Westdeutsche Allgemeine Zeitung
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Biosprit E10 schadet laut Studie dem Klima

Auto | 24.10.2011 | Christopher Onkelbach

Essen. Eine neue Studie bestätigt die Zweifel an der Umweltverträglichkeit
von Biosprit. Amerikanische, deutsche und französische Wissenschaftler haben
in der bislang größten und umfassendsten Studie die Folgen der
Biospritproduktion durch Biomasse aus Wäldern unter die Lupe genommen. Das
Ergebnis: Die Kohlendioxidausstoß (CO2) stieg in so genutzten Forsten um
mindestens 14 Prozent. Die Studie erscheint am heutigen Montag in der
Fachzeitschrift "Nature Climate Change".

"Bisher haben wir angenommen, dass Bioenergie aus totem Holz, Laub und
Baumschnitt klimaneutral zu erzeugen ist und sogar den Kohlendioxid-Ausstoß
insgesamt senkt", sagt Tara Hudiburg, Forstwissenschaftlerin der Oregon
State University und Autorin der Studie. Der Grund für die Annahme: Es werde
nur so viel CO2 bei einer Verbrennung freigesetzt wie zuvor durch die
Pflanzen gebunden war. Dies erwies sich in den Untersuchungen als falsch.
Durch die intensivere Bewirtschaftung des Waldes übersteigen die Emissionen
die möglichen Einsparungen deutlich.

Mehr Klimagas, statt weniger

In den vergangenen vier Jahren untersuchten die Forscher 80 verschiedene
Wälder in Oregon, Washington und Kalifornien. Hudiburg: "Wir fanden heraus,
dass die Gewinnung von Biomasse aus den Wäldern und ihre Nutzung in
verschiedener Form mehr CO2 in die Atmosphäre freisetzt als jede andere Art
der Waldbewirtschaftung." Für das Ziel, die Treibhausgas-Emissionen zu
senken, sei demnach die Erzeugung von Bio-Energie aus Wäldern nicht
sinnvoll, ja sogar kontraproduktiv.

Diese Ergebnisse dürften auch für die europäische Umweltpolitik von
Bedeutung sein. Bis 2020 will die EU den CO2-Ausstoß um 20 Prozent senken,
unter anderem durch den Einsatz von Biosprit. Schon zuvor kamen Studien
kamen zu dem Ergebnis, dass durch den Einsatz von Biosprit insgesamt nicht
weniger, sondern mehr Treibhausgase in die Atmosphäre gelangen. Die
Klimabilanz des Ökotreibstoffs, der in Deutschland als E10 vertrieben wird,
ist demnach negativ.

Weltweit werden riesige Flächen gerodet

So kam das Londoner Institut für Europäische Umweltpolitik (IEEP) bereits
Ende 2010 zu dem Ergebnis, dass eine Erweiterung der Anbauflächen für
Energiepflanzen dem Klima mehr schadet als die fossilen Energien, die
Biosprit mehr und mehr ersetzen sollen. Demnach wird der steigende Einsatz
von Biosprit in Europa zu einem Anstieg der klimaschädlichen Emissionen
führen, weil für die Produktion der Agrotreibstoffe weltweit riesige Flächen
in zusätzliches Ackerland umgewandelt werden müssen. Um die europäischen
Klimaziele zu erreichen, müssten laut IEEP weltweit knapp 70.000
Quadratkilometer Wald, Weiden und Feuchtgebiete als Ackerland kultiviert
werden - eine Fläche etwa doppelt so groß wie Belgien.

Eine Studie der EU-Kommission bestätigte vor wenigen Monaten diese
Ergebnisse. Wenn die indirekten Klimafolgen in die CO2-Bilanz des
Biokraftstoffs eingerechnet würden, werde durch die Herstellung von Raps 4,5
Prozent mehr CO2 ausgestoßen als bei normalem Benzin, bei Soja seien es
sogar knapp 12 Prozent. Bislang aber werden die indirekten Klimafolgen des
Anbaus von Energiepflanzen nicht berücksichtigt. Zu diesen Folgen gehören
Verdrängungseffekte in der Landwirtschaft, zerstörte Regenwälder,
Monokulturen, intensive Bewirtschaftung. Würde man diese Effekte in die
Klimabilanz einführen, werde aus dem Biosprit ein Umweltsünder.

Steigende Lebensmittelpreise

Die Umweltorganisation Greenpeace weist auf eine weitere Folge hin: In
Deutschland werden mittlerweile rund 20 Prozent der Ackerflächen für die
Produktion von Biotreibstoffen und Biogas genutzt. In den USA werde bereits
über die Hälfte des Maises zu Ethanol und Benzinersatz verarbeitet, in
Brasilien etwa ein Fünftel des Zuckers. "Das führt dazu, dass die Ernte
nicht mehr ausreicht, um die Nachfrage auf dem Lebensmittelmarkt zu
befriedigen", sagte Landwirtschaftsexperte Martin Hofstetter. Die Folge
seien weltweit steigende Preise, was vor allem für ärmere Länder ein Problem
ist. Dabei gebe es genügend Lebensmittel, um die Weltbevölkerung zu
ernähren, bilanzierte jüngst der Welt-Ernährungsreport der Vereinten
Nationen.

Es sei zweifelhaft, ob mit Biotreibstoffen maßgeblich CO2 eingespart werden
könne, so Hofstetter. Sicher aber sei, dass immer mehr Menschen in den
Entwicklungsländern unter steigenden Nahrungsmittelpreisen leiden, weil die
Industrieländer ihre Klimabilanz verbessern wollen. Die Organisation fordert
sogar ein Verbot des so erzeugten Biosprits: No food for fuel! "Doch
stattdessen landen Lebensmittel im Tank."




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