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MDR Fernsehen - 30.05.2012 Tote Tiere, kranke Menschen Rätselraten um einen tückischen Erreger Tausende tote Rinder, erkrankte Landwirte und ruinierte Bauernhöfe. Eine geheimnisvolle Tierkrankheit breitet sich aus. Während Wissenschaftler quer durch Deutschland über die Ursachen streiten und die Behörden Entschädigungen wegen ungesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse verweigern, spielen sich auf vielen Höfen Dramen ab. Für Familie Kuder im Vogtland begann das Unheil 2006. Die Kühe im Stall wurden immer apathischer, litten an Muskel- und Atemschwäche. Viele Jahre wusste Mario Kuder [1] nicht, woran seine Tiere erkrankt waren. Erst 2010 fand [2] die Tierärztin und Mikrobiologin Monika Krüger [3] von der Uni Leipzig die Ursache: Chronischer Botulismus, eine Krankheit, die bis heute Rätsel aufgibt. Denn in den letzten zehn Jahren erkrankten nicht nur Tiere, sondern auch Landwirte. Mario Kuder hat gerade einen längere Kur hinter sich. Er ist arbeitsunfähig, leidet unter Muskelschmerzen und allgemeiner Schwäche. Warum sprechen einige Wissenschaftler mittlerweile von einer neuen Seuche, während andere abwiegeln? Wieso erkranken auch Menschen? Ist die Krankheit übertragbar? Warum lassen die Behörden betroffene Landwirte wie Mario Kuder im Stich [4], wenn es um Entschädigungszahlungen aus der Tierseuchenkasse geht? Was ist Botulismus? Der akute Botulismus ist eine lebensbedrohliche Krankheit, die meist durch verdorbenes Fleisch hervorgerufen wird. Es ist eine spezielle Form der Lebensmittelvergiftung, die durch ein Bakterium entsteht, welches den Giftstoff Botulinumtoxin produziert. Seit mehr als zehn Jahren wird eine sich ausbreitende Rinderkrankheit beobachtet, durch die manche Milchbetriebe ihren gesamten Bestand an Tieren verloren haben. Wissenschaftler vermuten, dass es sich hierbei ebenfalls um Botulismus handelt, hervorgerufen durch das Bakterium Clostridium Botulinum - aber eine chronische Verlaufsform. Offenbar sind auch Landwirte davon betroffen. Was ist chronischer Botulismus? Bis auf die Knochen abgemagerte Kühe, die wenig später verenden. Wildtiere, die sich kaum auf den Beinen halten können, immer wieder zusammenbrechen. Landwirte und ihre ruinierten Bauernhöfe. - Auf vielen Höfen spielen sich Dramen ab. Während Wissenschaftler über die Ursachen der Tierkrankheit streiten, verweigern Behörden Entschädigungen und suchen die Schuld bei den Tierhaltern. Aber sogar diese erkranken mittlerweile an der tückischen Krankheit. Mehrere Wissenschaftler vermuten, dass die Krankheit von dem gefährlichen Erreger "Clostridium Botulinum" verursacht wird, der das gefährlichste aller natürlichen Gifte, "Botulinumtoxin", erzeugt. Nur unter bestimmten Bedingungen, vor allem unter Sauerstoffabschluss, produziert er sein Gift. Bei der chronischen Form des Botulismus wird dieser Hypothese zufolge Botulinumtoxin nach der Aufnahme von Bakterien oder ihrer Sporen, etwa über das Futter, im Magen-Darm-Trakt gebildet. Die Tiere sterben nicht sofort daran, aber ihr Bewegungsapparat ist beeinträchtigt. Bei der chronischen Form des Botulismus wird das Gift also möglicherweise im Tier gebildet. Genauso erfolgt, dieser Theorie zufolge, die Erkrankung bei den Landwirten. Gibt es eine Verbindung zwischen den Erkrankungen von Mensch und Tier? Die Symptome sind identisch, Mensch und Tier leiden unter Lähmungen und Störungen der Muskelkraft, erklärt [5] Prof. Dirk Dressler von der Medizinischen Hochschule in Hannover: >> Es ist dasselbe Krankheitsbild wie bei den Rindern. Es kommt zu der >> dauerhaften Beeinträchtigung eines Organismus mit Botulinumtoxin. Die >> Ausfallerscheinungen sind einerseits im Muskelsystem des Menschen, es kommt >> also zu Lähmungen. Andererseits kommt es zu Ausfällen im Bereich des >> autonomen Nervensystems, das heißt, es könnten Blasenstörungen, Störungen >> der Pupillenmotorik, Schluckstörungen oder auch Veränderungen des Schwitzens >> bei den Patienten auftreten. Die ersten Fälle der ominösen Krankheit traten Mitte der 90er-Jahre in Norddeutschland auf. Niels Bratrschovsky [6] war wohl der erste Landwirt in Deutschland, den diese Krankheit seine Existenz als Milchbauer kostete. Er besaß Hunderte Milchkühe. Heute findet sich auf seinem Hof keine einzige mehr. Ab 1995 blieben die Kühe einfach liegen, die Kälbersterblichkeit wurde extrem hoch, frisch abgekalbte Jungtiere verendeten einfach. Innerhalb von vier Jahren starben dem Bauern 850 Rinder weg. Sein Sohn und seine Frau weisen Nervenschädigungen auf, die sie mit der Tierkrankheit in Verbindung bringen. Ein weiterer betroffener Landwirt, Heinrich Strohsahl [7], bewirtschaftete mit seinen beiden Söhnen an drei Standorten mehr als 1.000 Milchkühe. Auch seine Tiere erkrankten an chronischem Botulismus. Als auch noch die beiden Söhne erkrankten, musste die Familie den Milchbetrieb aufgeben. Der Kampf, den diese Männer über Jahre ausgefochten haben, hat sie zermürbt. Dazu gehört auch der Kampf gegen die Behörden. Sie haben sich in ihrer Hilflosigkeit an Politiker gewandt und Ministerien angeschrieben. Doch geholfen wurde ihnen nicht. Sie bekamen auch keine Entschädigung. Über die Jahre starben die Tiere und keiner wusste warum. Den Landwirten wurde nur bescheinigt, dass es keine Tierseuche sei. Demzufolge bezahlt die Tierseuchenkasse auch keine Entschädigung. Die Landwirte bleiben mit ihren Problemen allein. Erst jetzt, im Jahr 2012, soll eine Studie begonnen werden, die den Zusammenhang zwischen dem Rindersterben und dem Erreger Clostridium Botulinum klären soll. Dafür hat die Tierhochschule Hannover vom Bund Geld bekommen. Eine Studie, die auch schon vor zehn Jahren hätte durchgeführt werden können. Warum die Politik sich so unendlich viel Zeit gelassen hat, kann sich die Leiterin der neuen Studie, Professor Martina Hoedemaker [8], auch nicht erklären. -- LINKS [Red.] [1] http://www.freiepresse.de/-artikel7627236.php [2] http://www.swr.de/report/-/id=233454/nid=233454/did=6852548/mpdid=7008376/1yzbjdl [3] http://www.vmf.uni-leipzig.de/ik/wbakteriologie/pages/mitarbeiter.htm [4] Video (2 min): http://www.mdr.de/sachsenspiegel/video58418.html [5] Video (6 min): http://www.mdr.de/exakt/video58328.html [6] http://www.botulismus.org/ [7] http://www.taz.de/!75259/ [8] http://www.tiho-hannover.de/?id=1350 ----------------------------------------------------------------------- http://www.mdr.de/exakt/anfrage100.html Anfrage der Redaktion an das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz Frage der Redaktion: >> Warum spielen bei den Forschungsbemühungen hinsichtlich jenes chronischen >> Krankheitsgeschehens (bzw. "chronischem Botulismus") die Erkrankungen der >> Landwirte keine Rolle? Bereits im April 2011 hieß es, "die Datenlage zur >> Beurteilung des möglicherweise neuen Krankheitsbildes bei Menschen sei nicht >> ausreichend". Spräche dies nicht dafür, eben diese Datenlage zu verbessern? Antwort des Ministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz: >> In den vielfältigen Forschungsbemühungen in der Ressortzuständigkeit des >> BMELV geht es zunächst einmal darum, die Ursachen für einen beim Rind >> beschriebenen Symptomenkomplex zu klären und zu ermitteln, ob denn >> Clostridien überhaupt beteiligt sind. Dazu werden "gesunde" unauffällige >> Bestände und Bestände, die Symptome aufweisen, untersucht und miteinander >> verglichen (Fall-Kontroll-Studie). Nähere Informationen finden Sie hier: http://www.bmelv.de/SharedDocs/Standardartikel/Landwirtschaft/Tier/Tiergesundheit/SonstigeKrankheiten/ChronischerBotulismus_StandpunktBMELV.html (Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz*) -- Fragen und Antworten vom Institut für Risikobewertung >> Zur Humanmedizin - die bekanntlich außerhalb unserer Zuständigkeit liegt: >> Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie hat Anfang des Jahres im Deutschen >> Ärzteblatt eine Stellungnahme veröffentlicht, nach der das Vorkommen negiert >> wird. Mit anderen Worten: Ein Vorkommen des "chronische Botulismus" beim >> Menschen ist mindestens so umstritten wie das Vorkommen beim Rind. Das BfR >> hat zu dem Themenkomplex ein FAQ veröffentlicht, auf das wir verweisen >> möchten: http://www.bfr.bund.de/cm/343/fragen-und-antworten-zum-chronischen-botulismus.pdf (Institut für Risikobewertung - Fragen und Antworten zum chronischen Botulismus*) -- Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Neurologie >> Die Übertragung des bereits beim Rind seit zehn Jahren kontrovers >> diskutierten "chronischen Botulismus" auf den Menschen ist nicht >> nachgewiesen. http://www.dgn.org/component/content/article/23/1941-pressemitteilung-08022012.html (Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Neurologie*) * Der MDR ist nicht für den Inhalt externer Internetseiten verantwortlich! _______________________________________________________________________ ++ Weitergeleitet durch DNR Redaktionsbüro Fachverteiler für Mitgliedsverbände ++ Veröffentlichungsrechte bei den AutorInnen ++ Bitte insbesondere nicht auf Webseiten stellen ++ Bitte nur in eigener Organisation weiterleiten ++ Fachverteiler abbestellen: mailto:[email protected]?subject=keine-mails ++ Weitere Umwelt-Infodienste: www.dnr.de/umweltinfo ++ Umweltpolitische Monatszeitschrift: www.dnr.de/umwelt-aktuell ++ Bitte prüfen Sie, ob diese E-Mail wirklich ausgedruckt werden muss. 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