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Sonntag, 24. Juni 2012

Urin, der Dünger der Zukunft?

Urin gehört in den Boden und nicht ins Wasser. Statt ihn wegzuspülen und in 
Seen und Meeren ökologische Schäden zu verursachen, sollten wir ihn besser als 
Dünger verwenden, denn Harn ernährt Bodenlebewesen. Vom Rohstoff ist genügend 
vorhanden, nun braucht es nur noch ein Umdenken im Kopf

Von Beat Rölli

Seit Millionen von Jahren ist Urin ein wichtiger Teil des Ökosystems Boden. 
Lebendiger Boden kann kleine Mengen davon schnell aufnehmen und verarbeiten. 
Urin dient als Nahrung für Bodenlebewesen und fördert die Bodenfruchtbarkeit 
und die Humusbildung. Harn enthält viel Stickstoff, der wiederum wichtig für 
das Pflanzenwachstum ist, denn jede Zelle braucht Eiweisse und jedes Eiweiss 
braucht Stickstoff. Wenn wir im Garten Urin giessen, betreiben wir 
Kreislaufwirtschaft. Wir imitieren einen bewährten Prozess. In vielen Ländern 
wird seit Jahrhunderten mit Urin gedüngt, bei uns ist es verboten. Zeit, 
umzudenken!

Denn Urin und Kunstdünger führen zu zwei ökologischen Katastrophen. Zum einen 
führen Kot und Urin im Wasser zu Überdüngung und Verschmutzung von Flüssen, 
Seen und Meeren, viele Länder haben keine Kläranlagen. So gehen dem Land 
Nährstoffe für die Pflanzen verloren. Zum andern enthält Kunstdünger 
wasserlösliche Salze. Diese sind aggressiv und töten Bodenlebewesen ab, die 
natürliche Bodenfruchtbarkeit und die Humusbildung gehen zurück. Bei starkem 
Regen wird Kunstdünger ausgewaschen und Grund- und Oberflächenwasser 
verschmutzt. Es entsteht eine Durchlaufwirtschaft, die Gefahr von Hunger 
steigt. Hinzu kommt, dass jährlich mit hohem Energieaufwand und grosser 
Umweltbelastung Millionen von Tonnen Harnstoff für Dünger produziert und 
transportiert werden.

Dass wir keinen Urindünger verwenden, liegt an unserer Einstellung zu Harn. 
Viele Leute ekeln sich vor dem eigenen Urin, sie denken fälschlicherweise, er 
enthalte nur Abfallstoffe. Harn besteht aus Stoffen des Blutplasmas. Die 
Niere, wo der Urin zunächst entsteht, scheidet Substanzen aus, die im 
Blutplasma eine zu hohe Konzentration aufweisen. Deshalb befinden sich im Urin 
dieselben Substanzen wie im Blutplasma - nur in anderer Konzentration. Diese 
sind so wertvoll, dass Menschen Eigenurin als Medizin verwenden.

Die emotionale Abneigung gegen Urin ist in unserer Kultur tief verwurzelt. Da 
helfen meist die besten Argumente nicht weiter, sondern nur noch ein Trick: 
Wir machen den Urin unsichtbar und geruchlos, indem wir Holzkohlestaub hinein 
mischen. Dieser absorbiert Geruch und Farbe. Anschliessend wird die 
Flüssigkeit direkt als Dünger eingesetzt. Wenn Tomaten und andere 
Nahrungsmittel dann erst einmal wunderbar gedeihen und vorzüglich schmecken, 
kann man die Leute immer noch mit der unbequemen Wahrheit konfrontieren.

Holzkohle ist ein wertvoller Bodenverbesserer: Die sagenumwobene Terra preta 
der präkolumbianischen Amazonasindianer, eine von Menschen gemachte Erde, ist 
500 Jahre nach dem Verschwinden dieser Kultur noch immer fruchtbar. Terra 
preta bedeutet schwarze Erde. Sie ist schwarz, weil sie Holzkohle enthält. 
Holzkohle hat die chemische Eigenschaft, Mineralien, Wasser und viele weitere 
Stoffe zu binden und sie später an Pflanzenwurzeln abzugeben. Sie weist eine 
grosse Oberfläche im Verhältnis zum Volumen auf. Bakterien können diese 
Oberflächen besiedeln. Zudem kann Holzkohle über Jahrhunderte im Boden 
überdauern.

Um Urin als Dünger verwenden zu können, muss er von Fäkalien getrennt werden. 
Dafür sorgen «NoMix-Toiletten» (siehe Box). Der Urin läuft getrennt vom 
restlichen Abwasser in einen Sammeltank, die Fäkalien werden - wie gehabt - 
hinten weggespült. Der gesammelte Urin muss nur noch mit Wasser verdünnt 
werden (Verhältnis 1:10), damit er als Schnelldünger verwendet werden kann. 
Konzentriert würden die Pflanzen eingehen. Durch das Giessen mit Urin (1 bis 3 
Liter pro m²) wird Terra Preta übrigens wie ein Akku wieder aufgeladen. Den 
Urin kann man in dichten Kanistern oder Tonnen über Monate zur Verwendung 
lagern. Es wird denn auch eine halbjährige Lagerung empfohlen, damit Bakterien 
absterben.

Mit der neuartigen WC-Wirtschaft lassen sich Wasserverschmutzung vermeiden und 
die Nährstoffe und Mineralien kommen wieder dorthin, wo sie hingehören, 
nämlich in den Boden. Noch braucht das System Anwender. Sind Sie dabei?

Beat Rölli arbeitet hauptberuflich als Permakultur-Designer. In seiner 
«Permakultur Beratung» führt er verschiedene Kurse und Ausbildungen (dipl. 
Permakultur-Designer und Permakultur-Training) durch. Rölli lebt mit seiner 
Familie in der Ökosiedlung Unter-Grundhof in Emmen bei Luzern. Kontakt: B. 
Rölli, Emmen. Tel. 041 210?92?91, www.permakultur-beratung.ch




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