der Freitag
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EU-Agrarreform | 24.10.2011 07:00 | Tanja Busse

Die Macht der Monokultur

In ganz Europa betreiben Bauern inzwischen eine grüne und gerechte
Landwirtschaft. Doch die Politik ignoriert das und zerstört mit Prämien und
Subventionen lokale Märkte

Was grün ist, soll grün bleiben: Das ist eine der Anregungen, die von
EU-Agrarkommissar Dacian Cioloş vergangene Woche bei der Vorstellung seines
Vorschlags für die neue europäische Agrarpolitik ab 2013 kam. Dauergrünland
- ökologisch äußerst wertvoll und ein angenehmer Lebensraum für Weidetiere -
darf in Zukunft nicht mehr umgepflügt und in Mais-Monokulturen umgewandelt
werden. Schon im letzten Jahr hatte der EU-Kommissar ein Greening
angekündigt, unter Agrarpolitikern das Schlagwort für die Begrünung und
Ökologisierung der europäischen Landwirtschaft, und damit die Agrarindustrie
in Angst und Schrecken versetzt. Nun soll es tatsächlich kommen, dieses
Greening, doch liest man Cioloş' Vorschläge genauer, dann zeigt sich, dass
die Lobbyisten der Großagrarier erfolgreich interveniert haben. Denn der
Stichtag für das Umbruchsverbot von Grün- zu Ackerland soll der 1. Januar
2014 sein. Also, Biogasanlagenbetreiber und Ackerbauern, rauf auf den
Schlepper! Brecht um, was ihr umbrechen wollt - ihr habt vierzehneinhalb
Monate Zeit dazu, das sollte reichen.

Die Grünland-Regelung ist exemplarisch für den gesamten Vorschlag der
EU-Kommission: Cioloş hat einige gute Vorschläge der Umwelt- und Bioverbände
und der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) aufgenommen,
aber so verwässert, dass sie ihre Wirksamkeit beinahe verlieren. Ja, es soll
eine Obergrenze für Subventionen geben, aber die liegt erst bei 300.000
Euro. Ja, es soll mehr Gelder für eine ökologische Bewirtschaftung geben,
aber keine verbindliche Fruchtfolge, die ohne viel Bürokratie gefährliche
Monokulturen verhindert hätte. Und eigentlich soll es auch keine
Exportsubventionen mehr geben, aber abgeschafft werden sie nicht.

Das alles klingt nach einer Fortsetzung der merkwürdigen Ausgleichslogik,
die die europäische Agrarpolitik in den letzten Jahren geprägt hat:
Einerseits förderte sie die Industrialisierung der Landwirtschaft und ihre
globale Wettbewerbsfähigkeit, andererseits die Erhaltung der europäischen
Kulturlandschaften und ihrer Ökosysteme. Mit dem Einsatz von vielen
Milliarden Euro hat sie eine auf Mengensteigerung und Export ausgerichtete
Agrarindustrie unterstützt - und gleichzeitig versucht, den sozialen und
ökologischen Schaden dieser Politik ein wenig zu mindern.

Entstanden ist diese Politik in den fünfziger Jahren, als die vom Krieg
zerstörten Länder Mitteleuropas von Nahrungsmittelimporten vor allem aus den
USA abhängig waren. Essen für alle, reichlich und günstig - das war damals
das Ziel. Dazu sollte die Landwirtschaft modernisiert werden, rationalisiert
und industrialisiert.

Was läuft falsch?

Der Erfolg dieser Politik war gigantisch: Innerhalb weniger Jahrzehnte
produzierten die Landwirte Europas Überschüsse, und zwar so viele, dass ihre
Lagerung zum Problem wurde. Zu diesem Zeitpunkt hätte die europäische
Wirtschaftsgemeinschaft ihre Mission erfolgreich abschließen können: Das
Ziel Ernährungssicherheit war erfüllt, es gab keinen Grund mehr, mit hohen
Beihilfen die Produktion anzuheizen. Die Folgen der Rationalisierung waren
längst für jeden sichtbar: In den Dörfern gingen Hunderttausende von
Arbeitsplätzen verloren, auf den Feldern sickerte Nitrat ins Grundwasser,
während die Landwirte artenreiches Weideland umpflügten. Mehr Platz für
große Äcker, um unter Einsatz von Kunstdünger und Pestiziden noch mehr von
dem anzubauen, wovon es längst zu viel gab - das war die Logik. In dieser
Situation hätten die europäischen Agrarpolitiker entscheiden können,
Subventionen nur an Betriebe zu zahlen, die gefährdete Ökosysteme erhalten.
Oder an Höfe, die viele Arbeitskräfte beschäftigen. Die altes Handwerk
weiterentwickeln, wertvolle alte Tierrassen züchten oder selten gewordene
Gemüsesorten anbauen. Die mit wenig fossilem Input - Diesel und Kunstdünger
- auskommen. Oder die regionale Lebensmittelkreisläufe aufbauen und
versuchen, die gekappte Verbindung von Produzenten und Konsumenten wieder zu
schließen.

Aber die Agrarpolitiker entschieden sich anders. Sie beschlossen, eisern die
Ursachen für die negativen sozialen und ökologischen Entwicklungen zu
ignorieren und ausschließlich ihre Folgen zu minimieren. So, als würden sie
auf einem sinkenden Schiff nicht nach dem Leck suchen, sondern ein bisschen
Wasser herauschöpfen. Sie gaben Stilllegungsprämien für Ackerflächen aus und
hielten gleichzeitig den Anreiz zur Mehrproduktion durch die künstlich
hochgehaltenen Preise aufrecht. Sie zahlten Milliarden an Subventionen für
den Export von Überschüssen in außereuropäische Länder. Dass sie mit diesem
Dumping lokale Lebensmittelmärkte vor allem im hungergefährdeten Afrika
zerstörten, ignorierten die EU-Bürokraten und Agrarpolitiker mit einer
Arroganz, die Entwicklungsexperten zur Verzweiflung brachte.

Das muss mit der Reform ab 2013 endlich anders werden. Und es gäbe auch jede
Menge Möglichkeiten - und viel Geld aus dem EU-Agrarhaushalt, rund 60
Milliarden Euro im letzten Jahr -, um europaweit eine bessere Landwirtschaft
aufzubauen, eine, die gesünder und gerechter wäre, sozialer und
ökologischer. Überall in Europa haben Bauern, Gärtner, Bäcker und Fleischer
in den letzten Jahren Modelle für eine solche Wirtschaftsweise entwickelt,
die meisten von ihnen aus Überzeugung und ohne staatliche Beihilfen:
Biobauern haben gezeigt, dass Felder auch ohne Gift und Kunstdünger gute
Erträge bringen und dass eine breitere Fruchtfolge gegen Schädlinge hilft.
Andere haben mit Hofläden, Bauernmärkten und Abokisten regionale
Vermarktungsstrukturen neu aufleben lassen, die die Ernährungsindustrie mit
ihren globalen Strukturen zerstört hatte. Wieder andere haben zusammen mit
supermarktmüden Städtern Bauernhöfe nach dem Modell der CSA, der community
supported agriculture, aufgebaut, bei der Konsumenten gemeinsam einen Hof
finanzieren und die Ernte unter sich aufteilen. Milchbauern haben das Modell
des fairen Handels für Milchtüten etabliert, und Bauern und Gärtner
entwickeln gemeinsam sortenfeste Samen, um sich von den Saatgutkonzernen
unabhängig zu machen. All diese Vorreiter haben im Kleinen vorgemacht, was
Europa nun im Großen umsetzen könnte: den Umbau der industrialisierten und
globalisierten Landwirtschaft zu einer zukunftsfähigen regionalen
Kreislaufwirtschaft, von einer fossilen zur solaren Agrarwirtschaft, von der
qualvollen Intensivtiermast zu einer artgerechten Haltung.

Die globalisierte Agrar- und Ernährungswirtschaft, von der EU in den letzten
Jahrzehnten massiv unterstützt, hat eine unerträgliche Schieflage
mitverschuldet: Von den knapp sieben Milliarden Menschen auf der Welt
hungert eine Milliarde, während ebenso viele so fettleibig sind, dass sie an
den Folgen der Über- und Fehlernährung erkranken und sogar sterben werden.
Unter den Hungernden sind zwei Drittel Kleinbauern und Landlose, die von den
fruchtbaren Ackerböden vertrieben wurden, auf denen nun Soja, Mais, Kaffee,
Kakao und Gemüse für den Export produziert werden. Und ein großer Teil der
Übergewichtigen ist Opfer der westlichen Fast-Food-Konsumwelt, für die
Ernährungswissenschaftler den Begriff obesogenic geprägt haben:
fettsucht-generierend. Wir Konsumenten in den westlichen Industrieländern
sind umgeben von Nahrung, die zu fett, zu süß, zu salzig und zu einseitig
ist, um uns gesund zu ernähren. Die meisten wissen das - und erliegen der
Verführung durch Werbung, Billigpreise oder schlicht der Gewohnheit. Bei
vielen wächst das Unbehagen gegenüber den Lebensmitteln, die sie täglich
verzehren. Eigentlich wollen sie kein Fleisch aus tierquälerischer Haltung,
kein Fertigessen mit Palmöl aus abgeholztem Regenwald und keine Äpfel vom
anderen Ende der Welt. Aber sie kaufen es trotzdem.

Was ist legitim?

Eine ernst gemeinte EU-Agrarreform müsste genau hier ansetzen: beim
wachsenden Misstrauen der Konsumenten gegenüber den globalisierten
Lebensmittelströmen. Sie müsste eine neue Verbindung zwischen ihnen, den
Landwirten und den handwerklichen Lebensmittelverarbeitern fördern. Die
Aktion "Bauer hält Hof" der Kampagne "Meine Landwirtschaft" zeigt, wie es
gehen könnte: Ein Bauer - oder eine Bäuerin - lädt Nachbarn, Bürger und
Konsumenten auf den Hof ein, stellt vor, wie er wirtschaftet und wie er
wirtschaften könnte, wenn die Rahmenbedingungen anders wären. Die
Europäische Kommission sollte dieses Modell europaweit organisieren und auf
die Ideen hören, die dabei entstehen, wenn sich Bauern und Bürger gemeinsam
überlegen, was sie in Zukunft essen wollen und zu welchem Preis. Und was
welche Wirtschaftsform für die Felder und Wälder bedeutet und für die Tiere
im Stall. Das könnte auch in Zukunft Milliarden Euro an Subventionen
legitimieren - wenn den Bürgern klar wäre, wofür sie zahlen sollen und warum
sie davon profitieren würden.

Die EU-Agrarreform des Jahres 2013 ist die erste, der nicht nur die 27
Agrarministerinnen und -minister der Mitgliedsländer zustimmen müssen,
sondern auch das Europaparlament. Das vergrößert den Einfluss von allen, die
mit den blassgrünen Reformvorschlägen aus der Kommission nicht einverstanden
sind.

Hintergrund

Tanja Busse, geb. 1970, ist auf einem Bauernhof aufgewachsen. Wenn sie nicht
bei WDR 5 moderiert, schreibt sie gerne lange Texte und Bücher. Ihr jüngstes
Buch heißt 'Die Ernährungsdiktatur - Warum wir nicht länger essen dürfen,
was uns die Industrie auftischt' (Karl Blessing, München 2010)




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