Streifzüge
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Wenn uns die Arbeit ausgeht ...

13 Jan 2012

von Marianne Gronemeyer

  --Eine seltsame Sucht beherrscht die Arbeiterklasse aller Länder ... Es
ist dies die Liebe zur Arbeit, die rasende bis zur Erschöpfung der
Individuen und ihrer Nachkommenschaft gehende Arbeitssucht. Statt gegen
diese geistige Verirrung anzukämpfen, haben die Priester, die Ökonomen und
die Moralisten die Arbeit heilig gesprochen. Blinde und beschränkte
Menschen, haben sie weiser sein wollen als ihr Gott ... haben sie das, was
ihr Gott verflucht hat, wieder zu Ehren zu bringen gesucht.--
  Paul Lafargue [1]

Wer diesen Text heute in prekärer Lage, also von Arbeitslosigkeit bedroht
oder betroffen, liest, der wird ihn zynisch oder frivol finden. Als ob, was
verzweifelte Angewiesenheit ist, nur eine verirrte Neigung, eine
fehlgeleitete Begierde, kurz eine "seltsame Sucht" sei. Als sei das die
tiefere Ursache der gegenwärtigen Krise der Arbeit, dass wir so verteufelt
vernarrt in sie sind, dass wir so versessen darauf sind, Arbeit zu
verrichten statt dem edlen Müßiggang zu frönen, und als sei die Arbeit nur
deshalb so knapp, weil sich alle so nach ihr drängeln. Dabei wird,
andererseits, den Arbeitsuchenden von den modernen Zynikern ganz anderes
eingeschärft: "Wer Arbeit will, der kriegt auch welche." Was nun also: Ist
die Mehrheit der modernen Lohnsklaven arbeitssüchtig oder arbeitsscheu?

Aber ist Lafargue denn wirklich ein Zyniker? Oder können wir mit seiner
Hilfe einige der unumstößlichen Satzwahrheiten in Frage stellen, welche uns
tagtäglich als die Quintessenz der ökonomischen Vernunft eingebläut werden –
einer besonderen Abteilung von Vernunft übrigens, die sich im allgemeinen
Bewusstsein längst als die Vernunft schlechthin etabliert hat?

Die Heiligung der Arbeit

Lafargue sagt der Arbeit nach, sie sei die "Ursache des geistigen Verkommens
und körperlicher Verunstaltung". Das mag in dieser zugespitzten Form ein
Spezifikum der Zeit der Frühindustrialisierung gewesen sein, aber gleichwohl
ist doch den allermeisten auch heute die Arbeit eine solche Last, dass sie
von der eigentlichen Lebenszeit als Zeit des Nicht-Lebens subtrahiert wird.
Das Leben findet außerhalb der Arbeit statt, wenn es denn stattfindet. Und
trotzdem steht "Arbeit" den Umfragen zufolge an der ersten Stelle der
Lebenshoffnungen. Was macht die Lohnarbeit so attraktiv, dass niemand auf
die Idee verfällt, sie zu ächten, wie man einst die Sklavenarbeit ächtete,
nicht einmal die, die sich abrackern um ein karges Entgelt als Tausch für
ihre verlorene Lebenszeit einzuhandeln, und noch weniger die, denen der
Zugang zur Arbeit überhaupt verweigert wird? Niemand würde es wagen, auf die
Arbeit zu pfeifen. Denn sie ist heutzutage nahezu die einzige Möglichkeit,
sein Auskommen zu finden. Eigentlich garantiert für die allermeisten nur die
Lohnarbeit den Lebensunterhalt. Also könnte man meinen, dass die Verehrung,
die die Arbeit genießt, gar nicht ihr selbst gilt, sondern dem Lohn, der
dabei abfällt. Das würde aber nicht erklären, warum diejenigen, die aus dem
Arbeitsprozess verstoßen werden, sich nicht nur materiell geschädigt,
sondern vor allem ausgestoßen fühlen, nicht mehr zugehörig. Warum also löst
Arbeitslosigkeit solche dramatischen Sinnkrisen aus?

Arbeit ist knapp, oder besser: sie ist künstlich verknappt und wird
tagtäglich rarer. Man braucht sich nur die mit düsterer Stimme vorgetragenen
Nachrichten über Firmenzusammenlegungen und die sie begleitende
"Freisetzung" der Arbeitenden zu Tausenden zu vergegenwärtigen um diese
Tendenz allen anders lautenden Beschwörungen zum Trotz für unumkehrbar zu
halten. Wir leben aber in einer Gesellschaft, in der alles, was knapp ist,
in höchstem Ansehen steht, während das überreichlich Vorhandene naserümpfend
für minderwertig erklärt wird. Das führt zu der perversen Situation, dass
die Verehrungswürdigkeit der Arbeit in dem Maße steigt, in dem sie immer
knapper wird, obwohl durch diese Verknappung der Arbeits- und Leistungsdruck
und die zeitliche Beanspruchung für die Einzelnen immer mehr anwachsen,
obwohl also moderne Arbeitsverhältnisse immer mehr Ähnlichkeit mit
überwunden geglaubter Sklavenhalterschaft annehmen:

Während ich dies schreibe, kommt der lange und ungeduldig erwartete
Techniker des Telefon-Störungsdienstes ins Haus um den Schaden, den ein
Blitz angerichtet hat, zu beheben. Er kommt gewissermaßen im Laufschritt.
Den ihm angebotenen Kaffee akzeptiert er beinah widerwillig und kippt ihn
hastig hinunter, während er schon mit fliegenden Händen die notwendigen
Verrichtungen erledigt. Er wirkt geradezu schweißgebadet und macht – das sei
zu seiner Ehre gesagt – es dennoch möglich, freundlich zu bleiben, ja uns
sogar bei der Diagnose weiterer Schäden zu helfen, die ihn wegen der
strikten Auftragsaufteilung und -erteilung gar nichts angehen oder angehen
dürfen. Ihm unterläuft bei seiner hastigen Arbeit ein Fehler, den er mit
einem nervösen Blick auf die Uhr korrigiert. Sein Kommentar: "Je schneller
das gehen muss, desto ineffektiver werde ich." Nach Erledigung seines
Auftrages hetzt er zu seinem Auto, um weitere Kundenaufträge "abzuarbeiten".
Er ist gewiss ein guter und verständiger Techniker, und ich habe enormen
Respekt davor, dass er es sich leistete, sich um unsere Belange zu kümmern,
die ihn nur in noch größere zeitliche Bedrängnis brachten. Als er fortfährt,
frage ich mich, wie lange der Mittvierziger das noch durchhalten kann, und
ich bin gar nicht mehr so sicher, dass die körperliche Zermürbung der
Arbeitenden ein Spezifikum der Frühindustrialisierung war. Dennoch wird auch
dieser gejagte Techniker in den Chor derer einstimmen, die die Arbeit als
das höchste Gut besingen. Denn noch einmal: Je knapper und zugleich
zwingender die Arbeit wird, desto heiliger und unantastbarer steht sie da.

Spätestens an diesem Punkt müsste die Frage nach den Profiteuren dieser
irrigen Anschauung ins Spiel kommen. Aber so sehr verbindet sich schon jetzt
mit dem Besitz eines Arbeitsplatzes die Vorstellung, einer Elite
zuzugehören, dass sich diese mickrigen Eliten der niederen Ränge
hineinphantasieren in die Zugehörigkeit zu den "Happy few" und deshalb ihre
"Privilegien" mit Zähnen und Klauen gegen die Habenichtse verteidigen. Und
die wiederum verfügen nicht über so viel Definitionsmacht, dass sie den
Spieß einfach umdrehen und daran erinnern könnten, dass in der antiken
Gesellschaft überhaupt nur derjenige den Bürgerstatus erwerben, also Ansehen
genießen konnte, der nicht zur Verrichtung von schwerer Arbeit genötigt war.
Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn sich dies als das neue
Selbstbewusstsein der Arbeitslosen durchsetzen würde, statt dass sie
beschämt und gedemütigt ein möglichst unauffälliges Schattendasein führen,
das Schattendasein der viel zu Vielen, die ihrer Vielheit wegen nicht nur
nichts wert, sondern eine gesellschaftliche Zumutung sind. Sie wären dann
zwar immer noch materiell schlecht gestellt, aber sie könnten selbstbewusst
eine neue kritische Öffentlichkeit begründen, in der sie sogar den im
Arbeitsprozess drangsalierten und vollständig erpressbaren Mitbürgerinnen
und Mitbürgern die kritische Stimme der nicht mehr Erpressbaren leihen
könnten. Darin könnten sie übrigens von den Alten unterstützt werden, die
auch keine Arbeit mehr zu verlieren haben: eine große Koalition der
nicht-erpressbaren Nichteinverstandenen.

Ich bin mir vollständig darüber im Klaren, dass ich mir mit diesem Szenario
den Vorwurf des Sozialromantizismus einhandle. Also: Mit welchen lieb
gewordenen Denkgewohnheiten müssten wir noch brechen, um dieser abwegigen
Vorstellung zur Glaubwürdigkeit zu verhelfen? Wir müssten uns abgewöhnen,
den Arbeitslosen das ihnen vom Noch-Sozialstaat gewährte karge Salär zu
missgönnen, wir müssten aufhören, sie ihres Nichtstuns wegen scheel
anzusehen. Tatsächlich hätten wir allen Grund, die Nicht-Arbeiter und
Nicht-Arbeiterinnen fürstlich zu honorieren, denn sie schädigen die
Gesellschaft bei weitem weniger als diejenigen, die ihre Arbeitskraft in den
Dienst des großen "Weltverbesserungsprojekts" der Moderne stellen, das in
Wahrheit unsere Lebensgrundlagen vollständig zerstört. Aber ebenso
tatsächlich gehört es natürlich zu den Spielregeln der modernen
Gesellschaft, gerade denjenigen Macht, Autorität und Erfolg zuzuerkennen,
die die Gesellschaft am nachhaltigsten schädigen, die den meisten das meiste
vorzuenthalten vermögen. Wir müssten also die Verteilung von Schaden und
Nutzen neu bedenken.

Der Gesellschaft und der Natur schaden in diesem Sinn nicht nur die 220
Reichsten der Welt, die sich den halben Globus unter den Nagel gerissen
haben, nicht nur die Tausende von Wissenschaftlern, die ihren Lebenssinn und
ihren Ruhm darin suchen, fieberhaft die militärischen Vernichtungspotenziale
zu raffinieren, auch nicht nur die "exzellenten Köpfe" in den
Biotechnologien, die die Menschen und alles, was sonst kreucht und fleucht
und wächst und gedeiht, aller Kreatürlichkeit berauben und zum Rohstoff
ihrer hybriden Konstruktionsabsichten machen wollen, und auch nicht nur die
neuen Zyniker im großen Agrobusiness, die eine Apokalypse des Hungers
vorbereiten, indem sie das Saatgut so manipulieren, dass es nach einer Ernte
tot, also nicht mehr keimfähig ist und Jahr für Jahr neu gekauft werden muss
bei diesen Herren der Erde.

Wohlgemerkt, sie alle stehen in hohem gesellschaftlichen Ansehen.

Schädigend sind jedoch auch die Betreiber jener Professionen, die nach wie
vor auch moralisch einen guten Ruf genießen, die Repräsentanten der
Dienstleistungsberufe, die heilenden, lehrenden und helfenden Berufe
eingeschlossen, die sich schmeicheln, nichts als segensreich zu sein in
ihrem Wirken, während sie in Wahrheit eine entmündigende
"Expertenherrschaft" (Ivan Illich) aufrichten, die die Menschen der
Verfügungsgewalt über ihre eigenen Belange vollständig beraubt. Ich muss
mich nur in meiner eigenen Lebensgeschichte umsehen, um mich darüber zu
entsetzen, wie viele von den Lebens- und Sterbensverrichtungen, die in
meiner Kindheit noch ganz selbstverständlich in der Verfügung von jederfrau
und jedermann waren – von der Reparatur der Dinge des täglichen Bedarfs über
die Kurierung von Kinderkrankheiten bis zum Sterbebeistand -, heute in die
Zuständigkeit von Experten und Expertinnen fallen, die sie als
Dienstleistungsware feilbieten und jeden Versuch, davon keinen Gebrauch zu
machen, nicht nur mit professioneller Strenge entmutigen, sondern sogar
scharf sanktionieren.

Kurzum: Bei genauerem Hinsehen wird man feststellen, dass beinah alles, was
heute berufsmäßig an Arbeit verrichtet wird, menschheitsschädigend ist, und
zwar durch die Bank. Tatsächlich müssen nicht die Arbeitslosen sich die
Sinnfrage stellen lassen, sondern die Arbeitenden, und sorgfältige
Selbstprüfung würde sie mit einem eher bestürzenden Eindruck von der
Sinnhaftigkeit ihres geschäftigen Tuns konfrontieren.

Kommt noch hinzu, dass die Arbeitslosen, ihrer bescheidenen Alimentierung
wegen, auch die schlechteren Konsumierenden sind, und auch das macht sie,
wiederum gegen den Richtungssinn der ökonomischen Propaganda, zu "besseren,
will sagen: verträglicheren Menschen", denn ohne Frage verhalten sich, aufs
Große und Ganze und auf lange Sicht gesehen, diejenigen am freundlichsten
gegenüber den Nachkommen, die am wenigsten von dem verbrauchen, was sich
nicht von selbst erneuert.

Wäre aber so die Ehre der Arbeitslosen wiederhergestellt, dann bliebe immer
noch zu fragen, wie sie ihre zunehmende materielle Misere verbessern
könnten. Die einzige Antwort, die mir einleuchtet, lautet: "Eigenarbeit".
Eigenarbeit, das heißt, den Geldbedarf und die Geldabhängigkeit zu mindern
durch eigenes Tun und durch die Schaffung unmittelbar nützlicher
Gebrauchsgüter für den eigenen oder den nachbarschaftlichen Bedarf. Es wäre
ein anderer Gebrauch als der "Ein-Euro-Arbeitsdienst" von der überreichlich
vorhandenen Zeit der Arbeitslosen zu machen. Die viel zu viele Zeit wird von
den Arbeitslosen ja in der überwältigenden Mehrheit der Fälle gerade als
peinigend und peinlich empfunden und die Pflicht, sie totzuschlagen, als
noch belastender als die Maloche. Aber in ihr könnte eine reelle Chance
stecken. Denn Arbeit an sich ist ja keineswegs knapp, im Gegenteil, sie
liegt überall herum, man muss sie nur in Angriff nehmen. Knapp ist bloß die
bezahlte Arbeit, könnte man meinen. Und so scheint es doch nahe liegend, die
notwendigen Verrichtungen, in denen man sich als Lohnarbeiter durch andere
vertreten ließ, die wiederum damit ihren Lebensunterhalt verdienten, wieder
selbst in die Hand zu nehmen; und sei es auch aus Ungeübtheit zunächst ein
wenig stümperhaft. Aber Vorsicht, so einfach ist das nicht.

In einem studentischen Projekt, das sich über zwei Semester erstreckte, sind
wir intensiv der Frage nachgegangen, welche Möglichkeiten zur Eigentätigkeit
und zur Minderung des Geldbedarfs es in den Bereichen Nahrung, Kleidung,
Wohnung und Bildung in den modernen Gesellschaften gibt. Das deprimierende
Ergebnis unserer Nachforschungen: Die konsumistische Gesellschaft hat die
beiden in ihr favorisierten Existenzweisen, nämlich Warenproduktion und
Warenkonsumtion, so totalisiert, dass beinah jede andere nicht von solcher
Produktion und solchem Konsum beherrschte Tätigkeit erstorben ist. Nicht
zuletzt dadurch, dass es schlichtweg kaum noch Eigenarbeit gibt, die ihren
Einsatz lohnte. Jede Eigenarbeit wird durch Billigprodukte von vornherein
ins Unrecht gesetzt oder entmutigt.

* Meine Großmutter konnte noch aus zwei oder drei aufgeribbelten Pullovern
einen neuen stricken, der nichts kostete. Der war keinesfalls modisch, aber
warm, praktisch und haltbar. Heute kann man keinen gekauften Pullover mehr
aufribbeln. Und die Wolle, um einen zu stricken, kostet das Dreifache von
einem modischen Fertigteil aus chinesischer oder indischer Produktion.

* Die Bauern führen Klage, dass sie Milch nicht mehr zu dem Preis
produzieren können, den die Käufer/innen im Supermarkt dafür entrichten
müssen.

* Man kann so beschwerlich und asketisch reisen, wie man will, es wird immer
noch teurer sein als ein Last-Minute-Schnäppchen vom Reiseanbieter auf
Luxusniveau.

Es ist nicht mehr einfach, mit seiner Hände und seines Hirnes Arbeit etwas
herzustellen, das nichts oder weniger kostet als das, was im Supermarkt der
Billigangebote zu haben ist.

Und noch einer anderen Gefahr ist die Eigenarbeit ausgesetzt, nämlich der,
verwechselt zu werden mit der Schattenarbeit, die wir als Konsumierende in
immer größerem Umfang zu leisten gezwungen werden. Jene unbezahlte Arbeit,
die wir verrichten müssen, um wertdefiziente Waren oder Dienstleistungen so
aufzubessern, dass wir sie brauchen oder verbrauchen können.

Ivan Illich, der diese Art von Arbeit präzise analysiert und identifiziert
hat, schreibt: "Mit Schattenarbeit meine ich das neuzeitliche, unbezahlte
Komplement zur Lohnarbeit (...) jene Arbeit, die notwendig – oft
lebensnotwendig ist um fertige Ware für den Haushalt überhaupt erst
brauchbar zu machen. Diese Arbeit konnte es nicht geben, bevor aus dem
Haushalt, dem Ort des Unterhalts, ein Heim wurde, das nun Ort des Konsums
ist."[2] Schattenarbeit wird insbesondere im Dienstleistungssektor
geleistet. Schularbeitenhilfe für die Kinder, Transport der Kinder zu den
zahlreichen Nachmittagsbeschäftigungen, die Heimwerkerei von Ikea-Kunden,
das Warten im Sprechzimmer des Arztes, der Gang zur Berufsberatung, die
therapeutischen Maßnahmen, die notwendig werden, damit Kinder und
Erwachsenen ihren institutionellen Alltag überhaupt überstehen können, die
Wartung des Autos, die Bedienung des häuslichen Maschinenparks, die
Mülltrennung usw. usf. All dies sind Tätigkeiten, die nicht mir selbst oder
dem Mitmenschen gelten. Sie sind viel mehr ein Dienst an den Institutionen,
die den Menschen die Zuständigkeit für ihre eigenen Angelegenheiten
überhaupt erst entzogen haben. Durch Schattenarbeit richten sich die
Konsumierenden/Produzierenden selbst und gegenseitig für ihre Institutionen-
und Maschinentauglichkeit zu. Schattenarbeit macht immer mehr Teilprozesse
von Dienstleistungen, die wir ja bezahlen müssen, zur unbezahlten
Obliegenheit der Konsumierenden. Inzwischen müssen wir den Banken die Arbeit
durch Tele-Banking erleichtern, der Bahn AG durch die Selbstbedienung im
Internet, der Telekommunikation ihren Konkurrenzkampf durch penible
Preisvergleiche ermöglichen. Immer mehr Zeit muss in diese Handlangerei für
den Apparatus investiert werden, Zeit, die den Wohltaten, die wir einander
gewähren können, abgeht.

Ernüchtert und illusionslos ist also festzustellen, dass die Eigenarbeit in
der konsumistischen Gesellschaft nahezu chancenlos ist, und doch plädiere
ich dafür, alle Anstrengungen der Phantasie und alle Kraft des Gedankens
darauf zu richten, wie wir uns denn aus dem Würgegriff der großen Erpressung
befreien können, die uns mit dem Arbeitsplatzargument jegliches
Wohlverhalten und jegliche Unterwerfung abnötigen kann. Und
Freiheitsspielräume können wir nur zurückgewinnen, wenn wir unseren
Geldbedarf einschränken, auch wenn es so scheinen mag, als würden wir
Unabhängigkeit durch mehr Geld gewinnen. Mehr Geld hält uns aber in der
barbarischen Logik des "Faschismus des Geldes" (George Steiner) gefangen.

Bildung für einen tätigen Weltumgang

Es ist gerade die Dummheit, verstanden als bösartige Verweigerung des
Gedankens, die die Bedingung der Entstehung von Reichtum ist. Was allerdings
bedauerlicherweise nicht den Umkehrschluss zulässt, die Armen seien
notwendigerweise klug.

Zur Bildung gehört das Nachdenken, die Zeit für Um- und Abwege, das Bedenken
der Folgen des Gedachten, die Kritik und die Kritik der Kritik, das
Schlendern und Flanieren, die Umkehr und der Neuanfang, die verzweifelte
Einsicht, der ungegängelte Dialog, die Ziellosigkeit der Gedankenwege, die
Lust am folgenlosen Experimentieren, der beharrliche Zweifel und vieles
mehr. Zur Bildung und zur Erkenntnis gehört es, dass man ihr im Kreis von
Freunden und nicht im Umfeld von Konkurrenten nachgeht. Sobald ich meine
Bildung mit dem scheelen Blick auf den beargwöhnten Nebenbuhler
"vorantreibe", habe ich die Möglichkeit, mich zu bilden, Einsicht und
Erkenntnis zu gewinnen, bereits verspielt. Die Neugier, der Durst nach
Erklärung, Einsicht und Sinn weichen dem eisernen Willen zu siegen, Vorteil
zu ergattern und Position zu gewinnen. Folglich: Bildung und kapitalistische
"Vernunft" schließen einander kategorisch aus.

Die Konkurrenz spielt Nullsummenspiele. Der Erfolg des Einen ist die
Niederlage der Andern, mehr noch, je mehr Niederlagen ich anderen zufüge,
desto besser stehe ich da. Mein Erfolg bemisst sich im täglichen
Wirtschaftskampf gerade nicht nach der Qualität der erzeugten Produkte,
sondern nach der Zahl der aus dem Felde geschlagenen Konkurrenten. Je härter
die Konkurrenz, desto mehr werden der Notwendigkeit, auf diesem Schlachtfeld
zu siegen, alle Ziele, alle Inhalte, und alles Gemeinwohl geopfert. Eine
Vergleichgültigung unvorstellbaren Ausmaßes findet statt. Es kommt nicht
mehr darauf an, was ich mache, sondern lediglich darauf, was ich von mir
hermache. Unter dem Konkurrenzdruck wird Imagepflege zum ersten Erfordernis,
weshalb schon jetzt viele Unternehmen mehr Geld in die Werbung und
Akzeptanzforschung stecken als in die eigentliche Produktion. Aber nicht nur
Unternehmen, auch Politiker und Kirchenführer, Künstler, Entertainer und
Wissenschaftler strampeln sich ab in diesem Metier, um in die
"Bestsellerlisten" zu gelangen, sich besser zu verkaufen als andere. Der
Konkurrenzkampf kürt nicht die Besten und das Beste, sondern die
Raffiniertesten und Skrupellosesten, die die Verführungs- und
Verdummungskünste am virtuosesten beherrschen. Und er befördert nicht das
beste Produkt, sondern dasjenige, dem mit Hilfe raffiniertester
Werbestrategien der Nimbus, dass es beneidenswert mache, verpasst werden
konnte.

Wie aber ist es möglich, dass die ökonomische Unvernunft sich so
unangefochten als Vernunft behaupten kann? Wie ist es möglich, dass
Wachstum, Innovation, Arbeit und Konkurrenz sich in der opinio communis so
unbestritten als das Rettende, als der Königsweg in eine lebenswerte Zukunft
festsetzen konnten? Wie kommt es zu dieser gespenstischen Dynamik, die mit
dem Gutsein und Gutwerden der Welt und ihrer Bewohner gar nichts mehr zu tun
hat? Die Antwort auf diese Frage kann kurz ausfallen. Sie braucht nur vier
Buchstaben: GELD. Die Unterstellung, es könne alles, was von dieser – und
jener – Welt ist, mit einem Geldwert belegt werden, macht alles miteinander
vergleichbar, gegeneinander austauschbar, durcheinander ersetzbar, in seiner
Verwertbarkeit taxierbar und in seinem Daseinsrecht bestimmbar. Der Geldwert
vernichtet alle Singularitäten, alles Eigenwillige, Eigenständige und
Einzigartige und erklärt die Beliebigkeit zum Prinzip.

Aber diese Geldwerte, die allem und jedem angeheftet werden, sind nicht
real, sie haben keine Wirklichkeit, sie sind eine reine Fiktion, aber
dennoch wirksam, sie treiben eine leere Dynamik an; sie legen sich wie ein
Schimmelbezug auf die Welt der realen Dinge und Wesen. Sie begründen eine
von der Wirklichkeit losgelöste Parallelwelt, in der die Logik des Geldes
herrscht. In dieser Logik ist das ökonomische Kalkül "vernünftig". Geld ist
heute der wichtigste Indikator für das, was gilt. Aber der Geldwert ist
nichts, was den Dingen oder den Wesen oder den Phänomenen oder Begebenheiten
zu eigen ist. Geldwerte sind das Resultat einer Veranschlagung – "Was kost'
die Welt?" – und von Simulation, eine Gespensterwelt eben. Aber trotz oder
gerade wegen ihrer Leere verfügen sie über die Macht, die Wirklichkeit in
sich einzusaugen und sich selbst als äußerst wirkmächtig zu erweisen. Es
bedarf aller Anstrengung des widerborstigen Gedankens, um sich von dieser
Logik mit ihren tödlichen Folgen nicht ganz und gar irre machen zu lassen.

Nur in der Logik des Geldes konnte die Arbeit zu dem werden, was sie heute –
noch – ist, zur Ware. Allerdings stellen wir jetzt fest, dass sie noch
weiter herunterkommen kann. Ihre Warenförmigkeit ist noch nicht das
Endstadium ihrer Verunstaltung: Der Techniker, der meine Telefonanlage
reparierte, ist schon nicht mehr nur ein Arbeitnehmer, der seine
Arbeitskraft einem Unternehmer gegen einen schäbigen Gegenwert verkauft. Er
gehört bereits dem neuen Typus des "Arbeitskraft-Unternehmers" an, und der
muss viel mehr als seine Arbeitskraft verkaufen, nämlich sich selbst mit
Haut und Haar inklusive seiner Familie und allem, was sein ist. Im Gegenzug
darf er sich schmeicheln zur Unternehmerkaste zu gehören. Er ist Unternehmer
seiner selbst. Ihm wird Autonomie versprochen, er kann und soll sein
Arbeitsschicksal ganz in die eigene Hand nehmen; er sei sein eigener Herr,
wird ihm zugesichert, niemand werde ihm dreinreden. Nur zwei Vorgaben stehen
eisern fest: das Ziel, das ihm gesetzt ist, und der Zeitpunkt, zu dem das
makellose Resultat seiner unternehmerischen Bemühungen vorzuliegen hat. "Wie
Sie das machen, interessiert uns nicht." Und so wird ihm die volle
Verantwortung angedreht für die Markttauglichkeit seiner Offerte. Er muss
sich auf dem Laufenden halten, sein Angebot den Erfordernissen des Marktes
mit seismographischem Spürsinn anpassen, er muss sein eigener Zeitmanager
sein und seine Gesundheit stabil halten, er muss seine vollkommene Mobilität
gewährleisten und seine Familie bei Laune halten, er muss sein ganzes Leben
in den Dienst der pünktlich zu erledigenden Aufgabe stellen, mit seinen
Ersparnissen die Zeiten schlechter Auftragslage überbrücken und für sein
Alter vorsorgen. Wer dies Metier perfekt beherrscht, kann sogar mit
ansehnlicher Entlohnung rechnen. "Viele genießen zunächst die (...) Rolle
des high performer, vor allem in jungen Jahren macht die Probe auf die
eigene Belastbarkeit noch Spaß. Auch wer allmählich ahnt, dass das Tempo der
ersten Berufsjahre nicht durchzuhalten ist, mutet sich und den nahe
stehenden Menschen den Verzicht auf freie Zeit in der Hoffnung zu,
irgendwann werde die Balance gelingen. Gefangen im Selbstbild des Könners
fühlt man sich lange als 'Herr der Lage', verdrängt Zeitdruck und Stress wie
eine peinliche Krankheit, aber schon in mittleren Jahren wächst die Angst
..."[3]

Das alles ist wahrlich Grund genug, in Lafargues Verdikt über die Arbeit
einzustimmen. Aber die Konsequenz, die er daraus zieht, nämlich ein "Recht
auf Faulheit" zu proklamieren, will ich nicht mitvollziehen. Faulheit können
wir uns ja heute nur als das Komplement zur Arbeit vorstellen, als ein
vollkommen erschöpftes Nichtstun. Aber daraus entsprießen dem Menschen keine
Kräfte, Kräfte wachsen ihm vielmehr aus dem Tun, aus dem Tätigsein zu. Schon
Goethe wusste, dass die reife Persönlichkeit aus dem "tätigen Weltumgang"
erwächst, und George Steiner ahnt, dass uns ohne diesen tätigen Weltumgang
buchstäblich das Lachen vergeht, denn der Augenblick des großen Lachens
entspringe aus überstandener Mühsal und aus dem Gelingen einer
selbstgesetzten Aufgabe zum eigenen Nutzen und zum Wohle anderer.

Anmerkungen

[1] Lafargue, Paul (1980; Original 1891): Das Recht auf Faulheit, Edition
Sonne und Faulheit, S. 21.
http://www.wildcat-www.de/material/m003lafa.htm

[2] Illich, Ivan (1982): Schattenarbeit. In: Ders.: Vom Recht auf
Gemeinheit, Rowohlt Verlag, S. 76.
http://de.pluspedia.org/wiki/Schattenarbeit

[3] Kadritzke, Ulf (Juli 2005): Übernächtigt in Seattle. Die neue Arbeit
enteignet die Zeit, in: Le Monde diplomatique, S. 9.
http://monde-diplomatique.de/pm/2005/07/08.mondeText.,a0062.idx,12

--

Streifzüge 36/2006. Eine längere Fassung dieses Beitrags befindet sich in:
Losarbeiten – Arbeitslos?, hg. von Andreas Exner, Judith Sauer, Pia
Lichtblau, Nora Hangel, Veronika Schweiger, Stefan Schneider, in Kooperation
mit Attac, Unrast-Verlag, Münster 2005.
http://www.unrast-verlag.de/unrast,2,220,7.html




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