junge Welt
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29.11.2012 

Hunger und Verwüstung

Lebensmittelspekulation, Land Grabbing und Agrotreibstoffproduktion: Drei
aktuelle Instrumente zur Renditemaximierung verursachen Nahrungsmangel und
Verödung von Böden 

Von Peter Clausing

Die DWS Investments, eine Fondsgesellschaft der Deutschen Bank, frohlockte
vor einiger Zeit auf ihrer Website: "Die rasant wachsende Weltbevölkerung,
(...) Land- und Wasserknappheit - all das sind Punkte, die für
überdurchschnittlich gute Perspektiven der Agrarwirtschaft sprechen." Derlei
Sprüche sind in der Welt der Investmentbanker inzwischen häufig zu finden.
Die Fondsmanager bieten den Investoren sogenannte Alpha-Renditen von bis zu
25 Prozent jährlich. Die Angst vor "Brotrevolten" (Food Riots), die in den
Jahren 2007/2008 die Welt erschütterten, scheint verflogen. Damals, als sich
die Preise für Reis, Mais und andere Getreidearten innerhalb von ein, zwei
Jahren verdoppelten oder gar verdreifachten, gab es Hungerproteste in über
40 Ländern [1]. Im Jahr 2009 reduzierten sich die Weltmarktpreise für
Nahrungsmittel auf das Durchschnittsniveau von 2007, aber seit 2011 liegen
sie sogar über dem Wert von 2008.

Doch wo bleiben die Proteste? In etlichen Ländern, die vor knapp fünf Jahren
zu den Hochburgen der Brotrevolten zählten, hat sich die gesellschaftliche
Situation erheblich verändert. Mexiko war das erste Land in der Serie dieser
Erhebungen. Dort wurde bereits im Herbst 2007 - medial als "Tortillakrise"
vermarktet - gegen die hohen Maispreise protestiert.

In Mexiko ist es inzwischen zu einer massiven Militarisierung des
öffentlichen Lebens gekommen. Der Anfang 2007 ausgerufene "Krieg gegen die
Drogenkriminalität", dem inzwischen über 60.000 Menschen, darunter eine
große Zahl unschuldiger Zivilisten, zum Opfer fielen, beherrscht das
öffentliche Leben. Auch in Haiti, ein weiteres Schwerpunktland der damaligen
Hungerproteste, hat die militärische Kontrolle der Gesellschaft zugenommen.
Das schwere Erdbeben im Januar 2010 bot unter dem Vorwand der Nothilfe die
Möglichkeit, die ausländische Militärpräsenz drastisch zu verstärken.

Andere Schwerpunktländer der Proteste zeigten wiederum, dass autoritäre
Herrschaft und militärische Kontrolle keine Garantie für "Ruhe und Ordnung"
darstellen: In Marokko, Tunesien, Ägypten, Jemen und Somalia hat es seitdem
teils dramatische, wenngleich widersprüchliche Veränderungen gegeben.
Insgesamt fand die Erkenntnis Bestätigung, dass Food Riots keine chaotischen
Gewaltausbrüche irrationaler Massen sind, sondern organisierte,
zweckbestimmte Aktionen. Dafür legte unter anderem der "arabische Frühling"
Zeugnis ab.

Wenn der Inder zweimal isst

Während es keinen Zweifel darüber gibt, dass die Preisexplosion vor rund
fünf Jahren zu den globalen Protesten führte, gehen die Meinungen über die
Ursache der Preisexplosion weit auseinander. Angela Merkel verkündete im
April 2008 öffentlich, dass die Menschen in Indien daran schuld seien, denn
dort nähmen neuerdings 300 Millionen Menschen eine zweite Mahlzeit am Tag
ein. Ähnlich, wenngleich politisch korrekter formuliert, wurde diese
Behauptung von der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie in
einer Stellungnahme für eine Anhörung [2] des Agrarausschusses des
Bundestages wiederholt, die am 27. Juni 2011 zum Thema "Spekulation mit
Agrarrohstoffen verhindern" stattfand: "Das aktuell relativ hohe
Weltmarktpreisniveau ist auf eine insgesamt eher knappe Versorgungssituation
aufgrund wachsender Weltbevölkerung und wachsenden Wohlstandes in Ländern
wie China, Indien und anderen (...) Schwellenländern zurückzuführen." Auch
Professor P. Michael Schmitz vom Institut für Agrarpolitik und
Marktforschung der Universität Gießen vertrat die Ansicht, dass sich die
Preisexplosion im Zeitraum 2007/2008 und der erneute Anstieg in 2010/2011
"weitgehend auf angebots- und nachfrageseitige Fundamentalfaktoren der
Agrarmärkte selbst" zurückführen lasse. Die "nachfrageseitigen
Fundamentalfaktoren" schließen die zweite Mahlzeit der Menschen in Indien
mit ein.

Dem halten die prominente Ökonomin Jayati Gosh und und ihre Kollegen
entgegen [3], dass solche Behauptungen unbegründet sind, denn a) habe es im
Vergleich zu früheren Jahren zwischen 2008 und 2011 kaum eine Veränderung im
globalen Nahrungsmittelverbrauch gegeben und b) sei die Beschuldigung
Indiens und Chinas völlig haltlos, denn sowohl der Gesamt- als auch der
Pro-Kopf-Verbrauch an Getreide sei in beiden Ländern in besagtem Zeitraum
nachweislich gefallen und nicht gestiegen. Die Autoren stellen nicht in
Abrede, dass auch Faktoren auf der Angebotsseite eine Rolle spielen und in
der Zukunft eine noch stärkere Rolle spielen werden. Dazu zählen die
Flächenkonkurrenz durch Agrotreibstoffe, steigende Inputkosten sowie
mittelfristig fallende Erträge aufgrund von Bodenzerstörung und Klimawandel.
Doch die Reduzierung der Preisproblematik auf Fundamentalfaktoren, wie sie
vom neoliberalen Hardliner Schmitz vorgenommen wurde, um Forderungen nach
einer Begrenzung von Spekulationsgeschäften abzuschmettern, ist mehr als
fadenscheinig.

Grundbegriffe und -prozesse

Um die kontroverse Diskussion zu verstehen, seien zunächst einige
grundlegende Begriffe und Prozesse erläutert. In der Welt des Handels gibt
es einerseits "Spotmärkte" (auch Kassamärkte genannt), also Handelsbörsen,
wo Angebot und Nachfrage unmittelbar aufeinandertreffen und Gekauftes sofort
- "on the spot" - bezahlt wird und den Besitzer wechselt. Hier kommen die
"Fundamentalfaktoren" (Ernteausfälle, Produktionskosten usw.) zur Wirkung,
die Angebot und Nachfrage bestimmen. Das Gegenstück dazu ist der
Terminhandel - ein Phänomen des Finanzmarkts, wo Großhändler zum Beispiel
Getreide (das erst noch geerntet werden muss) vorab zu einem Garantiepreis
kaufen und sich so gegen eine mögliche zukünftige Preissteigerung absichern.
Umgekehrt bieten die garantierten Preise den Produzenten eine Absicherung
gegen einen möglichen Preisverfall.

Terminhandel für Getreide gibt es seit Jahrhunderten, in Deutschland seit
160 Jahren. Dieser in einer marktgetriebenen Ökonomie an und für sich
sinnvolle Gedanke einer gegenseitigen Absicherung glättete in der
Vergangenheit Preisfluktuationen. Schon immer gab es branchenfremde
Spekulanten, die versuchten, sich durch Termingeschäfte zu bereichern.
Allerdings fielen sie früher, als das Handelsvolumen für Termingeschäfte
noch Beschränkungen unterworfen war, nicht übermäßig ins Gewicht. Doch neben
der zunehmenden Präsenz der traditionellen Spekulanten existiert seit etwa
einem halben Jahrzehnt eine neue Gruppe von Akteuren, sogenannte
Indexspekulanten, die darauf setzen, dass in einer Anlageklasse (hier
Nahrungsmittel) die Preise insgesamt steigen und die sich durch ein
gemischtes Anlageportfolio (= Index, z.B. Weizen, Mais und Soja) Gewinne
sichern wollen. In den USA sind mittlerweile branchenfremde Spekulanten der
"alten Schule" und Indexspekulanten zu je einem Drittel auf den
Terminmärkten für Getreide vertreten, das heißt, sie dominieren diese
Märkte.

Als weitere Unsicherheitskomponente kommt der außerbörsliche Handel
(Over-the-Counter, OTC) mit Agrarrohstoffen hinzu, dessen fehlende
Transparenz in Europa nahezu einhellig beklagt wird.

An dieser Stelle sei der Hinweis gestattet, dass in der neoliberalen Welt
von heute beinahe in Vergessenheit geraten ist, dass Hedging und die
Regulierung der Termin- und OTC-Märkte nicht die einzigen Möglichkeiten
sind, um Preisschocks zu verhindern. Bis zu den vom Weltwährungsfonds
diktierten Strukturanpassungsmaßnahmen galten in vielen Ländern des Südens
(und bis Ende der 1980er Jahre im sozialistischen Lager) für wichtige
landwirtschaftliche Produkte und Grundnahrungsmittel staatlich garantierte
Aufkauf- und zum Teil auch Verkaufspreise. In diesem Fall nahm der Staat die
unmittelbare Verantwortung wahr, übermäßige Preisschwankungen zu verhindern.
Heute hingegen sträuben sich die Regierungen der mächtigen Länder allein
schon dagegen, Terminmärkte und OTC-Handel einer strikteren Kontrolle zu
unterwerfen, um so ihrer Verantwortung zumindest mittelbar gerecht zu
werden. Diese Märkte, deren wichtigster die Chicagoer Rohstoffbörse ist,
sind seit der Jahrtausendwende zunehmend liberalisiert worden.

Spekulation und ihre Folgen

Im Kern geht die Diskussion um das Verhältnis von Liquidität und Stabilität
der Rohstoffmärkte. Marktfundamentalisten wie P. Michael Schmitz bestreiten
jegliche Schuld einer Spekulationen an der oben beschriebenen Preisexplosion
und insistieren, dass Spekulationsgeschäfte ein unverzichtbarer Bestandteil
für die Funktionsfähigkeit von Terminmärkten seien. Nach ihrer Ansicht ist
Spekulation die Voraussetzung für Liquidität der Märkte, sprich für die
Verfügbarkeit von genügend Geld, um die Wirksamkeit der oben beschriebenen
Absicherungsfunktion der Termingeschäfte zu gewährleisten.

Das zweite Argument zur Verteidigung der Spekulation entstammt der "Theorie
der effizienten Märkte", derzufolge die Händler an den Terminmärkten belohnt
würden, wenn sie zu Preisen handeln, die die Fundamentaleffekte mehr oder
weniger korrekt abbilden, und vom Markt bestraft würden, wenn sie verzerrte
Preise verwenden würden. Auf diese Weise würden sich die Preise an den
Terminmärkten nicht nur automatisch an die von den Fundamentalfaktoren
bestimmten Preise angleichen, sondern sogar eine für die Teilnehmer der
physischen Märkte wichtige Vorhersagefunktion ausüben.

Die Theorie der effizienten Märkte ist immer wieder heftig kritisiert
worden, angefangen von John Maynard Keynes über Nobelpreisträger wie George
Akerlof und Daniel Kahneman bis zu Jayati Gosh. Der wichtigste Kritikpunkt
ist die real stattfindende Preisverzerrung, die im harmloseren Fall durch
initiale "psychologische" Faktoren bei den Händlern, kombiniert mit dem im
Finanzsektor typischen "Herdentrieb", ausgelöst werden. Im schlimmeren Fall
handelt es sich um gezielte Manipulationen durch "Finanzkolosse" wie Goldman
Sachs oder die Deutsche Bank.

Wenn man sich das Volumen der Termingeschäfte vor Augen führt, wird
deutlich, mit welcher Wucht sich diese Geschäfte auf die realen Preise für
Agrarrohstoffe auswirken können. An der Chicagoer Rohstoffbörse, wo etwa 90
Prozent des Terminhandels mit Getreide getätigt werden, überstiegen bereits
im Jahr 2002 die Weizentermingeschäfte die physische Weizenproduktion der
USA um das Elffache; 2007 war es das 30-Fache. Dies führt zugleich zu einer
verstärkten Volatilität (Schwankungsintensität) der Preise, die nur jenen
zugute kommt, die in der Lage sind, kurzfristig zu kaufen und zu verkaufen.

Die Volatilität der Preise für landwirtschaftliche Produkte war bis 2007
relativ konstant und hat sich seitdem drastisch erhöht, auch bedingt durch
die höheren Preise an sich. Markus Henn von der Nichtregierungsorganisation
WEED (World Economy, Ecology & Development) bringt es auf den Punkt [4]: 

  --Der fundamentale Unterschied ist, dass die den Rohstoffterminmärkten
zugrundeliegenden Werte eben physisch begrenzte Rohstoffe sind, die im Leben
der Bevölkerung zudem eine überragende Rolle spielen. Schon gar der
physische Rohstoffmarkt ist völlig verschieden von einem Finanzmarkt wie dem
Aktienmarkt. Wenn der Aktienmarkt eine Spekulationsblase erlebt, ist dies im
wesentlichen ein Problem der Anleger. Wenn die Blase auf dem
Weizenterminmarkt und dann auf dem Weizenmarkt stattfindet, ist es eine
Katastrophe für Millionen Menschen. Deshalb sollte in allen gesetzlichen
Maßnahmen der Rohstoffsektor gesondert behandelt und mit besonderer Vorsicht
reguliert werden.-- 

Und in einem offenen Brief an Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble vom 29.
Oktober 2012 äußerten sich die zwölf unterzeichnenden Organisationen
dahingehend, dass es "erdrückende Belege dafür (gibt), dass diese exzessive
Spekulation die Ausschläge an den Börsen auf die Spitze treibt, die Märkte
destabilisiert, die Schwankungen der Lebensmittelpreise auf Rekordniveau
hievt und dadurch die Hungerkrise verschärft". Der Brief wurde
veröffentlicht, weil in diesen Wochen Verhandlungen des
EU-Finanzministerrats über eine Regulierung der Rohstoffterminmärkte
anstehen.

EU forciert Land Grabbing

Auch wenn Gosh und Henn zu der Erkenntnis kommen, dass der eigentliche Grund
für die Preisexplosion die Spekulation ist und nicht, wie von der Weltbank
eingeschätzt, der Agrotreibstoffboom, so sollte die perspektivische Rolle
der Agrotreibstoffe für den Preisauftrieb nicht unterschätzt werden.
Unstrittig ist die "Katalysatorwirkung" der Agrotreibstoffe beim globalen
Land Grabbing (Landnahme). In der Tat sind Agrotreibstoffe eine der vier
wesentlichen Kräfte, die den Kauf und die Pacht riesiger Flächen in den
Ländern des Südens (und Osteuropas) vorantreiben. Inzwischen wird über ein
Drittel der vom globalen Land Grabbing betroffenen Flächen für
Agrotreibstoffe genutzt beziehungsweise sind sie für diesen Zweck
reserviert.

Vor vier Jahren war die Erzeugung von Nahrungsmitteln das Motiv für die
Offshore-Produktion. Der spekulationsbedingte Preisanstieg und die erhöhte
Volatilität der Preise für Agrarrohstoffe veranlassten finanzstarke Länder
mit prekärer Eigenversorgung (China, Südkorea, Golfstaaten), nach vom
Weltmarkt unabhängigen Möglichkeiten der Versorgung der eigenen Bevölkerung
zu suchen. Dies stand nach dem Preisschock von 2008 im Vordergrund. Zugleich
sollte zur Kenntnis genommen werden, dass Europa einen der vordersten Plätze
einnimmt, was Agrarimporte im weitesten Sinne anbelangt. Einer Studie des
internationalen Zusammenschlusses von Umweltschutzorganisationen Friends of
the Earth zufolge liegen nahezu 60 Prozent der Landfläche zur Deckung des
derzeitigen europäischen Bedarfs an land- und forstwirtschaftlichen
Produkten außerhalb Europas - Tendenz steigend. Denn nach Berechnungen, die
im Auftrag der Europäischen Kommission durchgeführt wurden, ist für 2020 zu
erwarten, dass 21 Prozent des Agrodiesels aus Soja und Palmöl und 50 bis 90
Prozent des Agrosprits aus Zuckerrohr gewonnen werden. Hierbei handelt es
sich um Pflanzen, deren Anbau in Europa nicht möglich ist beziehungsweise -
im Fall von Soja - wirtschaftlich keine Rolle spielt.

Grundlage dieser Berechnungen waren die Festlegungen der EU-Richtlinie zu
erneuerbaren Energien aus dem Jahr 2009 (2009/28/EG), derzufolge ab 2020 in
der EU ein Fünftel des gesamten Energieverbrauchs und ein Zehntel des
Kraftstoffverbrauchs durch Agrotreibstoffe zu decken sind. Inzwischen kaufen
oder pachten in viel stärkerem Maße private Investoren Ländereien, weil sie
auf weitere Steigerungen bei den Lebensmittel- und Bodenpreisen und auf
Gewinne bei dem Geschäft mit Agrotreibstoffen hoffen. Insofern kann man
sagen, dass Land Grabbing, Agrotreibstoff-Boom und Lebensmittelspekulation
sich gegenseitig verstärkende Prozesse sind.

Lobby gegen Marktkorrekturen

Welche wirtschaftlichen Interessen dahinter stehen, wurde Anfang September
deutlich, als ein Gesetzentwurf der Europäischen Kommission bekannt wurde,
der eine Kurskorrektur bei der EU-Richtlinie zu den erneuerbaren Energien
vorsieht. Am 17. Oktober wurde der Gesetzentwurf von der Europäischen
Kommission offiziell veröffentlicht. Laut diesem Entwurf soll der Anteil von
Agrotreibstoffen im Verkehrssektor bis 2020 nur auf fünf statt auf zehn
Prozent steigen. Dies rief sofort heftige Reaktionen verschiedenster
Lobbyorganisationen hervor, allen voran der European Biodiesel Board (EBB),
der nach eigener Darstellung drei Viertel der Agrotreibstoff-Industrie
repräsentiert. In seinem am 13. September veröffentlichten Positionspapier
hebt der EBB hervor, dass der Schwenk in der EU-Politik "den Tod des
gesamten EU-Biodieselsektors" und damit den Verlust von 450.000
Arbeitsplätzen sowie vieler Milliarden Euro an Investitionen bedeuten würde.
Das nennt man eine sich selbst erfüllende Prophezeiung: Aufgrund
strategischer Überlegungen (langfristige Absicherung von Europas exzessivem
Energiebedarf) wurden die seit langem bestehenden Bedenken bezüglich der
sozialen und ökologischen Verträglichkeit von Agrotreibstoffen vom Tisch
gefegt.

Ignoriert wurden unter anderem zahlreiche Studien darüber, dass eine große
Lücke zwischen den versprochenen und den tatsächlich erreichbaren
CO2-Einsparungen klafft, obwohl gerade dieser Aspekt des öffentlichen
Diskurses im Vordergrund steht - getrieben von der Motivation, die
Kohlendioxidbilanz des nach wie vor steigenden Kraftstoffverbrauchs in der
EU schönzurechnen. Statt diesen Studien Beachtung zu schenken, wurden "viele
Milliarden Euro" investiert, die nun als Argument dafür dienen, dass ein
Kurswechsel nicht mehr möglich sei. Mehr noch, der EBB fordert ein, den
Termin der für Ende 2014 festgelegten Überprüfungsklausel zu respektieren
(2009/28/EG, Artikel 23 Absatz 8). Mit anderen Worten: Es sollen zwei
weitere Jahre herhalten, um mit dem Umfang der bis dahin noch zu tätigenden
Investitionen die Unumkehrbarkeit der gegenwärtigen Politik bei den
"Bio"kraftstoffen zu zementieren.

Fehlende Kohärenz ist das bewusst gewählte, wenngleich verbal bestrittene
Markenzeichen der Politik von EU und Bundesregierung. In unterschiedlichsten
Bereichen steht die politische Praxis zur Sicherung wirtschaftlicher
Interessen im Widerspruch zu den offiziell erklärten Zielen der
Armutsbekämpfung in den Ländern des Südens. Mit Hilfe von unverbindlichen
Leitlinien und freiwilligen Selbstverpflichtungen wird versucht, diese
Widersprüche diskursiv zu übertünchen. Das trifft für den von der Weltbank
favorisierten Code of Conduct zu einem "verantwortungsbewussten Land
Grabbing" ebenso zu wie für irreführende Zertifizierungssysteme von
Agrotreibstoffen (Roundtable on Sustainable Palm Oil; Round Table on
Responsible Soy).

Wenn der öffentliche Druck noch nicht groß genug oder der Sachverhalt schwer
verständlich ist (wie im Fall der Lebensmittelspekulationen), reicht es
unter Umständen aus, einfach falsche Behauptungen in die Welt zu setzen. So
"beweist" P. Michael Schmitz in seinem oben zitierten Gutachten, dass
Nahrungsmittelspekulation ein Phantom sei, unter anderem mit der Behauptung,
dass die Agrarpreise im Jahr 2009 "in den Keller" gefallen seien. Ein Blick
auf den Nahrungsmittelpreisindex der Welternährungsorganisation (siehe
Grafik [5]) zeigt, dass der Wert von 2009 keineswegs besonders niedrig ist,
sondern sich auf Rang drei in der Datenreihe von 2000 bis 2009 befindet und
nahezu identisch mit dem Wert von 2007 ist.

Zunächst sollte man sich also nicht für dumm verkaufen lassen. Wenn darüber
hinaus durchdachte Initiativen breite Unterstützung finden und einen
ausreichend langen Atem haben, ist es auch möglich, Erfolge zu erzielen. So
haben die Kampagnen entwicklungspolitischer Organisationen und
globalisierungskritischer Gruppen sowie die große Zahl fundierter Studien
zum Thema Nahrungsmittelspekulation inzwischen Wirkung gezeigt. Die
Deka-Bank war im Frühjahr 2012 die erste Bank, die verkündete, ihre
Termingeschäfte mit Agrarrohstoffen einzustellen. Ihr folgten im Verlauf des
Jahres die Landesbank Baden-Württemberg, im August Deutschlands zweitgrößtes
Finanzinstitut, die Commerzbank, und danach die Landesbank Berlin.
Geldinstitute wie die Ethikbank in Eisenberg und die GLS-Bank beteiligten
sich nie an solch schmutzigen Geschäften. "Bleiben noch zwei große Brocken,
die weitermachen wie bisher", schreibt die Nichtregierungsorganisation Oxfam
auf ihrer Website und meint damit die Deutsche Bank (die im vorigen Jahr
versuchte, einen Dokumentarfilm zum Thema zu zensieren) und den weltgrößten
Versicherungskonzern, die Allianz.

Anmerkungen

[1] Klaus Pedersen: Die weltweiten Hungerrevolten (Food Riots) 2007/2008.
Welt-Ernährung, 1.12.2008. 
http://www.welt-ernaehrung.de/2008/12/01/ 

[2] Siehe Bundestag-Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und
Verbraucherschutz: Öffentliche Anhörung vom 27.6.2011 "Spekulationen mit
agrarischen Rohstoffen verhindern". 
http://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2011/34794987_kw25_pa_elv/

[3] Jayati Gosh u.a.: Speculation on Commodities Futures Markets and
Destabilization Of Global Food Prices: Exploring the Connections. PERI
Working Paper Series No. 269, Oktober 2011, Univeristy of Massachusetts. 
http://www.peri.umass.edu/236/publication/479/

[4] Markus Henn (WEED): Schriftliche Stellungnahme für die öffentliche
Anhörung "Spekulationen mit agrarischen Rohstoffen verhindern"; siehe
Anmerkung 2.
http://tinyurl.com/blne6b7

[5] http://www.jungewelt.de/serveImage.php?id=41475&type=o 

Peter Clausing ist Beiratsmitglied der Informationsstelle Militarisierung
e.V.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:
Hunger im Überfluss. Tödlicher Bruch des Menschenrechts
http://www.jungewelt.de/bibliothek/dossier/139 

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http://www.jungewelt.de/2012/11-16/053.php




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