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Umweltschützer "blockieren" Waldzerstörung

Der Protest im Stile der internationalen Occupy-Bewegung richtete sich gegen
das von der Regierung ins Parlament eingebrachte Waldgesetz

Frank Stier 24.06.2012

Als Gott die Welt schuf, vergaß er Bulgarien. Auf sein Versäumnis aufmerksam
gemacht nahm der Schöpfer von jedem Land der Erde etwas und gab es den
Bulgaren. Mit diesem Schöpfermythos erklären sich die Bulgaren die
landschaftliche Schönheit und Vielfalt ihres Landes. Es verfügt mit der
Donau über einen mächtigen Strom, mit dem 2.925 Meter hohen Mussala über den
höchsten Berg auf der Balkanhalbinsel sowie über eine mehr als dreihundert
Kilometer lange Schwarzmeerküste. Und die bulgarische Hauptstadt Sofia rühmt
sich gar, Europas einzige Kapitale zu sein, die mit dem 2.290 Meter hohen
Vitoschagebirge über ein veritables Skigebiet direkt vor ihren Stadttoren
verfügt.

Ein gutes Drittel des bulgarischen Territoriums ist Teil des von der
Europäischen Union definierten Naturschutzgebiets Natura 2000 [1]. Damit
liegt Bulgarien weit über dem EU-Durchschnitt von 18%. Sogar Bären und Wölfe
sind bulgarischen Wäldern im Balkangebirge und in den mittelgebirgigen
Rhodopen noch heimisch. Doch die Idylle trügt; vor allem die Badeorte am
Meer wurden in den vergangenen Jahren zu in Beton gegossenen Mahnmalen der
Naturzerstörung. In der Folge des Immobilienbooms seit 2004 wurden viele
reizvolle Küstenstriche von Albena im Norden bis Zarevo im Süden mit
gigantischen Feriensiedlungen und Hotelburgen von zuweilen grotesker
Hässlichkeit zugebaut.

Als sich am Meer das Überangebot an Ferienimmobilien abzeichnete, verlagerte
sich die Bauwut der Investoren ins Gebirge. Heute ist das Pirin-Städtchen
Bansko, umgeben von einem Kranz neu errichteter Ferienwohnungen und Hotels,
ein städtebauliches Exempel für die spekulative Endphase vor dem Platzen der
Immobilienblase während der globalen Finanzkrise 2008. Derzeit steht jedes
zweite Hotel in Bansko zum Verkauf, sagen Immobilienmakler und halten die
Vermarktungsperspektiven für schlecht; vielen Verkäufern stehen wenige
Kaufinteressenten gegenüber.

Vor allem jüngere Bulgaren haben in den letzten Jahren immer wieder gegen
Naturzerstörung aus Profitinteressen protestiert. Zusammengeschlossen in der
Koalition von Bürgerinitiativen 'Da ostane prirodata v Bulgaria' [2] (Für
den Erhalt der Umwelt in Bulgarien) waren sie mehr als einmal erfolgreich in
ihrem Kampf gegen umweltgefährdende Immobilienprojekte, so in Iraklia, einer
der letzten verbliebenen intakten Meeresbuchten, und im Mittelgebirge
Strandscha an der türkischen Grenze. Doch jetzt, so scheint es, haben ihren
bisher wichtigsten Erfolg erzielt: Der im Januar 2012 ins Amt getretene
Staatspräsident Rossen Plevneliev hat "auf Druck der Straße" sein Veto gegen
die von der Regierung angestrebte Novellierung des Waldgesetzes eingelegt.

Über mehrere Tage hinweg blockierte ein vielhundertköpfiger, über Facebook
mobilisierter Flashmob die Adlerbrücke in Sofia, einen der zentralen
Verkehrsknotenpunkte der bulgarischen Hauptstadt. Der Protest im Stile der
internationalen Occupy-Bewegung richtete sich gegen das von der Regierung
ins Parlament eingebrachte Waldgesetz. Dieses sah vor, Waldgrundstücke
müssten nicht länger förmlich und gegen hohe Gebühren in ihrer Nutzung
umgewidmet werden, bevor sie beispielsweise mit Skiliften bebaut und als
Skipisten genutzt werden könnten. Künftig sollten Investoren unbürokratisch
und kostenlos Nutzungsrechte für Wald- und Wiesengrundstücke zur Errichtung
von Skigebieten erteilt bekommen können.

Der Streit um das Waldgesetz hatte seinen Anfang bereits im vergangenen
Herbst genommen. Damals gab der Skiliftbetreiber Vitoscha-Ski [3] der
Regierung unmissverständlich zu verstehen, sie werde ihre Liftanlagen im
bevorstehenden Winter nicht in Betrieb nehmen, sollte die Regierung das
Gesetz zu den Wäldern nicht in ihrem Sinne novellieren. Vitoscha-Ski sah
sich durch die in Bulgariens ältestem Naturpark Vitoscha geltenden
restriktiven Bebauungsregeln in ihren Plänen behindert, das Skigebiet zu
modernisieren und zu erweitern. Wegen der kompromisslosen Haltung von
Vitoscha-Ski mussten die Sofioter im vergangenen Winter trotz ungewohnt
guter Schneeverhältnisse darauf verzichten, auf ihrem Hausberg Ski zu
laufen.

Da die von der Regierung ins Parlament eingebrachte Gesetzesnovelle exakt
den Forderungen von Vitoscha-Ski entsprach, kritisierten Umweltschützer sie
als "lobbyistisch". Ministerpräsident Boiko Borissov wählte als Reaktion auf
die massiven Straßenproteste zunächst die Vorwärtsverteidigung: "Natürlich
ist das Gesetz lobbyistisch, es lobbyiert im Sinne der Skiläufer und
Snowboarder", erklärte er. Nach dem Veto des Präsidenten änderte er seine
Position. "Ich werde niemandem erlauben, meinen Namen zu beschmutzen und mir
Lobbyismus vorzuwerfen", sagte er. Auch warnte er die Umweltschützer vor
einer Instrumentalisierung ihres Protestes durch Regierungsgegner, doch sein
Innenminister Tsvetan Tsvetanov ging darüber noch hinaus: "Den guten
Absichten der Ökologen haben sich Subjekte angeschlossen, die mit der
vertretenen Philosophie nichts gemein haben", sagte er, "zwischen
schwangeren Müttern und jungen Mädchen" seien auch "Personen zu finden, die
Bulgariens kriminellem Kontingent angehören".

Mit dem Veto des Präsidenten gegen die investorenfreundliche Novellierung
des Waldgesetzes haben die Umweltschützer einen Etappensieg errungen, der
prinzipielle Streit um die angemessene Nutzung von Bulgariens Naturschätzen
dürfte indes weiter gehen. Bürger mehrerer Kurorte haben zuletzt für deren
touristische Entwicklung demonstriert; sie versprechen sich davon
Arbeitsplätze und wirtschaftlichen Wohlstand.

Anhang

Links

[1] http://www.ec.europa.eu/environment/nature/natura2000/index_en.htm
[2] http://www.forthenature.org
[3] http://www.skivitosha.com




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