Sorry, lang. On 2/11/2009 11:38 PM, Robert Voigt wrote:
Matthias Wächter wrote:PS: NEO ist ein Prinzip, keine unbedingt konkrete und unumstößliche Belegung! Raus mit NEO2, wenn’s denn sein soll, aber bald, macht Platz für Neues!NEO3 wird _ebenfalls_ nicht die allerletzte Version sein. Das muss man sich einfach klar machen, dann kommt man darauf, dass wir viel produktiver entwickeln können, wenn wir etwas häufiger releasen und nicht alles auf einmal einbauen und perfekt machen wollen. Der Weg ist das Ziel.Da juckt es mir in den Fingern zu schreiben: Ich gebe Neo keine Chance, wenn es nicht irgenwann eine Version gibt, die nicht mehr weiterentwickelt wird, außer vielleicht bei den selten benutzten Teilen.
Hier steht Meinung gegen Meinung, und ich sage nicht, dass du prinzipiell Unrecht hast. Wikipedia beispielsweise ist anfänglich von den Lexikon-Platzhirschen belächelt, wenn nicht sogar ausgelacht worden. „Wenn da jeder mitmachen kann, noch dazu anonym, werden die Artikel nie ausreichend umfangreich und qualitativ werden!“ Selbst wenn die Wikipedia bei weitem nicht komplett ist und die Artikelqualitäten deutlich unterschiedlich sind und auch mal absichtliche Fehler nicht entdeckt werden, wird sie in ungeahntem Ausmaß verwendet, und man glaubt dann garnicht mehr, wer da von wem abschreibt, sobald es einmal in der Wikipedia steht und damit als gesichert gilt (siehe „Wilhelm von und zu“).
Was ich damit sagen will: Selbst die angestammten Tastaturlayouts haben sich von Zeit zu Zeit geändert, sind dazwischen immer wieder in quasi-genormte Starre verfallen. Es mag so aussehen, als wäre QWERTZ schon immer so gewesen, wie es jetzt vor uns auf dem Schreibtisch liegt, aber AltGr, die Unterscheidbarkeit von l/1 und O/0, Computer-Zeichen, Ziffern- und Cursorblock, Notebook- und Handy-Sparlayouts mit Fn-Tasten, sowie unterschiedliche Belegungen z.B. zwischen DE/AT und CH zeigen schon, dass es immer wieder unterschiedliche Bedürfnisse gab, und das Layout wurde entsprechend angepasst, ohne dass es einen Aufschrei gegeben hätte.
Am Grundprinzip, also dem allgemeinen Tastenlayout mit Tastengröße, Spalten/Reihenanzahl und -versatz, und natürlich der Einzelbuchstaben-Eingabe hat man freilich lange nichts geändert, und der (Miss-)Erfolg revolutionärer Änderungen in diesem Bereich wie Matrixanordnung, Silbeneingabe oder Diagonalblöcke für die Daumen zeigt, dass sowohl der (gemeine) Anwender als auch die Hersteller Kompatibilität deutlich über Funktionalität stellen. Dass es diese Ansätze heute nicht nur im Museum gibt, haben diese Ideen einzig ihrem nützlichen Einsatz in Spezialbereichen wie der Medizin, bei Gericht (Gerichtsschreiber) oder speziell trainierten Vielschreibern zu verdanken.
NEO revolutioniert, von seiner derzeitigen Festlegung auf das besprochene 105-Tasten-Erfolgsrezept abgesehen, das Layout komplett. Wer sich damit beschäftigen möchte, hat ernsthaft vor, sich die angestammte Belegung zu „schenken“. So jemand bringt von Haus aus eine gewisse Experimentierfreude mit, und jeder wird über kurz oder lang mitreden oder etwas verändern wollen.
Als ich vor einigen Jahren Experimente mit der Dvorak-Belegung machte, schreckte ich vor dem Wildwuchs an Belegungen, vor allem für die Sonderzeichen auf der deutschen Tastatur, zurück und ließ es dann wieder. Viel schlimmer als der Wildwuchs war aber die offenbar vollkommen fehlende laufende Entwicklung. Man wusste einfach nicht, die vielen toten Pferde von dem einzig reitbaren zu unterscheiden. Dvorak-EN wollte ich aber auch nicht einsetzen – zu groß waren für mich die Nachteile.
Das Umstellen auf eine neue Belegung mag einiges an Training bedeuten, aber hat jemand einmal mit NEO angefangen, macht er sinnvolle Änderungen auch gerne mit, solange sie nicht zu oft und aus reinen Geschmacksaspekten vorgenommen werden. Und wer nicht jede „Mode“ mitmachen möchte, wechselt halt nur jedes zweite Jahr von einer stabilen Version zur nächsten, oder er bleibt irgendwann dort stehen, wo er ist. Davon auszugehen, dass es nur diese allerletzt genannte Gruppe gibt, halte ich nicht für richtig.
QWERT* hat sich deshalb so lange halten können, weil es einen Vorteil hat: man muss nur _ein_ Layout lernen.
Und es ist überall entweder schon installiert oder mit reinen Betriebssystem-Mitteln installierbar. Bei NEO muss man doch den einen oder anderen Umweg machen und z. T. auch Dateien vom Betriebssystem oder der Distribution überpinseln.
Übrigens war für die Euro-Einführung die Tastaturbelegung ein wichtiges Thema. Das Positionspapier (das ich leider im Moment nur aus dem Gedächtnis zitieren kann) sagte damals sinngemäß aus: Über kurz oder lang (wenige Jahre) wird es eine eigene Taste für das Euro-Zeichen geben müssen, bis dahin soll es über einen Modifier und eine bislang solcherart ungenutzte Position erfolgen.
Pah, nichts ist geschehen seither, und alle scheinen zufrieden.
Trotz der offensichtlichen Vorteile ist kaum jemand auf Dvorak etc. umgestiegen. Wieviel weniger sind die Leute (nicht die "Entwickler-Anwender" hier!) bereit, von einem ergonomisch optimierten Layout auf ein "noch optimierteres" umzusteigen? Da ist der Aufwand größer als der Nutzen.
Das ist mein Argument, das Layout noch vor Release als NEO2 zu optimieren. Den Umstellungsaufwand, den „wir“ jetzt haben, vermeiden wir bei denen, die sich wirklich einmal vom Umstieg auf NEO überzeugen lassen, diesen aber nur einmal vollziehen wollen.
Ich halte die Fingerkollisionsrate für optimierbar, und selbst ohne komplette Umstrukturierung, nur mit einfachen Buchstabentäuschen auf Basis des derzeitigen NEO2 (Stichwort: NeoRevo), kann man die Sache signifikant verbessern. Und während man damit ein bislang von NEO zwar versprochenes, aber nicht eingelöstes Paradigma umsetzt, verletzt man – vom Stolz mancher Entwickler abgesehen – die anderen Paradigmata in keiner Weise. Für die Kollisionsvermeidung auf Ebene 1 und 2 stehen weder die Positionen der Modifier, noch die Belegung der Zifferntasten (auf sämtlichen Ebenen, auch Ziffernblock), noch natürlich die restlichen, bereits hoch optimierten Ebenen 3 und 4 zur Diskussion. Die Zeichen der Ebenen 5 und 6 sollten sinngemäß mit den ihnen verwandten oder assoziierbaren Zeichen auf Ebene 1 mitwandern.
Neo muss natürlich erstmal so gut sein, dass es nicht mehr wesentlich verbessert werden kann. Ob das jetzt schon so ist, kann ich nicht richtig beurteilen. Dazu bin ich noch zu neu. Aber ich wünsche mir, dass es einmal dazu kommt. Das kann dauern so lange wie nötig, aber nicht länger.
Tja … die Argumente beißen sich leider immer in den Schwanz, ganz nach der nicht ganz unverwandten Prämisse „Quality, Speed and Cost - Choose any two!“. Diejenigen, die diese Phrase übrigens in Frage stellen und meinen, man könnte alles auf einmal auch erreichen, kommen aus dem Lager des Agile Management. Gerade dieses stellt die iterative und damit stark änderungslastige Entwicklung in den Mittelpunkt. Ganz nach dem Prinzip: Wenn du die Nullstelle einer hochkomplexen Funktion finden willst, kannst du entweder eine langwierige exakte Nullstellensuche durchführen, oder du wirfst einfach Newton/Regula Falsi mit mehreren Iterationen an, und bist deutlich schneller am (ausreichend angenäherten) Ziel.
Um das zu beschleunigen, müsste man es vielleicht noch breiter aufstellen? Mir scheint die Gemeinde hier ist ziemlich homogen. Man könnte auch mal mit Tipplehrern, Medizinern oder sonstwem sprechen, um noch mal andere Meinungen zu hören. Ich weiß nicht, ob die hier schon freiwillig vertreten sind.
Ehrlich gesagt: Ich habe bislang immer noch nicht mein ursprüngliches Tempo erreicht – was auch an meinen eigenwilligen VM-Erweiterungen liegen mag :-) – aber ich denke, ein Layout ist so ergonomisch, wie es sich anfühlt. Dieses aber festzustellen, dauert seine Zeit. Am Anfang hatte auch ich Schmerzen in den Armen beim Handgelenk, als die Botschaften vom Gehirn widersprüchlich kamen: „Finger 3 rechts hinauf“ – „NEIN! FALSCH!“ – „Doch richtig!“
Spannend für die Entwicklung entsprechender Metriken wie dem zurückgelegte Fingerweg (für jeden einzelnen und insgesamt), Einzelfingerbelastung durch Weg, Menge und Häufigkeit der Anschläge, wäre natürlich die Befragung von Leuten, die mit (dem) Tippsen zu tun haben.
Wir sind prinzipiell dabei, das beste aus einem Standard-105-Tasten-Keyboard heraus zu holen. Ein Mediziner wird uns sicher sagen, dass Shift und andere häufige Tasten besser mit dem Daumen denn mit dem schwächsten Finger gedrückt würden, aber am Grundprinzip der Zeicheneingabe wollten wir (bislang) nichts ändern. Wenn wir auch noch damit anfangen, gehen wir sicher der Bedeutungslosigkeit entgegen, statt uns von dort zu entfernen.
Mit "breiter Aufstellen" meine ich nicht noch mehr Demokratie. Ich glaube das Maß hier genügt :)
Demokratie ist nie vollständig, wir machen beispielsweise zu wenige (bis gar keine) formellen Abstimmungen. Erst mit sowas würden wir mehr Leute – auch unter den Entwicklern – zu einem klaren Statement zwingen, da die derzeit so locker geführten Abstimmungs-Diskussionen sich meist erst nachher als solche heraus stellen. Die Definition einer gewissen Expertengruppe, bestehend aus Entwicklern und wem auch immer sonst, und einer minimalen Abstimmungsbeteiligung aus diesem Lager von >90% halte ich für notwendig, um überhaupt von Demokratie sprechen zu können.
– Mœsi
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