Frankfurter Allgemeine Zeitung
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Provokante Internetnetseite

36 Sklaven arbeiten für mich

01.06.2013 ·  Eine amerikanische Internetseite errechnet, wie viele Menschen
für unser Essen und unsere Kleidung schuften, ohne dafür bezahlt zu werden.
Unsere Autorin hat den Test gemacht - mit beunruhigenden Ergebnissen.

Von BRITTA BEEGER

Die Frage klingt so provokativ wie beunruhigend: Wie viele Sklaven arbeiten
für dich?, fragt die Internetseite www.slaveryfootprint.org [1]. Natürlich
keiner. Oder?

Sklaverei, diese Zeiten sind doch längst vorbei, ein Relikt des 19.
Jahrhunderts. Hat der Film „Lincoln“ [2] von Steven Spielberg nicht gerade
erst gezeigt, wie der ehemalige amerikanische Präsident um den Preis eines
blutigen Bürgerkriegs dafür kämpfte, Sklaverei endgültig zu verbieten? Im
Jahr 1865 trat der 13. Zusatzartikel zur Verfassung in Kraft.

Das Smartphone, das T-Shirt, die Tasse Kaffee

Natürlich ist mir bewusst, dass Menschen vor allem in Entwicklungsländern
unter fragwürdigen Bedingungen arbeiten [3] und trotzdem nicht genug
verdienen, um ihre Familie zu ernähren. Aber Menschen, die gekauft und
verkauft werden, die in Leibeigenschaft leben und - das schockiert mich am
meisten - für mich arbeiten? Für das, was ich esse, und die Klamotten, die
ich trage?

Slaveryfootprint klärt mich schnell auf, wie naiv meine Vorstellung ist.
„Das Smartphone, das T-Shirt, die Tasse Kaffee. Das kommt von Sklaven.“

Die Unternehmen, deren Produkte ich kaufe, beschäftigen selbst natürlich
keine Sklaven. Die Ausbeutung steht laut slaveryfootprint ganz am Anfang der
Lieferkette: „Da ist es, wo du die Sklaven findest: Auf den Feldern, in den
Minen, beim Verarbeiten der Rohstoffe.“ Das Projekt definiert Sklaven als
Menschen, „die gezwungen sind zu arbeiten, ohne dafür bezahlt zu werden, die
ökonomisch ausgebeutet werden und dieser Situation nicht entkommen können.“
27 Millionen Sklaven gibt es weltweit, schätzt das amerikanische
Außenministerium, das die Internetseite mit 200.000 Dollar gefördert hat.

Ähnlich wie der CO2 Fußabdruck

Ich mache den Test, der ähnlich funktioniert wie der CO2-Fußabdruck: In elf
Schritten gebe ich ein, wie ich wohne, was ich esse, welche Kleidung ich
trage und welche elektronischen Geräte ich besitze. Die Macher der Seite,
die Non-Profit-Organisation Fair Trade Fund aus Kalifornien, haben die
Lieferketten von mehr als 400 Produkten zurückverfolgt. Auf Basis dieser
Daten berechnen sie, wie viele Menschen ohne Lohn und unter Zwang für das
arbeiten, was ich tagtäglich konsumiere.

Ich komme auf 36 Sklaven. 36! Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, diese
Zahl aber jedenfalls nicht. Vor allem bei den elektronischen Geräten, für
die laut slaveryfootprint Menschen beispielsweise im Kongo unter Zwang das
Erz Coltan fördern, hatte ich noch das Gefühl, ganz gut wegzukommen: Ich
habe mich in die Kategorie „Regular Joe“ einsortiert, als
Durchschnittsnutzer also: Viel mehr als ein Handy (zugegeben, es ist ein
Smartphone), eine Digitalkamera, einen Fernseher und einen Laptop besitze
ich nicht. Bei der Frage nach meiner Kleidung habe ich allerdings allein 35
T-Shirts und Tops angegeben, und das ist nur grob geschätzt. Ob die
Baumwolle dafür von Kindern gepflückt wurde, die laut der Seite in
Usbekistan zur Arbeit auf den Feldern gezwungen werden?

Slaveryfootprint prangert keine einzelnen Unternehmen an. Das ist auch gar
nicht nötig, um mich zum Nachdenken zu bewegen. Noch hoffe ich, dass meine
tatsächliche Zahl viel niedriger ist als 36. Weil die Seite beispielsweise
nicht berücksichtigt, dass mein Laptop schon so alt ist, dass der Bildschirm
beim Hochfahren häufig einfach schwarz bleibt. Oder dass ich meine
Lieblingsschuhe gerne trage, bis sie komplett runter sind und mir nicht
jedes Frühjahr neue kaufe. Doch selbst wenn man das berücksichtigt: In die
Nähe von null Sklaven würde ich wohl trotzdem nicht einmal annähernd kommen.

[1] http://slaveryfootprint.org/
[2] http://www.faz.net/-hnr-75u7t
[3] http://www.faz.net/-gqi-78une




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