mit der Kreditwürdigkeit von Unternehmen machen.

Seit 2013 identifizierte die Agentur 56 Fälle, in denen es Abwertungen gab - 
meist aus der Öl- und Gasindustrie. Ein Unternehmen bekommt wegen besonders 
klimaschonender Antriebstechnik nun sogar Kapital zu günstigeren Konditionen. 
Übrigens hat Standard & Poo r ’s Volkswagen abgewertet - wegen des 
Abgasskandals.

"Gerade geschieht eine stille Revolution, weil Politik und 
Finanzmarktregulierung das Problem angehen, ein robustes und nachhaltiges 
Finanzsystem für das 21. Jahrhundert zu schaffen", so schrieb es kürzlich das 
Umweltprogramm der Vereinten Nationen, Unep. Auf Initiative der UN-Organisation 
hin haben im Oktober 100 Banken eine Initiative gestartet, um Geld mit Gutem zu 
verdienen - sie wollen Standards entwickeln, mit denen Investitionen in 
Klimaschutz und solche mit "positivem Einfluss" bilanzierbar werden.

Bei nicht wenigen erzeugt es Unbehagen, dass sich der Bock zum Gärtner 
aufschwingt - ausgerechnet die Verursacher globaler Umwelt- und Klimaprobleme 
wollen nun ihre Profitgier so gestalten, dass es Gutes bewirkt?

Donald McDonald ist seit Jahrzehnten in der britischen Labour Party, aber 
antikapitalistische Gedanken kommen ihm bei seinem Job nicht. Ihm gehe es vor 
allem um "sichere Altersversorgung für unsere Leute", sagt er. Dafür sucht er 
immer nach Investitionen, die sich lohnen - einstellige Renditen sind okay -, 
und nach solchen, die vor allem für Jahrzehnte sicher sind. Und das wird 
schwierig, wenn Firmen ihre Geschäftsfelder aufs Spiel setzen, weil sie etwa in 
Kohle, Gas oder Bergbau investieren.

Kurzfristig vs. langfristig

Paris ist für den Schotten die erste Klimakonferenz. Er findet es aufregend und 
ist eigentlich von den Politikern ganz angetan. "Die versuchen doch auch, ihren 
Job zu machen". MacDonald lehnt an einem Stehtisch vor dem Plenum "La Seine". 
Nebenan machen die Umweltverbände mit einer kleinen Demo einen infernalischen 
Lärm, es klingt wie im Fußballstadion. MacDonald deutet lächelnd auf die jungen 
Leute nebenan und schreit gegen den Lärm: "Früher haben wir noch Steine 
geworfen, die Polizei kam mit Tränengas."

Heute kämpft er mit den Zahlen. Und ist ziemlich glücklich mit dem Abkommen, 
das in den Seitenräumen des Kongresszentrums gerade zusammengezimmert wird. "Je 
ehrgeiziger die Ziele, desto schneller fließt das Kapital in grüne 
Technologien. Und je langfristiger die Ziele, desto verlässlicher wird die 
Politik."

Reines Gift, sagt er, sei vor ein paar Jahren die Entscheidung der spanischen 
Regierung gewesen, nachträglich die Einspeisetarife für Erneuerbare zu kappen. 
"Davon hat sich der Markt zwei oder drei Jahre nicht erholt."

Vom Pariser Abkommen solle ein "Signal an die Investoren" ausgehen, rief auch 
die Chefin des UN-Klimasekretariats, Christiana Figueres, in den Saal, als das 
Abkommen stand. Ob das Finanzkapital die Welt rettet, ist nicht ausgemacht. 
Auch wenn viele Leute ihr Geld aus den dreckigen Energien abziehen - bisher 
gibt es immer noch Käufer dafür.

Was passiert, wenn durch weniger Nachfrage Kohle billiger wird und deshalb 
Staaten wie Vietnam oder Indien weiter auf die dreckige Energie setzen? Wenn 
die kurzfristige Orientierung an den Aktienmärkten die langfristigen 
Überlegungen der Pensionsfonds schlägt?

Nach dem Deal von Paris hoffen viele auf das Gegenteil. Die International 
Investors Group on Climate Change, die Pensionsfonds von mehr als 13 Billionen 
Dollar vertritt, meint, die Pariser Entscheidung werde "die Investitionen von 
fossilen zu grünen Techniken umschichten."

Auch der deutsche Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber schwört auf die Kraft 
des "Divestment". Und für Michael Bloomberg und Mark Carney ist die Antwort bei 
ihrem Abstecher zu den Klimaschützern klar: "Lasst die Märkte entscheiden!" 
Regierungen, sagt Bloomberg noch, seien für Geschäftsideen "nur wichtig, wenn 
ihre Entscheidungen direkt das Geschäftsleben betreffen."

Neun Tage nach dieser Aussage beschließen 195 Staaten, bis Mitte des 
Jahrhunderts aus den fossilen Brennstoffen auszusteigen. Eine Entscheidung mit 
sehr vielen Nullen.




° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° 

Ende der weitergeleiteten Nachricht. Alle Rechte bei den Autor*innen. 
Unverlangte und doppelte Zusendungen bitten wir zu entschuldigen! 
Abbestellen: mailto:[email protected]?subject=unsubscribe 

° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° ° 

Greenhouse Infopool Berlin 
http://twitter.com/greenhouse_info 

... oder via RSS-Feed, Facebook (Beta), Mailingliste: 
http://twitter.com/greenhouse_info 
http://www.facebook.com/mika.latuschek (Auswahl) 
http://listen.jpberlin.de/mailman/listinfo/greenhouse-info 




_______________________________________________
Pressemeldungen mailing list
[email protected]
https://lists.wikimedia.org/mailman/listinfo/pressemeldungen

Antwort per Email an