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literaturkritik.de - 26.10.2011

Vom Schlachten der heiligen Kuh

Der Ökonom Tim Jackson wendet sich in "Wohlstand ohne Wachstum" gegen den 
vermeintlichen Zwang zu grenzenlosem Wirtschaftswachstum

Von Susanne Heimburger

Ökonomen lösen gerne Optimierungsprobleme - sie maximieren Gewinne oder Output 
oder minimieren Kosten unter gegebenen restriktiven Bedingungen. Schade nur, 
dass sie dabei gerne die bedeutendste Restriktion, nämlich die Endlichkeit 
unserer Welt insgesamt, gerne in den Hintergrund drängen. Wirtschaftswachstum 
heißt die heilige Kuh unserer Tage, und Politiker werden nicht müde zu betonen, 
dass ohne kontinuierliches Wachstum die ökonomische und soziale Katastrophe 
drohe. Wenn eine Ökonomie wächst, verbraucht sie aber auch mehr Ressourcen; 
gleichzeitig nimmt die Weltbevölkerung zu. Man merkt sehr schnell - hier läuft 
etwas gehörig schief. Und dennoch trauen sich nur wenige, offiziell diese 
heilige Kuh zu schlachten. "Wachstum in Frage zu stellen, gilt als Akt von 
Wahnsinnigen, Idealisten und Revolutionären" - so Tim Jackson selbst. Dennoch 
tut er genau das in seinem Buch "Wohlstand ohne Wachstum".

Nun ist Jackson durchaus geistig zurechnungsfähig, und auch in seinem 
Lebenslauf deutet nichts darauf hin, dass man es hier mit einem weltfremden 
Öko-Radikalen zu tun hat. Der Ökonom und ehemalige Umweltberater der britischen 
Regierung ist derzeit Professor für nachhaltige Entwicklung an der University 
of Surrey. Man kann also davon ausgehen, dass er weiß, wovon er spricht.

Bei Jackson geht es um ökologische Nachhaltigkeit ebenso wie um soziale 
Gerechtigkeit und gutes Leben im Allgemeinen. Das klingt zunächst nach schönem 
Wunschdenken und Träumen von einer besseren Menschheit. Dennoch möchte er seine 
Vorstellung einer neuen Wirtschaftsordnung nicht als Utopie verstanden wissen, 
sondern demontiert - im Gegenteil - den aktuell unter Ökonomen weit 
verbreiteten Irrglauben, effizientere Technologien könnten die negativen 
ökologischen Auswirkungen einer wachsenden Wirtschaftstätigkeit auffangen. 
"Absolute Entkopplung", also ein Rückgang der Umweltbelastung bei gleichzeitig 
ungebremstem Wirtschaftswachstum, ist laut Jackson schlicht und ergreifend 
nicht möglich. Um das zu beweisen, packt er das mathematische Werkzeug der 
Wirtschaftswissenschaftler aus und führt ihnen mit harten Zahlen ihre eigene 
Betriebsblindheit vor Augen.

Ganz ehemaliger Regierungsberater, präsentiert Jackson am Ende des Buches dann 
ein 12-Punkte-Programm, das den Wandel herbeiführen soll. Wesentlicher Kern ist 
dabei auch die Entwicklung eines neuen Wohlstandsbegriffs, der sich nicht 
ausschließlich aus ökonomischen Größen errechnet. Das Bruttoinlandsprodukt ist 
in Jacksons Augen zwar dazu geeignet, die wirtschaftliche Aktivität eines 
Landes zu messen, aber kein Indikator für echten Wohlstand. Diesen definiert 
Jackson als "die Fähigkeit des Menschen zu gedeihen - und zwar innerhalb der 
ökologischen Grenzen eines endlichen Planeten". Dass dies nur auf der Basis 
eines gewissen materiellen Wohlstands möglich ist, versteht sich von selbst. 
Und dass viele Länder diese materielle Basis noch nicht erreicht haben und 
Wachstum hier durchaus vonnöten ist, ebenso. Aber ab einem gewissen Punkt 
bringt ein Mehr immer weniger - das wissen sogar Ökonomen und haben auch einen 
eigenen Begriff dafür: den "abnehmenden Grenznutzen".

Gerichtet ist das Buch aber vorwiegend an ein ökonomisches "Laienpublikum", 
gibt Jackson doch nebenbei eine Einführung in die Makroökonomie und weitere 
volkswirtschaftliche Grundlagentheorien. Ob das dem Verständnis seiner 
Ausführungen tatsächlich zuträglich ist, sei dahingestellt. (Manch einer wird 
sich an diesen Stellen vielleicht sogar gedanklich ausklinken oder 
weiterblättern.) Zumindest aber erweckt es den Eindruck wissenschaftlicher 
Fundierung und Seriosität. Denn vieles, was Jackson zu sagen hat, ist 
jedenfalls im Kern nichts, was man sich nicht auch mit gesundem 
Menschenverstand erschließen könnte - und vielleicht auch schon getan hat.

Dennoch bedarf es vielleicht gerade der Stimme eines angesehenen Ökonomen wie 
Jackson, um überzeugend den Ernst der Lage vor Augen zu führen. 
Bezeichnenderweise kam fast zeitgleich mit der deutschen Übersetzung von 
Jacksons "Wohlstand ohne Wachstum" der fast gleichnamige Titel des deutschen 
Sozialwissenschaftlers Meinhard Miegel, einst Leiter des Instituts für 
Wirtschaft und Gesellschaft in Bonn, auf den Buchmarkt. Miegels Ausführungen 
nehmen eine ähnliche Stoßrichtung wie jene Jacksons - ein Zeichen dafür, dass 
die Wachstumskritik, lange Zeit abgetan als die Hirngespinste angeblich 
halbinformierter Spinner, allmählich in seriöses Fahrwasser gerät.

Tim Jackson: Wohlstand ohne Wachstum.
Leben und Wirtschaften in einer endlichen Welt.
Übersetzt aus dem Englischen von Eva Leipprand.
oekom Verlag, München 2011.
239 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783865812452

Weitere Informationen zum Buch
http://www.boell.de/publikationen/publikationen-tim-jackson-wohlstand-ohne-wachstum-11661.html
 

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