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taz - 26.03.2012

Das Krisenmanagement der Atomindustrie

Frau Hashimoto erzählt ein Lehrstück

Atomreaktoren erzeugen vor allem Geld. Die Börse meldet: "Tokio heiter". Wie 
sich das alles für eine ganz normale japanische Bürgerin anfühlt, erzählt Frau 
Hashimoto

Von Gabriele Goettle

Seit am 11. März 2011, nach Erdbeben und Tsunami, im japanischen AKW Fukushima 
die Kernschmelze eintrat, Brände ausbrachen, Reaktoren explodierten und der 
Super-GAU seinen Lauf nahm, werden die Bürger Japans und die Weltöffentlichkeit 
systematisch im Unklaren gehalten. Umfang und Ausmaß der Katastrophe werden 
bagatellisiert, die Bevölkerung wird ihr ungeschützt preisgegeben. Gäbe es 
nicht mutige Experten, wir wüssten bis heute nicht, dass die Explosion des 
Reaktors 3 (am 14. März) mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Kernexplosion war, 
mit Freisetzung auch von Plutonium. (Block 3 war mit den sogenannten 
MOX-Brennelementen bestückt, die besonders gefährlich sind durch ihre 
nanopartikelgroß zermahlene plutoniumhaltige Füllung.) Und wir wüssten auch 
nicht, dass die eigentliche Katastrophe erst noch bevorsteht. Sie tritt dann 
ein, wenn in der baufälligen Ruine von Reaktorblock 4 das offen liegende 
Abklingbecken vom 5. Stockwerk hinab in die Tiefe stürzt. Es ist nicht nur 
dicht gefüllt mit abgebrannten Kernbrennstäben, drinnen liegt auch der für 
Wartungsarbeiten ausgelagerte Reaktorkern.

Die Lage ist außer Kontrolle, es herrscht längst Ausnahmezustand. Aber nicht 
Militär und Polizei marschieren auf, um Panik und Gewaltausbrüche einzudämmen, 
sondern eine medial inszenierte, narkotisierende Normalität. Sie wurde über das 
ganze Land verhängt. Sie sorgt für Ruhe, öffentliche Sicherheit und Ordnung. 
Die Börse meldet: "Tokio heiter".

Wie sich das alles für eine ganz normale japanische Bürgerin anfühlt, erzählt 
Frau Hashimoto. Ich lernte sie durch Vermittlung von Sebastian Pflugbeil kennen 
und schlug ihr einen Mail-Briefwechsel vor, angesichts des ersten Jahrestages. 
Hier Auszüge aus ihren Briefen.

--

Sonntag, 19. Februar 2012, 5.42 Uhr. Aus Japan

Liebe Frau Goettle, vielen herzlichen Dank für Ihre Mail vom 17. Februar. 
Selbstverständlich bin ich gerne bereit für Ihre Fragen und den Briefwechsel. 
Dann könnte ich vielleicht anfangen in der Art eines Tagebuches?

Aufgewachsen bin ich in Tokio, dort habe ich nach der Schule Germanistik 
studiert. Ich habe eine ältere Schwester, sie ist Klavierlehrerin. Heute, 2012, 
bin ich 54 Jahre alt. In den 80er Jahren habe ich für 2 Jahre in Freiburg 
gelebt. Es war eine sehr schöne Zeit für mich.

15 Jahre wohnte ich mit meiner Familie - meinem Mann, er ist 55 Jahre, und 
meiner inzwischen 14-jährigen Tochter - in der Präfektur Fukushima, in der 
Kleinstadt Miharu, etwa 50 Kilometer entfernt vom AKW Fukushima Daiichi.

Die Präfektur Fukushima, mit etwa 2 Millionen Einwohnern, ist eine von 47 
Präfekturen und gehört zu Nordjapan. Es ist ein sehr schönes Land, eine der 
fruchtbarsten Regionen Japans, reich an Natur, agrarisch geprägt. Auch wenn man 
selbst kein Bauer ist, haben viele Leute kleine Gemüsegärten oder Ackerfelder 
für den eigenen Verbrauch. Wir lieben solch eine Lebensart und diesen 
Lebensrhythmus. Ich war vorher ganz selten im Supermarkt zum Gemüsekaufen. 
Miharu hat, bzw. hatte, 20.000 Einwohner. Der Name bedeutet "drei Frühlinge", 
weil hier die Plaumen-, Pfirsich- und Kirschbäume gleichzeitig blühen. Der 
kalte Winter ist lang, früher freute man sich auf den dreifach schönen 
Frühling. Miharu ist in ganz Japan sehr bekannt durch seinen berühmten, über 
1.000 Jahre alten Kirschbaum. Er ist 12 Meter hoch, seine Krone umfasst 20 
Meter und sein Stamm ist 9 Meter dick. Jährlich kamen mehr als 300.000 
Besucher, um ihn blühen zu sehen. (Als er heranwuchs, starb Roswitha von 
Gandersheim und in Japan wurde der Zen-Buddhismus eingeführt. Anm. G. G.)

Mein Mann ist Heilpraktiker (Lizenz für Akupunktur). Er hat sich spezialisiert 
auf ostasiatische Naturheilkunde und betreibt eine eigene Praxis in unserem 
Haus. Vor vier Jahren haben wir uns dieses Haus neu gebaut, ein Holzhaus. 
Zusammen mit einem erfahrenen Zimmermann haben wir es intensiv geplant. Er hat 
es dann innerhalb von einem Jahr nach der traditionellen japanischen Bauart 
errichtet und mit möglichst wenig Chemie und Kunststoff. Bei einfachen Arbeiten 
konnten wir ab und zu mithelfen. Nach dem Einzug haben wir uns dort sehr wohl 
gefühlt, obwohl wir noch 20 Jahre lang Schulden abbezahlen müssen für das Haus. 
Aber wir konnten in diesem schönen Haus kaum zwei Jahre miteinander leben. 
Fukushima war für unsere Tochter nicht mehr sicher. Mein Mann ist dageblieben, 
er will seine Patienten weiter betreuen.

Unser Zimmermann und auch die Handwerker wohnten in dieser Küstenregion, die 
heute Sperrzone ist. Sie alle haben ihre Häuser verloren und leben heute über 
verschiedene Orte verstreut. Überall ein trostloser Ameisenumzug. Unser Alltag 
ist total verloren gegangen!

Weiteres möchte ich morgen schreiben ...

Im Moment des Erdbebens

So, ich bin wieder am Schreibtisch.

Im Moment des Erdbebens - die Erde hat auffällig lange gebebt - war ich allein 
zu Hause. Es war kurz vor 3 Uhr. Meine Tochter war bei ihrer Freundin, mein 
Mann war mit dem Auto unterwegs. Die Telefonverbindungen funktionierten danach 
nicht mehr. Zum großen Glück haben wir uns innerhalb der nächsten zwei Stunden 
zu Hause wieder getroffen. Erst abends konnten wir im Fernsehen die Nachricht 
von dem Tsunami sehen. Wir waren sprachlos vor Entsetzen.

Am nächsten Tag - es war Samstag - hat mein Mann einen Bekannten getroffen, der 
schon lange in der Anti-AKW-Bewegung ist. Er erzählte, dass das AKW Fukushima 
Daiichi katastrophal beschädigt worden sei. Die Regierung hatte an diesem 
Morgen die Evakuierungszone von 3 auf 10 Kilometer erweitert. "Nur zur 
Sicherheit", wie man sagte. Nachmittags hat ein anderer Freund darauf 
hingewiesen, dass wir, schon allein wegen unserer Tochter, besser weit weg 
Zuflucht suchen sollten.

Die Entscheidung, sofort Miharu zu verlassen oder zu bleiben, war für uns nicht 
leicht. Keiner wusste Genaueres, alles Undenkbare war möglich. Allein ein 
Drehen der Windrichtung konnte darüber entscheiden, ob es richtig oder falsch 
war, in eine bestimmte Richtung zu flüchten, da ungeheuerlich stark verseuchte 
Wolken über die Region gezogen sind. Aber offiziell wurden wir über die 
gefährliche Lage und ihre Bedeutung gar nicht informiert.

Viele Menschen haben sich sorglos in der Region bewegt und waren der Strahlung 
schutzlos ausgeliefert. In einigen Städten gab es wegen des Erdbebens kein 
Wasser, die Leute - auch viele Kinder - haben draußen Schlange gestanden für 
Trinkwasser, weil jeder nur 4 Liter bekommen konnte.

Am Nachmittag des 12. März haben wir uns dann entschlossen, unseren Wohnort zu 
verlassen und weit in den Südwesten zu fahren. Während wir in aller Eile die 
nötigsten Sachen packten, hörte ich im Fernsehen die Nachricht von der ersten 
Explosion im AKW.

Die Autobahnen waren gesperrt, auf den Landstraßen waren große Staus, es hat 
lange gedauert, bis wir die Nachbarpräfektur erreicht hatten. Es war wirklich 
sehr schwierig, zuverlässige Infos zu bekommen, und unterwegs, in jedem fremden 
Ort, einen Internetzugang zu finden, war ein Problem. Mit einigen 
Zwischenstationen sind wir nach 4 Tagen in Osaka angekommen, es liegt ca. 700 
Kilometer von den Reaktoren entfernt. Als ich endlich einen Anschluss für 
meinen PC hatte, war meine Mailbox voll. Ich bin unseren Freunden sehr dankbar, 
die uns rechtzeitig Hinweise gegeben haben. Besonders die Informationen aus 
Deutschland haben uns schockiert, ich konnte anfangs diese Nachrichten nicht 
glauben. Die offiziellen japanischen Verlautbarungen waren andere. Später habe 
ich gehört, dass bei uns ein freier Journalist, der am 12. März die 
Kernschmelze erwähnt hat, damals der Mittelpunkt des Tadels geworden ist und 
fast "verfolgt" wurde.

Ich habe dann einige andere Mütter angerufen und gemahnt, dass die Lage 
schlimmer sein könnte, als offiziell bekannt gegeben wird; dass es besser wäre, 
mit den Kindern weit weg Zuflucht zu suchen. Ich konnte aber keine einzige 
Mutter überzeugen und es verstörte mich sehr, dass sie nur auf die offiziellen 
japanischen Nachrichten hören. Außer in einigen kleinen Kommunen sind nirgendwo 
Jodtabletten an die Kinder verteilt worden. Später erfuhren wir, dass das 
gesamte Krisenmanagement des Staates und der Präfektur nicht funktionierte. Es 
gab ein einziges Chaos. Aber die Bürokratie funktionierte!

Es ist schon spät. Morgen schreibe ich weiter ...

Schulbeginn in Fukushima

In Japan beginnt das Jahr im Frühling. Das neue Schuljahr beginnt im April, das 
heißt, die Schüler werden im April in die nächste Schulklasse versetzt. Das 
neue Geschäftsjahr fängt auch im April an. Seit dem Erdbeben hatte es keinen 
Schulunterricht mehr in Fukushima gegeben. Ende März habe ich eine Mitteilung 
von der Schule erhalten, die besagte, dass alle öffentlichen Schulen in 
Fukushima außerhalb der 20-Kilometer-Sperrzone ganz normal am 6. April wieder 
beginnen. Obwohl die Reaktoren zu diesem Zeitpunkt weiterhin in 
unvorhersehbaren Zuständen havarierten.

Ende März hat eine Elterngruppe in Fukushima, der Hauptstadt der Präfektur, die 
Strahlendosis auf den Schulhöfen gemessen. Dabei wurden erschreckende 
Ergebnisse gefunden. Obwohl die Eltern verlangten, dass auf allen Schulhöfen 
die tatsächliche Kontamination erfasst wird, hat der Schulunterricht dann doch 
pünktlich am 6. April begonnen. Dann erst, parallel zum Schulbetrieb, hat die 
Präfekturverwaltung angefangen zu messen.

Bei 75 Prozent aller öffentlichen Schulen und Kindergärten in der Präfektur 
(außerhalb der Sperrzone) war die Kontamination so stark, dass sich nach 
japanischem Gesetz dort eigentlich ohne Sondergenehmigung niemand aufhalten 
dürfte.

Wir waren in Osaka. Es war für mich schwer zu akzeptieren, nur wegen des 
Schulbeginns wieder nach Fukushima zurückzufahren. Aber unsere Tochter wollte 
unbedingt ihre Freunde wiedersehen. So sind wir zurück nach Fukushima gefahren.

Zwei Wochen nach Schulbeginn hat das Erziehungsministerium den Grenzwert für 
Kinder einfach auf 20 Millisievert pro Jahr erhöht, 20-mal höher als der 
ursprüngliche gesetzliche Wert. Dieser Wert entspricht in Deutschland der 
Höchstbelastung für Arbeiter in Kernkraftwerken. Wenn aber die Grenzwerte 
herabgesetzt würden, dann müssten noch mindestens zwei größere Städte evakuiert 
werden. Das wollte die Administration aus finanziellen und bürokratischen 
Gründen auf keinen Fall. Das Wichtigste für die Behörden war, den Alltag in 
Fukushima möglichst schnell wieder normal erscheinen zu lassen. Wem das nicht 
gefällt, der soll bitte auf eigene Faust wegziehen, aber er wird dann auch 
keine Entschädigung bekommen. Ab Mitte April ist in Fukushima eine große 
Protestbewegung entstanden, ebenso wie in ganz Japan, die Mütter haben sich 
zusammengeschlossen. Gemeinsam mit verschiedenen Experten wurde Widerspruch 
erhoben gegen den neuen Grenzwert, Eltern haben das "Fukushima-Netzwerk zum 
Schutz von Kindern" gegründet, um sich auszutauschen und mit den Behörden zu 
verhandeln.

Während dieser Zeit haben wir in großer Aufregung und Erschütterung ratlos 
dagestanden. Und wir haben uns gefragt, wie groß ist der Einfluss von Tepco auf 
die Politiker? Dass unsere Regierung uns nicht die Wahrheit gesagt hat, dass 
die tatsächliche Gefahr verschwiegen wurde, das hat vieles in tragischer Weise 
noch verschlimmert. Denn es hat nicht nur unsere Gesundheit in Gefahr gebracht, 
es hat uns Menschen auch getrennt und unsere Beziehungen zerstört. Innerhalb 
der Nachbarschaft, in den Gemeinden, auf dem Arbeitsplatz und in den Familien 
gab und gibt es große Meinungsverschiedenheiten und unterschiedlichen 
Auffassungen über die Gefährlichkeit der Situation.

Frischer Rettich aus der Präfektur Fukushima

Dazu beigetragen haben auch drei meiner Ansicht nach gekaufte Experten, die als 
medizinische Berater in der Präfektur Fukushima eingesetzt wurden nach dem 
Unglück und die seitdem dort die Regeln bestimmen. Darunter ein bekannter Arzt, 
Prof. Sunichi Yamashita. Er behauptet, dass eine Dosis von 100 Mikrosievert pro 
Jahr unbedenklich ist, dass man lokale Lebensmittel essen kann, dass die Kinder 
ruhig im Freien spielen könnten und dass Menschen, die lächeln und glücklich 
sind, keine Strahlenschäden bekommen.

Wir wissen heute genau, dass auch die japanischen Medien unter großem Einfluss 
von Tepco und anderen Stromversorgern stehen, allein schon wegen der riesigen 
Werbeeinnahmen. Wir sind quasi auch von unseren eigenen Medien verraten worden!

Ende Mai - wir waren noch in Fukushima - habe ich mitten im Supermarkt ratlos 
dagestanden. Milch, Eier, Gemüse, Fleisch, waren lediglich gekennzeichnet als 
"Inlandprodukte". Nur bei den frischen Rettichen stand "aus der Präfektur 
Fukushima oder Chiba". Aber auch Chiba war nicht mehr schadensfrei. Egal, 
welchen Rettich ich genommen hätte, ich hatte eigentlich keine Wahl mehr. Ein 
großer Schrecken hat mich plötzlich ergriffen und ich habe beschlossen, ich 
will keinen einzigen Tag mehr an diesem Ort bleiben. Ich bin schnell vom 
Einkaufen nach Hause gegangen, habe ganz ernsthaft mit meiner Tochter 
gesprochen und bald sind wir zu meinen Eltern gezogen. Die beiden sind schon 
über 80 und wohnen etwas außerhalb von Tokio. Mein Vater war Elektroingenieur 
bei der Bahngesellschaft, die damals noch staatlich war, meine Mutter war 
Hausfrau.

Der Abschied von ihren lieben Freunden und von der vertrauten Welt zu Hause hat 
meine Tochter sehr traurig gemacht. Sie kann nicht verstehen, dass sie zu ihrem 
Schutz weg musste, während ihre Freunde fast alle blieben, und sie nicht weiß, 
was mit ihnen dort passiert. Viele der weggezogenen Kinder leiden unter einem 
schlechten Gewissen und sind nicht glücklich. Aber wie sollen sich die 
empfindlichen Kinder denn fühlen, wenn sie so hilflos und verlassen sind? Ich 
dachte, wir müssen noch mal ernsthaft die Kinderaussiedlung vorschlagen!

Letzten Juni wurde die Stadt Koriyama durch eine Elterngruppe von 14 Kindern 
verklagt (eine provisorische Maßregel). Der Grund ist, dass die Stadt die 
Schüler illegalerweise dazu gezwungen hatte, trotz der hohen Strahlenbelastung 
die Schule zu besuchen. Koriyama hat 340.000 Einwohner und ist die größte 
Wirtschaftsstadt Fukushimas. Obwohl sie mehr als 60 Kilometer von den Reaktoren 
entfernt liegt, ist sie auch sehr stark kontaminiert. Nach den Erfahrungen von 
Tschernobyl ist das besonders auch für die Kinder gesundheitsschädlich. Wenn 
die Richter unabhängig von der politischen Einflussnahme hätten urteilen 
können, dann hätte die Elterngruppe den Prozess gewinnen müssen. Die Klage 
wurde abgelehnt, mit total vernunftwidrigen Begründungen. Der Rechtsanwalt der 
Elterngruppe will versuchen, diesen Prozess nach der internationalen 
Zivilentscheidung beurteilen zu lassen. Wir brauchen Hilfe und Unterstützung 
von der ganzen Welt!

Im August 2011 haben sich Kinder aus Fukushima in Tokio direkt bei der 
Regierung beschwert. Vier Kinder haben ihre Beschwerde vorgelesen. Meine damals 
13-jährige Tochter war eines dieser Kinder, sie hat unter anderem gesagt: "Sie 
haben die Grenzwerte um das 20-fache angehoben und sagen uns, es bestünde keine 
Gefahr. Das glaube ich nicht! Diese Art der Problemlösung kann von uns 
Mittelschülern und Schülerinnen nicht akzeptiert werden. Werden die Leben der 
Menschen aus Fukushima geringer geschätzt als das Geld?!"

Wir verlangen jetzt zwei dringende Schutzmaßnahmen für unsere Kinder: eine ist 
die Evakuierung der Kinder an sichere Orte. Auch Tokio ist nicht schadensfrei 
und sicher. Dass die großen Firmen und Banken nach Osaka umziehen, ist ein 
deutliches Signal. Die zweite Forderung lautet: systematische Kontrolle über 
die Verstrahlung der Nahrungsmittel. Und gleichzeitig wollen wir eine 
endgültige Entscheidung zum Atomausstieg!

... Es ist 11 Uhr nachts. Bei Ihnen 7 Uhr morgens? Ohayou.

2-mal im Monat Besuch

Wir sind im Dezember 2011 in die Stadt Matsumoto (etwas westlich von Tokio, 
240.000 Einwohner) in der Präfektur Nagano umgezogen. Hier wohnen wir zur Miete 
in einem Haus mit Garten. Meine Tochter hat sich in der Schule in Tokio nicht 
wohlgefühlt. Es scheint, dass sie hier gleich gute Freunde finden konnte, und 
sie geht wieder fröhlich zur Schule. Das macht uns sehr glücklich. Ich habe 
hier noch keine Bekannten. Ich bin seit 5 Jahren Reiseleiterin für 
deutschsprachige Japanbesucher. Man braucht eine staatliche Lizenz dafür. Im 
letzten April hatte ich eine 3-wöchige Reise mit 25 Gästen durch Japan vor mir, 
sie wurde aber storniert wegen des Unglücks. Danach gab es fast keine Arbeit 
mehr für uns. Letzten Herbst hatte ich ein Ehepaar aus der Schweiz. Sie waren 
nett, aber die Arbeit hat mir keine Freude mehr gemacht. Ich bin nicht in der 
Lage, über irgendwelche Schönheiten eines alten Tempels zu erzählen, während 
die Kinder in Fukushima tatsächlich verstrahlt werden. Und auch dem Paar konnte 
ich kein Restaurant sorglos empfehlen. Ich hätte viel lieber über unsere wahren 
Gegebenheiten erzählt. Ja, vielleicht ist das mein Problem, dass ich momentan 
kein anderes Thema akzeptieren kann. Meine Tochter wird oft wütend darüber.

Nach diesen 12 Monaten sind wir alle arg müde. Mein Mann sieht heute viel älter 
aus als vorher - nach so großen Umständen, so vielen Fahrten, und so vielen 
Kämpfen. Er findet mich auch scheußlich strapaziert und gealtert. Wir haben 
aber einige kleine Erleichterungen.

Wir haben ein kleines gebrauchtes Auto gekauft für den Transport. In 
japanischen Kleinstädten ist das öffentliche Verkehrssystem nicht optimal. Was 
mir aber am meisten fehlt, ist mein ganzer normaler Alltag. Mit meiner Familie 
frühstücken, einfach plaudern oder etwas planen oder etwas kochen und liebe 
Freunde einladen. Ich dürste danach!

Ein verdoppelter Haushalt ist viel Aufwand. Mein Mann versucht 2-mal im Monat 
uns zu besuchen. Wenn er mit dem Auto fährt, sind das 400 Kilometer durch die 
Berge, mit kleinen Pausen, ca. 6 Stunden. Mit dem Zug muss man über Tokio 
fahren, da dauert es von Tür zu Tür 7 Stunden und es ist teurer. Er hat eine 
Patientengruppe in Yokohama, die er auch schon vorher regelmäßig besucht hat. 
Er arbeitet viel. Mein Mann hat mir gesagt, dass er schon mit mehr als 1.300 
Betroffenen gesprochen hat bei seinen Self-Care-Seminaren, die er in Fukushima 
mit Unterstützung einer NGO macht seit dem Unglück. Teilnahmegebühr ist 
meistens gering oder frei. Die Einwohner sind bereits gesundheitlich 
beschädigt. Kinder haben Durchfall, Nasenbluten, Husten, Halsschmerzen 
andauernd. Älteren Leuten sind meistens ihre Füße geschwollen, man zögert, ohne 
Bedürfnisse spazieren zu gehen. Hauptthema ist zum Beispiel: Stärkung des 
Immunsystems. Aber er befürchtet, dass die bedenklichen Folgen tatsächlich erst 
noch zum Vorschein kommen werden.

... Ich unterbreche jetzt.

Es ist sehr trostlos

Ja. Es ist sehr trostlos. Meine Eltern sind Buddhisten, mein Mann stammt aus 
einem shintoistischen Haus. Religion spielt aber heute für manche Leute keine 
große Rolle mehr. Trotzdem merkt man doch ab und zu, dass man sich nach der 
buddhistischen Lehre benimmt, man sein "Dogma" unterbewusst tief im Blut hat. 
Vor einer unüberwindlichen Naturkatastrophe wie Erdbeben und Tsunami fühlt man 
sich, als ob menschliche Arbeit nur Schein wäre. Man wünscht sich eine 
wesentliche ursprüngliche Ebene zurück, um sich zu trösten. Aber die 
Atomkatastrophe ist keine Naturkatastrophe, sie ist eine aus der hochmütigen 
Leichtfertigkeit der Menschen entstandene, unnatürliche und technische 
Katastrophe. Der Shintoismus basiert auf einer animistischen Grundidee, nach 
der die Kraft der Natur als heilig und ehrwürdig angesehen wird. Bei der 
Atomkatastrophe haben wir ein ganz anderes Gefühl, es gibt keinen Trost, da 
kann kein Glaube den Menschen helfen, da besteht keine Ehrfrucht.

Ich habe vor Kurzem bei einer Veranstaltung in Osaka Dr. Hida gesehen. Haben 
Sie von ihm gehört? Er ist ein Internist von 94 Jahren, Hibakusha-Arzt und 
Organisator. Er hat mit 24 in Hiroshima die Atombombe erlebt. Jetzt kümmert er 
sich um die Fukushima-Kinder. In der Schule haben wir sehr wenig gelernt über 
Hiroshima und Nagasaki. Gleich nach dem Kriegsende haben die USA versucht, alle 
Informationen über die Opfer unter Kontrolle zu halten und keine Einzelheiten 
nach außen dringen zu lassen. Sie haben den Ärzten verboten, dass sie über die 
Zustände und Symptome sprechen. Es gab Druck und Bedrohung dazu. Wir merken 
jetzt, dass wir heute ebenso wenig erfahren haben nach der Reaktorkatastrophe 
über die radioaktiven Belastungen und die dadurch verursachten Erkrankungen. 
Diese werden in gleicher Weise von unserer eigenen Regierung und den Behörden 
vertuscht. Wir wissen immer noch nicht, welche Kernelemente ausgeströmt sind 
und wie viel davon. Wir haben große Sorge, was mit den havarierten Reaktoren 
weiter passieren wird. Wir werden immer nur beruhigt. Am vergangenen Sonntag 
hat der traditionelle Tokioer Marathonlauf stattgefunden. 36.000 Läufer.

Aber Tokio ist nicht schadensfrei! Es ist nicht zu verstehen. Auch letztes Jahr 
wurden erstaunlicherweise bei vielen Schulen in Fukushima die Sportfeste 
draußen veranstaltet, wie immer. Solche hoffnungslos unflexiblen Denkweisen 
sind fast kriminell!! Die Politiker behaupten auch, dass die Verbrennungen von 
radioaktivem Müll keine großen Probleme verursachen würden. Sie sagen, das sei 
für die Orte im Norden hilfreich, bitten die Gemeinden um Verständnis und 
darum, den Schmerz zu teilen. Und der Müll wird verbrannt, auch in weit 
entfernten, schönen Gebieten, wo noch keine Strahlenbelastung angekommen ist; 
auch weil das Geld wichtiger ist als das Leben, wie meine Tochter gesagt hat. 
Mein Mann erzählte, dass ein riesiges Budget nach Fukushima fließt, man sagt, 
es wird alles dafür getan, dass die Evakuierten wieder zurückkehren können. Die 
Dekontaminierungsarbeiten und der Rückbau sind Big Business für die nächsten 
Jahrzehnte. Besonders ärgern uns Gerüchte, dass Tepco-Tochtergesellschaften 
sich einen großen Anteil am Gewinn sichern. Das alles wird uns auch noch gute 
Steuern kosten. Es schneit gerade wieder, aber frühlingshaft, unsere kälteste 
Zeit ist vorbei. Die Zedern-Pollen sind schon überall in der Luft. Es gibt 
große Mahnungen - nicht nur für Allergiker -, dass die Pollen in diesem Jahr 
sehr gefährlich sein können, durch Radioaktivität, die sie transportieren!

... So, langsam gehe ich ins Bett. Oyasuminasai (gute Nacht)

Verseuchte Waren auf den Markt

Von den Lebensmitteln will ich noch schreiben. Tokio ist vor allem bei seinen 
Lebensmitteln sehr abhängig von den umliegenden Präfekturen, bisher auch von 
Fukushima und Nordjapan. In der Zwischenzeit wurden viele Messstationen 
eingerichtet, auch in Tokio und in Matsumoto, wo ich im Supermarkt einkaufe, 
und bei den Verkaufsstellen der Bauern. Die offiziellen provisorischen 
Grenzwerte für Lebensmittel sind viel zu hoch angesetzt, so dass alles 
"unbedenklich" ist und die verseuchten Waren auf den Markt gebracht werden 
können. Die Herkunft wird hier angegeben und man vermeidet automatisch, 
Produkte aus Fukushima zu kaufen. Aber es gibt eine Kampagne, auch im 
Fernsehen, Produkte aus Fukushima zu essen, den Schmerz zu teilen. In manchen 
Supermärkten ist oft eine große Fahne aufgehängt, darauf steht "Never give up, 
Fukushima!!" Unerträglich.

Ich höre auch oft Gerüchte, dass große Mengen an Produkten aus Fukushima im 
Lager übrig geblieben sind, wegen der Messungen beiseite geschoben wurden, oder 
von dem Markt zurück geschickt. Sie würden heimlich auf den Märkten verkauft 
und in den Restaurants angeboten. Man kann das nur schwer kontrollieren. Wir 
essen heute sehr selten Fisch. Ja, wir müssen bei allem skeptisch sein. Wir 
wissen nicht, ob das Wasser in Matsumoto gründlich untersucht worden ist oder 
nicht. Ich kaufe Wasser in Flaschen, Wasser aus unseren Alpengebieten oder 
Volvic aus Frankreich. Es gibt wirklich keine Ruhe mehr seit einem Jahr. Am 
Sonntag ist Jahrestag!

... Ich werde später weiterschreiben. Bis nachher.

Einmal heulend lachen

Verzeih, es hat etwas länger gedauert. Gestern zum Jahrestag, war ich hier bei 
der Demonstration. Freunde waren da. Auf dem Podium wurden die Reden gehalten 
und genau um 14.46 Uhr war ein stilles Gedenken an die Opfer und das Ereignis 
damals. Danach gab es mit vielen Menschen und vielen Transparenten eine 
Demonstration durch die Stadt. Ich fühlte das gemeinsame Mitgefühl bei allen.

Wir sind ziemlich verzweifelt - da ist nicht nur die Katastrophe des AKWs, 
sondern auch die unmenschliche, kalte und trostlose Haltung der Behörden uns 
gegenüber, die alles noch viel schlimmer macht. Ich empfinde eine große 
Enttäuschung gegenüber unserer bisherigen Gesellschaft, über die absolute 
Bürokratie der Behörden, über den offensichtlichen Betrug von Tepco, über das 
gesamte hierarchische Entscheidungssystem und über den gründlichen Gehorsam, 
die das Verantwortungsbewusstsein des Einzelnen vernebeln können. Und auch über 
die Medien, die dabei helfen, indem sie falsche Behauptungen und optimistische 
Vorstellungen verbreiten, mitten in der Katastrophe.

Sie können unseren Protest aber nicht verhindern! Wir stehen hier in Japan 
jetzt an einem Wendepunkt, viele Fachleute und Mitbürger denken nun anders, 
äußern öffentlich ihre Meinung, wollen einen endgültigen Atomausstieg. Viele 
Mütter sind sehr aktiv. Wir müssen unsere Kinder und nächste zukünftige 
Generationen schützen, das ist unser gemeinsames Ziel, zu allererst!! Leider, 
optimistisch kann ich nie sein, aber wenn wir jetzt hier in Matsumoto 
wenigstens eine Aufenthaltsmöglichkeit für Fukushima-Kinder aufbauen können und 
dadurch die Kinderaussiedlung gefördert wird, würde ich einmal heulend lachen!

Ich verabschiede mich nun und wünsche Ihnen einen schönen Frühlingstag. 
Arigatou (danke schön) für Ihr großes Interesse an Fukushima, auch an alle, die 
dies lesen. Viele liebe Grüße, Masako Hashimoto

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Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass die Atomreaktoren vor allem eins 
erzeugen, nämlich Geld. Energie ist nur ein Nebenprodukt. Der Nutznießer, die 
Atomindustrie, ist ein weltweit operierendes totalitäres Finanz- und 
Machtkartell, das sich bei der Durchsetzung seiner Interessen von nichts und 
niemandem aufhalten lässt. Die Atomindustrie ist verflochten mit den 
Weltkonzernen und steuert Regierungen, Organisationen, Wissenschaft und 
Massenmedien beim Vorantreiben ihrer Multimilliardengeschäfte. Die radioaktiven 
Spuren dieser Geschäfte hinterlässt sie auf dem gesamten Erdball. In allen 
Lebewesen, in Boden, Wasser, Luft. So, wie sie alles andere managt, managt sie 
auch eine nukleare Katastrophe.

Gabriele Goettle

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