NABU-PRESSEMITTEILUNG | NR 68/16 | 6. APRIL 2016
________________________________________________________________
(zum 9.6.) Umwelt/Vogelschutz
NABU: Windenergie-Lobby leugnet Artenschutzproblematik
NABU erkennt Parallelen zu Klimawandelskeptikern / Miller: Bestehende
Konflikte lösen statt wissenschaftliche Ergebnisse leugnen
________________________________________________________________
 
Berlin – Der NABU kritisiert den erneuten Versuch von Teilen der
Windenergie-Branche scharf, wissenschaftliche Erkenntnisse zum
Artenschutz beim Ausbau der Windenergie abzuwerten. Hintergrund ist eine
für den morgigen Donnerstag angekündigte kritische Stellungnahme des
ehemaligen MdB Hans-Josef Fell und des Schweizer Ingenieurbüros
KohleNusbaumer zu einer bisher unveröffentlichten, vom
Bundeswirtschaftsministerium geförderten Studie zu den Auswirkungen von
Windkraftanlagen auf Vögel. Diese sogenannte PROGRESS-Studie ist die
umfassendste und repräsentativste Studie zur tatsächlichen Zahl von
Vogelkollisionen an Windkraftanlagen und die daraus abzuleitenden Folgen
für die Populationen. Sie wurde von einem Konsortium unabhängiger
Fachbüros und Universitäten durchgeführt und kommt zu dem Ergebnis,
dass Windkraftanlagen tatsächlich Auswirkungen auf Vogelbestände haben.
Die Windenergie-Branche um den ehemaligen MdB Fell, versucht diese
Ergebnisse durch die Vorstellung einer Gegenstudie abzuwerten.
 
„Inzwischen erinnert der missionarische Eifer lautstarker Teile der
Windenergiebranche beim Konflikt zwischen Artenschutz und Windenergie an
das Vorgehen der Klimaskeptiker. Diese versuchen durch wiederholtes
Infrage stellen wissenschaftlicher Erkenntnisse Zweifel an der Existenz
des Klimawandels zu streuen, um dadurch den  Ausbau erneuerbarer
Energien zu verhindern. Stattdessen wäre es dringend notwendig, dass
sich die Windenergie-Branche den nachgewiesenen Problemen stellt und
gemeinsam mit Behörden, Fachexperten und Umweltverbänden praktische
Lösungen entwickelt und umsetzt,“ sagte NABU-Bundesgeschäftsführer
Leif Miller. 
 
Die Ergebnisse der PROGRESS-Studie wurden im Januar in Teilen in der
Süddeutschen Zeitung veröffentlicht, ein Interview mit den Autoren
dazu in der Fachzeitschrift „Der Falke“. Sie bestätigen, dass die
Schlagopferzahlen für die meisten Vogelarten nicht bestandsrelevant
sind, zeigt aber gleichzeitig, dass einige Vogelarten so stark betroffen
sind, dass von einer Gefährdung der heimischen Populationen durch die
Windkraft ausgegangen werden muss. Insbesondere für den deutschlandweit
verbreiteten Mäusebussard belegt die Studie für den norddeutschen Raum
eine Rate von 0,48 erschlagenen Individuen pro Windrad und Jahr.
Deutschlandweit muss daher bei gut 26.000 bestehenden Windkraftanlagen
von über 12.000 getöteten Mäusebussarden pro Jahr ausgegangen werden –
bei einem Bestand von etwa 100.000 Brutpaaren. Berechnungen im Rahmen
der PROGRESS-Studie zeigen, dass in Regionen mit fortgeschrittenem
Ausbaustand der Windenergie Populationsabnahmen mit dieser Sterblichkeit
erklärt werden können. Die aktuelle starke Bestandsabnahme im besonders
windenergiereichen Schleswig-Holstein bestätigt diese Erkenntnis bereits
heute.  
 
Deswegen muss aus NABU-Sicht beim weiteren Ausbau der Windenergie
Rücksicht auf den Mäusebussard oder andere betroffene Arten wie den
Rotmilan genommen werden, was der ehemalige Bundestagsabgeordnete
Hans-Josef Fell und der Schweizer Windkraftentwickler Oliver Kohle nicht
akzeptieren wollen. Stattdessen kündigen sie eine „Studie“ an, die die
Aussagen der PROGRESS-Studie in Frage stellt. Unter anderem behaupten
Fell und Kohle, dass der Bestand des Mäusebussards parallel zum Bau von
Deutschlands 26.000 Windrädern angestiegen sei. Das Gegenteil ist der
Fall: Nach den offiziellen Monitoringdaten, die in Deutschland vom
Programm zum Monitoring von Greifvögeln und Eulen erhoben werden, nahm
der bundesweite Mäusebussard-Bestand zwar von 1988 bis 2006 leicht zu,
anschließend bis zum Ende der Datenreihe im Jahr 2013, also parallel zum
Ausbau der Windkraft, jedoch um mindestens 30 Prozent ab. Dabei ist
davon auszugehen, dass in diesen Zahlen stärkere Abnahmen in
windenergiereichen Gegenden Norddeutschlands durch bessere Trends im
windkraftarmen Süden zum Teil ausgeglichen werden. 
 
„Das Ergebnis der PROGRESS-Studie ist der erste Hinweis darauf, dass
allein das Einhalten von Mindestabständen zwischen gefährdeten
Vogelvorkommen und Windrädern, wie sie im sogenannten ‘Helgoländer
Papier‘ der staatlichen Vogelschutzwarten formuliert sind, nicht
ausreicht, um alle Vogelarten ausreichend zu schützen. Für den
Mäusebussard wird darin bisher kein Mindestabstand gefordert“, so
Miller. 
 
Der NABU fordert daher in diesem und ähnlichen Fällen, den weiteren
Ausbau der Windenergie an die Populationsentwicklung der betreffenden
Art zu koppeln und dadurch geltendem Artenschutzrecht zu entsprechen.
Nur wenn die Population der Art in einem bestimmten Bundesland nicht
weiter abnimmt, dürften neue Genehmigungen für WEA im Vorkommensgebiet
der Art erteilt werden. Dann wäre ein weiterer Ausbau der Windenergie im
betreffenden Bundesland möglich, solange Maßnahmen getroffen würden, um
die regionalen Bestände der Art zu stützen. Diese sollten sowohl eine
Minderung der Auswirkungen der Windenergieanlagen beinhalten (Rückbau
besonders kollisionsträchtiger Anlagen, großflächiges Freihalten
besonders wichtiger Vorkommensgebiete und notfalls auch Mindestabstände)
als auch Maßnahmen zur Verringerung der Mortalität durch andere Ursachen
(illegale Verfolgung, Straßenverkehr) und Maßnahmen zur Erhöhung des
Bruterfolges (Lebensraumverbesserungen u.a. durch gezielte
Agrarumweltmaßnahmen oder spezielle Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen).
Ein gezieltes Monitoring der betreffenden Population muss die
Wirksamkeit der Maßnahmen belegen, wovon die Genehmigungsfähigkeit neuer
WEA abhängt. Mit dieser Vorgehensweise wäre es möglich, den notwendigen
weiteren Ausbau der Windenergie im Sinne einer naturverträglichen
Energiewende mit dem Schutz gefährdeter Arten zu verbinden.
 
Weitere Infos: 
Grafik zum Bestandstrend des Mäusebussards in Deutschland aus dem
offiziellen Monitoringprogramm des „Monitoring Greifvögel und Eulen
Europas“ (MAMMEN, U. 2016, briefl.),  Interview zu den Ergebnissen der
Progress-Studie aus der Zeitschrift „Der Falke“ und „Helgoländer-Papier“
unter www.nabu.de/news/2016/06/20834.html 
 
Ein früherer Versuch von Fell und Kohle, mit irreführender
Zusammenstellung von Daten und Literaturzitaten die Gefährdung des
Rotmilans durch die Windenergie zu negieren, wurde bereits durch den
NABU widerlegt: 
 
NABU-Faktencheck zur Studie „Windenergie und Rotmilan – Ein
Scheinproblem“:
www.nabu.de/imperia/md/content/nabude/energie/wind/160406-nabu-faktencheck-rotmilan-und-windenergie.pdf

 
Infos zur PROGRESS-Studie: www.bioconsult-sh.de/de/projekte/progress/  

 
 
Für Rückfragen (auch bei der Pressekonferenz): 
Lars Lachmann, NABU-Vogelschutzexperte, Tel. 030-284984-1620, mobil:
0172-9108275, E-Mail: [email protected]
 
-------------------------------------------------------------------------------------------------------------
NABU-Pressestelle
Kathrin Klinkusch | Iris Barthel | Britta Hennigs | Nicole Flöper 
Tel. +49 (0)30.28 49 84-1510 | -1952 | -1722 | -1958 
Fax: +49 (0)30.28 49 84-2000 | E-Mail: [email protected]
_______________________________________________
Pressemeldungen mailing list
[email protected]
https://lists.wikimedia.org/mailman/listinfo/pressemeldungen

Antwort per Email an