die tageszeitung
http://www.taz.de/1/archiv/artikel/?dig=2013/11/21/a0168

* 21.11.2013

SPD 

Grundwert Kohle

Ein Verein will in der Mitgliederzeitung der Sozialdemokraten eine Anzeige
gegen Kohlestrom schalten - sie wird abgelehnt. Vattenfall wirbt in der
gleichen Ausgabe für Lausitzer Braunkohle. Sind die Sozis nervös?

VON INGO ARZT

Zwischen den folgenden Vorgängen besteht kein direkter kausaler
Zusammenhang: Vorwärts, die Mitgliederzeitung der SPD, lehnte es in der
vergangenen Woche ab, in seiner Dezemberausgabe eine Anzeige des
Solarenergie-Fördervereins Deutschland zu drucken, die sich gegen Kohlestrom
wendet. In der gleichen Ausgabe erscheint aber eine Anzeige von Vattenfall:
"Lausitzer Braunkohle: Partner für den Energie-Mix der Zukunft" steht da
neben einem lächelnden, behelmten Arbeiter.

Die SPD-Verhandlungsführerin für das Thema Energie in den
Koalitionsgesprächen, Hannelore Kraft, sagt beispielsweise im WDR Sätze wie:
"Ich bin ein Freund der Kohle. Und das bleibe ich auch." Es ist maßgeblich
ihre Errungenschaft, dass im Koalitionsvertrag, so er kommt, stehen wird,
dass Braunkohle und Steinkohle auf "absehbare Zeit unverzichtbar" sind. Das
zitiert auch die Anzeige des Solarvereins.

Wie gesagt, kein kausaler Zusammenhang, weder ist die Vattenfall-Anzeige
statt der Anti-Kohle-Anzeige erschienen, noch hat Kraft persönlich etwas
damit zu tun. Es ist eher der Geist, der durch die Partei weht: Die SPD
positioniert sich als Partei pro Kohle, drückt die Position in einem
möglichen Koalitionsvertrag durch, über den allerdings die Basis der Partei,
sämtliche Mitglieder also, abstimmen werden - daheim, nicht auf einem
Parteitag, wo man noch mit einer feurigen Rede Zweifel, etwa am Kohlekurs,
ausräumen kann.

Nun hat der Solarverein in seinem ersten Entwurf der Anzeige neben einem
Cartoon des Karikaturisten Gerhard Mester (siehe Bild [1]) geschrieben, der
Klimawandel werde "vor allem durch Braunkohle u. Steinkohle verursacht", das
führe zu "Tausenden von Toten", und im Fazit heißt es: "Stimmen Sie diesem
Koalitionsvertrag mit CDU/CSU nicht zu."

Entsprechend fiel die schriftliche Absage des Verlags aus: Man könne nicht
kurz vor einem Mitgliedervotum zum Koalitionsvertrag in der
Mitgliederzeitung der SPD eine Anzeige schalten, in der dazu aufgerufen
wird, den Vertrag abzulehnen. Zudem dürfe man keine Anzeigen schalten, die
"sozialdemokratischen Grundwerten" widersprechen. Welcher Grundwert? Kohle?

Ja, das sei alles etwas unglücklich formuliert, sagt eine Sprecherin, aber
im Kern sei das ein normaler Vorgang, dass ein Verlag Anzeigen ablehne.
Außerdem gebe es noch gar keinen Koalitionsvertrag, die Anzeige sei also
inhaltlich nicht korrekt.

Der Solarverein schickte einen zweiten Entwurf. Dort fehlte der Aufruf, den
Koalitionsvertrag abzulehnen. Stattdessen schreibt der Verein über die
"unverzichtbare" Kohle: "Als Umweltschutzverein sind wir über diesen Punkt
entsetzt." Vorwärts lehnt die Anzeige wieder ab. "Auch unser Entsetzen
widerspricht den sozialdemokratischen Grundsätzen?", fragt daraufhin Rüdiger
Haude vom Solarverein und wandelt den SPD-Wahlkampfslogan "Das WIR
entscheidet" um in "Die RWE entscheiden".

--

[1] http://www.sfv.de/fotos/l/Anzeige_im_Vorwaerts_22.jpg 

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[Video] NDR 20.11.2013
Die SPD feiert die "Parteinahme der Woche"
http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/media/zapp6833.html

Süddeutsche Zeitung 19.11.2013
Sonnig: Wie das SPD-Blatt 'Vorwärts' eine ungelegene Anzeige kippt
http://www.sueddeutsche.de/u5S38Q/1663340/Sonnig.html

Meedia 15.11.2013
SPD-Blatt Vorwärts kippt Klimaschutz-Anzeige
http://meedia.de/print/spd-blatt-vorwaerts-kippt-klimaschutz-anzeige




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