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Der Tagesspiegel - 25.03.2012

Interview 

"Wohlergehen lässt sich nicht nur am Wachstum messen"

Der Umweltdiplomat der UN, Achim Steiner, zur Konkurrenz zwischen Weltgipfel 
und Fußball-EM, zum brasilianischen Waldgesetz und dem Ende der Polarisierung 
zwischen Staat und privat

Von Dagmar Dehmer

Achim Steiner (50) ist in Brasilien geboren, hat aber zusätzlich auch einen 
deutschen Pass. Um die Jahrtausendwende leitete er die Weltkommission für 
Staudämme. Die Kommission hat Kriterien erarbeitet, um große Wasserkraftwerke 
weniger zerstörerisch zu machen. Von 2001 bis 2006 war Steiner Chef der größten 
Naturschutzorganisation der Welt, der International Union für Conservation of 
Nature (IUCN). Die Organisation mit Sitz in Genf erstellt die Roten Listen 
aussterbender Tier- und Pflanzenarten. Seit 2006 ist Steiner Chef des 
UN-Umweltprogramms Unep in Nairobi. Sein Vorgänger war Klaus Töpfer. Steiner 
ist maßgeblich an der Vorbereitung des Weltgipfels in Rio im Juni 2012 
beteiligt.

Tagesspiegel: Vom 20. bis 22. Juni findet in Rio der dritte Weltgipfel [1] 
statt. Gleichzeitig findet eine Fußball-Europameisterschaft statt. Hat der 
Rio-Gipfel gegen Fußball eine Chance?

Achim Steiner: Es ist ja wenigstens nur eine Fußball-Europameisterschaft. Der 
Rest der Welt, wo vier Fünftel der Menschheit leben, wird nicht in den Stadien 
und jeden Tag vor dem Fernseher sitzen. Die größte Herausforderung für diesen 
Gipfel wird sein, dass er mitten in einer Wirtschaftskrise stattfindet. Die 
gegenwärtige Staatsverschuldungskrise liegt offen zutage.

Darunter liegen aber längerfristige Herausforderungen wie Energiesicherheit, 
Nahrungsmittelsicherheit, Arbeitslosigkeit, wirtschaftliche Entwicklung, für 
die ein solcher Gipfel genau der richtige Augenblick und die richtige Plattform 
ist.

Welche Rolle spielt das Gastgeberland Brasilien für den Gipfel?

Ich mache mir Sorgen, dass Brasilien seine Rolle nur recht zaghaft einnimmt. 
Wenn ein Land die Welt zu einem solchen Gipfel einlädt, ist es wichtig, eine 
aktive Rolle zu spielen. Hier erwartet die Welt in den kommenden Wochen noch 
ein viel konkreteres Konzept, wie sich das Gastland auf höchster Ebene in den 
Verhandlungsprozess einbringen kann. Es braucht die Führungsstärke des 
Gastgeberlandes, aber auch beispielsweise der Europäer und der Bundesregierung. 
Mit der Einladung alleine ist es jedenfalls nicht getan. Diesem Erwartungsdruck 
muss Brasilien, aber auch die internationale Staatengemeinschaft gerecht 
werden. Sonst wird dieser Gipfel lediglich eine Konferenz sein. Dafür gibt es 
keinen öffentlichen Bedarf. Es muss ein Gipfel sein, der mit konkreten 
Ergebnissen neue Impulse gibt.

In Brasilien selbst ist die Entwicklung widersprüchlich. Einerseits hat es 
Brasilien geschafft, die Entwaldungsrate zumindest zu reduzieren. Auf der 
anderen Seite diskutiert das Parlament gerade über ein Waldgesetz, das im 
Ergebnis zu einem gewaltigen Waldverlust führen kann. Wäre es nicht eine 
schwere Hypothek für den Gipfel, wenn dieses Gesetz noch kurz vorher 
verabschiedet würde?

Brasilien verdient großen Respekt für das, was es in den vergangenen zehn 
Jahren geschafft hat. Es hat seine wirtschaftliche Entwicklung erfolgreich 
vorangetrieben und dabei gleichzeitig die Armut bekämpft. Und es hat in der 
ökologischen Bilanz durch eine konsequente Waldschutzpolitik im Amazonas etwas 
Erstaunliches geschafft: Kein anderes Land hat im Vergleich zu einer 
unveränderten Entwicklung, also Business as usual, mehr Kohlendioxid eingespart 
als Brasilien. Dass in Brasilien kontrovers über das Waldgesetz diskutiert 
wird, ist in einer Demokratie legitim. Es macht uns aber auch große Sorgen. 
Würden die Regelungen in diesem Gesetzesvorhaben aus der unteren 
Parlamentskammer so umgesetzt, wäre das ein sehr besorgniserregendes Signal für 
die Nachhaltigkeit der brasilianischen Forstpolitik. Ich glaube, wir haben alle 
ein Interesse daran, dass diese Diskussion so offen wie möglich geführt wird. 
Aber man sollte vorsichtig sein, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Auch in 
Deutschland scheinen wir bereit zu sein, Weltkulturerbe für eine Brücke zu 
opfern oder Landstriche, die zu den schönsten in Deutschland gehören, mit einer 
Autobahn zu durchkreuzen.

Wir haben zudem einen Vizekanzler und Wirtschaftsminister, der als 
Überlebensstrategie für seine Partei das Mantra "Wachstum, Wachstum, Wachstum" 
ausgegeben hat. Mit dem Konzept einer "Grünen Wirtschaft" werben Sie für eine 
Wirtschaftsweise, die das Naturkapital der Erde im Blick behält. Hat ein 
solches Konzept eine Chance, angesichts des bisherigen Totalversagens?

Ich will erst mal das Totalversagen hinterfragen. Auch wenn die Bilanz unter 
dem Strich immer noch unzureichend ist, sollten wir nicht übersehen, dass in 
manchen Bereichen Erstaunliches geleistet worden ist. Ich möchte da auch auf 
die deutsche Energiepolitik hinweisen. Weltweit wird wahrgenommen, dass eine 
Exportnation wie Deutschland es innerhalb von 15 Jahren geschafft hat, ein 
Fünftel seines Stroms mit erneuerbaren Energien zu decken. Und das ohne Verlust 
der Wettbewerbsfähigkeit. Im Gegenteil, Deutschland geht es heute 
wirtschaftlich besser als vor zehn Jahren. Vor zehn oder 15 Jahren galt das 
noch als Zukunftsillusion. Das sollte man trotz der tagespolitischen Debatten 
nicht übersehen. Wir unterschätzen auch den Übergang der Investitionen von den 
fossilen Brennstoffen hin zu den erneuerbaren Energien. Wir haben 2010 weltweit 
mehr als 210 Milliarden Dollar Investitionen in erneuerbare Energien gesehen. 
Das ist mehr als in den Öl-, Gas- und Kohlekraftwerkssektoren zusammen. Es ist 
aber auch klar geworden, dass wir damit nicht weiterkommen werden, wenn wir 
diesen Übergang nicht ordnungspolitisch unterstützen. Genau darin liegt die 
Herausforderung der Diskussion über das Wirtschaftswachstum. Das Wohlergehen 
einer Nation an einem so unpräzisen Maßstab wie dem Wachstum des 
Bruttoinlandsprodukt alleine zu messen, ist nicht mehr vertretbar. In Rio wird 
auch darüber diskutiert werden, welcher Indikator nicht nur das quantitative, 
sondern auch das qualitative Wachstum abbilden kann. Beispielsweise die Frage, 
wie viele Arbeitsplätze werden pro Milliarde investierter Euro geschaffen - 
nach Schätzungen des Unep-Green-Economy-Berichts [2] schaffen die Erneuerbaren 
bis zu 30 Prozent mehr Arbeitsplätze. Das Wohlergehen einer Gesellschaft kann 
man nicht nur mit dem Indikator Wachstum messen oder gestalten.

In Deutschland gibt es seit mehr als 20 Jahren eine umweltökonomische 
Gesamtrechnung [3], die von den Entscheidungsträgern regelmäßig ignoriert wird. 
Seit zehn Jahren gibt es eine Nachhaltigkeitsstrategie [4] mit einem dutzend 
Indikatoren, an denen ihr Fortschritt gemessen werden soll. Auch die wird kaum 
beachtet. Nur das Bruttoinlandsprodukt wird ernst genommen.

Auch in Deutschland gibt es sehr unterschiedliche Interessen und Widerstand 
gegen Veränderung. Aber so absolut wäre mein Urteil nicht. Denn wir haben einen 
gesellschaftspolitischen Konsens, der in vielerlei Hinsicht anders aussieht als 
vor zehn Jahren. Bei Unep haben wir in den vergangenen Jahren viel Energie 
darauf verwendet, wie wir präziser die Nachhaltigkeit unserer Volkswirtschaften 
bewerten können. Dazu gehört auch die Bewertung des Naturkapitals eines Landes. 
Deutschland hat 2008 die Initiative TEEB [5] zur Ökonomie von Ökosystemen und 
Biodiversität angestoßen, mit der versucht worden ist, die 
Ökosystemdienstleistungen der Natur - also Wälder, Flüsse, Böden - zu 
beziffern. Wir müssen den Wert der Natur auch ökonomisch erfassen können, damit 
wir in der Finanz- und Wirtschaftspolitik nicht die Fehler der Vergangenheit 
wiederholen.

In Großbritannien muss künftig bei Gesetzen auch eine Rechnung über den 
Naturverlust vorgelegt werden. Wird das Wirkung entfalten?

Allein dass Länder inzwischen solche Rechnungen anstellen, zeigt, dass das 
Problembewusstsein gestiegen ist und der Handlungsbedarf gesehen wird. Die 
Europäische Union, Brasilien und Indien stellen ähnliche Analysen an. Das sind 
zwar immer noch kleine Fortschritte, aber Sie bilden das Fundament einer 
ökologischen Wirtschaftspolitik.

In Rio soll zum wiederholten Mal der Versuch gemacht werden, das Umweltthema 
auch innerhalb der Vereinten Nationen zu stärken und aus dem Umweltprogramm 
zumindest mal eine Organisation zu machen. Wie stehen die Chancen dafür?

Höher als je zuvor. Europa hat das seit Jahren gefordert. Aber jetzt stehen 54 
afrikanische Staaten hinter der Forderung. Zum ersten Mal fordert ein ganzer 
Kontinent von Entwicklungsländern eine konsequentere Umweltpolitik von den UN. 
Insgesamt sind rund 130 Länder für eine institutionelle Aufwertung. Es gibt 
aber auch eine Reihe von Ländern, die eine Stärkung der globalen Umweltpolitik 
zwar unterstützen, aber dem Vorschlag für eine Weltumweltorganisation noch mit 
Skepsis begegnen. Wie so oft bei Gipfeln ist das eine Verhandlungsfrage, die im 
Gesamtpaket gelöst werden wird. In Rio wird das eine der wichtigsten 
Diskussionen sein.

Im Rückblick lässt sich der Erdgipfel in Rio 1992 [6] als die Phase 
beschreiben, in der man glaubte, der Vorteil globaler Kooperation werde 
weltweit erkannt. Deshalb wurden die Klimarahmenkonvention, die Konvention zum 
Schutz der biologischen Vielfalt und die Wüstenkonvention mit der Hoffnung auf 
konkrete Erfolge verabschiedet. Ein Irrtum. Zehn Jahre später beim Weltgipfel 
in Johannesburg wurde das Heil in Privat-Staatlichen Partnerschaften gesucht, 
etwa 400 wurden auf den Weg gebracht, von denen nach meinen Recherchen 
lediglich zwei Hände voll auch tatsächlich irgendwie arbeiten. In welcher Phase 
sind wir jetzt?

Da bin ich optimistisch. Diese sehr ideologisierten Ansichten, dass entweder 
der Staat alles regeln kann und muss oder der Markt alles regeln wird, haben 
uns über zwei oder drei Jahrzehnte in eine unproduktive Polarität geführt. 
Tatsächlich verändern sich Gesellschaften anders. Deutschland ist mit dem 
Modell der sozialen Marktwirtschaft ein interessantes Beispiel. Wir haben eine 
Tradition, Ordnungspolitik als integralen Bestandteil einer Marktwirtschaft zu 
begreifen. Durch die Finanzkrise ist deutlich geworden, dass die 
Marktwirtschaft allein eben nicht in der Lage ist, alle gesellschaftlichen 
Fragen durch Angebot und Nachfrage zu regeln. Das schafft eine pragmatischere 
Sicht auf die Zukunft. Die Übergänge zu einer ökologischeren, aber auch sozial 
faireren Gesellschaft bedürfen der Ordnungspolitik. Sonst kann der Markt nicht 
in eine Richtung gelenkt werden, die uns erlaubt, Entwicklung im Sinne der 
Menschen zu gestalten. Der Mehrwert für den Aktienbesitzer ist eine viel zu 
verengte Sichtweise für eine Weltgesellschaft mit sieben Milliarden Menschen. 
Die Regierungen haben einen Bedarf, bei Foren wie den G-20-Gipfeln oder nun 
auch in Rio die gemeinsamen Linien für eine internationale Politik zu 
formulieren, denn alleine im Wettbewerb gegeneinander lassen sich diese 
Probleme nicht lösen.

[1] http://www.earthsummit2012.org/
[2] http://www.unep.org/greeneconomy/greeneconomyreport/tabid/29846/default.aspx
[3] 
http://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/UmweltoekonomischeGesamtrechnungen/Umweltindikatoren/IndikatorenPDF_5850012.pdf
[4] 
http://www.bundesregierung.de/Webs/Breg/nachhaltigkeit/DE/Nationale-Nachhaltigkeitsstrategie/Nationale-Nachhaltigkeitsstrategie.html
[5] http://www.teebweb.org/
[6] http://www.un.org/geninfo/bp/enviro.html
[7] http://www.johannesburgsummit.org/html/basic_info/basicinfo.html

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