Düsseldorf/Bremen/Karlsruhe (dpa) - Wann immer ein Ausstellungsbesucher auf 
eine Video-Arbeit stößt, bleibt er länger bei ihr stehen als er vor einem 
Gemälde, einer Skulptur oder einer Grafik verweilt. 

"Das Publikum liebt diese filmischen Werke sehr viel mehr als die 
traditionellen Gattungen", meint der Leiter der Bremer Kunsthalle und seit 
Jahren "Nestor" der Videokunst, Wulf Herzogenrath. Grund: Geschehen, Handlung 
und Abläufe von bewegten Bildern üben eine starke Faszination auf die 
Betrachter aus.

Mit der Freude am Videofilm könnte es bald vorbei sein, ist die seit den 60er 
Jahren entstandene elektronische Kunstgattung doch akut vom Verfall bedroht. 
"Die begrenzte Haltbarkeit von Magnetbändern ist seit über zehn Jahren 
bekannt", betont Rudolf Frieling vom Zentrum für Kunst und Medientechnologie 
(ZKM) in Karlsruhe. Hinzu kommt, dass es an entsprechend historischen Abspiel- 
und Vorführgeräten fehlt. Am ZKM würden deshalb schon vorsorglich "Labor und 
Archiv mit alten Maschinen" aufgebaut.

Die Bedrohung der Video-Kunstwerke ist eine "100-prozentige", sagt Doris 
Krystof von der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf. "Wenn wir 
jetzt nicht handeln, kann es zu spät sein." Bedroht sind unzählige Videofilme 
aus über 40 Jahren. Um dieses herausragende kulturelle Erbe zu retten, müsste 
es dringend digitalisiert werden. Nur durch baldigen Datentransfer des 
Filmmaterials etwa auf DVDs könne es erhalten bleiben.

Voraussetzung sind neben mehr Fachwissen, mehr Geld und Kompetenzen auch mehr 
kunsthistorisches Bewusstsein für die Gattung: Inhaltliche Gleichberechtigung 
für die Videokunst fordert Wulf Herzogenrath. "Sie muss Schnitt für Schnitt so 
ernst genommen werden wie ein Gemälde." In einem ersten Schritt haben dafür 
fünf deutsche Museen Pionierarbeit geleistet. "Digitales Erbe: Videokunst in 
Deutschland von 1963 bis heute" heißt ein Projekt, für das sich die Kunsthalle 
Bremen, die Kunstsammlung NRW, das ZKM in Karlsruhe, das Lenbachhaus in München 
und das Museum der Bildenden Künste in Leipzig zusammengeschlossen haben.

Das erste, für jeden Kunstfreund sichtbare Resultat der Initiative ist ein 
umfangreiches Ausstellungsprojekt, das zeitgleich in den fünf beteiligten 
Museen gezeigt wird. Mit Sonderbereichen wie dem Experimentalfilm in der 
ehemaligen DDR oder Ausstellungen auf "Zeitschiene", die in verschiedenen 
Jahrzehnten die Entwicklung der Videokunst dokumentiert, widmet sich jedes Haus 
einem anderen Schwerpunkt.

Alle gemeinsam dagegen lassen eine selbst produzierte "digital versatile disc" 
laufen: Diese DVD ist nach Herzogenraths Angaben als Anthologie aus vier 
Jahrzehnten Videokunst schlicht eine "Sensation". Verborgen bleibt dem Publikum 
dagegen die Detektivarbeit, die die Beteiligten durch Aufspüren und Bearbeiten 
des Videomaterials in die DVD investiert haben. Resultat: Über 27 Stunden 
Filmmaterial von knapp 60 Künstlern. Das Spektrum reicht von den berühmten zwei 
Stunden des "Schleyer-Bandes" von Klaus vom Bruch, der in den späten 70er 
Jahren die Berichterstattung zur dramatischen Entführung des 
Arbeitgeberpräsidenten durch die RAF vom Fernseher abfilmte bis zu Nam June 
Paik.

Prophetisch begrüßte der aus Korea stammende Pionier der Videokunst mit "Good 
Morning Mr. Orwell" das Jahr 1984. Paiks zum Jahreswechsel per Satellit 
ausgestrahltes Projekt einer schrägen Künstler-Gala mit Auftritten etwa von 
John Cage, Joseph Beuys, Salvador Dalí oder Maurizio Kagel hatte weltweit und 
zeitgleich die für ein zeitgenössisches Kunstwerk unvorstellbare Einschaltquote 
von 10 Millionen Zuschauern.

www.40jahrevideokunst.de 
 

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